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Full text of "Die einwirkung des krieges auf die entwicklung der tarifgemeinschaft im deutschen buchdruckgewerbe [microform]"

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MASTER NEGATIVE # 



COLUMBIA UNIVERSITY LIBRARIES 
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|Box 51 






Goetjes, Hans HelLnut, 1895- 
Die einwirkung des krieges auf die entwicklung 
der tarifgemeinsohaft im deutschen buohdruckge- 
werbe, Ifünster |^1920] 

126 p. Charts, tables, 23 cm. 

Thesis, Münster* 



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DIE EINWIRKUNG DES KRIEGES AUF 
DIE ENTWICKLUNG DER TARIF- 
GEMEINSCHAFT IM DEUTSCHEN 
BUCHDRUCKGEWERBE 



VON 






DR. RER. POL. 

HANS HELLMUT GOETJES 



DIE ARBEIT WURDE ALS INAUGURAL-DISSERTATION 
DER HOHEN RECHTS- UND STAATSWISSENSCHAFT- 
LICHEN FAKULTÄT DER WESTFÄLISCHEN WILHELMS- 
UNIVERSITÄT ZU MÜNSTER ZUR ERLANGUNG DER 
DOKTORWÜRDE VORGELEGT 







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DIE EINWIRKUNG DES KRIEGES AUF 
DIE ENTWICKLUNG DER TARIF- 
GEMEINSCHAFT IM DEUTSCHEN 
BUCHDRUCKGEWERBE 



VON 



DR. RER. POL. 

HANS HELLMUT GOETJES 



DIE ARBEIT WURDE ALS IN AUGUR AL -DISSERTATION 
DER HOHEN RECHTS- UND STAATSWISSENSCHAFT- 
LICHEN FAKULTÄT DER WESTFÄLISCHEN WILHELMS- 
UNIVERSITÄT ZU MÜNSTER ZUR ERLANGUNG DER 
DOKTORWÜRDE VORGELEGT 



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REFERENT: 

HERR PROFESSOR DR. J. PLENGE, MÜNSTER 

KORREFERENT: 

HERR PROFESSOR DR- SCHMÖLE, MÜNSTER 







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Inhaltsübersicht. 



- • *- 



Einleitung; Entwickelung bis zum Kriegsausbruch 9 — 35 

1. Aufbau und Marktlage der Buchdruckerei 9 13 

2. Entwickelung des Organisationsgedankens im Buchdruck- 
gewerbe bis zum Vertrag von 1911 14—19 

3 . Organisatorischer Aufbau der Tarifgemeinschaft nach dem 

Vertragsinhalt von 1911 19 26 

4 . Weiterentwickelung der Zusammenarbeit zwischen Arbeitgebern 

und Arbeitnehmern bis zum Kriegsausbruch 27—35 

I. Abschnitt; Die Buchdruckerei als Kriegsindustrie - , , . 36 — 42 

1. Allgemeinwirtschaftliche Kriegswirkungen 36—37 

2. Die drei Konjunkturperioden des Buchdruckgewerbes , , . 37 42 

II. Abschnitt: Der Arbeitsmarkt während des Krieges , . , 43-59 

a) Während der Kriegsepoche , , 43 54 

1. Arbeitslosigkeit und ihre Behebung 43 45 

2. Arbeitermangel und Ersatzkräfte 45 52 

3 . Der gewerbliche Nachwuchs , . . 53-54 

b) In der Revolutionsperiode 54 59 

1. Krisis auf dem Arbeitsmarkt 54 55 

2. Künstlicher Ausgleich 56—58 

3 . Reform des Lehrlingswesens 53—59 

III. Abschnitt: Die wirtschaftliche Lage der Gehilfen .... 60-80 

a) In der Kriegsperiode 50 73 

1. Lohnsteigerungen 5 q_57 

2. Hoher Nominallohn — ungenügender Reallohn 67 —73 

b) Während der Revolution 

1. Sprunghafte Lohnerhöhung in Deutschland — allmähliche 

Weiterbildung im Ausland 73 79 

2. Die Zukunft der gleitenden Lohnskala 79-80 

IV. Abschnitt: Die wirtschaftliche Lage der Prinzipale . . . 81—86 

a) Während des Krieges gl 35 

1- Erhöhung der Produktionskosten 81 — 82 

2. Das Überwälzungsproblem 35 



5 



b) Während der Revolution 

1. Finanzielle Überlastung * 

2. Zusammenbruch oder Nominallohnherabsetzung . 

V. Abschnitt: Wandlungen in der Tarif gemein s chaft 

a) Während des Krieges . . 

1. Erhaltung der Form 

2. Auflösende Kräfte 

b) Während der Revolution 

1- Das Arbeitsrecht der Revolution 

2. Chaos und Trümmer 

3. Der Kampf um die Tarifgemeinschaft .... 

4. Die Organisationsprobleme der Revolution 

Ausblick; Neue Organisationsziele 



Anhang: Die Schäffersche Studie über eine ,,neue Berufs- 
verfassung für das Deutsche Buchdruckgewerbe . 



87-117 

87- 89 
87 

88- 89 

89- 117 
89— 98 
98-101 

101-106 

106—117 

118-121 

122—126 






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Literaturverzeichnis , 

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Desgleichen Sonderheft 10 des Reichsarbeitsblatts. Berlin 1914. 

Desgleichen Sonderheft 12 des Reichsarbeitsblatts, Berlin 1916, 

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6 



7 





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über das Jahr 1918, Berlin 1919. 

Reichsarbeitsblatt, Jahrgang 1914, 1915, 1918, 1919, Sonderhefte 9, 
11, 13, 16. 17, 19. 20, 21. 

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Typograph. 

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Wölbling, P, Der Akkordvertrag und der Tarifvertrag, Berlin 1908, 

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Leipzig. 

Zimmermann, W'. Die gesunkene Kaufkraft des Lohns, Die Bedeutung 
der Frage für die deutsche Volkswirtschaft und Sozialpolitik, Jena 1919. 



8 









I 

I 



Einwirkung 

des Krieges auf die Entwickelung der Tarif- 
gemeinschaft im Deutschen Buchdruckgewerbe, 

Einleitung, 

Entwickelung bis zum Kriegsausbruch. 

Kennzeichnend für den Buchdruck im Gegensatz zu den 
übrigen polygraphischen Gewerben ist die mechanische Verviel- 
fältigung von Schriftzeichen unter Anwendung beweglicher Typen. 
Die praktische Durchbildung des Verfahrens zeigt eine weit- 
gehende Vielseitigkeit der Zweige und Betriebsformen der Buch- 
druckerei, 

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Zunächst scheidet die Verschiedenartigkeit der Anforderungen 
von seiten des Auftraggebers die Druckarbeiten in drei Klassen: 
Werkdruck heißt der eigentliche Bücherdruck, dem Zeitungsdruck 
fällt die Herstellung der täglich oder mehrmals wöchentlich er- 
scheinenden Nachrichtenblätter zu; der Akzidenzdruck endlich 
umfaßt alle zufällig und unregelmäßig einlaufenden Aufträge, die 
durch die Bedürfnisse des gewerblichen und geselligen Lebens 
verursacht werden, wie Herstellung von Geschäftspapieren, 
Katalogen, Formularen, Plakaten, Programmen, Visitenkarten 
u. a. — Die genannten Zweige der Buchdruckerei stellen an den 
Betrieb völlig verschiedene Anforderungen. Während Werk- 
druck eine gewisse gleichmäßige Sorgfalt der Ausführung ver- 
langt, ist beim Zeitungsdruck nicht die Qualität, sondern die 
Schnelligkeit der Herstellung Haupterfordernis. Akzidenzen 
wiederum erfordern individuellste Anpassung an den Geschmack 
des Kunden, künstlerische, bis ins Detail gehende Behandlung der 
Arbeit. Die Betriebe müssen sich diesen Voraussetzungen durch 
Spezialisierung von Maschinen und Arbeitskräften anpassen. 



9 





Während Akzidenzdruckereien Tiegeldruckpressen und kleinere 
Schnellpressen verwenden, schafft der Werk- und ganz vor allem 
der Zeitungsdruck durch die Notwendigkeit, große Auflagen in 
kürzester Zeit zu liefern, die Grundlage für die rentable Aus- 
nutzung der modernen Riesenmaschinen, der sogenannten 
Rotationspressen. Die Differenzierung der menschlichen Arbeits- 
kraft beginnt zunächst bei der Zerlegung des Buchdrucks in Satz 
und eigentlichen Druck. Die Arbeitsteilung zwischen Setzern 
und Druckern ist ursprünglich, d. h. zu Beginn der geschichtlichen 
Entwickelung des Gewerbes nicht streng durchgeführt; der 
Schweizerdegen, der sich auch heute noch im Kleinbetrieb er- 
halten hat, beherrscht gleichmäßig die Fertigkeiten des Setzens 
wie des Drückens. Andererseits führt die moderne Entwickelung, 
insbesondere die spezialisierten Erfordernisse des Akzidenz- 
drucks zu immer weitgehenderer Arbeitsleilung. Im Satz haben 
sich die Funktionen des Werk-, Zeitungs-, Akzidenzsetzers, des 
Tabellen-, Inseraten-, Katalog-, Notensetzers, endlich des 
Maschinensetzers und des Metteurs, der nach Fertigstellung die 
einzelnen Satzstücke, den sogenannten „Paketsatz", ,, umbricht" 
und in Seiten und Bogen ordnet, herausgebildet. Im fertigen Satz 
werden vom Korrektor etwaige Fehler festgestellt und vom 
Setzer beseitigt. Das ,, Zurichten" der Form, d. h, das Aus- 
gleichen der Unregelmäßigkeiten der Druckfläche, ist Aufgabe des 
Maschinenmeisters, der auch den eigentlichen Druck besorgt. 
Auch bei der Drucktätigkeit werden zahlreiche Spezialarbeiter 
beschäftigt; so kennt man Farben- und Illustrations-, und Zeitungs- 
drucker, die sich je nach Art ihrer Tätigkeit auf ein bestimmtes 
Verfahren oder eine bestimmte Maschine eingestellt haben. End- 
lich sind noch die zahlreichen Hilfskräfte zu erwähnen, wie An- 
leger, Bogenfänger, Formenwäscher, Papierträger, Monteure u. a., 
die in der Praxis beruflich jedoch nicht als Buchdrucker, also nicht 
als gelernte Gehilfen angesehen und behandelt werden. 

Neben der aus der Natur des Gewerbes sich ergebenden 
Verschiedenartigkeit der Betriebszweige ist die Hauptursache der 
Differenzierung der Arbeitskräfte die zunehmende Bedeutung des 
Großbetriebs. Infolge der Ausgestaltung des Verkehrs und der 
Anknüpfung internationaler Beziehungen zwischen den einzelnen 
Volkswirtschaften bildet sich im Laufe des 19, Jahrhunderts ein 
literarischer Massenbedarf heraus. Die Anhäufung zahlreicher, am 



10 



gesamten politischen und wirtschaftlichen Leben interessierter 
Menschen in den Großstädten schafft das Bedürfnis nach regel- 
mäßiger, täglicher Berichterstattung, Die durch Gesetzgebung ge- 
förderte Schulbildung hebt das allgemeine geistige Niveau und 
bildet immer neue Interessenten und damit Konsumenten für schön- 
geistige und wissenschaftliche Literatur heran. Reklame und 
Propaganda der modernen Industrien fordern Riesenauflagen der 
Akzidenzen in früher ungeahntem Maßstab, Alles dies begün- 
stigt die Entwicklung zum Großbetrieb. 

Dennoch ist wesentlich und durch die Statistik gerade in den 
letzten Jahren wieder belegt, daß sich der Kleinbetrieb in der 
Buchdruckerei neben dem Großbetrieb nicht nur erhält, sondern 
der Zahl nach weiter zunimmt. Der Grund ist zu suchen einmal 
in der billigeren Herstellung von Akzidenzen in geringerer Auf- 
lagenzahl durch die Kleinbetriebe. Der Konkurrenzkampf zwingt 
den Kleindrucker häufig zu einer nur durch äußerste Ausnutzung 
der Arbeitsmittel und Arbeitskräfte ermöglichten Herabsetzung 
der Preise, mit der der Großbetrieb infolge höherer allgemeiner 
Unkosten nicht Schritt halten kann. Ferner ist für die Erhaltung 
des Kleinbetriebes die durch die Art der Auftragserteilung von 
Akzidenzen bedingte Betriebsorganisation entscheidend. Ein 
festes Produktionsprogramm mit weitausschauender Bedarfs- 
berechnung und darauf basierender bewußter Vereinigung der 
Produktionselemente macht der Akzidenzbetrieb unmöglich; die 
ganze Unternehmung hat abwechselnd unregelmäßige Perioden 
größter Arbeitsfülle und völlig flauen Geschäftsgangs. Diesen 
Voraussetzungen kann sich naturgemäß der auf rentabelste Aus- 
nutzung maschineller und menschlicher Arbeitskraft eingestellte 
Großbetrieb nur selten anpassen. 

Die eigenartige Selbständigkeit verschiedener Größen- 
klassen nebeneinander führt zu einer allgemeinen Betrachtung 
über die Bedingungen der Produktionsverhältnisse, d. h. die 
Marktlage. Die Buchdruckerei umfaßt im allgemeinen nicht den 
gesamten Produktionsprozeß, ist vielmehr abhängig von anderen 
Industrien, die die Vorarbeit besorgen oder das Druckerzeugnis 
erst für den Konsum fertigmachen, Papierfabriken, Schriftgieße- 
reien, Farbwerke, Maschinenfabriken liefern Rohstoffe und Ein- 
richtungen, der Verleger Klischees und Manuskripte; der Buch- 
binder macht die Produkte absatzfähig. Die Tätigkeit des Buch- 




J. ' 



druckers beschränkt sich auf die Fertigstellung des Drucks. Aus- 
nahmen von dieser Betriebsform des Lohndrucks machen die v, 

großen Zeitungsbetriebe und Verlagsanstalten mit eigenen 
Druckereien, in denen sämtliche Produktionselemente vereinigt 
werden. Häufig sind solchen Unternehmungen auch Schriftgieße- 
reien und andere Hilfsbetriebe angegliedert. Als Beispiel einer 
solchen Druckerei, die den gesamten Produktionsprozeß umfaßt, 
sei das Bibliographische Institut in Leipzig genannt. Die Regel 
bildet bei der überwiegenden Anzahl der Betriebe jedoch der 
Lohndruck. Hierbei ist eine ständige Abhängigkeit von der jewei- 
ligen Marktlage zahlreicher anderer Industrien gegeben. 

