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Full text of "Die akademische nationalökonomie und der socialismus [microform]"

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98 - 84519-2 
Wagner, Adolph 

Die akademische 
nationalökonomie und der... 

Berlin 

1895 


COLUMBIA UNIVERSITY LIBRARIES 
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1 







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7 >*)^ 


Die akademische Jiatio^Äö^m 

und der 

• • 

Socialismus. 


'*• •••••• ••• 


• •• •• • ••• • •*• 

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•••• #•••• •• • • 


Rede 


zum Antritt des Rectorats 

der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin 

gehalten in der Aula 

am do. October 189o 

von 

Adolph Wagner. J 

\ % % 



Berlin 1895. 


Druck von Julius Becker 
Friedriclistrasse 240/-241. 



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Hochansehnliche Versammlung! 

Verehrte Collegen! 

Werthe Commilitoneii 1 

Dem neuen Rector unserer Hochschule liegt es ob, au 
dem Tage, wo er das ihm durch das Vertrauen seiner Collegen 
übertragene höchste Ehrenamt der akademischen Selbstverwal- 
tung für ein Jahr lang übernimmt, sich durch eine öftentliche 
Rede von dieser weihevollen Stelle aus einzutühren. V ie an sich 
gut, so ist dieser Brauch unter den grossen Verhältnissen der 
Berliner Universität in der Weltstadt doppelt werthvoll, wo un- 
vermeidlich auch die Mitglieder des Lehrkörpers unter sich und 
den studentischen Commilitonen ferner stehen, als in Lniver- 
sitäten in kleineren Orten. 

Der Gegenstand dieser Rectoratsreden wird üblicher Weise 
aus dem wissenschaftlichen Fachgebiet entnommen, welches der 
Redner als Lehrer und Gelehrter vertritt. Bei der unvermeidlich 
immer grösser gewordenen wissenschaftlichen Arbeitstheilung 
wird es, wie an dieser Stelle bei dieser Gelegenheit schon öfters 
und noch im vorigen Jahre von meinem unmittelbaren Hemi 
Amtsvorgänger hervorgehoben worden ist, auch dem einzelnen 
Mitglied unseres Lehrkörpers immer schwieriger, sich über die 


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’aijdövei;.* zumal ihm feimer liegender Wissenschaften 
im lCcei^^!:uh8er6i--’-IJniver8itaa litterarum orientirt zu erhalten. 
Die. Recken Vc]er\w^^^ Rectoren, eines jeden über Verhält- 

nisse • j?eiues'-T?aelisi-*niber dessen Entwicklung, Lage, Aufgaben 
oder einzelne Probleme darin, geben da eine gute Gelegenheit, 
jene Orientirung zu vervollständigen. Sie dienen daher als ein 
erwünschtes Bindemittel einem nicht unwichtigen allgemeinen 
Interesse der Universität, demjenigen der Einheit aller akade- 
mischen Wissenschaft. Dieses unter der fortschreitenden wissen- 
schaftlichen Ai’beitstheilung gefährdete Interesse haben gerade 
die deutschen akademischen Lehrer die besondere Pflicht hoch- 
zuhalten, damit unseren Hochschuhm der Character der wahren 


Universität gewahrt, die Zers]flitterung in blosse Fachschulen ver- 
hütet werde. Ich will, dem bewährten Brauche folgend, über 
mein, manchen Anfechtungen unterliegendes Fach, über die 
EntAvicklung der deutschen Avissenschaftlichen National- 
ökonomie als Universitätsdisciplin und die Stellung 
dieser Wissenschaft zum Socialisuius, namentlich zu dessen 


ökonomischen Doctrinen, s])rechen. 

Auch in diesem Fach ist die wissenschaftliche Arbeits- 


theilung immer weiter gegangen. Die Disciplin hat sich immer 
mehr verselbständigt, von anderen, auch näher verAvandten los- 
gelöst, und aucli in ihr ist der einzelne Vertreter immer mehr 


nur Specialist auf l’heilgebieten gCAvorden. 

ln dieser Zeit der Arbeitstheilung und Specialisirung in 
allen Wissenschaften zeigt sich alaa- trotzdem eine bemerkens- 
Avei*tlie Thatsache, für Avelche auch mein Fach, und grade in 
seiner neuesten EntAvicklung, einen nicht uninteressanten Beleg 
liefert. Die Vergleichung der Vorgänge in den verschiedenen 
und zum Theil selbst in den am Weitesten auseinander liegenden 
Wissenschaften ergiebt doch auch in so mancher Hinsicht grade 


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neuerdings Avieder die geistige Einheit aller Wissenschaft, die 
geistige Gleichartigkeit aller AA'issenschaftlichen Arbeit. Das 
AAUrd gegenwärtig Avohl mehr erkannt und tiefer erfasst, als zm* 
Zeit der Polyhistorik und des encycloj)ädischen Wissenschafts- 
betriebs und als in der Periode der Vorherrschaft der specula- 
tiven Philosophie, Avelche mit ihren Constructionen alle Wissen- 
schaften zu mnfassen suchte. Auch in der neueren deutschen, 
zumal akademischen Nationalökonomie stehen die erkenntniss- 
theoretischen Fragen über die Forschungsmethoden, die Fragen 
über die Aufgaben und Ziele der Disciplin im Vordergninde. 
Auch sonst treten ganz analoge geistige Strömungen aauc in 
anderen modernen Wissenschaften hervor. So nimmt die neuere 
Nationalökonomie in der durch ihr Object bestimmten Weise und 
für ihre ZAvecke theil an der Auseinandersetzung ZAvischen 
geistes- und natunvissenschaftlichen Methoden, analytischem und 
synthetischem Verfahren, Induction und Deduction, zAvischen 
idealistischer und realistischer, auch materialistischei’ Auffassung, 
historischer, realistischer und 8peculativ-j)hilosophischer Behand- 
lung, ZAAUSchen den Aufgaben der Darstellung, der causalen Er- 
klärung, der Ableitung von Regehnässigkeiten und Gesetzen der 
Erscheinungen, zAAUSchen dem Sein und Werden der Dinge einer- 
und dem Sein-Sollen andererseits. Die BcAvegungen in den grossen 
Avissenschaftlichen Grundanschauungen und den damit zusammen- 
hängenden tieferen Fragen der Forschung si)iegeln sich auch in 
meinem Fach und in den nächstverAvandten AVissensehaftsgebieten 
Avieder. Die beheiTSchenden Theorien und Hy])othesen der Zeit, 
z. B. die Lehi’e Damin’s, die A^ererbungs- und Anpassungslehre, 
die EAmlutionstheorie haben auf dem Gebiete unserer Wissen- 
schaften kaum Aveniger fennentativ gCAA-irkt, als auf demjenigen 
der NaturvAUSsenschaften, für Avelche sie zunächst aufgestellt 
Avorden sind. Sie drohen freilich bei uns Avie hier zu einer neuen 


r 


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Periode wilder Speculation und crassen Dogmatismus’ zu führen, 
wofür grade der neueste sogenannte wissenschaftliche Socialismus 
bedenkliche Zeugnisse genug liefert. Um so nothwendiger: 
Nüchternheit, Vorsicht, Feststehen auf dem Boden der Thatsachen, 
wissenschaftliche Methode. Dm*ch diese Beschäftigung mit gleichen 
oder ähnlichen Streitfi*agen und Problemen wie in anderen wich- 
tigen T\ issenschaften zeigt die neuere Nationalökonomie aber 
doch auch, dass sie kein unwesentlicher Theil moderner wissen- 
schaftlicher Geistesarbeit ist und ein Blick in ihren Entwicklungs- 
gang des allgemeineren Interesses nicht entbehrt. 

Eine Orientirung Aveiterer Knüse über diesen Entwicklungs- 
gang ist indessen auch noch aus einem anderen Gesichtspunkt 
gi'ade gegenwärtig und zumal für den deutschen akademischen 
Lehrer des Faches ei-Avünscht, fast geboten. Und nicht minder 
liegt sie im allgemeinen Universitätsinteresse, weil es sich hier 
um einen Punkt von höchster i)iincipieller Bedeutung für Lehrer 
und Lernende im Universitätsunterricht überhau])t handelt. Ein 
1 unkt, der aa’oIiI grade am Beginn einer neuen Periode dieses 
Unterrichts uns alle passend beschäftigt. 

M ie jede Avahre Wissenschaft nimmt auch die meine das 
Recht der voraussetzungslosen Forschung in Anspruch, kann 
sie nm- in der Luft der wahren Freiheit leben und gedeihen. 
Aber da ihre Lehren, ihre Schlüsse da und dort mit mächtigen 
Avirthschaftlichen und socialen Interessen in Confiict kommen 
können, werden diese Lebensbedingungen für unsere Wissen- 
schaft mitunter gefährdet. Grade in ihrer neueren EntAvicklung 
ist die National- oder Politische Oekonomie oder A\de sie am 
Besten hiesse; die Socialökonomie, und zwar zuerst und zumeist 
in Deutschland in ein Stadium getreten, avo ihre Lehren und 
Lehrer manche Anfechtungen erfalu-en haben. Daran fehlte es 
schon beim ersten BekanntAverden der Lehren des sogenannten 


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! 

I 



„Kathedersocialismus“ vor einem Vierteljahrhundert nicht. Eine 
Zeitlang Avar es dann AAÜeder mit diesen Anfechtungen stiller 
gCAVorden. Aber in neuerer und neuester Zeit sind sie um so 
stärker und heftiger hervorgetreten. Die deutsche National- 
ökonomie, zumal die akademische, A'^ollends die darin auf einzelnen 
UniA'ersitäten durch die betreftenden Lehrer A^ertretene Richtung 
soll dem wissenschaftlichen und practischen Socialismus zu weit 
entgegen kommen, förmlich dessen „Vorft’ucht“ und daher für 
Gesellschaft und Staat gefährlich sein. Bei dem wachsenden 
Interesse des Fachs, das im akademischen Unterricht allerdings 
eine centrale Stellung, wie die Philosophie, einzunehmen beginnt, 
bei der falschen Ideologie der dem practischen Leben fern- 
stehenden akademischen Jugend, bei dem unpractischen, Avelt- 
ft-emden Wesen des deutschen Stubengelehrten könne, ja müsse, 
so heisst es, der Einfluss des akademischen Lehi-ers, des Ver- 
treters einer solchen Richtung leicht A'erhängnissA’oll AA'erden. 
Schon fänden sich notorisch unter unseren Studenten Socialisten. 


soo-ar Socialdemokraten. Daran hätten die akademischen Lehrer, 
die bösen „Kathedersocialisten“ Mitschuld, A'ielleicht die Haupt- 
schuld. Mindestens Avirkten sie nach ihrer falschen, ideologischen, 
unpractischen Richtung nicht solchen thönchten Ansichten und 
gefährlichen Gesinnungen unter ihren Zuhörern genügend erfolg- 
reich entgegen. Je mehr, AvJe es in der That der hall, die 

Nationalökonomie zu einer Avahren GrundAA-issenschaft der ge- 
sammten Gesellschafts-, Staats- und RechtSAvissenschaften sich 
entAvickle, desto schlimmer sei eine solche mehr oder Aveniger 
„socialistische“ Richtung der deutschen Avissenschattlichen National- 
ökonomie, zumal einflussreicher Lehrer an wichtigen Universitäten, 
weil so die „Infection“ immer Aveiter greife. Schon Averde z. B. 
selbst die Theologie davon erfasst, die jüngere Geistlichkeit, sogar 
die eA'angelische, Avie schon länger die katholische, angesteckt 







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und mit socialistischen Ideen erfüllt. Daher, von mehr als einer 
Seite, ein. caveant consules. Mehr oder weniger offene Bedenken 
gegen die akademische Lehr- und Lernfi’eiheit auf socialwissen- 
schattlichem Gebiete tauchen auf, vne sonst zu Zeiten auf dem 
Gebiete der Theologie, der Philosophie, der Staatslehre, gewisser 
Naturwissenschaften. Die akademischen Nationalökonomen gelten 
für heterodox vom Standpunkte einer fi-eilich schwer bestimm- 
baren nationalökonomischen Orthodoxie aus. 