Die Buchdruckerei kann keine Produktion auf Vorrat be- 
treiben, sie ist vielmehr auf die Befriedigung unmittelbaren und 
individuellen Bedarfs von Fall zu Fall angewiesen; das Schwanken 
des Bedarfs bildet eine Quelle ständiger L nruhe für das Gewerbe. 

Besonders scharf tritt dies in dem Anschwellen der Aufträge um 
die Weihnachtszeit und in der Beschäftigungslosigkeit im Sommer 
in die Erscheinung. Man hat in dieser Beziehung die Buch- 
druckerei geradezu als Saisongewerbe bezeichnet. 

Auch der Wechsel der Mode — man denke an die Aus- 
stattung der Reklamedrucksachen — trägt ein Moment der 
Unstetigkeit in den Produktionsprozeß. Endlich sind die aus dem 
Anwachsen des Sachkörpers hervorgehenden Störungen und 
Schwankungen im Buchdruckgewerbe besonders fühlbar. Die 
Drucktechnik macht von Jahr zu Jahr Wandlungen durch: neue 
Maschinen revolutionieren ein jahrhundertelang geübtes Ver- 
fahren; anders wirkende Druckfarben, Schriften, Ziermaterialien 
kommen auf den Markt und erfordern bei der Anschaffung erheb- 
liche Kapitalaufwendungen. 

Man sieht; Überall Unruhe, im Bedarf, im Konsum, im 
Wachstum des Sachkapitals. Überall die Notwendigkeit der An- 
passung, des elastischen Ausgleichs. 

Die dem Wesen der Buchdruckerei innewohnende Notwen- 
^digkeit sich individuellen, unregelmäßig eingehenden Aufträgen * 

anzupassen, führt weiterhin zu einer theoretischen Auseinander- 
setzung mit der Frage über die Möglichkeit einer zentralisierten 
Verkaufsorganisation innerhalb des Gewerbes. Die Grundlage 
einer solchen Kartellierung müßte ein Preismonopol bilden. 
Beschränkung des Angebots durch Anfertigung von Stapelware 




12 



/ 



ist in der Buchdruckerei nicht möglich, dagegen könnte durch 
Beschränkung der Leistungen ein Druck auf die Konsumenten, 
die ein bestimmtes Minimum an Bedarf befriedigen müssen, 
ausgeübt und dadurch Monopolpreise nach einem festen Preis- 
tarif durchgesetzt werden. Leistungsbeschränkungen wären nur 
denkbar mit Hilfe einer Auftragsverteilungsstelle und einer Ver- 
kaufszentrale. Da das Druckgewerbe fast nur individuelle Quali- 
tätsware liefert, deren Herstellung nicht ohne unmittelbare 
Fühlung zwischen Hersteller und Kunden, deren Verkauf auf der 
Grundlage bürokratischer Verwaltung im Großen überhaupt nicht 
möglich ist, so muß der Gedanke einer Auftragskontingentierung 
als technisch ebenso undurchführbar gelten, wie der eines zen- 
tralen Verkaufsapparates. Hinzu kommt die oben festgestellte 
Verschiedenartigkeit der Größenklassen. Im allgemeinen werden 
sich nur solche Gewerbe zu Kartellen zusammenschließen können, 
die möglichst gleichartige Betriebsformen, gleiche Herstellungs- 
kosten und gleiche soziale Schichtung der Prinzipale verbinden. 
Nach der Statistik der Buchdruckerberufsgenossenschaft gehören 
von den 8471 im Jahre 1917 vorhandenen Betrieben 58 Prozent 
der kleinsten Betriebsgröße bis zu 5 Arbeitern an. Bei einer der- 
art großen Zahl von Unternehmungen ist selbstverständlich der 
Ausgleich aller verschiedenen Meinungen und Einzelinteressen in 
einer gemeinsamen Organisation ungeheuer erschwert. Die 
Betriebsform des Handwerks, die wie oben festgestellt im Buch- 
druckgewerbe eine wesentliche Rolle spielt, trägt zugleich in der 
Person des Geschäftsinhabers andere geschäftliche Methoden 
und Ziele, als beispielsweise eine Riesenunternehmung in der 
Großstadt in sich. Der ehemalige Gehilfe, der eine eigene 
Druckerei gründet, ist weniger Kaufmann als Handwerker. Seine 
Kalkulation, sein Gewinnstreben sind verschieden von dem des 
Großunternehmers. Immerhin muß vermerkt werden, daß diese 
Schwierigkeiten durch eine wohldurchdachte Verwaltungsorgani- 
sation möglicherweise überwunden werden könnten. Dagegen 
macht die technische Undurchführbarkeit eine Auftragskontin- 
gentierung eine Produktions- und Verkaufskartellierung im Buch- 
druckgewerbe unmöglich. 









* 






* 



13 









Wie hat sich nun im Rahmen dieser allgemeinen Bedin- 
gungen der Produktionsverhältnisse das Arbeitsverhältnis und 
insbesondere die Zusammenarbeit zwischen Arbeitgebern und 
Arbeitnehmern im Buchdruckgewerbe geschichtlich entwickelt? 

Das heute allgemein anerkannte Prinzip der gemeinsamen 
Festsetzung der Arbeitsbedingungen durch Prinzipale und Gehilfen 
mußte sich in der zweiten Hälfte des 19, Jahrhunderts in heftigen 
sozialen Kämpfen durchsetzen. Mit der E.inführung der Gewerbe- 
freiheit wurde der Arbeitsvertrag der freien Vereinbarung 
zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer überlassen. Da die wirt- 
schaftlichen Machtmittel in Händen des Prinzipals lagen und ihre 
Anwendung weder durch gesetzliche Schranken, noch durch 
soziale Kampfmittel auf der Gegenpartei begrenzt war, wurde der 
Arbeitsvertrag einseitig vom Unternehmer diktiert. Die domi- 
nierende Stellung des Arbeitgebers wirkte sich in dem Bestreben 
aus, die Arbeitskraft möglichst zu verbilligen. Dies wurde erreicht 
einmal durch ausgiebige Lehrlingszüchterei, ferner durch möglichst 
umfangreiche Heranziehung von Maschinen unter Anwendung 
lohndrückender Akkordsätze für Maschinenarbeit, So setzten 
die Bestrebungen der Nationalen Buchdruckerversammlung, die 
1848 in Mainz unter dem Einfluß der politischen Freiheitsbewe- 
gung zusammentrat, um auf der Grundlage des gewerblichen Mit- 
bestimmungsrechts der Gehilfen einen nationalen Tarifvertrag zu 
schaffen, bei diesen Problemen ein. Eine Petition der Konferenz 
an die Deutsche Nationalversammlung in Frankfurt forderte 
Überwachung des Lehrlingswesens und Regulierung und Beschrän- 
kung der Maschinenarbeit. Der gleichzeitig von der Versammlung 
anerkannte nationale Buchdruckertarif setzte Mindestakkordsätze 
fest und führte eine beschränkende Lehrlingsskala ein. Damit 
waren die im Laufe der tariflichen Entwicklung immer wieder- 
kehrenden Grundprobleme zum erstenmal angeschnitten. Daß 
diese Forderungen durch alleinigen Beschluß einer zweifellos nur 
unvollständig beschickten, durch die Zeitereignisse radikal 
gefärbten Gehilfenversammlung nicht verwirklicht werden 
konnten, sahen die geistigen Urheber der Bewegung selbst ein. 
Das entscheidende Erfordernis wurde mit aller Schärfe erkannt; 
Die Organisation. Die Einsicht dieser aus den geschul- 
testen Köpfen einer geistig hochqualifizierten Arbeiterschaft zu- 
sammengesetzten Versammlung ging sogar erstaunlich weit. Man 



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V, 



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/ 



14 



gründete nicht nur als Gehilfenverband den „Nationalen Buch- 
drucker verein , sondern erkannte in bewundernswertem Weit- 
blick die Organisationsnotwendigkeit auf der Gegenseite und 
forderte die Nationalversammlung auf, eine Prinzipalsvereinigung 
ins Leben zu rufen. 

Da jedoch die bald einsetzende Reaktion durch Koalitions- 
Verbote diesen Bestrebungen die primitivsten organisatorischen 
Voraussetzungen nahm, so wurde auch der vereinbarte Tarif hin- 
fällig; nur einzelne örtliche korporativ abgeschlossene Verträge 
konnten aufrecht erhalten werden. Träger dieser Vereinbarungen 
waren Ortsvereine, die trotz aller Koalitionsbeschränkungen nicht 
nur fortbestanden, sondern sich lebhaft weiter entwickelten. So 
wurde 1866 die Gründung eines Zentralgehilfenverbandes für ganz 
Deutschlands des ,, Verbandes der Deutschen Buchdrucker" mög- 
lich. Doch erst, als der ,, Deutsche Buchdruckerverein" im Jahre 
1869 in Tätigkeit trat, und damit eine entsprechende Prinzipals- 
organisation geschaffen war, war die organisatorische Grundlage 
für den Abschluß von Tarifverträgen gegeben. Auf Arbeitgeber- 
seite führte den Zusammenschluß der Kampf gegen die Schmutz- 
konkurrenz gewissenloser Unternehmer herbei. Bezeichnend hier- 
bei ist, wie die Betätigung eines schrankenlosen Individualismus 
als Abwehr den Gemeinsinn weckt. Man kann in der Entwicklung 
der Buchdruckertarifgemeinschaft die Auswüchse individualisti- 
scher Wirtschaftsführung, wie Lehrlingszüchterei, Lohnherab- 
setzung und freien Arbeitsvertrag bei Anwendung von Maschinen- 
arbeit, Schleuderkonkurrenz geradezu als organisatorische Trieb- 
kräfte, als ,, Organisationsbildner" bezeichnen. 

Mit der Begründung des Prinzipalsvereins und des Gehilfen- 
verbandes war die Voraussetzung zum Abschluß eines Reichstarifs 
und zur Bildung einer Tarifgemeinschaft erfüllt. Nach erbitterten 
Lohnkämpfen, die durch Streikbewegungen und Boykotts gekenn- 
zeichnet waren, kam 1873 der erste Tarifvertrag zustande und 
zwar fungierten als Vertragskontrahenten die Gesamtheit der 
Prinzipale und die Gesamtheit der Gehilfen. Außer Festsetzungen 
über Lohn- und Arbeitszeit enthielt der Tarif das Gerippe einer 
gemeinschaftlichen Organisation von Arbeitgebern und Arbeit- 
nehmern, also die Grundlage der Tarifgemeinschaft. Als Organe 
sollten tätig sein: die Tarifrevisionskomnjission, und in jedem der 
neu gebildeten 12 Tarifkreise ein Schiedsamt mit einem Einigungs- 



15 






amt als oberster Berufungsinstanz, Diesem paritätisch zusammen- 
gesetzten Verwaltungsapparat fehlte allerdings jede straffe Zen- 
tralisation und ganz vor allem eine Leitung; denn die Tarif- 
revisionskommission trat jährlich nur einmal zusammen und kam 
daher als tätige Spitze der neu geschaffenen Arbeitsgemeinschaft 
nicht in Betracht. Die Folge war, daß der Vertrag nicht einheitlich 
gehandhabt wurde, vielmehr, besonders in Prinzipalskreisen in- 
folge der heftigen Konkurrenz durch Außenstehende, Neigung 
bestand, die tariflichen Bestimmungen zu umgehen. 

Einen merklichen Fortschritt brachte erst die Erneuerung 
des Tarifs von 1886. Hier wurde zum erstenmal die Lehrlings- 
frage im Kollektivvertrag geregelt. Die Einführung einer Skala 
sollte die vorhandene Überzahl von Lehrlingen innerhalb von 
3 Jahren herabdrücken. Seitdem hat die Lehrlingsfrage für die 
Gehilfen bei jeder Erneuerung des Tarifvertrags im Vordergrund 
des Interesses gestanden. Tatsächlich ist durch konsequentes 
Festhalten an der beschränkenden Skala die Zahl der Lehrlinge 
im Verhältnis zu den Gehilfen wesentlich zurückgegangen. Die 
Entwicklung zeigt die folgende Tabelle (Zahlen nach der Statistik 
des Tarifamts der deutschen Buchdrucker): 



Jahr 


1886 


1894 


1900 


1904 


1906 


1910 


: 1912 


1914 


1917 


Gehilfen . . 


— 


— 


— 


40 000 


51 404 


58 200 


65 289 


75 500 


30 078 


Lehrlinge . . 


— 


— 


— ■ 


9 222 


12 181 


15 598 1 


1 16 928 


16 435 


14 246 


0 

0 


35,6 ' 


42,5 

1 


26,3 


22,8 


23,7 1 


26,8 


25,9 1 


21,8 


47,4 



Der bedeutende Einfluß der tariflichen Bestimmungen auf 
die Abnahme der Lehrlingszahl ist unverkennbar. 

Auch organisatorisch wirkte der’ Tarif von 1886 bahn- 
brechend. Die Tarifrevisionskommission wurde als ständig 
tagende oberste Zentralinstanz konstituiert Damit war ein Organ 
geschaffen, das die Durchführung der Vertragsbestimmungen 
überwachen und durch scharfes Vorgehen gegen Tarifbrüchige 
die Einheit der Gemeinschaft fördern sollte. Dieser Gedanke der 
Einheit — die unbedingte Voraussetzung jeder Organisation — 
war jedoch den Tarif kontrahenten noch nicht in Fleisch und Blut 
übergegangen. Das erwies das völlige Zusammenbrechen der 
Tarifgemeinschaft unter der ersten größeren Belastungsprobe. 
Unter dem Einfluß des internationalen Sozialistenkongresses und 

16 




i 



des marxistischen Ideenkreises stellten die Gehilfen im Oktober 
1891 Antrag auf Herabsetzung der Arbeitszeit auf Stunden, 
Dies war der unmittelbare Anlaß zu dem Riesenkampf, der acht 
Wochen lang das deutsche Buchdruckgewerbe erschütterte und 
ungeheure Summen auf beiden Seiten verschlang. Die innere 
Ursache liegt dort: einmal hatten beide Parteien die gegenseitigen 
Kräfte noch nicht richtig werten gelernt, ferner waren die Glieder 
der Vertragsgemeinschaft noch nicht zur Einheit verschmolzen, 
stellten vielmehr ihr scheinbar wichtigeres Sonderinteresse aus 
Mangel an Organisationsverständnis über den Gedanken der 
Erhaltung des gewerblichen Friedens durch eine übergeordnete 
Arbeitsgemeinschaft. Dazu kam als wirtschaftliches Moment, das 
in jeder Organisation die inneren Reibungen verschärft und häufig 
die Einheit im offenen Kampf zerschlägt, die Konjunktur. Die 
ersten neunziger Jahre brachten dem Buchdruckgewerbe eine 
empfindliche Verschlechterung des Geschäftsganges. So war auf 
Prinzipalsseite an Bewilligungen nicht zu denken. Andererseits 
ließ die Beschäftigungslosigkeit des Gewerbes Tausende von 
Gehilfen brotlos werden. So war die Organisation der Tarif- 
gemeinschaft einem Ansturm von Konjunktur ausgesetzt, der zum 
Zusammenbruch führte. Wieder bewahrheitete sich der Satz: 
„Je stärker die Konjunktur, desto stärker der Kampf!"*), 

Fast 12 000 Gehilfen beteiligten sich an dem Streik; über 
21/2 Millionen Mark wurden für Streikunterstützung ausgegeben. 
Finanzielle Erschöpfung führte zur Niederlage der Gehilfen. Die 
Folge war formelle Wiederinkraftsetzung des alten Tarifs, tat- 
sächlich jedoch eine völlige Tarifanarchie für die nächsten fünf 
Jahre, da die Organe der Gemeinschaft ihre Tätigkeit eingestellt 
hatten, und alle Vereinbarungen von beiden Kontrahenten miß- 
achtet wurden. 

Die chaotischen Zustände auf gewerblichem Gebiet — 
Schmutzkonkurrenz und Lehrlingszüchterei**) blühten wie nie 
zuvor — fügten die Glieder in gemeinsamer Abwehr wieder zur 
Einheit zusammen. Dem von der Konjunktur begünstigten Jahr 
1896 verdankt die gegenwärtige Organisation der Tarifgemein- 
schaft im deutschen Buchdruckgewerbe ihre Entstehung. Die 

*) Vergleiche PI enge; Drei Vorlesungen über die allgemeine Organi- 
sationslehre 1919. 

Die Verhältniszahl war wieder auf 42,5 i. J. 1894 gestiegen. Vgl, S, 16. 



Grundzüge der Verfassung sind seitdem im wesentlichen dieselben 
geblieben. Der Vertrag wurde zunächst auf 5 Jahre zwischen der 
Allgemeinheit der Prinzipale und Gehilfen abgeschlossen und 
seitdem alle fünf Jahre, also 1901, 1906 und 1911 revidiert und 
erneuert. Ehe wir den Aufbau der Buchdruckergemeinschaft nach 
dem Tarif von 1911 zergliedern, soll noch eine für die spätere 
Entwicklung wesentliche Tatsache angemerkt werden. Die 
Revision von 1906 schuf eine Sicherung für den Aufbau der Ver- 
tragsgemeinschaft, indem sie durch einen besonderen Gewähr- 
leistungsvertrag zwischen dem „Deutschen Buchdruckerverein“ 
und dem ,, Verband der Deutschen Buchdrucker“ die tatsächlichen 
Träger der gemeinsamen Organisation auch formell und rechtlich 
für die Erhaltung des Ganzen haftbar machte. Jeder Kontrahent 
verpflichtete sich in diesem sogenannten „Organisationsvertrag“, 
der zunächst auf die Dauer von 10 Jahren, also bis zum 
31. Dezember 1916, abgeschlossen wurde, für Schäden, die durch 
die Mitglieder des Vereins der Gegenpartei verursacht würden, 
selbstschuldnerisch einzutreten. Ferner sollte durch diesen 
Zusatzvertrag der ,,ausschließliche Verbandsverkehr“, d, h, die 
alleinige Beschäftigung von Verbandsgehilfen bei Prinzipalen, die 
dem Verein angehörten, durchgesetzt werden. Diese Forderung 
war von den Gehilfen schon 1889 gestellt worden, um den Nicht- 
verbändlern jeden Einfluß auf die Tarifgenieinschaft zu entziehen 
und sie zum Eintritt in die Gewerkschaft zu zwingen. Tatsächlich 
wurde durch die in den Organisationsvertrag von 1906 aufge- 
nommene Bestimmung über den ausschließlichen Verbandsver- 
kehr der Grundsatz der Allgemeingeltung des Tarifs für alle 
Tariftreuen ohne Rücksicht auf die Verbandszugehörigkeit durch- 
brochen und den Verbänden eine Monopolstellung eingeräumt, die 
in ihrer Wirkung einem Organisationszwang zugunsten des Ver- 
eins und zugunsten des Verbandes gleichkam. Daß diese Maß- 
nahme auch die Einheit der Tarifgemeinschaft wesentlich förderte, 
wurde kurzsichtig genug von den meisten Interessentenkreisen 
übersehen und das politische Moment in den Vordergrund gestellt. 
Eine heftige Polemik gegen die ,, Bevorzugung des sozialdemokra- 
tischen Gehilfenverbandes“, die von Kreisen ausging, von denen 
das Buchdruckgewerbe zum Teil abhängig war, zwang 1907 die 
Organisatoren der Tarifgemeinschaft, den ausschließlichen Ver- 
bandsverkehr fallen zu lassen. In der letzten Fassung des Ver- 



1 






MtfuJtrKende Kräfte { 






ÖffencCLctie i^elnungr 



Kelch. 



Jnteresöengpüncie { PreisschTeuderei M<i^d^^n = 

-3^'YARireEÄElfis^ 



TARIFE 

PRINZIPALE 



:iPÄLE Aufg^en. , 

— ( Pretstarlf 1 ) SotmtiirLf £ehrCiT 2 gsö& T^aschinßnj- 

PQINZ/PAL3 stimniungen bescimmungren- 

ZENTPai-OQe/yV/^riOrv OQGm/3AT/ON3U£GrQAG 



_ TARIF - 
GEHILFEN 



GEHILFEN 

ZENTQAL-OPGANI5A TJON 



Kreis 



BERLQiNUNe^ 'ÜMT 

PreiE>tidrtf 

ZENTR^.L-BE5CKVER[>E: 
^ A^^T 



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^TADlIftüSSCHÜSS ^ 




TARIF- 

PRINZIRAi:r~~-~~^_ 




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PRINZIPALS ^ 

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BESgfWERDE» 

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Ort 



ßEQECHNUr/055TELL£ 

Preis Tarif 



SCHIEDSGERICHTE 

<- 

^ ZENTRALSTELLE ^ 

cCarbeitsnachweise < 




- TARIF- 
GEHILFEN 



GEHILFEN 

KREIS-ORGANISATION 



TAPIFz_ I 

PRINZIRÄLE~r~ — K:rr-;: 

PRINZIPALS 

Betrieb ORTS-ORGANISATION 



OJ2TS ARBEITSNACHWEISE. 

( VERWALTER,) 4, 



GESCHÄFrSLEITÜNG 




TAD I F- 

ORTS-ORGANISATION „ _ . 



BETRIEBSRAT 



AUFSIChfTSRAT 



VERTRAUENS 
^ AAANN * 



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BETR 1 EBSVER 5 AAWLUN 6 



GEHILFEN 



^(düu j ~ i ~~Ti"i7 ” PiihßCpalEipöJteL. 

ff ff ff ~ Gehüfenpartei. 



Grun( ) WediselbG^LehLirigLerijcvi&cTzericieizOrgEUiea. 

^chwai^^ Schri/iffrö'ße I = Organe der 7 h.rl/^.enzelnE<fia/!t 7 
KhrsÜJ ^Organe Ciep Pnnsinal^ Q^ul^rr—Orga nls^rfrir z , 



Durxhgehjenzie Sintert JS>Lxll ll. Rot = 
OrgariMId u ng durch. Wahl beider Parteleru, 

Qjeörochene Sirden Blau. ll. Rot — 
Vertretung duixtu Heiegdeite^ 




träges wird von den beiderseitigen Vereinsmitgliedern allein noch 
„Tariftreue“ bezw, Zugehörigkeit zur Tarifgemeinschaft gefordert. 
Auch der § 6 der Vereinbarung, der die Besetzung der Tariforgane 
mit Mitgliedern der vertragschließenden Vereine vorsah, mußte 
infolge der erwähnten Angriffe aufgegeben werden. Da tatsäch- 
lich jedoch schon längst nur Angehörige des Prinzipalvereins und 
des Gehilfenverbandes Mitglieder der tariflichen Körperschaften 
waren, so wurde an dem bestehenden Zustande nichts geändert. 



* 

■! 



\l 



Um nunmehr den organisatorischen Aufbau der Tarifgemein- 
schaft nach dem Vertrag von 1911 verständlich zu machen, stellen 
wir der weiteren Betrachtung ein Organisationsschema 
voran. Bei Organisationsfragen ist diese Methode die einzig mög- 
liche, weil sie allein schlagartig alle Verhältnisse, Beziehungen, 
Wechselwirkungen der Eingliederung der Teile in das Ganze 
erhellt. W^enn man als Außenstehender einen Einblick in das 
Wesen einer Organisation gewinnen will, so kommt es darauf an, 
mit einem Blick den Organisationskörper nach Eingliederung und 
Arbeitsteilung der Organe zu verstehen. Es kommt weiter darauf 
an, die persönlichen Kontrahenten und ihre Interessen zu erfassen, 
also Antwort auf die Fragen zu gewinnen: werträgt das Ganze 
und welche Faktoren haben die Entstehung der Gemeinschaft ge- 
fördert, sind also als organisierendes Prinzip zu 
werten? Dies führt wiederum zu dem entscheidenden Problem 
vom Zweck der Organisation. Eine solche Vergegen- 
ständlichung einer Organisation kann nie durch noch so aus- 
führliche schulmäßige Aufzählung und Darstellung, sondern nur 
durch die von P 1 e n g e , Münster geschaffene und mit Erfolg in 
allen Zweigen des Organisationswesens angewandte Methode des 
Organisationsschemas erreicht werden (vergl. die Tafel). 

Die Tarif gemeinschaft ist zunächst keine einfache Interessen- 
konzentration, wie beispielsweise die Gewerkschaft, sie geht 
vielmehr aus verschiedenartigen Interessen zweier Parteien her- 
vor, die sie zu einer Interessenkombination zusammenschweißt. 
Persönliche Träger des Ganzen sind der Form nach die Gesamt- 



2 * 



19 




t eit der Tarifprinzipale auf der einen, die Gesamtheit der Tarif- 
gehilfen auf der anderen Seite, Tatsächlich ruht das Gebäude 
£uf den hinter dieser Allgemeinheit stehenden Organisationen, 
cem Gehilfenverband und dem Prinzipalverein (in 
cer Tafel durch die Wellenlinien angedeutet), die durch den sie 
A erbindenden Organisationsvertrag die Gemeinschaft innerlich 
sichern, und die durch ihre einerseits auf der Geschäftsleitung 
cndererseits auf den Gehilfen des Betriebes ruhende, über Ort, 
I>eis zur Reichsorganisation durchgebildete Gliederung überall 
c en Rückhalt für die Organe der Gemeinschaft bilden. Dieser 
T.influß tritt nach außen in Erscheinung durch die Entsendung be- 
sonderer Vertreter in die Tariforgane (in der Tafel gebrochene 
1 inien). 

Welche Interessengründe führen nun die Beteiligten 
( azu, ihre natürliche Kampfstellung gegeneinander aufzugeben und 
sich zu einer Gemeinschaft mit gemeinsamem Verwaltungsapparat 
3 usammenzuschließen? Wir finden: in der Mitte steht als stärkste 
< rganisierende Triebkraft der Lohnkampf; ferner auf der 
1 ’rinzipalseite: Preisschleuderei, auf der Gehilfenseite 
l.ehrlingszüchterei und Maschinengefahr. Dar- 
i US folgt als Organisationsziel: Erhaltung des gewerblichen 

l'riedens durch Ausgleich der Lohndifferenzen, einheitliche Preis- 
} estaltung im Gewerbe, Regelung des Nachwuchses und Vorsorge 
lür geordneten Arbeitsmarkt, Beseitigung der Mißstände bei der 
j Maschinenarbeit. 

Mittel zur Erreichung dieses Organisationszweckes sind: 
Lohntarif, Preistarif, Lehrlingsskala, Ma- 
‘ chinenbestimmungen; Organe zur Durchführung: zu- 
i.ächst allgemein die durch die Reihe Kreisamt — Tarif- 
j usschuß — Tarifamt bezeichneten Zentralorgane, ferner 
in einzelnen für den Lohntarif und die Maschinenbestimmungen 
( he Schiedsgerichte, für den Preistarif die B e - 
5 c h w e r d e ä m t e r , für die Regelung des \rbeitsmarktes die 
Arbeitsnachweise, 

Der Lohntarif setzt Minimalwochenlöhne und nach den 
''euerungsverhältnissen in den einzelnen Orten abgestufte Lokal- 
; uschläge fest. Er bestimmt ferner die Mindestleistung für 
■ ogenannte Berechner, das sind Gehilfen, die im Akkord arbeiten, 
Ange und Einteilung der Arbeitszeit, Kündigungsfristen, Der 




Preistarif ist keine feste Preistaxe zur Erzielung von Monopol- 
preisen, sondern eine Berechnungsgrundlagc für die einzelnen 
Zweige der Buchdruckerei, „ein Mittel zur Bekämpfung des 
unrichtigen Kalkulierens". Die Lehrlingsskala enthält die 
Höchstzahlen von Lehrlingen, die in Betrieben mit bestimmter 
Gehilfenzahl beschäftigt werden dürfen, beschränkt außerdem 
den Ausbildungsgang auf eine gewisse, nach technischen Gesichts- 
punkten gegliederte Jahresfolge. Die Maschinenbestimmungen 
enthalten Normen über die Ausbildung, die Durchschnitts- und 
Mindestleistungen und die Entlohnung der Maschinensetzer. 