So sehr ich nun davon überzeugt bin, ja j)Ositiv weiss, 
dass kein deutscher üniversitätslelu-er, wie weit sie in ihrer 
politischen Parteistellung als Privatpersonen und Staatsbürger 
auseinander gehen mögen, das Palladium deutscher akademischer 
Lehi- und Lernfreiheit preisgeben, das Eecht der voraussetzungs- 
losen Forschung, das Recht des offenen Bekennens der Ergeb- 
nisse dieser Forschung in der Lehre, der wissenschaftlichen und 
sittlichen Pflicht des richtigen „IVofessors“ gemäss, verschränkt 
sehen möchte, so wenig für die Socialökonomie als für irgend 
eine andere Wissenschaft im Kreise der Universitas litterarum; 
sf) gesichert dieses erste deutsche akademische Grundrecht in 
den Händen deutscher, zumal der j)reussischen Unterrichts- 
Verwaltung ist, -wie ich nicht minder überzeugt l»in: so begreife 
ich doch andererseits, dass jene Anfechtungen der deutschen 
akademischen Nationalökonomie da und dort, auch im Kreise 
von Collegen anderer Fächer, auch unter den Männern im 
Käthe der Regierungen gemsse Zweifel und Bedenken hervor- 

ruten, ob den Anschuldigungen nicht doch etwas Richtiges zu 
Grunde liege. 

Whe steht es denn nun hiermit in Wirklichkeit? Grade 
ein, wenn auch natürlich an dieser Stelle nur kurzer Blick in 
Entwicklungsgang und gegenwärtigen Stand der deutschen 
akademischen Nationalökonomie wird zeigen, Avie wenig man bei 


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solchen Behauptungen diese Discijilin und die Stellung ihrer 
Vertreter in ihr wirklich kennt. 

Die neuere deutsche Nationalökonomie hat allerdings auch 
vom Socialismus gelernt, von seiner Kritik, seiner Theorie. Das 
war ihre einfache Pflicht, sobald sie darin wissenschaftliche W'ahr- 
heit fand. „Prüfet Alles und das Beste behaltet.“ Aber sie 
steht in allen Hauiitpunkten und grade bei ihren Vertretern in 
leitenden akademischen Stellungen, im W’^esentlichen in Wider- 
spruch mit Forschungsmethode, Forschungsergebnissen, mit Kritik, 
Begi’ündung der Kritik, Theoremen, mit Psychologie, Ethik und 
philosophischer Grundauffassung, mit geschichtlicher Analyse und 
jiractischen Postulaten des Socialismus. Und wenn ihre Lehrer 
irgend einen Einfluss auf ihre Zuhörer und Schüler haben, so 
kommt er in dieser gegnerischen Weise gegen den theoretischen 
und jAolitischen Socialismus zur Geltung. Dass es gleichwohl 
auch unter Studenten Sociallsten, selbst Socialdemokraten giebt, 
mag sein. Es wäre bei dem Idealismus, aber auch bei der 

Ideologie und ])sychologischen Avie practischen Unreife aller Jugend 
nicht vei-Avunderlich. Aber liegt, positiv oder negativ, die Schuld 
an den akademischen Lehrern? Man kann eben unter unseren 
heutigen Verhältnissen des öffentlichen Lebens, der geistigen Be- 
Avegung die akademische Jugend so wenig als die sonstige und 
als andere Gesellschaftsclassen von den mächtigsten geistigen 
Einflüssen der Zeit hermetisch abschliessen. Gegen derartige 
Beeinflussungen, Avelche zudem mit und Aaelfach stärker durch 
das Gemüth, als durch den Verstand AA’irken, ist die Gegemvirkung 
durch theoretische Erörterung, der einzigen W^aff'e der Wissen- 
schaft, freilich leider nicht immer erfolgreich. Vollends gegen- 
über Lehren, Avie den socialistischen, AA'elche mehr und mehr 
förmlich zu Dogmen erstarren und als solche A"on ihren Anhängern 
mit dem Fanatismus einer im Glauben AAurzelnden Ueberzeugung 



10 


festgelialten werden. Darin aber liegt heute die Signatur des 
Socialisinus, darin m. E. die gefälirlichste Seite der Socialdemo- 
kratie: jener ist mehr als eine wissenschaftliche ökonomische 
Doctrin, diese mehr als eine ])olitische Partei. Jener ist zugleich 
eine philosophische Weltanschauung, welche zur Glaubenslehre 
ihrer Anhänger geworden ist, und aus welcher die Socialdemo- 
kratie ihre practischen Conse(iuenzen zieht. 

Indessen, würde zur Bekämiifung dieser socialistischen Ideen 
etwa der Einfluss von solchen akademischen Lehrern auf die 
Jugend gi-össer, günstiger sein, welche eine gebundene Marsch- 
loute in Wissenschaft und Lehre gehen müssten oder welche 
die Aufgabe hätten, gewisse sociale und wirthschaftliche Classen- 
niteressen zu vertreten, mindestens diese als ein noli me tangere 
zu betrachten hätten? Grösser, günstiger als der das volle Kecht 
der Freiheit der wissenschaftlichen Forschung und Lehre ge- 
niessenden?! Soll etwa nach approbirten Lehrbüchern gelesen 
Averden, AÜelleicht vom Einen nach einem ad usum Del])hini zu- 
gestutzten freihändlerischen Adam Smith, vom Anderen, um 
Aiichtige wh thschaftliche Parteiinteressen gleichmässig zu berück- 
sichtigen, nach einem ähnlich ])räparirten schutzzöllnerischen 
Friedrich List, wie in Oesterreich bis 1848 nach des alten 
Cameralisten Sonnenfels, „Polizei, Handlung und Finanz“ ? Jeder, 
der deutsche Universitäts Verhältnisse kennt, wird nur die eine 
Antwort haben: solche Lehrer verlören jeden, vollends jeden 
intellectuell und ethisch günstigen Einfluss, weil sie die erste 
Voraussetzung für einen solchen, die ])ersönliche Achtung ihrer 
Studenten, die elien keine Kinder, keine Klipijschüler mehr sind, 
einbüssten. Sie würden für jeden Zuhörer, der nur ein wenig 
in sienen Kodbertus oder JVIarx oder Engels hineingesehen hat, 
und wer, der sich heute mit Nationalökonomie beschäftigt, 
hat das nicht? — einfach zum Gespött. — 


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Die heutige Stellung der deutschen akademischen National- 
ökonomie überhaupt und auch zum Socialismus und den wirth- 
schaftlichen und socialen Bewegungen der Zeit ist nur 
historisch aus dem Entwicklungsgang der Disciplin zu erklären, 
dadurch aber auch zu rechtfertigen. Diese Wissenschaft hat 
sich bei uns etwas anders als bei den übrigen Kulturvölkern 
entwickelt. Sie hat deutlich zwei geschichtliche Wurzeln, ein- 
mal die ältere sogenannte Cameral- und Polizei-W issenschaft, so- 
dann die neuere liberal-indmdualistische Doctrin, der franzö- 
sischen Physiokraten und besonders der Briten, namentlich die 
Lehre von Adam Smith und seiner Schule. Aus der Verbindung 
dieser beiden verschiedenartigen Elemente, von welchen das ein- 
heimische mehr practischer, das fremde mehr theoretischer Natur 
war, ist die deutsche Nationalökonomie, besonders die akademische, 
in einem längeren Amalgamirungsprocess ei-wachsen. Sie ver- 
dankt diesem ürsiirung ihr siiecifisches Gepräge. 

Die ältere Cameralwissenschaft und die ihr nächst vei-- 
wandte sogen. Polizeiwissenschaft, d. h. die Innere Verwaltungs- 
lehre der Zeit, sind aus dem Lehrbedürfniss der Universitäten 
zur Ausbildung der sogen. „Cameralisten“, der künftigen Beamten 
der Inneren Verwaltung, der Polizei und besonders auch der 
Finanz des sich entAvickelnden Territorialstaats des 17. Jahrhunderts 
erwachsen. Sie sind dann mehr und mehr im 18. Jahrhundert 
systematisirt Avorden. Aber AA'esentlich nur dem Ausbildungs- 
bedürfniss für die Praxis dienend, ist die Cameralwissenschaft 
selbst in ihrer höchsten EntAAÜckluug Mitte und Ende des 
Aderigen Jahrhunderts keine Avalire A\ issenschaft im strengeien 
W'^ortsinn geAvesen. Dazu Avar sie zu sehr ein buntes Gemisch 
des Verschiedenartigsten, von privat- und volksAvii-thschaftlichen 



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I 


Grundsätzen, Alles zugestutzt naeli den concreten Verhältnissen 
des betreffenden Landes. Die Finanzlehren erlangten besondere 
Ausbildung und hier Avieder namentlich die Lehren von den 
specifischen Einnahmequellen des damaligen Territorialstaats, 
Domänen u. s. w., Regalien. 