Es bleibt noch kurz die Zusammensetzung der Organe im 
einzelnen darzulegcn. Zentralorgane, Schiedsgerichte und 
Arbeitsnachweise sind paritätisch zusammengesetzt, bzw. ver- 
waltet. Die Vertreter der Arbeitgeber und Arbeitnehmer gehen 
aus Urwahlen hervor. Wahlberechtigte Mitglieder der Tarif- 
gemeinschaft werden auf Antrag nach Entscheidung des Tarif- 
amtes diejenigen Prinzipale, die sich zur Innehaltung des Tarifs 
verpflichten; andererseits werden durch den Gehilfenkreis- 
vertreter diejenigen Gehilfen aufgenommen, die bei einem der 
Tarif gemeinschaft angehörigen Prinzipale ihre Lehrzeit beendet 
haben. Jeder der 13 Tarifkreise entsendet die dem Kreisamt 
Vorsitzenden Kreisvertreter in den Tarif ausschuß, dieser wählt 
aus seiner Mitte je 5 Prinzipale und Gehilfen in das Tarifamt, 
dazu einen Juristen als unparteiischen Vorsitzenden, Das Tarif- 
amt ist Zentralinstanz für alle im Geschäftsbereich der einzelnen 
Organe unerledigten Streitfragen, 

Die Beschwerdeämter, die gegen Preisschleuder ei im 
Gewerbe vergehen sollen, sind wie das Schema andeutet, der 
Mitverwaltung der Gehilfen entzogen und werden allein aus 
Prinzipalen gebildet. Das Berechnungsamt und die Berechnungs- 
stellen sind keine tariflichen Einrichtungen, dienen vielmehr den 
Zwecken des Prinzipalvereins, insbesondere der Auslegung des 
Preistarifs; sie bilden das Bindeglied zwischen den zentralen 
Verwaltungsorganen des Prinzipalvereins und den tariflichen 
Beschwerdeämtern. 

Eine Sonderstellung endlich nimmt im Aufbau des Ganzen 
der von der Betriebsversammlung gewählte Vertrauensmann ein. 
Er ist nicht Tariffunktionär, hat also keine tarifliche Verwaltungs- 
tätigkeit. Dennoch steht seine Aufgabe aufs engste mit dem Ziel 



21 



der Gemeinschaft, den gewerblichen Frieden unter Vermeidung 
des Lohnkampfes zu erhalten, in Verbindung: er ist Sprachrohr 
seiner Kollegen und Vermittlungsstelle einerseits zwischen 
Betriebsversammlung und Geschäftsleitung, andererseits zwischen 
Betriebsversammlung und Kreisamt, bzw. Schiedsgericht, Die 
neueste Entwicklung ist durch die Linie Betriebsrat — Aufsichts- 
rat angedeutet. Es wird darauf weiter unten zurück- 
zukommen sein. 

Endlich sei noch hingewiesen auf die allgemeinen Einflüsse, 
die auf die Organisation durch die öffentliche Meinung und ganz 
vor allem durch den Staat ausgeübt werden und die, wie wir 
gesehen haben, im Laufe der Entwicklung in der Organisations- 
geschichte der Buchdrucker eine bedeutsame Rolle gespielt 
haben. 



Nach Zusammenfassung des allgemeinen Aufbaues sollen 
hier einige Probleme im einzelnen ausführlicher behandelt werden, 
die durch den Vertrag von 1911 formal festgelegt sind und die 
für die spätere Entwickelung, insbesondere für das Verhältnis 
zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer im Kriege, die Grundlage 
bilden. Von besonderer wirtschaftlicher und rechtlicher Bedeu- 
tung ist zunächst die Tatsache, daß nach § 82 des Vertrages die 
Tarifgemeinschaft als Verein im Sinne des B. G. B. anerkannt 
wird. Der herrschenden Meinung folgend hatte das Tarifamt 
bisher trotz der hervorragend durchgebildeten Organisation stets 
betont, daß die Tarifgemeinschaft lediglich eine soziale Gemein- 
schaft ohne gesetzliche Vertretung wäre. In der Literatur war 
bisher der Tarifgemeinschaft der Charakter als Verein vor allem 
deshalb abgesprochen worden, weil ein Zweck (§§ 705, 54 
B. G. B,) im Sinne eines gemeinsamen Interesses von Arbeitgeber 
und Arbeitnehmer geleugnet wurde. Bemerkenswert ist, daß 
Schall der Tarifgemeinschaft der deutschen Buchdrucker den 
Charakter eines Rechtsgeschäfts rundweg abspricht, obwohl er 
sie als eine „Arbeitgeber und Arbeitnehmer in eins zusammen- 
fassende Organisation“ anerkennt. Sinzheimer schließt sich 



22 



dieser Ansicht an: „Trotzdem wird man nicht sagen können, daß 

in dem bestehenden Arbeitsnormenvertrage, insbesondere der 
Tarifgemeinschaft der Buchdrucker, die Begründung einer solchen 
gemeinschaftlichen Organisation .... zu einem rechtlichen 
Ausdruck gekommen ist“. Dieser Ansicht widerspricht die 
Reichsgerichtsentscheidung vom 22. März 1911, die die Tarif- 
gemeinschaft der deutschen Buchdrucker als einen ,, nicht rechts- 
fähigen Verein“ charakterisiert hat. Die Tarifgemeinschaft wird 
damit einklagbar. Es werden ferner Rechtsbeziehungen zwischen 
dem Ganzen und dem Einzelnen geschaffen, so daß die Tarif- 
gemeinschaft nunmehr in der Lage ist, durch den zur Vertretung 
berechtigten Vorstand ihre Mitglieder auf gerichtlichem Wege 
zum Einhalten ihrer Verpflichtungen zu zwingen. Als den von 
beiden Vertragskontrahenten, Prinzipalen und Gehilfen gemein- 
sam erstrebten Zweck hatten wir erkannt: friedlichen Ausgleich 
der Lohndifferenzen im Verhandlungswege, Regelung der Lehr- 
lingsausbildung und Vorsorge für geordneten Arbeitsmarkt, ein- 
heitliche Preisgestaltung, Diese gemeinsamen Ziele hebt der 
Gesellschaftsvertrag, als der der Tarif nach der neuen Anschauung 
anzusehen ist, ausdrücklich hervor. Wirtschaftlich ist von 
Interesse, daß durch diese Feststellung beide Kontrahenten ihre 
einseitige Parteinahme als Arbeitgeber und Arbeitnehmer zurück- 
stellen hinter ihrer Eigenschaft als Mitglieder eines gemein- 
samen Ganzen. 

Den festeren Zusammenschluß der Tarifgemeinschaft fördern 
praktisch ebenfalls die in den Tarif von 1911 neu aufgenommenen 
Bestimmungen über den Verlust der Mitgliedschaft durch Aus- 
schluß, über die Arbeitsnachweise und über die Vertrauens- 
männer innerhalb der Betriebe. Der Ausschluß aus der Tarif- 
gemeinschaft kann beschlossen werden ,, wegen absichtlicher Ver- 
letzung tariflicher Bestimmungen, absichtlicher Nichtbefolgung 
von Anordnungen und Entscheidungen der Tariforgane, Nicht- 
zahlung der Beiträge, Preisschleuderei, Vergebung von Satz- und 
Druckarbeiten an nicht tarifzugehörige Druckereien oder Über- 
nahme solcher Arbeiten von nicht tarifzugehörigen Druckereien, 
absichtlichem oder fortgesetztem Zuwiderhandeln gegen die 
Grundsätze und Zwecke der Tarifgemeinschaft." Damit kann das 
Tarifamt Schädiger des Gewerbes durch Ausschluß, der einen 
Boykott durch alle tarifzugehörigen Gehilfen und damit den wirt- 

23 




schaftlichen Ruin des Betreffenden nach sich zieht, unschädlich 
machen. 

Den Mitgliedern der Tarifgemeinschaft untersagt der neue 
Vertrag ausdrücklich die Benutzung anderer Arbeitsnachweise. 
Auch hierdurch wird die Abhängigkeit der Mitglieder von der 
Tarifgemeinschaft verstärkt. Ein Anhang zu den allgemeinen 
Bestimmungen enthält neue Richtlinien über die Einführung von 
Vertrauensmännern in den Betrieben. In Druckereien mit über 
sechs Gehilfen wird aus dem Drittel der am längsten beschäftigten 
Arbeiter ein Vertrauensmann gewählt, der die Aufgabe hat, 
bestehende Differenzen zwischen Prinzipal und Gehilfen auf 
gütlichem Wege auszugleichen. 

Gegenüber diesen einigenden Momenten enthält der Vertrag 
von 1911 zahlreiche Neuerungen, die geeignet sind, das Verhältnis 
zwischen Prinzipal und Gehilfen ungünstig zu beeinflussen. Dies 
erklärt sich aus den scharfen Gegensätzen, die bei der Beratung 
der Vertragserneuerung in den beiderseitigen Forderungen zum 
Ausdruck kamen. Der erzielte Kompromiß legte daher beiden 
Teilen schwerwiegende Opfer auf. 

Für die Arbeitgeber gehört zu diesen in erster Linie die 
Lohnregelung. Die tariflichen Mindestlöhne wurden im Zeitlohn 
um 10 V, H., im Berechnen (Akkordlohn) um 11 v. H. erhöht. 
Ferner wurden die Lokalzuschläge nicht mehr wie bisher von den 
Kreisämtern entsprechend den Teuerungsverhältnissen fest- 
gesetzt, sondern für die einzelnen Orte in Anlehnung an das 
Reichsbeamten-Besoldungsgesetz vom 15. Juli 1909 durch die 
tarifliche Zentralinstanz vorgeschrieben. Hierdurch wurden die 
Zuschläge in 211 Orten um 2V^ v. H. erhöht; 253 Orte wurden 
neu mit v. H. belegt. Die so erzielte Lohnerhöhung 

war bedeutender als alle bisherigen Tarifänderungen. Weiter 
setzten die Gehilfen eine Verkürzung der Arbeitszeit um eine 
halbe Stunde durch. Die Lehrlingsskala wurde vermindert und 
für Zeitungsdruckereien (an Rotationsmaschinen) die Ausbildung 
von Lehrlingen erschwert. 

Andererseits mußten auch die Gehilfen sich empfindliche 
Zugeständnisse abringen lassen. In erster Linie wurde das oben 
erwähnte Maschinenproblcm, das in den Tarifverhandlungen stets 
eine wesentliche Rolle gespielt hatte, wiederum Gegenstand 
heftiger Meinungskämpfe. Die Minimalleistungen für Setz- 




24 



maschinen wurden erhöht. Das Berechnen an der Setzmaschine 
im Werkbetrieb wurde wieder zugelassen, vor allem aber die 
Arbeitszeit der Maschinensetzer im Zeitungsbetrieb verlängert. 
Besonders diese Maßnahme war einschneidend für die Gehilfen, 
brachte sie doch eine neue Niederlage im Kampf gegen die „lohn- 
drückende und handarbeit-verdrängende" Tendenz der Maschine. 
Schon 1906 bei der Kritik des neuen Buchdruckertarifes sagte 
Kautsky"^), die nachteiligen Folgen der Ausbreitung der 
Maschinen im Gewerbe könnte nur durch erhöhten Lohn und ver- 
kürzte Arbeitszeit der Maschinensetzer, nicht aber durch ver- 
ringerten Lohn und verlängerte Arbeitszeit der Handsetzer, aus- 
geglichen werden. Bedenkt man, daß die Zahl der Setzmaschinen 
sich innerhalb der Tarifgemeinschaft von 2030 bei 653 Firmen im 
Jahre 1906 auf 3898 bei 1237 Firmen im Jahre 1910, also in vier 
Jahren um 92 v. H. vermehrt hat, so kann man das besondere 
Mißtrauen der Gehilfen gegen die Verlängerung der Arbeitszeit 
im Maschinensatz verstehen. 

Prinzipiell bedeutungsvoll als Zeichen verschärfter Gegen- 
sätze oder doch mangelnder gemeinsamer Interessenpolitik 
ist das Ausscheiden der Gehilfenvertreter aus den Beschwerde- 
ämtern. Der Tarif von 1906 führte sogenannte Ehrengerichte 
ein, die paritätisch aus Prinzipalen und Gehilfen zusammen- 
gesetzt waren und gegen Preisschleuderer Untersuchungen 
einleiten sollten, ohne allerdings zur Verhängung von Strafen 
ermächtigt zu sein. An Stelle dieser Ehrengerichte traten 
im neuen Tarif die Beschwerdeämter, die nur aus Prinzipalen 
gebildet werden. Zum ersten Male ist damit in der 
Tarifgemeinschaft das paritätische Prinzip durchbrochen. Die 
Grundlage für die Verhandlungen der Beschwerdeämter bildet 
der neue beim Deutschen Buchdruckerverein ausgearbeitete 
„Buchdruckerpreistarif“, der durch die Einführung in den 
Tarifvertrag für alle Mitglieder obligatorisch geworden ist. 
Hier bestand also die Möglichkeit, beide Kontrahenten durch die 
gemeinsame Festsetzung und Handhabung des Preistarifs gegen- 
über den Konsumenten einerseits und den Schleuderern im 
Gewerbe andererseits noch enger zusammenzuführen, so daß die 
Tarifgemeinschaft geradezu als Preiskartell niederer Ordnung auf 

*) Neue Welt 1906, Seite 194—98, 



25 



r 



paritätischer Grundlage oder als Allianz hätte bezeichnet werden 
können. Durch den Ausschluß der Gehilfen aus den Beschwerde- 
ämtern haben die Prinzipale ein wichtiges Moment zur Förderung 
des gemeinsamen Interesses aus der Hand gegeben. Rein formell 
wurde durch Genehmigung des Preistarif es im Tarifausschuß und 
Tarifamt den Gehilfen zwar das Recht zugestanden, bei der Fest- 
setzung des Preistarifes mitzuwirken; doch da die Beratung und 
Ausarbeitung des Preistarifes einer Kommission von Prinzipalen 
Vorbehalten war, und die Durchführung dieser Bestimmungen den 
nur von Prinzipalen gebildeten Berechnungsstellen und 
Berechnungsämtern oblag, so hatte die nachträgliche Geneh- 
migung eines bereits von allen Mitgliedern des Prinzipalvereins 
als obligatorisch anerkannten Preistarifes durch den Tarif - 
ausschuß keine praktische Bedeutung. 

Einen gewissen Ersatz für diese Unterlassung bietet der 
„Organisationsvertrag". Nach § 9 dieses Vertrages verpflichten 
sich die beiden Vereine, gegen Schleuderer im Gewerbe gemein- 
sam vorzugehen. Da jedoch nach dem Wortlaut des Vertrages 
derartige Beschwerden an die Ehrengerichte zu verweisen sind, 
diese aber durch die Beschwerdeämter nunmehr ersetzt sind, so 
bleibt die Initiative bei der Bekämpfung der Schleuderkonkurrenz 
im wesentlichen wieder den Prinzipalen allein überlassen. 

Zu der weiteren Verschärfung des Verhältnisses zwischen 
Prinzipalverein und Gehilfenverband sollte auch der zwischen 
dem Verein und der zweiten, erst später entstandenen Gehilfen- 
organisation, dem Gutenbergbund, im Jahre 1909 abgeschlossene 
Organisationsvertrag beitragen. Der Gutenbergbund, dem Ver- 
band der Deutschen Buchdrucker an Bedeutung und Mitglieder- 
zahl weit unterlegen (1910: 3027 Mitglieder gegen 61 017 des 
Verbandes Deutscher Buchdrucker), konnte trotz der heftigen 
Opposition, die der Verband als bisheriger alleiniger Kontrahent 
im Organisationsvertrag machte, es erreichen, daß ein gegen- 
seitiger Haftungsvertrag mit dem Deutschen Buchdruckerverein 
zustande kam. 




26 



Wir wenden uns nun der Entwicklung der Tarifgemein- 
schaft in ihrem besonderen Niederschlag auf das Zusammen- 
arbeiten zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern seit Abschluß 
des Tarifs von 1911 bis zum Kriegsausbruch zu. Bestimmend für 
diese Periode sind die Tendenzen, die bei Prinzipalen und Gehilfen 
eine gewisse Unzufriedenheit mit dem bestehenden Zustand und 
damit ein gespanntes Verhältnis zwischen beiden hervorgerufen 
haben, Tendenzen, die, wie wir gesehen haben, bereits bei 
Abschluß des Vertrages von 1911 zutage getreten waren. 

Schon vor Abschluß des neuen Tarifs war der Deutsche 
Buchdruckerverein auf Beschluß der Hauptversammlung in 
Stuttgart im Jahre 1910 korporatives Mitglied des Bundes der 
Industriellen geworden. 

Obwohl die genannte Vereinigung mehr die Förderung all- 
gemeiner Wirtschafts- und Handelspolitik zum Ziel hatte und den 
Abschluß von Tarifverträgen nicht grundsätzlich ablehnte, war 
damit den Mitgliedern des Deutschen Buchdruckervereins die 
Möglichkeit gegeben, auf Wunsch eine Streikversicherung beim 
Deutschen Industrie-Schutzverband einzugehen, wovon eine 
größere Anzahl von Mitgliedsfirmen auch Gebrauch machte. 
Dieser Richtung folgend wurde auf der dem neuen Tarifabschluß 
folgenden Hauptversammlung des Deutschen Buchdruckervereins 
die Gründung eines ,, Fonds für besondere Zwecke“ innerhalb des 
Vereins beschlossen. Gleichzeitig bildete man, „da die Beschlüsse 
des Tarifausschusses vom September Oktober 191 1 nicht die 
Zustimmung der Generalversammlung gefunden hatten,“ einen 
Tarifberatungsausschuß, mit der Aufgabe, „Wünsche auf Ver- 
besserung des Deutschen Buchdruckertarifs einer näheren Prüfung 
zu unterziehen und für die nächste Tarifberatung dem- 
entsprechend auf die erzielten Untersuchungen sich gründende 
Anträge vorzubereiten,“ Der Streikfonds wuchs vom 1. Juli 1912 
bis Mai 1914 auf 715 000 M. an. Der hierdurch gegebene Rück- 
halt erschien einem Teil der Prinzipale nicht ausreichend, so daß 
auf der Leipziger Tagung des Vereins im Juni 1914 beantragt 
wurde, der Verein solle sich einem größeren Arbeitgeberverband 
anschließen. Die Versammlung überwies die Frage zur Prüfung 
dem Hauptausschuß. Von Bedeutung ist bei dieser Entwicklung 
die Tatsache, daß die Prinzipale nicht mehr wie vordem in der 
Tarifgemeinschaft eine sichere Gewähr für Aufrechterhaltung des 



27 






gewerblichen Friedens sahen, sondern mit der Möglichkeit eines 
Tarifbruchs durch die Gehilfen ernsthaft rechneten, Man suchte 
Fühlung zu gewinnen mit einem Arbeitgeberverband, der nicht 
wie der Bund der Industriellen Ziele allgemein wirtschaftlicher 
Natur verfolgte, sondern als ausgesprochene Kampforganisation 
gegen die Gewerkschaften anzusehen war. Man dachte an 'die 
„Vereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände“, Diese Bestre- 
bungen erweckten auf der Gehilfenseite Mißtrauen. Man sah darin 
eine tariffeindliche Schwenkung, die im Lager der Prinzipale die 
Oberhand gewonnen hatte. Die Richtlinien für die Tätigkeit des 
Tarifberatungsausschusses lassen gewisse Schlüsse zu über die 
Richtung, in der in der nächsten Tarifrevision offenbar vorgegangen 
werden sollte. Als besonders wichtige Forderungen, deren 
Erfüllung den Prinzipalen am Herzen lag, wurden unterstrichen: 

1. Vereinfachung des Tarifs durch Fortfall zahlreicher 
Spezialbestimmungen, 

2. Keinesfalls weitere Verkürzung der Arbeitszeit, 

3. Freie Ausnützung der technischen Hilfsmittel. 

Das Bedürfnis nach Vereinfachung des Tarifs machte sich in 
weiten Kreisen geltend. Man wollte verhindern, daß das Dispo- 
sitionsrecht des Prinzipals mehr beinträchtigt würde, als dies zur 
Sicherung der Erwerbsverhältnisse beider Kontrahenten unbe- 
dingt erforderlich sei. Vor allem aber erkannten die Prinzipale die 
besondere Bedeutung der Setzmaschinenfrage. Eine vom Vereins- 
vorstand besonders beauftragte ,, Setzmaschinenkommission“ 
beriet außerhalb des Tarifberatungsausschusses die durch System- 
neuerungen bei der Monotype, Linotype und dem Typographen 
für die nächsten Vertragsverhandlungen aktuell werdenden tarif- 
lichen Forderungen. Hierzu gehört einmal Lohnherabsetzung der 
Maschinensetzer. Der Tendenz der Gehilfen, die durch möglichst 
hohe Löhne der Maschinensetzer die Neigung zur Aufstellung 
neuer Maschinen verringern wollten, sollte entgegengearbeitet 
werden. Weiterhin wünschten die Prinzipale die einschränkenden 
Bestimmungen für die Ausbildung im Maschinensatz — es dürfen 
nur ordnungsmäßig ausgebildete Handsetzer den Maschinensatz 
erlernen — zu beseitigen, um einen gut ausgebildeten Nachwuchs 
in genügender Zahl für diese Arbeitsmaschinen zu sichern. Dies 
hatte seine Ursache in erster Linie in dem geringen Angebot von 



28 



i 

t 



V 



Maschinensetzern auf dem Arbeitsmarkt und den von diesen 
gestellten übertariflichen Forderungen. 

Eine weitere Quelle von Unstimmigkeit zwischen Prinzipal- 
verein und Gehilfenverband waren die gegensätzlichen Ansichten 
in der Hilfsarbeiter- und Faktorenfrage. Gegenüber den 
Wünschen der Gehilfen lehnten die Prinzipale Aufnahme der Hilfs- 
arbeiter in die Tarifgemeinschaft ab, mit der Begründung, daß es 
in den meisten Provinzdruckorten keinen eigentlichen Hilfs- 
arbeiterstand gäbe, der dauernd dem gleichen Berufe angehöre 
und vertragsfähig sei. Es bestanden lediglich örtliche Tarif- 
verträge mit den Hilfsarbeitern und ein besonderer Haftungs- 
vertrag des Deutschen Buchdruckervereins mit dem Verband der 
Hilfsarbeiter, In den Faktoren und technischen Angestellten des 
Buchdruckgewerbes wollten sich die Prinzipale für den Fall eines 
Zusammenstoßes mit der Gehilfenschaft einen tatkräftigen Rück- 
halt schaffen und arbeiteten daher darauf hin, die Faktoren aus 
dem Gehilfenverband zu entfernen. 

Endlich wurde zum Zankapfel zwischen den beiden Organi- 
sationen der Guienberg-Bund. Seit der Aufnahme des Gutenberg- 
Bundes in die Tarifgemeinschaft hatten sich beide Gehilfenver- 
bände nachdrücklich befehdet. Der Deutsche Buchdruckerverein 
zeigte eine schwankende Haltung: Während er einerseits den 

Gutenberg-Bund bei seinen weiter unten behandelten Angriffen 
gegen die Tarifgemeinschaft in seine Grenzen zurückwies, stand 
er den Bestrebungen des Bundes auf engeren Anschluß an die 
Tarifgemeinschaft durch Vertretung in den Tariforganen sym- 
pathisch gegenüber. 

Die geschilderten Gegensätze verschärften sich von Jahr zu 
Jahr mehr und kamen in einer ungewöhnlich heftigen Sprache der 
Vereinsorgane ,,Zeitschrift für Deutschlands Buch- 
drucker" und ,,Korrespondent für Deutschlands 
Buchdrucker und Schriftgießer" zum Ausdruck. 
Diese Spannung wurde nicht nur in den offiziellen Artikeln 
der Vereinsblätter offen zugegeben, sondern bezeichnenderweise 
auch als Zeichen wachsender Uneinigkeit in der Tarifgemeinschaft 
von deren äußeren Gegnern gewertet. So schrieb der ,,A r b e i t - 
geber im Buchdruckgewerbe" Anfang 1914: ,,Wenn 

wir konstatieren, daß wohl niemals die Sprache des „Korrespon- 
denten" gegenüber der „Zeitschrift" und dem Deutschen Buch- 



;i 








druckerverein eine so gereizte war, wie in den hinter uns 
liegenden Monaten, so liegt hierin eine Kennzeichnung der 
tariflichen und gewerblichen Situation, wie sie treffender kaum 
geboten werden kann." 

Fragen wir nach den Gründen, die die Prinzipale zu einer 
immer schärfer werdenden Stellungnahme gegenüber dem Ver- 
band hindrängten, so müssen wir zunächst die in der ,, Zeitschrift“ 
immer wieder erhobenen Klagen über den Rückgang der Gehilfen- 
leistungen würdigen. Besonders den Setzern wurden mangelnde 
Leistungen vorgeworfen. Zahlreiche Aufsätze in der „Zeitschrift" 
kamen immer wieder zu dem Ergebnis, die Setzer seien den 
technischen Anforderungen der Zeit nicht gefolgt und in ihrem 
Können stehengeblieben. Als Gründe wurden mangelndes Interesse 
durch allmähliche Beseitigung des Berechnens und schlechte Lehr- 
lingsausbildung genannt, zum Teil aber wurde auch, und — wie 
man aus zahlreich angestellten und in der „Zeitschrift" veröffent- 
lichten Stichproben schließen muß — mit Recht, der Vorwurf 
passiver Resistenz erhoben. 

Ausschlaggebend für die wachsende Mißstimmung der 
Prinzipale war jedoch der Ausgang der Tarifverhandlungen vom 
Jahre 1911 und insbesondere die abermalige Lohnerhöhung. In 
allen Berichten der Kreisvertreter des Deutschen Buchdrucker- 
vereins kam es zum Ausdruck, daß eine Überwälzung der erhöhten 
Löhne auf die Verleger (Konsumenten) sehr schwierig, zum Teil 
unmöglich geworden war. Das Gefühl, daß das 1911 gebrachte 
Opfer eine übermäßige Belastung des Gewerbes herbeigeführt 
hätte, wurde stärker, als im Jahre 1913 eine erhebliche Ver- 
schlechterung der gewerblichen Lage eintrat. Durch die im 
Gefolge der Balkanwirren verursachte politische Unsicherheit 
ergab sich eine ungünstige Konjunktur, die sich in steigenden Roh- 
stoffpreisen, erschwerter Kapitalbeschaffung und mangelnden 
Aufträgen in der Fertigindustrie geltend machten. Der Mangel an 
Beschäftigung übte andererseits auch auf den Arbeitsmarkt nach- 
teiligen Einfluß. Es kommt dies in dem starken Anschwellen der 
Arbeitslosenziffer zum Ausdruck. Im Jahresdurchschnitt 1911 
beträgt sie für die gelernten Buchdruckergehilfen 3,4 v. H., 
1913 dagegen 4,6 v. H. 

Diesen inneren Kämpfen, die zwar nicht offen zum Austrag 
kamen, aber doch an den Grundlagen der Tarifgemeinschaft 

30 



V 




I 






rüttelten, gesellten sich in der Entwicklung vor dem Kriege heftige 
äußere Angriffe. Sie gingen aus von drei Seiten: Arbeitgeberver- 
band im Buchdruckgewerbe, Gutenberg-Bund und Öffentlichkeit. 

Der nach Abschluß des Organisationsvertrages als Kampf- 
organisation einer geringen Zahl von Prinzipalen gegen die Tarif- 
gemeinschaft ins Leben gerufene „Arbeitgeberverband für das 
Buchdruckgewerbe" hatte durch eine in Broschüren und in seinem 
Organ (Arbeitgeber im Buchdruckgewerbe) geführte Polemik zur 
Beseitigung bezw. Änderung des Ausschließlichkeits-Paragraphen 
des Organisationsvertrages wesentlich beigetragen. Darüber hin- 
aus war es ihm nicht gelungen, irgendwelchen Einfluß auf die 
Gestaltung der tariflichen Verhältnisse im Buchdruckgewerbe zu 
gewinnen. Demgegenüber ist nicht zu verkennen, daß die nach 
Abschluß des Tarifvertrages von 1911 gegen die Tarifgemeinschaft 
gerichteten Angriffe zum Teil ernsterer Natur waren. Gegenstand 
der Kritik waren angebliche Mängel sozialpolitischer und rein 

volkswirtschaftlicher Natur. 