Gleiclnvohl hat es schon dieser CameralAAnssenschaft nicht 
ganz an principieller Auffassung und Behandlung der prac- 
tischen ökonomischen und finanziellen Fragen und auch nicht 
an jeder tieferen philosophischen Grundlage gefehlt, ln ersterer 
Hinsicht gab sie die theoretische Begründung füi- jene bei uns 
besonders nach dem dreissigjährigen Kriege systematisch be- 
ginnende grossartige Landescultur-, Wirthschafts- und Bevölke- 
rungspolitik mercantilistischer Richtung in der Praxis — jener 
l^olitik, deren characteristische volkswirthschaftliche Bedeutung 
namentlich mein verehrter Specialcollege erst zum vollen Yer- 
ständniss gebracht hat: es war die Politik, Avelche bewusst und 
unbewusst aus der älteren versinkenden stadtAvirthschaftlichen in 
die neuere territorial-, national- und staatswirthschattliche Periode 
hinüberführte. Die cameralistischen Schriftsteller verstanden 
schon ganz wohl den Zusammenhang ZAvischen Ausbildung der 
Yolkswirthschaft und des VolksAVohlstandes einer-, der Finanz- 
kraft, (nlturhöhe, imlitischen Macht andererseits. Sie verlangten, 
Avie der grösste Staatsmann der mercantilistischen Periode, 
Colbert, im Interesse \"on Finanzen, Cultur und Macht eine 
rationelle zielbeAvusste YolksAvirthschaftspffege und Thätigkeit 
des Staats überhau})t. 

Bei aller Nüchternheit und vorAviegend practischen Ten- 
denz entbehrt ferner diese alte Cameral- und PolizeiAvissenschaft 
in der That nicht einer gewissen philosophischen Grundlage, 
Avenigstens im 18. Jahrhundert nicht, während im 17. auch hier 
noch Vieles theologisch gefärbt bleibt. Es tritt in der Cameral- 


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und besonders der PolizeiAAdssenscliaft der beheirschende Einfluss 
Christian Wolfl’s und seiner eudämonistischen oder Wohltahi-ts- 
staats-Philosophie deutlich hervor. Diese Philosophie Avar ja selbst 
freilich Avieder aus der Praxis der Zeit des aufgeklärten Absolu- 
tismus abstrahirt. Einer der Bände des grossen Naturrechts von 
lYolff’ ist im Grunde selbst eine Art Polizei Avissenschatt. Die 
Neigung, auch in der ökonomischen Theorie, dem Staate grosse 
Aufgaben in und für die YolksAvirthschaft und Yolkskultur zu 
stellen, AA’elche auch unsere moderne deutsche Nationalökonomie, 
namentlich den sogen. Kathedersocialismus characterisirt, ist 
Aviedemm mit ein Erbtheil dieser älteren Auffassungen. 

Je mehr man sich dem Ende des vorigen Jahrhunderts 
nähert, desto mehr beginnen auch in der cameralistischen Wirth- 
schaftstheorie und Praxis die Einflüsse der neuen Zeit, der neuen 
liberalen Ideen sich geltend zu machen. Der volle ümscliAvung 
erfolgt freilich erst durch die Lehre von A. Smith und durch die 
Ereignisse im französischen Revolutionszeitalter. Aber daneben 
darf doch, von Aveniger Avichtigen Momenten abgesehen, des in 
derselben Richtung Avie die Smith’sche Doctriu Avirkenden Ein- 
flusses von Kant und seiner Rechts- und Staatslehre und nament- 
lich des Einflusses der von Kant freilich noch nicht immer selbst 
gezogenen, aber logisch nothwendigen Folgerungen aus diesei 
Lehre nicht vergessen werden. Kant bahnt dadurch der raschen 
Einbürgerung von Smith förmlich mit den Weg. l nd begi-eillich 
genug. Seine Staatslehre stand der Wölfi schen Philosophie ebenso 
schroff entgegen, als die Smith’sche Doctrin derjenigen der 
Cameralisten und Mercantilisten. War früher aller StmitszAveck 
in einem grenzenlosen WohlfahrtszAveck aufgegangen, avo dem 
IndiAuduum nirgends für eigeue Selbständigkeit und BeAAegung 
Raum blieb, Avar der aufgeklärte Despotismus so durch die 
Theorie noch unterstützt Avorden, so erfolgte nun die scharfe 


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) 


r 



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Reaction der Kaiit’sclien Lehre; Das Individuum soll frei und 
selbständig sein, für sich wählen, nicht /u einem von der Staats- 
gewalt bestimmten Glück gezwungen werden dürfen, vernünftige 
Menschen sollen nicht wie unmündige Kinder gegängelt werden. 
Daher freie Bewegung auf allen Gebieten menschlicher Thätig- 
keit, — auch auf dem wirthschaftlichen, vde dann die richtige 
Folgerung Anderer lautete. Der Wohlfahrtszweck des Staats, 
schon von Aristoteles deutlich statuirt, von der eudämonistischen 
Philosophie nm- ins Maasslose übertrielam, wird nun verworfen, 
der alleinige Staatszweck ist der Rechtszweck, nicht einmal in 
der Weise der Neueren mit dem Machtzweck combinirt, — nur 
die HersteUung der Rechtsordnung der gemeinsamen Freiheit 
Aller und jedes Einzelnen. Und ähnlich nun die Nachfolge!’ 
Kant’s, auch Fichte, zumal in seiner fr-üheren Zeit, auch Wilhelm 
von Humboldt in seiner berühmten Jugendschrift. 

Diese neue philosophische Staatslehre bereitete so den 
Boden für die Smith’sche Doctrin, namentlich für deren practisch 
wichtigsten Punkt, das Verhältniss des Staats zum Wfrthschafts- 
leben, in Deutschland mit vor. Die britische Lehre entwickelte 
sich durch Yerl)indung mit einem Haupttheil des Stofls der 
Cameral- und auch der Polizei wissensclmft zur neueren deutschen 
individualistisch-bberalen Nationalökonoiaie. Diese verdankt der 
britischen Oekonomik erst den Character einer eigentlichen ge- 
schlossenen Wissenschaft mit bestimmt, begrenztem Object und 
bestimmten Aufgaben. Sie entnimmt ihr — anfangs ohne %del 
Selbständigkeit, sv)äter selbst sie mit fortbildend, besser syste- 
matisirend — die Theorie der volksAvirths(diaftlichen Erscheinungen, 
d. h. im Wesentlichen freilich nm’ die Theorie der Production 
und Yertheilung der Güter in einem geldwirthschaftlichen Yer- 
kehi’szustande und in einem Rechtssystem der freien Concurrenz, 
einem historischen System, das ohne M^eiteres zum allein 


T 


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I 


natürlichen, richtigen, absoluten gestempelt wurde ; ferner entnimmt 
sie der britischen Lehre eben die principielle Auffassung vom 
Staate und seinem Yerhältniss zur Yolkswfrthschaft. So wd die 
deutsche Wissenschaft aber auch docti’inärer, abstracter, un- 
historischer, weniger realistisch, in der Wirthschaftspolitik theils 
individualistischer, theils kosmopolitischer, ln der Methode beginnt, 
besonders seit dem Einfluss der britischen Nachfolger von Smith, 
namentlich von Ricardo, Senior, die speculative Deduction zu stark 
vorzuwalten, zu einseitig, zu wenig vorsichtig gehandhabt zu werden. 
Die mechanistisch-natm’gesetzliche Auflassung der wirthschaftlichen 
Yorgänge, schon von den Physiokraten herrührend, greift mehr 
Platz; halb Wortspiel und falsche Analogie, halb Begriflsver- 
wechselung. Wirthschaftliche „Gesetze“ oder gar „Naturgesetze“ 
werden die unter gewssen Annahmen aus dem Malten des 
wirthschaftlichen Selbstinteresses deductiv abgeleiteten Tendenzen 
der regelmässigen Gestaltung der wii’thschaftüchen Erscheinungen 
und Yorgänge im freien Yerkehr genannt, missbräuchlich, wenn 
wie oftmals die bei einer solchen Terminologie erforderliclien 
Cautelen nicht genommen werden, und dann leicht irreführend. 
Und sogar Folgerungen für das Sein-Sollen der wirthschaftlichen 
Gesetzgebung werden aus dieser Auflassung gezogen. Das der 
theoretischen Erörterung hypothetisch zu Grunde gelegte System 
freier Concurrenz — ein in gewissen Fällen m. E. berechtigtes 
methodologisches Yerfahren — wird so in einem logischen Sprung 
zum allein richtigen, allein gerechten Rechtssystem der Praxis 
und damit zum Modell füi’ die nothwendig herbeizuführeude 
wirthschaftliche Rechtsordnung gemacht. Damit vei’schwindet das 
Yerständniss und die objective Beurtheilung abweichender Rechts- 
ordnungen, weicht die historische Auflassung der rationalistischen ; 
\ erringert sich, verschwindet zum Theil ebenfalls das \ erständniss 
für den geschichtlichen Staat, seine Gesetzgebung, seine Yer- 

t 

I 




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waltung auf wirthscliaftlichein Gebiet, ln der radicalsten Eichtung 
dieser Nationalökonomie, welche freilich fast ganz ausserhalb der 
akademischen Wissenschaft bleibt, kommt es auch in Deutschland 
in Uebertreibung der Kant-Smith’schen Ideen zu jener extremen 
Beschränkung des Staats auf den Rechtszweck ; volkswirthschaft- 
lich s(dl der Staat nur „Producent der Siciherheit“ sein, sonst seine 
Hand vom wirthschaftlichen Leben fernlassen. Jene enge und 
kleinliche Auffassung des Staats, w’elche d«;m grossen socialistischen 
Agitator zu dem bekannten beissenden, aber in der That zu- 
treffenden Spottwort die nur zu willkommene Gelegenheit ge- 
gel)en %\t. 

Dur(;h unübertroffene scharfsinnige Theoretiker, wie von 
Thünen und von Hermann, durch eminente Systematiker, wie 
Rau, mein eigener verehrter ])ersönlicher Lehrei*, erringt die 
deutsche Nationalökonomie übrigens immerhin in dieser Periode 
vor und um die Mitte unseres Jahrhunderts, einen ehrenvollen 
Platz in der allgemeinen Fachlitteratur. Auch wird sie keines- 
wegs ihren guten alten Traditionen ganz untreu, zumal nicht auf 
den Universitäten. Ausserhalb der fast sectenartigen unduldsamen 
sogen, deutschen Freihandelsschule wirkte gerade die camera- 
listische Tradition günstig nach, so dass die geschichtliche Er- 
fahrung, die Leistung des Staats für die Volkswirthschaft beachtet 
bleiben. Die der deutschen Wissenschaft eigenthümliche, folgen- 
reiche Unterscheidung eines mehr allgemeinen, theoretischen und 
eines mehr speciellen ])ractischen Theils, der sogen. Volkswirth- 
schafts])olitik, in der Systematik, an welchen zweiten Theil sich 
dann, in gewisser Weise verselbständigt, die Finanzwissenschaft 
anschliesst, ist diesem Standi)unkt der Anerkennung des Staats 
mit zu verdanken und namentlich auch für den akademischen 
IhiteiTicht fruchtbringend geworden. Im theoretischen Theile 
herrschte die britische Doctrin vor, in den beiden [U’actischen 


17 


blieb die Auffhssung immer weit realistischer, die Beweistührung 

stand mehr auf historischem Boden. 