1. Die Beschränkung des freien Arbeitsvertrages, 

2. Bevorzugung des sozialdemokratischen Gehilfenverbandes, 

3. Der sogenannte Organisationszwang, 

4. Die Lohnerhöhung, 

5. Der Preistarif. 

Mit einer Eingabe an den Reichskanzler vom 5. Juni 1911 
forderte der Arbeitgeberverband „Wahrung des Rechts des freien 
Arbeitsvertrages" für die Prinzipale auf Grundsatz des § 41 der 
Gewerbeordnung. Die Tatsache, daß nach § 10, 2 des Tarifs die 
»Einstellung von Arbeitern nicht von der Zugehörigkeit oder Nicht- 
zugehörigkeit zu einem Verband abhängig gemacht werden darf, sollte 
nach dem Arbeitgeberverband eine unzulässige Beschränkung der 
Vertragsfreiheit der Prinzipale sein. Ferner wurde behauptet, daß 
die Vorschriften über die Erlangung der Mitgliedschaft bei der 
Tarifgemeinschaft, die Einrichtung der paritätischen Arbeitsnach- 
weise und der tariflichen Vertrauensmänner eine Monopolstellung 
des sozialdemokratischen Gehilfenverbandes geschaffen und damit 
den staatsfeindlichen Elementen Vorschub geleistet hätten. Im 
wesentlichen die gleichen Vorwürfe erhoben ein Bericht der Ge- 
werbekammer Dresden an das Sächsische Ministerium des Innern 
im Jahre 1913 und eine Broschüre des Gutenberg-Bundes, in der 
besonders noch betont wird, daß die tariflichen Rechte des Guten- 

31 



bcrg-Bundes unter der Vormachtstellung des den freien Gewerk- 
schaften angehörigen Gehilfenverbandes leiden, 

Diesen Angriffen, die sich auch in einem Teil der politischen 
Tagespresse wiederholten, begegnete das Tarifamt durch eine 
Eingabe an den Reichskanzler, eine Zuschrift an das Sächsische 
Ministerium des Innern und entsprechende Berichtigungen in ver- 
schiedenen Tageszeitungen. Sachlich ist zu den erhobenen Vor- 



würfen folgendes zu bemerken; 

Der Verband der Deutschen Buchdrucker umfaßte Ende 1913 
69 000, der Gutenberg-Bund 3 440 Mitglieder, außerdem gehören 
2 100 Gehilfen dem Faktorenbund und 1 750 der Allgemeinen 
Buchdrucker-Unterstützungskasse an. Demnach ist für den Ab- 
schluß eines Tarifvertrages im Gewerbe der Verband der Deut- 
schen Buchdrucker von alleiniger ausschlaggebender Bedeutung. 
Die Forderung, daß auf Grund des § 41 der G. 0. ein Prinzipal das 
Recht haben sollte, Mitglieder des Verbandes von der Einstellung 
auszuschließen, erscheint angesichts der Notwendigkeit, geeignete 
Arbeitskräfte zu beschaffen, wirtschaftlich absurd und im Wider- 
spruch zum Prinzip der Koalitionsfreiheit des § 152 der G, O. 
Ferner kann als selbstverständlich und natürlich gelten, daß in den 
tariflichen Körperschaften dem Verband durch eigene Vertretung 
ein Einfluß gewährt wurde, der dem bedeutungslosen Gutenberg- 
Bund vorläufig noch versagt blieb. — Daß weiterhin mit der , »poli- 
tischen Bevorzugung des sozialdemokratischen Verbandes" ein 
Schlagwort geprägt wurde, das der inneren Bedeutung entbehrt, 
geht daraus hervor, daß nach seinen Statuten der Verband einen 
rein wirtschaftlichen und keinen politischen Charakter hat, daß . 
aber vor allem trotz der nicht zu leugnenden Zugehörigkeit der 
meisten Verbandsmitglieder zur sozialdemokratischen Partei die 
politische Seite beim Abschluß des Tarifvertrages mit einer wirt- 
schaftlich derart starken Organisation mit Recht vollständig in den 
Schatten trat. Was endlich der Arbeitgeberverband als soge- 
nannten ,, Organisationszwang" bekämpfen zu müssen glaubte, ist 
wissenschaftlich betrachtet nichts anderes als das sozialpolitisch 
begründete Streben, zwecks Sicherung der Tarifverträge feste, 
große Organisationen zu schaffen. 

Der Arbeitgeberverband sagt in einer seiner Broschüren: 
„Beschränkt sich ein Tarif auf Arbeitszeit und Arbeitsbedin- 
gungen wie jeder vernünftige Tarif tun sollte, so bedarf es zu 

32 








seiner Durchführung keiner mächtigen Organisationen und keiner 
von ihnen ausgeübten Gewaltherrschaft." Die Verfechter dieser 
Anschauung werden in einer Erwiderung von Zimmermann außer- 
ordentlich treffend als Leute gekennzeichnet, denen die Grund- 
lage fehlt, ,,auf der sie in Gemeinschaft mit der Arbeiterklasse 
die Elemente des sozialen Strebens ineinanderfügen und allmählich 
eine Brücke bauen könnten." 

Ernster sind die Einwände zu werten, die gegen die Lohn- 
erhöhung und den Preistarif vom volkswirtschaftlichen Gesichts- 
punkt aus erhoben wurden. Nach den Ausführungen des Arbeit- 
geberverbandes beliefen sich die jährlichen Mehrausgaben für die 
Prinzipale durch die Erhöhung der Löhne auf 10 bis 12 Millionen, 
die zum Teil von den Arbeitgebern selbst getragen werden müßten, 
da eine volle Überwälzung nicht möglich wäre. Dadurch würden 
die Gewinne weiter geschmälert und die Betriebe von Tarifperiode 
zu Tarifperiode für den Unternehmer unrentabler. Demgegenüber 
könnte — dies zeige der Ausgang des österreichischen Buch- 
druckerstreiks — der Kampf materiell wesentlich günstigere Er- 
gebnisse für die Prinzipale zeitigen als eine fortgesetzte Friedens- 
Verzicht-Politik. Was hieran wahr ist, erklärt sich aus den natür- 
lichen Mängeln des Buchdruck-Preistarif es. Daß der Preistarif 
gewisse Unvollkommenheiten hatte und verbesserungsbedürftig 
war, wird auch von wissenschaftlicher Seite anerkannt-^). Durch 
die rigorose Durchführung des Preistarifes wurde den kleineren 
und mittleren Druckereien verboten, für ihre Minderleistung 
gegenüber Großbetrieben (langsamere Lieferung, ' geringere 
Schriftenauswahl, geringere Ausführung des Druckes) dem Be- 
steller ein Äquivalent durch einen Preisnachlaß zu gewähren. Die 
Konkurrenzfähigkeit der kleinen Betriebe war dadurch beschränkt 
und naturgemäß auch die Zahlung hoher Löhne erschwert. Die 
ganze Struktur des Buchdruckgewerbes machte die Durchführung 
einer Preiskonvention schwierig. Die grundverschiedenen Be- 
triebsgrößen, die eine andere Unkosten-Kalkulation bedingen, und 
die unterschiedlichen maschinellen Einrichtungen müssen als 
Hauptfaktoren genannt werden. 

Daß diese Angriffe in ihrer Wirkung durchaus richtig ein- 
geschätzt wurden, zeigen die verschiedenen Erwiderungen des 



*) Vcrgl. Zimmermann: Wörterbuch der Staatswissenschaften, Tarifvertrag, 

=> 33 



Tarifamtes in den jährlichen Geschäftsberichten, vor allem aber 
die Rede des Präsidenten der Tarifgemeinschaft auf der Leipziger 
Generalversammlung 1914, in der er die gegen die Tarifgemein- 
schaft erhobenen Vorwürfe zu entkräften suchte, nicht ohne die 

Gefahr des Augenblicks zu betonen. 

Um das Bild der tariflichen Entwicklung im Buchdruckge- 
werbe bis zum Kriegsausbruch abzurunden, soll noch kurz gezeigt 
werden, in welcher Weise die sich im Jahre 1913 in der Öffentlich- 
keit neuerdings regenden Strömungen zur staatlichen Regelung 
der Tarifverträge im Urteil der Buchdrucker-Gemeinschaft 
hervortraten. Die Forderungen, die der „Verein für Sozial-Politik 
für die gesetzliche Normierung der Tarifverträge aufstellte, waren: 

1. Unabdingbarkeit der Bestimmungen des Tarifvertrages, 

2. Umwandlung der unbeschränkten Haftung der Organi- 
sationen in eine beschränkte unter Zuerkennung der 
Rechtsfähigkeit an diese Berufsvereine, 

3. Der Zivilprozeß als Rechtsmittel des Tarifvertrages soll 
ersetzt werden durch die Tätigkeit paritätischer Tarif- 
schiedsgerichte oder der Gewerbegerichte, 

Obwohl diese Forderungen weitgehende Sicherungen für die 
Arbeiter enthielten, erklärte sich der „Korrespondent" dagegen. 
Als Gründe werden genannt das Mißtrauen gegen den „arbeiter- 
feindlichen, reaktionären Kurs der Regierung", der insbesondere 
eine weitgehende Haftpflicht der Gewerkvereine bei einer gesetz- 
liehen Regelung befürchten ließe, dann aber die Wahrscheinlich- 
keit, daß „durch eine gesetzliche Reglementierung und die zu 
erwartende bürokratische Auslegung alle Kräfte, welche die 
Tarifverträge heute fördern und sie der fortschreitenden wirt- 
schaftlichen und technischen Entwicklung anpassen, durch die 
Fesseln des Gesetzes künstlich getötet“ würden. Damit bestätigt 
sich das Urteil Zimmermanns,*) daß, „je umfangreicher tarifliche 
Erfahrungen bei den Berufsvereinen sind, um so weniger 
Sympathie für Gesetzespläne vorhanden ist." 

Die Stellung des Prinzipalvereins war schwankend. Wenn 
auch stets betont wurde, daß der Verein auf dem Boden des 
kollektiven Arbeitsvertrages stehe, so wurde doch irgendwelche 
Initiative auf eine gesetzliche Regelung hin abgelehnt. Das Tarif- 

VergL Heft 42/43 der Schriften der Gesellschaft für soziale Reform. 

34 












( 



1 . 

1 



amt als offizielles Organ der Tarifgemeinschaft erklärte in seinem 
Geschäftsbericht für das Jahr 1913, daß die Tarifverträge noch 
eine im Werden begriffene Vertragsgemeinschaft seien und daß 
es mangels abgeschlossener Erfahrungen vorerst bei der freien 
Entwicklung sein Bewenden haben müsse. Dies mißtrauische 
Zögern der Praktiker, eine von der Wissenschaft als notwendig 
und nützlich erkannte Reform durchzuführen, ist eine in der 
Geschichte der Nationalökonomie immer wiederkehrende Er- 

I 

scheinung. 

Als Kennzeichen der Tendenzen, die in der Buchdrucker- 
tarifgemeinschaft in der letzten Periode bis zum Kriegsausbruch 
maßgebend waren, erkennen wir also zusammenfassend einerseits 
ein fest gefügtes, auf jahrzehntelanger Gewohnheit beruhendes 
Vertragsgebäude, andererseits zahlreiche Strömungen innerhalb 
und außerhalb der Gemeinschaft, die einen bedenklichen Kern 
gewerblichen Unfriedens in sich tragen. In diesem Stadium wurde 
die Entwicklung beim Ausbruch des Weltkrieges mit scharfem 
Schnitt unterbrochen und in neue Bahnen gelenkt, die wie wir 
sehen werden, am Ende des großen Ringens doch wieder ein- 
münden in die breite Straße, die dem Gewerbe ehedem vorge- 
zeichnet war. 






3 * 





I. Abschnitt. 



Die Buchdruckerei als Kriegsindustrie. 

Während es auf der einen Seite zu den Eigentümlichkeiten 
unserer verkehrswirtschaftlich organisierten Produktionsweise 
gehört, daß sie sich unvorhergesehenen Riesenaufgaben mit stau- 
nenswerter Elastizität anpaßt, trägt der Wirtschaftsprozeß der 
Gegenwart andererseits stets den Keim zur Entstehung katastro- 
phaler Krisen in sich*). Das Hereinbrechen des Weltkrieges löste 
mit einem Schlage alle diejenigen wirtschaftsfeindlichen Kräfte 
der Konjunktur aus, die bisher durch die Wirtschaftsorganisation 
im Zaum gehalten waren. Alle Momente, die zur Krisenbildung 
führen, ganz vor allem die Unruhe im gesamten Produktionsprozeß 
werden in den Tagen der Mobilmachung infolge eines völligen 
gewaltsamen Umsturzes, der weit über das Maß einer perio- 
dischen Wirtschaftsschwankung hinausgeht, ins Tausendfache 
gesteigert. Als selbstverständliche Eolge muß eine schwere Er- 
schütterung des gesamten Wirtschaftskörjiers eintreten. Die 
Schließung der Grenzen, Beschränkung und Behinderung des 
Zahlungsverkehrs, völlige Unterbrechung des Verkehrs, Ein- 
stellung des Börsenhandels, Zurückziehung ^'on Aufträgen erzeu- 
gen innerhalb der Gesamtproduktion finanzielle Unsicherheit und 
Beschäftigungslosigkeit und gefährden den Bestand zahlreicher 
Unternehmungen. 

Im einzelnen macht jede Industrie je nach ihrer Abhängig- 
keit von den Konjunkturfaktoren eine besondere Krisis durch. 
Diese Gebundenheit an die Konjunktur wird sich wesentlich nach 



*) Vergleiche hierüber P 1 e n g e : Das Systeni der Verkehrswirtschaft, 
Tübingen 1903. 






% 




der Art der erzeugten Produkte abstufen. Wir können danach 
scheiden: 

1. Kriegsindustrien erster Ordnung, das sind solche, die 
ihrer ursprünglichen Bestimmung gemäß Kriegsmaterial 
erzeugen, z. B. Pulverfabriken, Fahrzeugbauanstalten, 
Gewehrfabriken. 

2. Kriegsindustrien zweiter Ordnung, die durch Umstellung 
ihre Erzeugnisse einem sofort vorhandenen Kriegsbedarf 
anpassen können, z. B. Maschinenfabriken mit durchge- 
bildetem Werkzeugmaschinenpark als Munitionsfabriken. 

3. Kriegsindustrien dritter Ordnung, für deren Erzeugnisse 
zunächst kein unmittelbarer Kriegsbedarf besteht, bei 
denen sich aber infolge der Organisation der Kriegswirt- 
schaft allmählich ein Kriegsbedarf herausentwickelt, z. B, 
die Buchdruckerei. 

4. Reine Friedensindustrien, die weder Kriegsbedarf er- 
zeugen, noch sich auf solchen umstellen können. 

Während die erste Kategorie von der Krisis kaum erfaßt 
wird, da für sie durch staatliche und militärische Einwirkungen 
die meisten der obengenannten Konjunkturfaktoren beseitigt 
werden, bedarf die zweite Klasse schon einer gewissen Elastizität, 
um über die Zeit der Umorganisation hinwegzukommen. Vor die 
schwerste Aufgabe sind die als Kriegsindustrien dritter Ordnung 
bezeichneten Gewerbe gestellt. Heißt es doch für sie, sich einem 
erst allmählich entstehenden Bedarf während des Krieges anzu- 
passen. (Von den reinen Friedensindustrien kann in diesem Zu- 
sammenhang abgesehen werden, da diese im Kriege keine produk- 
tiven Organisationsaufgaben zu bewältigen haben.) 

Das Buchdruckgewerbe gehört zu den Kriegsindustrien 
dritter Ordnung. Wir hatten oben erkannt, wie gerade die Buch- 
druckerei in ihrer vielfältigen Verknüpfung mit anderen Industrien 
und in ihrer Abhängigkeit von einem stets wechselnden Konsum 
und Bedarf und einem sich technisch stets verändernden Sach- 
körper den Schwankungen der Konjunktur in erhöhtem Maße 
unterworfen ist. 

Mit Kriegsausbruch verringerte sich der bisherige Friedens- 
bedarf an Druckerzeugnissen auf ein Minimum. Die erste Ent- 
wicklungsperiode der Buchdruckerei von der Mobil- 




37 



i, 



I 




machung bis etwa Frühjahr 1915 stand daher im Zeichen ärgster 
Beschäftigungslosigkeit. Zahlreiche Tageszeitungen und perio- 
dische Zeitschriften konnten sich infolge Zurückziehung der Inse- 
rate, die für die Verlagsgeschäfte die Haupteinnahmequelle sind, 
nicht mehr halten und mußten aufgegeben oder doch auf mehr als 
die Hälfte der Bogenzahl verkleinert werden. Zahlreiche Werke 
belletristischen und wissenschaftlichen Inhalts wurden nicht mehr 
verlegt. Bei dem Darniederliegen des Handels und der Luxus- 
warenindustrie unterblieben fast alle Aufträge für Reklamedruck- 
sachen, für Preisverzeichnisse und Kataloge Regelmäßige Schul-, 
Vcrwaltungs- und Geschäftsberichte wurden in vielen Fällen zu- 
rückgehalten. Hierunter hatten naturgemäß in erster Linie die 
hauptsächlich auf Akzidenzen angewiesenen Kleindruckereien zu 
leiden. 

Außerordentlich schwer fiel für die Bedarfsbeschränkung 
des Inlandes ins Gewicht, daß das Ausland als einer der Haupt- 
abnehmer des deutschen Buchdruckgewerbes mit einem Schlage 
verschwand. Der Export von Druckschriften und Ansichtspost- 
karten, Reklamedrucksachen, Vordrucken von Fahr- und Ein- 
trittskarten hatte vor dem Kriege einen bedeutenden Umfang 
erreicht. Die Bücherausfuhr Deutschlands belief sich 1913 auf 
53 Millionen Mark. Als Abnehmer kamen vor allem Rußland, 
England und dessen Kolonien in Frage. Diese Märkte gingen dem 
deutschen Druckgewerbe infolge unserer wirtschaftlichen Iso- 
lierung bei Kriegsausbruch sofort und gänzlich verloren. Da für 
diese Ausfälle an Aufträgen kein Ersatz durch Kriegsbedarf ein- 
trat, mußten zahlreiche Betriebe stillgelegt, andere wesentlich 
verkleinert werden. Die Folgen, die sich für den Arbeitsmarkt 
hieraus ergaben, sollen weiter unten besprochen werden. 

In der zweiten Periode der Kriegsentwicklung über- 
wand die deutsche Buchdruckerei, die ihren Bestand gefährdende 
Krisis und paßte sich den gegebenen Verhältnissen mit einer 
bewundernswerten Ausgleichsfähigkeit an. Ausgangspunkt ist die 
Entstehung von Kriegsbedarf an Druckerzeugnissen durch die 
Kriegspolitik, die Kriegsfinanzwirtschaft und die allgemeine 
Kriegswirtschaftsorganisation, Die skrupellose Bearbeitung der 
öffentlichen Meinung des feindlichen und neutralen Auslandes 
durch die Presse unserer Feinde zwang uns zur Abwehr und 
Gegenmaßnahmen. Das weite Gebiet der Kriegspropaganda wurde 




•e 



38 



I 



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! 

I 





dem Druckgewerbe erschlossen. Flugschriften, politische Kriegs- 
literatur, offiziös beeinflußte Zeitungen und Zeitschriften führten 
den Druckereien neue Arbeit zu. Die Kriegsfinanzwirtschaft mit 
ihrem dauernd steigenden Bedarf an Zahlungsmitteln zwang dazu, 
den Banknotendruck der ausschließlichen Sphäre der Reichs- 
druckerei zu entziehen und die Aufträge weiteren Kreisen des 
Gewerbes zugänglich zu machen. Die Einrichtung der Darlehns- 
kassen schuf neuen Papiergeldbedarf. Endlich wurden die Kriegs- 
anleihen für das Druckgewerbe eine Quelle neuer Arbeit. Um- 
fassende Propaganda durch Plakate, Inserate und Broschüren, die 
Herstellung der Anleihestücke und Zinsscheine bedeuteten Milli- 
onenaufträge für die Druckindustrie. Endlich als wichtigste Be- 
darfsquelle die Kriegswirtschaftsorganisation, Fast alle Zweige 
des Wirtschaftslebens wurden behördlich organisiert. Ungezählte 
Zentralstellen, Wirtschaftsämter, Kriegsgesellschaften wurden 
gegründet. Sie alle brauchten für Erhebungen, Statistiken, Mit- 
teilungen, Rundschreiben, für die Organisation des inneren Ge- 
schäftsbetriebes — man denke an Kartotheken — Druckerzeug- 
nisse. Die Organisation der Lebensmittel- und Rohstoffzuteilung 
erforderte Nahrungsmittelkarten und Bezugscheine. Erweitert 
wurde der Kreis durch den Verbrauch der Militärbehörden 
und Militärorganisationen — wie Großer Generalstab, Kriegs- 
ministerium, Feldpost, Eisenbahn usw. — an Formularen und 
anderen Drucksachen, Endlich gab der Bedarf der Feldlazarette 
an Lesestoff, der Bedarf der Kriegsgefangenenlager an Postkarten- 
vordrucken dem Gewerbe neue Beschäftigung. 

Zu beachten bleibt, daß dieser Bedarf in seiner Gesamtheit 
nicht auf einmal entstanden ist, vielmehr sich aus dem Umbil- 
dungsprozeß des gesamten Wirtschaftskörpers zu einer einheit- 
lichen Wirtschaftsorganisation allmählich herausentwickelt hat. 
Wir sehen, wie das Buchdruckgewerbe schließlich alle Zweige des 
Wirtschaftslebens im Kriege durchdringt und umklammert. Die 
einzelnen Wirtschaftsorganisationen sind ohne Druckerzeugnisse 
völlig undenkbar, so daß die Buchdruckerei zu einem der lebens- 
wichtigsten Organe des ganzen Kriegswirtschaftskörpers wird. 

Diese ungeahnte Verbreiterung der Produktionsbasis des 
Bedarfs in der zweiten Entwicklungsperiode konnte das Druck- 
gewerbe allerdings nicht voll ausnützen: es hatte ständig zu 
kämpfen mit Material- und Personenmangel. Beides führte zu 




39 





Betriebseinschränkungen, die ihrerseits Rückgang der Umsätze 
zur Folge hatten. Fast alle Rohstoffe und Herstellungsmittel, die 
zum Buchdruckereibetriebe erforderlich sind, wurden öffentlich 
bewirtschaftet und kontingentiert. In erster Linie das Papier, Um 
die Nachteile des Papiermangels abzumildern und eine möglichst 
gleichmäßige Verteilung der verfügbaren Menge an die Ver- 
braucher, Drucker und Verleger, herbeizuführen, wurden zur 
Regelung der Papierbewirtschaftung zahlreiche Behörden ins 
Leben gerufen. Wir nennen den ,, Reichsausschuß für das Druck- 
gewerbe, Verlag und Papierverarbeitung", die „Kriegswirtschafts- 
stelle für das deutsche Zeitungsgewerbe", die ,, Reichsstelle für 
Druckpapier . Der Verbrauch an Druckpapier wurde durch diese 
Stellen von Jahr zu Jahr weiter eingeschränkt; gegen Ende des 
Krieges erfuhr z. B, eine Zeitung mittleren Umfanges (20 Bogen 
pro Woche), die im Jahre 1915 eine Fläche von 640 qm ein- 
genommen hatte, eine Einschränkung um 32 v. H., Werkdruck 
eine Einschränkung von 40 v, H. und Zeitschriften um 55 v. H, 
der im Jahre 1916 verbrauchten Papiermenge, Ähnlich wurde der 
Bezug der meisten übrigen benötigten Rohstoffe und Materialien 
behördlich geregelt und beschnitten. Metalle für Maschinensatz, 
Schriftgießerei, Stereotypie und Galvanoplastik waren beschlag- 
nahmt. Ihre Bewirtschaftung für Druckereien erfolgte durch die 
„Metallvermittlungsstelle für das graphische Gewerbe“. Nach 
Maßgabe der von der Firma abgelieferten Altmetallmenge wurden 
von dieser Zentralstelle Bezugscheine für Neumetalle und zwar im 
allgemeinen im Umfang von 50 Prozent der abgelieferten Mengen 
ausgestellt. Besondere Schwierigkeiten machte die Beschaffung 
der für das Gewerbe benötigten Neulegierungen an Schrift- und 
Galvanometall, die aus Altmetall hergestellt werden mußten, da 
Neumetall von der Kriegsmetall-Aktiengesellschaft nicht zur Ver- 
fügung gestellt werden konnte. Walzenmasse war durch öffent- 
liche Bewirtschaftung des Glyzerins dem freien Verkehr entzogen. 
Waschmittel, Druckfirnis, Klebstoffe, Putztücher, Heftzwirn, Heft- 
gaze, Bindfaden, waren teils kontingentiert, teils überhaupt nicht 
in guter Qualität zu haben. Drucktüche» und Maschinenband ver- 
schwanden infolge der Gummi- und Webstoffbeschlagnahme völlig 
vom Markt; minderwertige Ersatzstoffe mußten aushelfen. Auch 
die Schmierölversorgung der 130 000 im Gewerbe laufenden 
Maschinen begegnete Schwierigkeiten. Endlich wurde durch Ver- 



40 









Ordnung des Reichskanzlers vom 16. Februar 1917 auch Druck- 
• färbe der öffentlichen Bedarfsregelung unterworfen. 

Alle diese Beschränkungen erschwerten die Produktion aufs 
Äußerste und machten eine volle Befriedigung des Kriegsbedarfs 
im Druckgewerbe unmöglich. 

Die dritte Konjunkturperiode, nämlich die Zeit 
nach der Revolution zeigt gewisse Ähnlichkeiten mit der ersten 
unmittelbar nach Kriegsausbruch, Allerdings vertieft sich die 
Krise hier zu einer wirtschaftlichen Katastrophe. Mit einem 
Schlage setzten sämtliche Neuaufträge aus. Die Hoffnung auf 
Wiederbelebung des Exports war durch den Friedensschluß zu- 
nichte gemacht. Das Tarifamt, in Verbindung mit dem Prinzipal- 
verein und Gehilfenverband wandte sich in Aufrufen an die 
Öffentlichkeit und fordert^ energisch und dringend Hilfe für das 
deutsche Buchdruckgewerbe. Zahlreiche Eingabeij an das Reichs- 
wirtschaftsamt, das Ministerium des Innern und die beteiligten 
Fachausschüsse erklärten, daß der geringe Beschäftigungsgrad, 
4 der Rohstoffmangel und die Materialverteuerung und Lohnstei- 

gerung eine Krisis hervorgerufen hätten, der nur durch sofortige 
Zuführung von Aufträgen und Herstellungsmitteln an die graphi- 
schen Gewerbe wirksam gesteuert werden könnte. Infolge häufiger 
Betriebserschwerungen beim Aussetzen der Elektrizitäts- und 
Gasversorgung oder völliger Produktionsunterbrechung durch 
Streike und gewaltsame politische Unruhen wurde die finanzielle 
Tragfähigkeit der Unternehmungen einer schweren Belastungs- 
probe ausgesetzt. Zudem mußten Arbeitskräfte, für die keine 
Verwendung vorhanden war, eingestellt und bei verkürzter 
Arbeitszeit die ausfallenden Arbeitsstunden in gewissem Umfange 
vergütet werden; endlich galt es, die Kriegsbeschädigten durchzu- 
halten; alles unproduktive Mehrkosten, die die vorhandenen Ge- 
schäftsreserven aufzehrten. 

In der Erkenntnis der wirtschaftlichen Konjunktur des Buch- 
. ■ druckgewerbes scheiden sich unter Zusammenfassung des Ge- 

sagten drei Entwicklungsperioden; 

Die erste Periode wird gekennzeichnet durch Beschäftigungs- 
losigkeit und Stillegung zahlreicher Betriebe, die zweite Periode 
durch die allmähliche Entstehung von Kriegsbedarf an Druck- 
erzeugnissen und Umstellung und Anpassung der Unternehmungen, 
die Revolutionsperiode durch völlige Auftragseinstellung, ärgste 



I 



i 




41 



Arbeitslosigkeit und Gefährdung des wirtschaftlichen Fort- 
bestandes der Unternehmungen, kurz durch eine Krisis, die die 
Möglichkeit des Zusammenbruchs in bedrohliche Nähe gerückt hat. 

Auf dieser allgemeinen Grundlage sollen im einzelnen die 
Einwirkungen des Krieges auf den Arbeitsmarkt, auf die wirt- 
schaftliche Lage der Gehilfen, auf die Existenzbedingungen der 
Unternehmer und endlich auf die Zusammenarbeit zwischen beiden 
Kontrahenten innerhalb der Tarifgemeinscliaft in gesonderten Ab- 
schnitten behandelt werden. 







IL Abschnitt. 

Der Arbeitsmarkt während des Krieges. 