Im zweiten Drittel unseres Jahrhunderts bereitete sich dann 
in unserer Wissenschaft ein I mschwung vor, welcher wesentlich 

mit zu ihrei' heutigen Eigenart geführt hat 

Gemeinsam haben darauf wieder mehr theoretische und 

mehr pracffische Momente hingewirkt Unter dem directen und 
indirecten Einfluss der Methode. Auffassungen. Leistungen der 
grossen historischen Rechtsschule, unter dem gleichen Einfluss 
der verwandten neueren organischen Staatslehre, welche die 
individualistis(!he und rationalistische endgiltig verdiüngte, wendete 
sich auch die deutsche Nationalökonomie von der bisherigen 
Auffassung der Volkswirthschaft ab und einer tieferen historischen 
zu und das Verständniss für die universelle Bedeutung des Staats 
für alle Seiten des Volkslebens, auch die würthschaftlichen, wurde 
wäeder gew'onnen. Schon damit trat auch an Stelle dei halb 
individualistischen, hall) kosmopolitischen die nationale Aut- 
fassung der Volkswirthschaft und der A olkswüthschattspolitik. 
Practische Momente wirkten in derselben Richtung. Das deutsche 
National bew'usstsein war durch die französische Kriegszcit mächtig 
und nachhaltig erwayht. Das deutsche irthschattsleben ent- 
wickelte sich aus langer Lethargie in der Friedeiisaera seit ISlo 
endlich wieder grossartiger. Die moderne Technik begann im 
Produktionsbetrieb und Verkehrsw^esen sich einzubürgern. Und 
endlich war es doch gelungen, in Nachholung langer schmerz- 
licher Versäumnisse, wenigstens den Haupttheil Deutschlands im 
Zollverein zu vereinigen und so einer deutschen A olkswürth- 
schaft die nothw'endige territoriale Basis zu schaffen. Damit erst 
war auch eine Möglichkeit für eine einheitliche, eine nationale 
Handels})olitik gegeben. Jetzt erst konnte auch das zollgeeinte 
Deutschland in der Richtung des voi'geschi-itteneren A\ esteurojtas 


18 




sicli entwickeln, auch bei uns der Uehei'f^ang von der vor- 
h 3iTSchend agrarischen und kleingewerhlichen in die industriell- 
n ercantile Phase sicli vollziehen, konnten wahre Gressstädte ent- 
s eben, der deutsche Markt sich von der britischen Industrie 
e nancipiren, Deutschland sich stärker am M elthandel betheiligen, 
lie Frage von Schutzzoll und Freihandel ward bald auch bei | 

UQS die nationalökononiische Frage par excellence. j 

Diese Momente führten zur Entwicklung der historischen 
Schule in der deutschen Nationalökonomie. i 

Auch diejenigen deutschen Fachmänner, welche nicht zu ^ | 

d ieser Schule im engeren Sinne gehören, vertreten doch in vielen 
1 unkten gewisse Grundauffassungen von ihr mit. Insofern steht 
s ) ziemlich die ganze deutsche National-Oekonomie, namentlich die 

akademische, auf dem gleichen Boden. 

Die gesammte historische Schule, die jüngere Richtung, wie 
gewöhnlich, nur schärfer, reagirt namentlich auch in der Forschungs- 
1 lethode gegen die spätere Richtung der l)ritischen und konti- i 

1 entalen Oekonomik, gegen die Ueberschätzung der speculativen 
1 ►eduction, sie Avendet sich princi]>iell mehr dem inductiven \ er- 
fRiren zu, der Geschichte, der Statistik, der unmittelbaren Be- 
( bachtung. Sie erkennt eben in der \ olksAvirthschaft ein histoiisches 
l’roduct, welches nicht durch abstracte Si)eculation genügend er- 
gründet werden könne. Sie beginnt die Berichtigung der zu ein- ^ 1 

^eitigen, zu engen ökonomischen Psychologie der britischen Doctrin, j 

: ieht die Betrachtung der wii'thschaftlichen ^ erhältnisse aus der | 

i bstracten Isolh'ung von anderen Seiten des V olkslebens heraus; j 

legt Avieder ethische Maassstäbe an die Avirthsch ältlichen Handlungen s 

< 1er Menschen, an die Geschäfte, ErAA^erbsai'ten, Einkommenver- 
’vendungen, auch die rechtlich erlaubten, an und tritt so den v 

bügen des Concurrenzsvstems bereits krifisch gegenüber; sie 
vürdigt den Staat, sein Leben und Thun als unentbehrlichen 



V 


19 



und segensreichen, nicht, Avie nach der fi-üheren Lehre, schäd- 
lichen Factor in der VolksAvirthschaft, ein Factor, der vor 
Allem auch Härten des Concurrenzsystems zu mildern, zu 
beseitigen hat; lauter Avichtige Punkte, an Avelche dann in 
dei* späteren „socialen“ oder „socialpolitischen“ Phase der Dis- 
ciplin nur anzuknü])fen Avar. Und endlich, bei der Ent- 
scheidung ]>ractischer und legislativer Fragen Avird beAvusst das 
Relatmtäts])rinci]) betont, gerade der Auffassung solcher Fragen 
als historischer und örtlicher gemäss. So Avird der Gegensatz zu 
der ai)riorischen, construirenden, doctrinären, rationalistischen 

früheren Richtung scharf genug. 

Meines Erachtens ist man darin mitunter, Avie so oft in 

solchen Fällen die Geschichte der VYissenschaften zeigt, etAvas zu 
Aveit gegangen. Ueber dem historischen ist dei- zugleich philo- 
sophische Character der Disciplin bisweilen zu sehr vergessen 
Avorden, der Werth auch der Methode i)sychologischer Deduction 
ist nicht immer richtig und unbefangen anerkannt geblieben, die 
Probleme der theoretischen Nationalökonomie, Avelche früher oft 
zu sehr A'oranstanden und nach zu einseitiger Methode behandelt 
Avurden, sind vernachlässigt Avorden. Das hat sich später gerade 
dem Socialismus gegenüber gerächt, der in der Erörterung eben 
dieser Probleme eine seiner Stärken hat. Aber im Ganzen Acr- 
dankt die deutsche Nationalökonomie der historischen Schule 


doch Grosses, — die Emancipation von fremden, besonders 
britischen Einflüssen, die Emporhebung zu grösserer Selbständig- 
keit und Eigenart, die Wiederverbindung von Oekonomik und 
Ethik, den Rang einer Avahren, historisch fundamentirten Staats- 
Avissenschaft. Die Systematik blieb im Ganzen die alte, methodisidi 


und didactisch richtige. Und Avurde die theoretische Nafional- 
ökonomie etAvas zu sehr zurückgeschoben, so kam gerade die 
historische Richtung der practischen Nationalökonomie und der 



20 


'''iiiiuizwissenschaffc durch Ausdehnung und Vertiefung um so melir 
; u Gute. 

üie Weiterentwicklung der Disciplin in den letzten Jahr- 
: ehnten ist wieder von practischen und theoretischen Einilüssen 
abhängig gewesen. Die Einbürgerung des Constitutionalisnius in 
ganz Deutschland, die gewaltigen politischen Ereignisse von 1804 
an, die Wiedererrichtung des Deutschen Reiches auf dauerhafter 
I Grundlage und mit Organen und Coni])etenzen, welche die Lösung 
grosser nationaler einheitlicher wirthSchaftlicher und socialer 
legislativer Probleme jetzt erst ermöglichten, die fruchtbare Gesetz- 
g-ebung auf diesen Gebieten im Norddeutschen Bund und Deutschen 
Reich, worin die liberal-individualistischen Avirthschaftlichen und 
f ocialen Princii)ien zm* Durchführung kamen, — das Alles musste 
uotlnveudig auf ein Fach wie die Nationalökonomie stark ein- 
n irken. Dasselbe gilt, nur noch mehr, von den Folgen der ITm- 
gestaltung der Productions- und Verkehrstechnik und der \mllen 
] hitAvicklung des Privatkapitalisnms, soAvie des darauf beruhenden 
i iidustriell-mercantilen Wirthschaftssvstems in der deutschen 
’ 'olksAvirthschaft. Daraus ist auch bei uns, A\-ie in Westeuropa, 
die industrielle ArlieiterbeAvegung heiworgegangen und mit ihr 
begann aucli an Deuts(Oilands Thore gCAvaltig die moderne so- 
( iale Frage zu j)Ochen. Hieran knü])fte Avieder die Verbreitung 
MKÜalistischer Ideen und der socialistischen Avissenschaftlichen 
wie agitatorischen Litteratur an, zog diese eiaieute und A^ennehrte 
Aufmerksamkeit, auch in den Kreisen der Avissenschaftlichen 
s^ationalökonomie, auf sich und begann sie als bedeutsames 
'Vrment auf diese Disci])lin einzuAvirken. Aus allen diesen Ein- 
ilüssen entAvickelt sicth, eng an die historiscäie und ethische Rich- 
lung anknü})fend, eine neue Avesentlich socGale oder social- 
]>olitische Richtung unserer Wissenschaft, zunächst und zumeist 
'vieder auf den Fniversitäten. Neue j)ractis(!he und theoretische 





I 


L 


21 


Probleme tauchten auf, es Avar unvermeidlich, sich mit ihnen zu 
beschäftigen, 

Fragen des Pauperismus, der Uebervölkerung, der Krisen 
Avaren zwar schon früher behandelt Avorden, ln Deutschland 
möchte ich namentlich an Robert von Mold erinnern, denjenigen 
meiner persönlichen Lehrer, a"oii dem ich gern hier j)ietätvoll und 
dankbar heiworhebe, ihm die mir Averthvollsten, auf der rniversität 
im Colleg mir gcAvordenen Anregungen zu verdanken. Die V'echsel- 
beziehungen zAvischen Gesellschaft, VolksAvirthschaft und Staat 
hatte man gleichfiills schon früher zu verfolgen angefangen. 
L. Steins Auffassungen, seine Schriften über französischen Socia- 
lismus und Communismus hatten Aveiter anregend genug geAvirkt. 
R. V. Mold, Br. Hildebrand hatten sich ndt Avissensehaftlichem 
Ei’nst und Unbefangenheit mit älterer und neuerer socialistischer 
Litteratur beschäftigt, ln letztei’er, besonders der zuerst durch- 
aus dominirenden französischen, sah man aber fi-eilich doch Aveit 
überAviegend mehr nur Seltsamkeiten, ('uriositäten, reine Phan- 
tastereien, auch kaum der Widerlegung erst bedürftige arge 
Ketzereien gegen die Lehren der orthodo.xen individualistischen 
Nationalökonomie. Der nicht fehlende tiefere Inhalt und Kern 
dieser Schriften AAurde noch kaum bemerkt, jedenfalls AA enig Aer- 
standen. Nur die socialistische Kritik der bestehenden M'irth- 
schaftsverhältnisse führte schon hier und da zur Bestärkung der 
ZAveifel an dem früher angenommenen uTd»edingten Segen der 
„volksAvirthschaftlichen Freiheit“. Auch die älteren Schriften der 
grossen deutschen Socialisten, die schon vor 1848 fallen, das 
communistische Manifest von 1848, diese äusserst Avirksame Zu- 
sammenfassung der Kritik und Dogmatik des Socialismus in nuce 
für die AgitationszAvecke, Marlo’s (Winkelblech’s) tiefgründiges 
kritisch-dogmatisches Werk fanden noch Avenig allgemeine Be- 
achtung und Verständiiiss. Proudhon’s keckes AVoi4 über das 


I 


1 ligeiitlvum war meist auch nur augestaunt, sj)öttisch als Pointe 
helächelt oder entrüstet aufgenommen, aber in seinem tieferen 
1 nd ernsten Sinn, nämlich Aufwerfung der Eigenthumsfrage als 
(in erst noch zu lösendes Problem, wiederum kaum ver- 
standen worden. 

Xoch weniger ward lange das Wesen des ganzen modernen 
’ v'isseuschaftlichen Socialismus erkannt, welches eben doch in 
idchts Anderem l)esteht, als darin, dass dieser Socialismus ein 
g-rosses neues kritisch-dogmatisches nationalökono- 
misches System ist, welches bewusst und juincipiell dem öko- 
nomischen Liberalismus und Individualismus antagonistisch ent- 
refrentrat, wie dieser s. Z. dem Mercantilismus und der Wohl- 
aludsstaatstheorie. So verkannte man denn auch lange, ob der 
'erwandtschaft der Kritik und einzelner Forderungen des modernen 
Socialismus mit denen älterer socialistisch-communistischer Strö- 
mungen, wie in den Staatsromanen des 16. und 1 7. Jahrhunderts, 
a bis auf Plato zurück, doch den gi’ossen grundsätzlichen ITnter- 
) chied des modernen von allem früheren Socialismus. Er liegt 
n dem Versuch einer umfassenden theoretischen national- 
' > k o n o m i s c h e 11 Begründung der Kritik und der Forderungen 
nid, vor Allem bei Marx, in dem Versuch des XachAveises der 
lothwendigen historischen M^eiterentwicklung grade 
inseres heutigen Wirthschaftssvstems zum socialistischen, also 
, cdenfalls eine h i s t o r i s c h e Auffassung. „Sectirer“, „Dilettanten“ 
M-schienen dennoch den meisten „bürgerlichen Oekonomen“ selbst 
lie litterarischen Korvidiäen des wissenschaftlichen Socialismus. 
)amit aber unterschätzte man sie nicht nur ungebührlich, son- 
lern gab sich das Zeugniss, dass man sie gar nicht verstand. 

Es hat geraume Zeit gedauert, bis diese Geringschätzung 
üner richtigeren Würdigung des Socialismus und seiner Autoren 
luch in akademischen Kreisen wich. Das war aber die Voraus- 


23 



Setzung für eine richtige Stellungnahme und für eine richtige 
Bekämpfung des Socialismus als eines wissenschaftlichen Systems 
mit wissenschaftlichen Gründen; die einzig mögliche und Avürdige 
und zugleich Avü-ksamste Bekämpfung, welche man der National- 
ökonomie, auch der akademischen, als einer MAssenschaft zu- 
muthen kann, — freilich aber meines Erachtens auch von ihr 

verlangen muss. 

Zunächst lernte man von der Kritik des Socialisinus. Die 
Stärke der Arbeiterbewegung, Aueles Berechtigte darin, unerfi’euliche 
Erscheinungen im Erwerbsleben, auf dem Geldmärkte, im Börsen- 
treiben, in den grossen Speculations])erioden führten ohnehin zu 
neuer Prüfung der Wirthschaftsverhältnisse im eiTungenen System 
der Avirthschaftlichen Freiheit. Von da war es nur ein Schiitt, 
unbefangener die bezügliche Kritik des Socialismus zu A\üidigen. 
Man erkannte bald, dass hier vielfaxdi die Sonde richtig in 
sclnvere Wunden des Avirthschaftlichen und socialen Körpers ge- 
legt, aber anderseits auch maasslos übertrieben und verallgemei- 
nert, nur scliAvarz gefärbt Averde. Die M^ahrheit schien eben im 
Ganzen in der Mitte zwischen dem Optimismus der liberal-indi- 
Audualistischen und dem Pessimismus der socialistischen Auttassung 
zu liegen. 

Von der Kritik der bestehenden Verhältnisse schritt man 
folgerichtig Aveiter zu erneuter und tiefererer Prüfung der Ur- 
sachen und Bedingungen, Avelche hier mitsixielten und von da 
gelangte man Avieder zu den Fragen der Abhilfe der Avahrgenom- 
menen üebelstände, zu den Reformfragen. Die ältere Doctrin 
hatte das Alles zu oberÜächlich aufgefasst und behandelt. Der 
unbelehrbare Freihändler des Laissez aller — Avenn er überhaupt 
Üebelstände unter dem System Avirthschaftlicher Freiheit zugab 
und sich nicht mit der ja vielfach Avahren, aher zu leicht ange- 
nommenen, zu bexiuemen Ansicht begnügte, sie ohne AVeiteres auf 


24 



d c iiniiiiinente üiivollkoiniiienlieit inenselilicdier Dinge zurück- 
z itühreii, — Imtte in seinem Doctrinarisnms wolil immer nocli 
nur das eiiie Kecej)t: noch mehr Freiheit. Dieser Auffassung 
s and die deutsche Wissenschaft, aucli in der liistorisclien vSchule, 
z var schon skeptiscli und da, und dort polemisch gegenüber, 
iber zu einem Zweifel an den leitenden Principien und 
( rundlagen der liberal-individualistischen Eechtsordnung war 
II an doidi auch hier no(*h kaum gekommen. ?fur die extremen 
C rmsequenzen focht man etwa ernstlich an und Avollte sie in der 
1 raxis vermieden wissen. Da war es nun wiederum, wenigstens 
nit, die Anregung der socialistischen Litteratur, die auch hier 
z i der Aid’werfung der Frage führte, ob nicht doch diese Prin- 
c pien und Grundlagen selbst schuld oder doch mit schuld gerade 
au den notorischen S(4iäden fies Wirthschattslebens und an der 
t rfoliilosigkeit der Keform versuche seien. 

So gelangte man zur kritischen Beschäftigung mit den 
grossen Grundfragen vom „freien Yertragsrecht“, dem Haujit- 
arundsatz der bestehenden AVirthschaftsordniing, und weiter von 
„^'reiheit und Pligenthum“ überhaupt. Man erkannte, dass 
1 ier doch auch für die Xationalökonomie die eigentlichen Pro- 
1 lerne lägen, während man bisher hier mir Axiome gesehen 
1 atte, wie ein neuerer Autor den Gegensatz der neueren und 
ülterfMi lliclitung in diesem entscheidenden Punkte jiräcis und 
t-etfcnd bezeichnet hat. Die national-ökonomische Untersuchung 
N'audte sich so den Grundlagen der Eechtsordnung, auch der 
1 rivatrefüitsordnung zu. Damit erst trat die Discijilin in die 
„sociale“ Phase ihrer Kntwicklung endgiltig and principiell ein. 

Damit allerdings in einer Beziehung auf denselben Boden 
\'ie der wissenschaftliche Socialismus, aber nach einem noth- 
A endigen in ihr waltenden Faitwickliiiigsjiriiicij) und nicht, wie 
I lan ihr vorgew'orfen hat, mit dem Erfolg, nun eben einfach 


k. 



IlL 


25 


„socialistisch“ zu werden, sondern mit dem, sieh nun auch mit 
dem Socialismus wie mit dem Individualismus antikritisch aus- 
einanderzusetzen: eine unvermeidlich gewordene Aufgabe. 

Auch das wird freilich wmhl liestiitten. Man solle solche 
Fragen, wie gar die Eigenthumsfrage, überhaupt nicht in die 
Discussion ziehen, dadurch erkläre man sie ja selbst schon tür 
streitige, das sei ein verhängnissvolles Zugeständniss an die 
Feinde der Wirthschafts- und Gesellschaftsordnung. 

Ein solches Urtheil verräth eine Verkennung des Wesens 
wissenschaftlicher Arbeit. Es liegt gar nicht in Willen und 
Macht des Einzelnen, solche Probleme aufzustellen oder abzu- 
lehnen. Die Wissenschaft führt eben einmal zu ihnen hin. Sie 
dann zu ignoriren oder bei Seite zu schieben, Aväre die Politik 
des Vogel Strauss. Es ist eine häutige AA^ahrnehmung, auch in 
anderen Wissenschaften, den Naturwissenschaften z. B., dass 
etwas, Avas als selbstverständlich, als keines Beweises bedürftig, 
als Axiom galt, eben als Problem erkannt und damit zum Object 
wdssenschaftlicher Untersuchung erhoben wird. Darin kann ein 
ausserordentlicher wissenschaftlicher Fortschritt liegen. Auch nicht 
der Socialismus, nicht die Agitation haben etwa die Eigenthums- 
frage, die Frage des Arbeitsvertrages zum Problem gemacht, 
sondern die EntAvicklung des iiractischen Lebens, hier namentlich 
die Entwicklung der Technik, hat die Avirthschaftlichen A'erhält- 
nisse so umgestaltet, dass jene Fragen ganz neue Seiten zeigten, 
so zu Problemen Avurden und dann Amn der AA'issenschaft «als 
solche erkannt Avorden sind. Der AAissenschaftliche Socialismus 
hat das am Schärfsten gethan, das ist sein unbestreitbares A^er- 
dienst, aber er hat es nicht einmal allein, noch zuerst gethan. 
Grade die historische Aulfassung des AATrthschaftslebens, das 
geschichtliche Eechtsstudium haben zu der Einsicht geführt, dass 
liier, auch auf dem Gebiete des Eigenthums, des A'ertragsrechts 


1 / 


26 


f. rosse Veränderungen geschiclitlicli naclnveisbar eingetreten, eine 
i iweilige Gestaltung des bezügliclien Kechts, auch des lieute be- 
s behenden, daher doch keine absolute, sondern eine historische 
Kategorie sei; haben gezeigt, dass und welche technische, wirth- 
schaftliclie IJmstände allein oder mit anderen jene Veränderungen 
] lerbeigeführt haben. Die socialistische Wissenschaft, sogar die 
Imitatorische Publicistik beruft sich selbst gern auf die — frei- 
ich oft nur von ihr behaupteten — Ergebnisse der Geschichts- 

orschung. 

Den einzelnen Forscher aber lässt das Beste in ihm, sein 
vissenschaftliches Gewissen, nicht in Ruhe, er muss sich 
nit den im Entwicklungsgang seiner Wissenschaft neu auf- 
auchenden Problemen befassen. Und die deutsche Wissen- 
schaft zumal, deren Stolz es ist, jedes Problem zwischen Himmel 
.md Erde, auf welches sie stösst, vor ihr Borum zu ziehen, 
sie sollte, sie könnte an den Problemen von F'reiheit, Eigenthum 
and Vertragsrecht, damit fi’eilich auch von Mein und Dein voi- 
äbergehen ? Damit gäbe sie sich sellist auf, überliesse dem 
Socialismus ohne Kampf das Feld. Läge das etwa im Intel esse 
der gesellschaftlichen Ordnung? Indem die deutsche Avissenschaft- 
liche Nationalökonomie, auch die akademische, dem Socialismus 
auf das Gebiet dieser neuen Probleme folgt, ist sie nicht seine 
Anhängerin, noch weniger seine Gläubige, auch nicht von voin- 
herein seine Gegnerin, wohl aber seine Kritikerin, Avie immei 
eine ältere Avissenschaftliche Richtung es siün muss, Avelche einer 
neuen begegnet und a"Oii dieser angegriffen wird. 

Der Kritik des Bestehenden setzen wir daher eine Anti- 
kritik, den sociahstischen Folgerungen und Forderungen, welche 
auf eine völlig neue wirthschaftliche Rechtsordnung ohne Privat- 
eigenthum an Boden und Kapital, ohne Vertragsfreiheit ohne 
privatAvirthschaftliche ProductionsAveise untia- Leitung von Privat- 


V 


27 


Unternehmern, statt dessen aut gesellschaftliches Gemeineigentbum 
und gesellschaftliche ProductionsAveise hinausgehen — um in dem 
freilich völlig unklaren sociahstischen Jargon zu siirechen — , 
diesen Folgerungen und Forderungen setzen Avir eine kritische 
Prüfung der iiothAvendigen psychologischen, ethischen, technischen, 
ökonomischen, socialen, politischen Voraussetzungen und muth- 
masslichen Folgen einer solchen sociahstischen Eigenthums-, 
Productions- und Erwerbsordnung entgegen. Das ist die Auf- 
gabe, die Pflicht, das muss aber auch das Recht der freien 
Wissenschaft sein. Und mit diesen Fragen hat sich auch der 
akademische Unterricht zu beschäftigen. AVie sollen diese Fragen, 
die sie behandelnde Litteratur unserer akademischen Jugend 
fremd bleiben, Avenn einfache Handarbeiter sich schon mit ihnen 
befassen, einzelne davon selbst Marx, Engels, Rodbertus dunäi- 
arbeiten, die Socialdemokratie überall ihre Forderungen auf die 
ökonomische Theorie des Socialismus stützt?! 

Eine soh^he Stellungnahme zum Socialismus — ich Avieder- 
hole, meines Erachtens die für die Wissenschaft einzig mögliche 
und Avürdige — führt nun zunächst gCAviss zur Anerkennung 
der bedeutenden Avissenschaftlichen Denkarbeit, Avelche der 
neuere Socialismus, besonders der deutsche, trotz seiner auch mir 
unzAveifelhaften scliAveren Grundirrthümer, doch sicherlich darstellt. 
In Männern Avie Rodbertus und Marx, auch Avie Fi\ Engels und 
selbst Lassalle Avird man dann nicht nur Agitatoren, Avas ohnehin 
Rodbertus niemals Avar, nicht mehr „Dilettanten“, sondern social- 
ökonomische Denker ersten Ranges erkennen, auf die in dieser 
Hinsicht unsere Nation stolz sein kann, Avie sie es auf so manche 
Philosoj)hen mit auch nichts Aveniger als „ungefährlichen“ Lehren 
Avar und ist. Diese Anerkennung A om Stand] )uidvte der W issenschaft 
Avird durch die bedenkliche politisch -agitatorische Wirksamkeit der 
dnfi Demokraten unter den genannten nicht hintällig gemacht. 


28 


Selbst F. Lassalle, der freilich grösser als Agitator, denn 
ils Mann der Wissenschaft und auf ökonomischem Gebiet über- 
laupt nicht so originell schöi)ferisch war, als die anderen — 
Meine selbständige Avissenschaftliche Bedeutung liegt mehr auf 
'echt8}ihilo80j)hischem Gebiet — verdient doch hier so aner- 
cennend mit genannt ;^u iverden. Es var kein Geringerer als 
Vugust Boeckh, der fünfmalige Rektor unsere]- Hochschule, ivelcher 
itnn die berühmte einfach grosse Grabschrifl setzte: „Hier ruhet, 
n-as sterbliclnvar, von Ferdinand Lassalle, dem Denker und Kämpfer.“ 
Allein auch die Kory])häen des Socialismus sind uns 
( heil nicht, ivie Rodbertus einer kleinen, Marx einer grossen Ge- 
meinde von „Gläubigen“, A^erkündei- einer neuen socialen Wahr- 
1 eit und Heilslehre, deren Lehren als Dogmen betrachtet werden. 

^ lelmehr grade die wissenschaftliche Bedeutung dieser Männer 
1 tt gar nicht liesser zu ehren, als dadurch, dass ihre Lehren un- 
1 efangener, aber sorgfältigster Kritik unterzogiui werden. Ignoi-ii-en 
S)ll man sie nicht, ivie es lange geschah, kritisiren durchaus. 

Mit dieser Stellungnahme zum Socialismus und seinen 
V issenschaftlichen Stimmfuhi-ern ist es ferner durchaus vei-einbar, 
ji danach geboten, das, ivas von der socialistischen Kritik und 

dm ])ositiven Lehren — der Dogmatik in diesem Sinne 

as richtig aus dieser Prüfung hervorgeht, auch anzuerkennen 
uid zu den festen Lehrbestandtheilen der wissenschaftlichen 
In ationalökonomie zu stellen. Das ist immerhin Manches, aber 

frailich bei Weitem das Meiste besteht eben eine solche 
P-üfung nicht. 

Nicht minder ivird und muss auch das, ivas in Bezug auT 
Amderungen und Fmgestaltungen der wirthschaftlichen Rechts- 
oi dnung, auch des Eigenthums, des A^ertragsrechts aus den 
Furderungen des Socialismus für ausführbai- und für zweck- 
milssig im socialen Interesse befunden Avird und dem nicht 


l 


29 _ 

andere überwiegende Bedenken gegenüberstehen, als er- 
sti-ebensAverth anerkannt Averden dürfen. Auch das gilt von 
Einzelnem, aber allerdings im Ganzen AAÜeder nm- Amn Wenigem. 
Denn grade die Frage der Ausführbarkeit und ZAveckmässigkeit 
hat der Socialismus unverantAvortlich leicht genommen und die 
andei-Aveiten Bedenken vielfach nur in der Conseiiuenz seiner 
Avillkürhchen Ideale der gesellschaftlichen Organisation ohne 
Weiteres bei Seite geschoben, Avorin ihm A'ertreter der Berechtigung 
der geschichtlichen EntAvicklung und anderer socialer Ideale nicht 
folgen können. Aber eine Massregel, nur weil sie vom Socialismus 
gefordert oder von Gegnern und dem grossen Haufen „socialistisch“ 
genannt Avird, Ami-Averfen, das billigen Avir nicht. Wir dürfen uns 
übel bezügliche Anfechtungen und Verdächtigungen so gut hiiiAveg- 
setzen, Avie es unsere Staatspraxis in ähnlichen Fällen gethan hat. 

Wie ist dann nun aber die Stellung im Ergebniss zur 
ganzen socialistischen Kritik und Lehre, grade auf Grand 
Avissenschaftlicher Antikritik, zu nehmen? Meines Erachtens, 
Avie schon gesagt: im Wesentlichen ablehnend, Aveil jene 

Kritik und Lehre Avissenschaftlich sich im Ganzen nicht halt- 
bar enveist. 

Es ist hier nicht der Ort und vor Allem nicht die Zeit, 
dies jetzt näher auszuführen und gar es zu begründen. Auch’ 
gehen natürlich die Meinungen der einzelnen Fachmänner in 
Manchem auseinander. Dennoch, glaube ich, kann man bereits 
von einer geAvissen communis opinio doctorum in der deutschen 
Nationalökonomie gegenüber dem wissenschaftlichen Socialismus 

s])rechen. Nur in wenigen, mehr theseii artigen Bemerkungen 
will ich dies noch darlegen. 

Die namentlich von Marx gCAvandt gehaiidhabte dialektische 
Methode — es verräth sich der Hegelianer — ist mangelhaft 
und reicht nicht aus, das sicher zu boAveisen, Avas danach als 


80 


»ewiesen gilt. Lücken, Spiäinge, Soi)hismeu, petitiones princiini, 
»esonders in Betreff der Prämissen, finden sich \nelfach, nament- 
icli in den theorerischen Ilauptl ehren, vor Allem in der Werth- 
ind Mehrwerthlehre, dem Eck- und Grundstein der socialistischen 
ivritik wie Dogmatik. Für mich ist diese ganze Lehre ein 
ünziges grosses Soi)hisma. Mit dieser Lehre aber stehen und 
allen die meisten und wichtigsten weiteren Sätze der socialistischen 
\ritik und der Folgerungen und Forderungen. 

In der Kritik der geschichtlichen Entwicklung und der 
gegenwärtigen Function des bestehenden Wh’thschaftssystems und 
iieines ökonomisch wichtigsten Rechtsprincips, des Privateigen- 
hums an den sachlichen Pi-oductionsmitteln, Boden und Kapital, 
ind des freien Yertragsrechts ist gewiss manches Richtige ent- 
lalten. Der ungeheure Einffuss der Productionsteclmik, davon 
abhängig der Productionsordnung, wieder davon mit abhängig 
der socialen A'erhältnisse, auch der Klassenbildung, schliesslich 
der ganzen Kultur, der Politik, ist vom So(dalismus schärfer als 
' on irgend einer anderen Seite und vielfach wohl richtig nach- 
g'ewiesen worden. Damit ist zum Yerständniss aller geschicht- 
lichen Entwicklung, der vei-schiedensten Seiten des Yolkslebens 
< in bedeutsamer Beitrag geliefert worden. Das ist einzuräumen, 
i bei* — mehr auch nicht. 

Die socialistische Kritik des geschichtlich Gewordenen und 
Bestehenden ist ebenso einseitig und übertreibend pessimistisch 
5 Is diejenige des ökonomischen Liberalismus und Individualismus 
( [itimistisch. Die Thatsachen, auf welche sich erstere Kritik 
.‘•tützt, sind grossentheils unzulänglich und nach unvollkommener 
} lethode festgestellt. Einzelnes Richtige wird unzulässig generalisirt. 
j allgemeine Tendenzen der Entwicklung und Gestaltung werden 
t Inie sicheren Beweis angenommen und dann gleich die weitest- 
eilenden Folgeiungen daraus gezogen, odin* deutliche Gegen- 


81 



tendenzeu werden einfiich, selbst absichtlich, ignorirt. Z. B. in 
der Frage der Grossbetriebstendenz in der Production, einem 


Hauptsatz der socialistischen Doctrin und einer Hauptstütze be- 
liebter Postulate, in der Frage der Einkommens- und ^'ermögens- 
Accumulation, der vermeintlich „entwicklungsgesetzlichen“ all- 
gemeinen Yerdrängung der wirthschaftlichen Mittelstände, des 
Auseinanderfallens der bürgerlichen Gesellschaft in wenige Ueber- 
reiche und Massen Bettelarmer. Unbe([ueme Thatsachen, wie der 
Yermehrungsdrang der Bevölkerung, die Malthus’sche Lehre, ein 


kritischer Punct für jeden Yersuch 


der Yerwirklichung des Socia- 


lismus, werden bei Seite geschoben oder gelten nach ganz un- 


zureichender Polemik als „widerlegt“. 


In der Erklärung der wirthschaftlichen und vollends der 


gesammten gesellschaftlichen Entwicklungen wh*d der ja sicher 
mitspielende Einfluss der Productionsteclmik und Oekonomik in 


seiner Bedeutung Aveit übertrieben. Die gern mit herbeigezogene 
evolutionstheoretische und der Argumente der materialistischen 
Geschichtsauffassung sich bedienende Begründung operirt doch 
nm* mit Sätzen, Avelche ein Gemisch des Halbwahren, des Ganz- 
falschen, des Rein-HA'jiothetischen darstellen, in den meisten und 
Avichtigsten Puncten jedenfalls unbeAviesen, auch mindestens vom 
Standpunct der gegeiiAvärtigen Entwicklung der einschlagenden 
Wissenschaften, der Physiologie, Biologie, Psychologie, Anthropo- 
logie, Sociologie u. s. av. unbeAveisbar sind. Die A\*indigsten Hvpo- 
thesen der Prähistorie und Primitivhistorie bilden Avichtige Glieder 
in der BeAveisführung. Diese letztere entbehrt daher des Avissen- 
schaftlichen Charactei*s, der ZAvingenden Kraft. Im anderen Extrem 
zu jener Geschichtsbetrachtung des Heroencultus, Avelche Alles 
auf die „führenden Köpfe“ allein zurückführt, Avird nun um- 
gekehrt der Einfluss der leitenden Persönlichkeiten in fast lächer- 
licher Müise unterschätzt odei* selbst ganz bestritten, sogar im 



32 


Cultur- und Geistesleben, ja in der politischen und der Religions- 
geschiclite. Auch auf dein engeren ökonomischen Gebiete hängt 
iie Unterschätzung der Unternehinerleistung mit dieser Ein- 
seitigkeit zusammen. Vollends der Versuch des Marxismus, die 
inannigfaltige Entwicklung menschlicher Geschichte in die 
kuap])en dürren Formeln der materialistischen Geschichts- 
auffassung einzuzwängen, kann nur einem Achselzucken be- 
gegnen. 

Die geistige Denkarbeit in der eigenen Dogmatik des 
äkonomischen Socialismus möchte ich am Wenigsten unterschätzen. 
Bier liegt doch ein lieachtenswerther Versuch vor, die eigenthche 
lationalökonomische Theorie weiter auszubauen und Avird dem 
ibstracten Denken der ihm gebührende Platz eingeräumt, Ver- 
säumnisse der historischen Richtung w(;rden gut gemacht. 
Vlanches Einzelne scheint mir haltbar. Al)er nach meiner und 
1er meisten, wenn auch nicht aller Fai^hgimossen Ansicht sind 
loch grade die neuen Grundlehren von Werth, Mehnverth, Ge- 
vinn, Lohn, Cajütal u. s. av. nicht haltbar. 

Die iiositiven Forderungen oder die von Marx abgeleiteten 
lotliAvendigen WeiterentAvicklungen erscheinen schon hiernach 
lintällig. Aber sie sind auch noch aus ZAvei Aveiteren ent- 
icheidenden practischen Gegengrüuden unhaltbar, über Avelche 
ler Avissenschaftliche und agitatorische Social ismus mit bodenloser 
jeichttertigkeit hinAveg gehen. Die allgemeine VerAvirklichung 
euer Forderungen Aväre an unausführliare Voraussetzungen ge- 
inü])ft und hätte Folgen, die, soAveit man irgend über etAvas, 
vas noch nicht in dieser W eise durch die Erfahrung controlirt 
verden kann, zu urtheilen vermag, mit höchster Whihrscheinlicli- 
:eit dem Interesse des socialen Köi‘]>ers und seiner Fort- 
aitAvicklung AAudersprechen. 

Die \ ei-Avirklichung des socialistisclieu Wirthscliaftssystems 


ik 


33 


stellte Anforderungen an die intellectuellen und zumal an die 
sittlichen Eigenschaften des Menschen, an die Motivation lAeiin 
Avirthschaftlichen Handeln, Avelche nach allem, Avas wir a'oiu 
Menschen aus der inneren Selbst} )rüfung und dei‘ geschichtlichen 
Erfahrung Avissen, viel zu hoch ges})annt sind. Die Avilden 
S})eculationen über die Veränderungs-, die Verbesserungsfähigkeit 
der geistig-sittlichen Natur des Menschen scliAveben doch fast 
ganz in der Luft. Der Einfluss der äusseren Umstände, der 
Avirthschaftlichen Lage, so gcAviss er Amrhanden, Avii'd dabei allen 
Erfahrungsthatsachen zum Trotz masslos überschätzt. Ich liir 
meinen Theil vermag nicht anders zu urtheilen: nicht nur viel 
Amllkommenere Menschen, sondern Avesensandere Naturen 
als Menschen einmal Avaren, sind und bleiben werden, setzt der 
Avirthschaftliche und sociale Bau des Socialismus als Baumaterial 
voraus. Der für mich }>ersönlich entscheidendste Grund gegen die 
Forderungen des SociaHsmus: ein ])sychologischer. 

Aber wenn selbst diese Forderungen A^erAvirklicht av erden 
könnten, Avenn dann der ökonomisch-sociale Dilferenzirungs})rocess 
und alles, Avas hiermit in unserer heutigen socialen Welt als 
Ursache und W irkung zusammenhängt, die Classenbildung u. s. av. 
beseitigt, wenn das Princi]) der Avirthschaftlichen Rivalität der 
Einzelnen ausser Kraft gesetzt AA’äre, — erschiene denn ein 
solcher Zustand in unserer MenscheiiAvelt erAvünscht, ein weiterer 
Fortschritt der menschlichen Cultur gesichert? Die Socialisten 
behau})ten es und }u*ophezeien uns einen Himmel auf Erden. 
Wir Anderen Averden auch hiei- auf Grund aller Psychologie, 
aller geschichtlichen Erfahmng nur mit einem entschiedenen Nein 
antAVorten können, — es wäre denn, dass aaTi* eben zuvor „Avesens- 
andere“ Natm’en gcAvorden wären. — — 

Doch genug an diesen unvermeidlich nur a{)horistischen 
Bemerkungen. Sie genügen Avenigsteus, um einen aus socia- 




34 


1 stiscliem Lager gern der deutschen akadeniisclien National- 
ökonomie, si)eciell dem „Katliedersocialismus“ gemacliten Vorwurf 
55 1 entkräften, es mangle hier an intellectueller Fähigkeit oder 
gar an moralischem Muth, um conse<|uent /u sein, d. h. sich 
ganz auf den Boden des wissenschaftlichen Sficialismus zu stellen. 
J^in falsche]-, ein ungerechter Vorwui-f: es ist auch hier uiaser 

V issenschaftliches und unser sittliches (xewissen, das uns 
hindert, diesen Schritt zu thun. Dieses unser Gewissen nöthigt 
u 18 freilich auch, seihst auf die Gefahr hin, von Unverständigen 
o 1er Böswilligen dann avieder als „socialistisch“ verdächtigt zu 
A] erden, jede berechtigte Kritik des bestehenden Wirthschafts- 
s 'stems, auch seiner Eigenthumsordnung, s(änes Yertragsrechts, 
a le ausführbiiren und ei-Avünschte Folgen für die Gesellschaft mit 
sich führenden Keforme]! zu billigen und offen zu A-ertreten, auch 
tiaf einschneidende, auch solche auf den (n-AAiihnten Gebieten. 
D as bleibt Avahr, dass auch hier Alles im Fluss der Entwicklung 
sieht und stehen muss. 

So nimmt die heutige deutsche akademische National- 
ö :onomie in der socialpolitischen Kichtuiig allerdings eine 
A- armittelnde Stellung ein zAvischen dem ökonomischen 
b dividualismus und Socialismus. Daher denn auch die Gegner- 
s( halt i-echts und links, der Voi-Avurf des Eklekticismus, 
diT Princii)losigkeit, der Halbheit, der Compromissneigung. Wir 
Ixa-ufen uns indessen auf eine gute Autorität — auf die Ge- 
schichte der Menschheit selbst. Avelche auch niemals nach ein- 
fa3hen Principien und Fonnein, sonderndem Wesen menschlicher 
N itm- gemäss immer in Compromissen ZAvischen IndiAudual- und 
Sc cialprincip, IndiAÜdualismus und Socialismus sich bcAvegt. Und 
A"( nnuthlich wird es Aveiter so bleiben, so lange Menschen — 
„l^lenschen“ sind. 

Die practische Aufgabe nicht des Gehdn-ten, sondei-n des 


35 



Staatsmannes ist es, jeAA^eilig dieses Comj)romiss richtig zu ge- 
stalten. Dafür können die Theoretiker nur Vorarbeiten liefern, 
nui Zielpunkte auf’stellen, das haben sie aber auch unentwegt, 
auch sich zu breit machenden Classeninteressen gegenüber, seien 
es die der Besitzenden odei- — aaus gegenAvärtig fast mehr noch 
droht der Arbeiter, zu thun. Möge es Deutschland niemals 
an Staatsmännern und Gelehrten fehlen, Avelche diese ihre 
S])ecifischen Aufgaben richtig erfüllen. — 

VMr Deutschen haben Grosses im letzten Menschenalter 
erfahren. Darauf Avird in diesem Jubiläumsjahre des Deutschen 
Keichs, mit welchem unser neues Studienjahr zusammenfallt, auch 
Avohl A-on dieser Stelle aus noch zu anderer Zeit dankbar zurück- 
zukommen sein. Hier möchte ich jetzt schon nur herA'orheben, 
dass es uns Gottlob auch gerade in diesem ersten Vierteljahr- 
hundert des neuen Deutschen Kelches nicht an solchen prac- 
tischen Staatsmännern gefehlt hat, welche jiuf AAurthschaftlicliem 
und socialem Gebiete die Zeichen der Zeit i-ichtig zu deuten 
geAvusst und danacli gehandelt haben. Zeuge des die Arbeiter- 
Awsicherungs- und Arbeiterschutz] )olitik, der neuere, Avenn auch 
noch ziighafte UmscliAvung der GeAverbe- und Hiindelspolitik, die 
Staats-Eisenbahn] )olitik, nicht zum Wenigsten auch die jüngsten 
Refonnen auf dem Gebiete der directen Besteuerung u. A. m. 
Aber den A^orwurf des „Socialistischen“ haben sich auch diese 
Massregeln a"oii befangenen Gegnern alle mein* oder Aveniger ge- 
fallen lassen müssen, selbst die Einführung einer mässigen \"er- 
mögenssteuer, die Erhöhung des altüblichen höchsten Steuerfusses 
der Eiulvommensteuer über 8 Procent hinaus für die grossen 

Einkommen. Sind diese Massregeln desAvegen fälsch, desAA^egen 
gefährlich ? 

Abei ist es übei-hau])t ein Avirklicher Voi-Avurf untei- A-er- 
nünftig Urtheilenden, dass etAvas „sociahstisch“ genannt wird? 



3G 


)ariiuf ist in einem klassiselien Actenstiiek (iclit staatsmännischer 
Politik, in der Begründung zur ersten Voilage über ITnfallver- 
iiclierung, womit der grossartigste Theil der neueren deutsclien 
50cialpolitik eingeleitet wm-de, die zutreft'ende Antwort gegeben 
Yorden. Lassen Sie micli diese lierrliclien Worte zum Schluss 
loch antühren: „Das Bedenken, so lauten sie, dass in die Gesetz- 
gebung, wenn sie ein solches Ziel verfolgt, (ün socialis tisch es 
Element eingeführt werde, darf von der Betretung dieses Weges 
licht abhalten. Soweit dies wirklich der Fall ist, handelt es 
üch nicht um etwas ganz Neues, sondern um eine Weiteren t- 
vickelung der aus der christlichen Gesittung erwachsenen 
uodernen Staatsidee, nach welcher dem Staate neben der defen- 
üven auf den Schutz bestehender Rechte abzielenden auch die 
Vutgabe obliegt, durch zweckmässige Einrichtungen und durch 
rerwendung der zu seiner Yertügung stehenden Mittel der 
iesammtheit das Wohlergehen aller seiner Mitbürger und 
lamentlich der Schwachen und Hilfsbedürftigen ]>ositiv zu 
ordern.“ Und in demselben Geist und Sinn äusserte sich etwas 
q)äter die Kaiserliche Botschaft vom 17. November 1881, das 
iocialpolitische Testament unseres grossen und edlen ersten neuen 
leutschen Kaisers aus Hohenzolleriihause. Der gleiche sociale 
jreist, Avie in dieser Botschaft, trat unverkennbar in dem Erlasse 
■'einer jetzt regierenden Majestät, unseres Kaisers und Königs 
ATlhehn II. vom 1. Februar 1890 hinsichtlich der Arbeiterver- 
lältnisse hervor. 

Auf keinem anderen Boden steht die deutsche National- 
ikonomie der „socialpolitischen“ Richtung desr Gegenwart in allen 
hren Bestrebungen. Das ist aber nicht einmal ganz neuer, es 
st im Grunde uralter wahrhaft classischer Boden, auf welchen 
etzt nur die deutsche ökonomische und sociale Theorie und 
*rnxis sich bcAvusst Avieder stellen, der Bod(m, wo das Wort des 




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37 


grossen Stagiriten freilich in moderner Auslegung und mit modei-nen 
Hilfsmitteln seiner Erfüllung entgegen geführt Averden soll ; 

nöhg yivofth’ti fiiv tot” ivtxevj ooOa 6i rov iv 


Doch nun, liebe Commilitonen, zuletzt noch einige Worte 
8i)eciell an Sie am Beginn unseres neuen Studienjahres. 

Was ist es, Avorin alle Richtungen der Nationalökonomie 
von A. Smith bis Marx übereinstimmen? In der Betonung der 
Arbeit als der Grundlage jeder VolksAvirthschaft, dem Quell 
alles Volksreichthums und aller Cultui-, auch dem besten, dem ge- 
rechtesten Maassstab für die Vertheilung des Productionsertrages. 
Vermeiden Avir die zu enge unhaltbare Begiäffsbestimmung der 
Arbeit beim Socialismus, verstehen Avir unter Arbeit jede dem 
socialen Körper notlnvendige und nützliche Thätigkeit, so können 
Avir dem So(*ialismus auch in seinem Streben, der Arbeit im 
gesellschaftlichen Leben immer mehr zu ihrem Rechte zu ver- 
helfen, grade dem blossen Besitz gegenüber, sogai' beij)flichten. 
Weiter aber haben Avir zu betonen, dass alle Arbeit des Einzelnen 
nicht allein für das eigene Interesse geleistet, sondern als sociale 
und sittliche Pflicht und Lebensaufgabe soll aufgefasst und dem 
Avahren Gesellschaftsinteresse soll dienstbar gemacht Avei-den. 
Nicht minder aber endlich müssen Avir einräumen; Besitz und 
Bildung sollen Avieder nicht nur ihrem Inhaber und nicht einmal 
in erster Linie ihm bloss Rechte geben, ihm Genüsse verschaffen, 
seine ])ersönlichen Ansjaüche steigern, sollen am Wenigsten ihm 
ein Drohnendasein ermöglichen, sondern Pflichten gegen Andere, 
Pflichten gegen die ganze Gesellschaft, Pflichten gegen die in 
Besitz und Bildung zurückstehenden und die ganz besitz- und 
bildungslosen Classen und deren einzelne Angehörige auflegen. 
Das sind die gesunden ethischen und socialen Gedanken, AAelche 




38 



in diesem „socialen Zeitalter“ sich immer mehr zur Geltung ringen, 
mit iintei' dem Eintluss der neueren Nationalökonomie, aber auch 
unter demjenigen der Gährungen, welche der Socialismus hervor- 
gerufen hat. 

Da nun, Commilitonen, liegt auch ihre Aufgabe. Sie ge- 
niessen den Vorzug vor Millionen, die höchsten Bildungsstätten 
der Nation besuchen zu dürfen, hier Ihre allgemeine Bildung 
vervollständigen, hier zu Ihrer Berufsbildung den Grund legen zu 
können. Sie werden Dank Ihrer so errungenen Bildung und 
socialen Stellung die geistige Elite der Nation. Aber Sie werden 
dies wieder nicht und geniessen diese Vorzüge wieder nicht nur 
und nicht in erster Linie um Ihres eigenen persönlichen Vor- 
theils Willen, sondern um kraft dieser höheren Bildung dermal- 
einst im Dienste der Gesellschaft, im Dienste unserer Nation jene 
socialen Functionen, die Ihnen in jedem Berufe obliegen, mit 
Kopf und Herz, in der Erkenntniss Ihr(‘r PHicht zumal gegen 
die social und ökonomisch hinter Ihnen zmäickstehenden Gesell- 
schaftsclassen, besser zu erfüllen, was Sie auch werden mögen, ob 
Geistliche, ob Aerzte, ob Kichter oder Beamte, ol) Lehrer und 
Gelehrte oder Naturforscher und Techniker, ln unserem socialen 
Zeitalter passt man lliuen wie allen Angehörigen der besitzenden 
und gebildeten ('lassen scharf auf den Dienst und das ist gar 
kein l ebel. An Ihren Früchten sollen amäi Sie erkannt werden. 
Das vergessen Sie nicht. Nicht })olitisches Treiben, nicht Tlieil- 
nahme an Agitationen, nicht blosses in den Tag hinein leben im 
Genuss, so gern Ihnen harmlose Fröhlichkeit gegönnt wird, 
sondern Lernen, Arbeiten im Hinblick auf das, Avas Sie Ihrem 
Volke dermaleinst dank Ihrer höheren Bildung und günstigeren 
socialen Stellung zu leisten schuldig sind: Das ist Ihre Pflicht 
als akademische Bürger. Der Gedanke sei Ihr Leitstern. 

Je mehr die gebildeten und besitzenden Classen, statt 


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blossen egoistischen Genusslebens, diese sociale Mission erfüllen, 
desto eher av erden die Gefahren, AA^elche ein fa Ischer Socialisinus 
unzAveifelhaft in sich birgt, überAVunden, Avh-d der innere Flieden 
unserem Volke errungen Averden. Jener Frieden, für den, „dem 
A'^ateiiande neue und dauernde Bürgschaften“ zu schäften, dei- 
heisse Wunsch Kaiser Wilhelm 1. in jener Botschaft von 1881 
und das Ziel seiner Social] lolitik Avar. Er, auch hier ein Beis])iel 
und Vorbild des treuesten Arbeiters in seinem Berufe, — er, der 
nicht ruhend auf den Lorbeeren jener Kiiege, durch Avelche er 
seinem Volke das erste aller Güter errungen, der deutschen 
VolksAvirthschaft die erste aller Voraussetzungen des Gedeihens 
erfüllt hatte: die Sicherheit und Macht des Vaterlandes. — 
er, der sich im höchsten Greisenalter noch an die Aufgabe Avagte, 
nach neuen Gesichts] )unkten positive Socialpolitik zu inauguriren 
und bis in seine Sterbestunde hinein „niemals Zeit hatte, müde 
zu sein.“ Daran denken Sie jetzt in Ihrer Studienzeit: Averden 
auch Sie nie müde in der Arbeits])flicht, die Ihnen zur Vor- 
bereitung für den dereinstigen socialen Berufsdienst obliegt, die Ihr 
Vaterland Amn Ihnen in Ihrer bevorzugten Stellung A^erlaugt. 

Dann können Avir, Avie nach aussen zu, zur Sicherung des 
äusseren Friedens auf unser Heer, dem Viele A"on Ihnen ja auch 
angehören, so nach innen zu, zur Sicherung des inneren Friedens, 
auf Sie uns Aderlässen und auch hier uns gefrösten ; Lieb Vaterland,