Der Kriegsausbruch bewirkte für das Druckgewerbe eine 
völlige Umstellung des Arbeitsmarktes innerhalb weniger Tage, 
j < Etwa 15 000 Prinzipale und Gehilfen wurden bis zum 8. August 

^ 1914 eingezogen. Dieser gewaltsame militärische Eingriff in den 

Personalbestand der Druckereien, der eine Beschränkung des 
Arbeitsangebotes um etwa ein Viertel aller vorhandenen Kräfte 
4 ! bedeutete, konnte jedoch die aus anderen Gründen sofort ein- 

setzende umfangreiche Arbeitslosigkeit nicht ausgleichen. Durch 
die Einziehung vieler Prinzipale wurden zahlreiche Kleinbetriebe 
sofort stillgelegt. Wie oben gezeigt, stand die Periode nach 
Kriegsausbruch für das Buchdruckgewerbe im Zeichen ärgster 
Beschäftigungslosigkeit. Rückgang der Aufträge, Zahlungs- und 
Kreditschwierigkeiten zwangen zur V erkleinerung einer großen 
Zahl weiterer Betriebe. Besonders fühlbar war die Beschäftigungs- 
losigkeit in Zeitungsdruckereien: über 1500 Zeitungen und Zeit- 
schriften stellten ihr Erscheinen ein. Auch Großunternehmer 
ließen sich durch eine übermäßig pessimistische Beurteilung der 
gewerblichen Lage veranlassen, ihre Betriebe zeitweilig zu 
, schließen. 

j‘; Auf diese Ursachen gründet sich die sofort einsetzende, für 

j die Gehilfenschaft sehr empfindliche Arbeitslosigkeit, Aus einem 

. , - Bericht des Tarifamtes geht hervor, daß im Wochendurchschnitt 

des dritten Vierteljahres 1914 bei den 64 Arbeitsnachweisen der 
Tarifgemeinschaft 9369 Gehilfen vorgemerkt waren, aber nur 
3270 vermittelt werden konnten. Die entsprechenden Zahlen 
für das zweite Vierteljahr 1914 sind 2376 und 4626, für das erste 
Vierteljahr 1923 und 7269, Deutlicher zeigt sich der Umfang der 
, Arbeitslosigkeit aus der zu Anfang des Krieges monatlich, später 



42 



43 




vierteljährlich veröffentlichten Statistik des Verbandes deutscher 
Buchdrucker: 



Übersicht über den Beschäftigungsgrad ini Verband der Deutschen 

Buchdrucker während des Krieges. 

Zusammengestellt nach den Kriegserhebungen des V. d, D. B. 



Stichtag 

der 

Erhebung 


Zahl der 
Mitglieder 
ohne 
die beim 
Heere 




Davon 


waren 




Zum Heeresdienst 
' einberuf, (abzügl, der 
Wiederentlassenen) 


voll 

beschäftigt 
V. H. 


beschränkt 

beschäftig;! 

) V.H, 


arbeitslos 

V.H. 


* in andern 
Berufen tätig 

' V.H. 


überhaupt 


V. H. der ge- 
samten Mit- 
1 gliedschaft 


15. 8. 14 


47 481*) 


50,1 


1 14,4 


31,5 




, 1 

1 1 

11519 ! 


i 20,0 


12. 9. 14 


52 684*) 


39,7 ; 


22,1 


35,2 


— 


14 502 


21,6 


31, 10.14 


52 015 


56,0 


15,4 ' 


22,5 


4,0 


17 622 


25,3 


30. 1. 15 


46 978 


70,0 


12,0 


8,5 


7.8 


22 760 


32,3 


1.5. 15 


39 965 


88,4 


1.8 


1,7 


6,1 


31 030 


43,7 


31.7.15 


35 450 


90,3 


0,9 


1,4 


4,9 


35 722 


49,4 


30. 9. 15 


33 141 


92,7 


0,3 ' 


0,7 


4,0 


38 818 


53,6 


31. 12. 15 


31 140 


93,9 


0,3 


0,6 


3,1 


41 611 


57,3 


31.3. 16 


30 658 


94,5 


0.2 


02 


2,5 


42 731 


58,8 


30. 6. 16 


32 501 


93,9 


0,1 


0,7 


2.4 


42 785 


56,8 


30. 9. 16 


31 036 


94,0 


0,07 


0.4 


2,6 


44 345 


i 59,0 


31. 12. 16 


29 091 


94,5 


0,09 


0,4 


2,7 


46 514 


1 61,5 


31.3. 17 


28 954 


94,0 


0,06 


0,2 


2,9 


1 47 267 


62,0 


30. 6. 17 


29 248 


93,1 


0,04 


0,1 


2.8 


' 48 150 


62,2 


30. 9, 17 


29 071 


93,4 


0,04 


0,2 


3,3 


1 48 755 i 


62,6 


31. 12. 17 


29 344 


94,0 


0,03 


0,3 


3,3 


48 874 


62,4 


31.3. 18 


29 926 


93,5 


0,01 


0,1 


3,5 


48 815 ! 


62,0 


30. 6. 18 


30 228 


91,9 


0,01 


0,1 


3,5 


49 394 


58,9 


30. 9. 18 


30 273 


92,1 


0,01 


0,1 


3,7 


49 454 


58,7 


31. 12. 18 


50 342 


81,7 


0,02 


12,6 


3,1 


30 259 


35,4 



Während die durchschnittliche Arbeitslosigkeit für 1913 
4,6 beträgt, steigt sie bei Kriegsausbruch auf 31,5 vom Hundert, 
erreicht in der zweiten Septemberwoche mit 35,2 v. H. den 
höchsten Stand. Damit ist weit über ein Drittel der nicht beim 
Heere befindlichen Gehilfen stellungslos. Ein weiterer beträcht- 
licher Teil — Mitte September 22,1 v. H. — ist nur teilweise 

*) In der Statistik vom 15. August 1914 sind 11 000 = 23°/,,, in der Statistik 
vom 12. September 1914: 3114 = 4% aller Mitglieder nicht erfaßt. 

44 




I 




beschäftigt. In größeren Druckorten steigt die Zahl der arbeits- 
losen Gehilfen im Monatsdurchschnitt über 40 v, H. Die Veröffent- 
lichungen des Gutenberg-Bundes im „Typograph" nennen für 
September 29,4 v. H. Arbeitslose bei 3647 Mitgliedern. 

Die Höhe der in den ersten Kriegsmonaten für Beschäfti- 
gungslose und Beschränktarbeitende der Buchdruckergewerkschaft 
gezahlten Unterstützungen veranschaulicht die für die Verbands- 
kasse durch die Arbeitslosigkeit geschaffene Belastung. Insgesamt 
wurden von der Verbandskasse gezahlt: 

August 1914 547 675,90 M. 

August 1913 219 911,30 „ 

September 1914 633 824,15 „ 

September 1913 174 911, — „ 

Oktober 1914 545 009,20 „ 

Oktober 1913 151418,65 „ 

Es wurden also im ersten Kriegs-Vierteljahr 1,2 Millionen 
mehr an Arbeitslosenunterstützung gezahlt als in den entsprechen- 
den Monaten des Vorjahres, deren Gesamtausgaben sich auf nur 
546 000 M. belaufen. Die Bedeutung dieser Steigerung für die 
Kopfzahl der Unterstützten wächst noch durch die Tatsache, 
daß Ende August die statutarischen Unterstützungsbeiträge um 
25 Pfennig herabgesetzt wurden. Nach der Statistik der General- 
kommission der freien Gewerkschaften entfallen auf den Kopf des 
Arbeitslosen 10,35 M. pro Woche. Damit haben die Buchdrucker 
■ den höchsten Kopfbetrag von den in der Statistik enthaltenen 
41 Fachverbänden. * 

Einen interessanten Vergleich mit den übrigen Fachver- 
bänden läßt die vom Statistischen Reichsamt veröffentlichte Er- 
hebung zu"^). Danach belief sich die Arbeitslosigkeit bei 52 Ge- 
werkschaften aller Richtungen im Durchschnitt aller männlichen 
Mitglieder in der letzten Augustwoche auf 21,2 v, H., bei den 
Buchdruckern auf 41,2 v. H., die damit an sechster Stelle und 
19,9 V. H, über dem Durchschnitt stehen. Die höchste Arbeits- 
losigkeit weisen die Hutmacher mit 62,2 v. H, auf. Nach diesen 
rangieren die Bildhauer, Lithographen und Steindrucker, Porzellan- 
arbeiter, Glasarbeiter, also durchweg Angehörige von Gewerben, 
die nach der in Abschnitt I gegebenen Gliederung zu den reinen 



*) Reichsarbeitsblatt 1914. 






Friedens-Industrien, bei denen naturgemäß der Mangel an Beschäf- 
tigung am meisten fühlbar ist, zu rechnen sind. Die Statistik der 
Generalkommission'=”'=') von der ersten Septemberwoche stimmt 
damit annähernd überein. Durchschnittsziffer von 46 Verbänden: 
21,2 V. H,, Buchdrucker 30,0 v. H. Der Unterschied der Zahlen 
für die Buchdrucker erklärt sich daraus, daß die verkürzt oder in 
Wechselschichten arbeitenden Mitglieder (10 055) von der Er- 
hebung des Statistischen Reichsamts mit als arbeitslos erfaßt 
werden, Auf die im Reichsarbeitsblalt veröffentlichten Zahlen für 
die letzte Septemberwoche einzugehen, erübrigt sich, da diese 
sämtlich absolut einen Rückgang der Arbeitslosigkeit und relativ 
keine wesentlichen Verschiebungen zeigen. 

Trotz dieser völlig unerwartet einsetzenden Arbeitslosigkeit, 
für deren Überwindung die bisherige Entwicklung des Gewerbes 
keinen Anhaltspunkt bieten konnte, ist es den weitsichtigen Maß- 
nahmen des Tarif amtes gelungen, Abhilfe zu schaffen. Eine Be- 
kanntmachung des Tarifamtes ermächtigt die Mitglieder, selbst- 
ständig Maßnahmen zur Einschränkung der Arbeitslosigkeit und 
Aufrechterhaltung des Betriebes zu treffen. Als erforderlich 
werden genannt: Verkürzung der Arbeitszeit, Einführung von 

Wechselschichten, so daß der einzelne Arbeiter etwa halb- 
wöchentlich arbeitet und tageweise aussetzt. Daß von dieser An- 
regung weitgehender Gebrauch gemacht wurde, erhellt aus der 
hohen Zahl der beschränkt Arbeitenden; Mitte September 11 657 
= 22,1 V. H. Der besondere Hinweis des Tarifamtes auf die Pflicht- 
zur Einhaltung der 14tägigen Kündigungsfrist zeigt, daß unter dem 
Zwange der Verhältnisse die tariflichen Bestimmungen durch die 
Prinzipale nicht immer innegehalten wurden. 



Unter dem Einfluß der vermehrten Einziehungen und der all- 
mählichen Wiederbelebung der Geschäftstätigkeit, um deren 
Hebung die Tariforgane besonders bemüht waren, sank die 
Arbeitslosenziffer von Monat zu Monat. Bald wandelte sich mit 
dem allmählichen Übergang zur zweiten Konjunktur- 

**) Korrespondenzblatt der Gewerkschaften 1914. 






46 



i! 




Periode des Gewerbes, in der sich ein Kriegsbedarf an Druck- 
erzeugnissen entwickelte, das Verhältnis von Arbeitsangebot und 
Nachfrage völlig entgegengesetzt um. Im Mai 1915 sind 43,7 v. H. 
aller Gehilfen zum Kriegsdienst einberufen, und nur 1,6 v. H. der 
noch im Lande befindlichen 40 000 Gehilfen arbeitslos. An Stelle 
der hohen Beschäftigungslosigkeit war ein gänzlich ungenügendes 
Angebot von Arbeitskräften getreten. Das dritte Vierteljahr 1915 
weist im Wochendurchschnitt nach der Statistik des Tarifamtes 
über die paritätischen Arbeitsnachweise nur noch 217 vorgemerkte 
Gehilfen auf. 134 offene Stellen konnten nicht mehr besetzt 
werden. Besonders empfindlich für das Gewerbe war der Mangel 
an Spezialarbeitern, Maschinensetzern und Maschinenmeistern, 
besonders Rotationsmaschinenmeistern. Jetzt machte sich auch 
das Fehlen der unter dem Einfluß der Arbeitslosigkeit in den 
ersten Monaten in andere Gewerbe abgewanderten Facharbeiter 
erheblich bemerkbar, Anfang Februar 1915 waren 7,8 v. H. der 
Buchdruckergehilfen in anderen Gewerben tätig. Wenn diese 
erstaunlich hohe Ziffer auch in den nächsten Monaten abnahm, so 
blieb sie doch während des ganzen Krieges im Durchschnitt auf 
etwa 3,5. Dies läßt darauf schließen, daß die abgewanderten 
gelernten Gehilfen in anderen Kriegsbedarfgewerben als unge- 
lernte Arbeiter höher bezahlt wurden als in ihrem Stammberuf. 

Die Tarifgemeinschaft sah sich also plötzlich angesichts der 
Arbeiternachfrage vor völlig neue Aufgaben gestellt. Die Art, wie 
das Tarifamt diesem Bedürfnis entsprach, läßt deutlich die Ten- 
denz erkennen, an den Bestimmungen des Tarifs in vollem Um- 
fange festzuhalten und möglichst ohne „Ausnahmen” sich zu 
behelfen. Der Versuch, bei den einzelnen Firmen Maschinen- 
setzer aus dem Bestände der Handsetzer heranzubilden, 
scheiterte an der geringen Zahl entbehrlicher Handsetzer 
So wurden militärfreie Handsetzer durch die Arbeitsnachweise 
aufgerufen und den Firmen auf Anfordern zur Ausbildung über- 
wiesen. 

Ferner wurde versucht, aus der Zahl der kriegsbeschädigten 
gelernten Buchdrucker Ersatzkräfte zu gewinnen. Wenn diese 
Bestrebung auch für die Behebung des Arbeitermangels keine 
wesentliche Bedeutung hatte, so ist doch ein Einblick in die Für- 
sorge für die Kriegsinvaliden aus sozialpolitischen Gründen von 
Interesse, Eine besonders rege, durch das Tarifamt ins Leben 



47 



I 

f 

t 



gerufene Aufmerksamkeit wurde dem Umlernen Kriegsbeschä- 
digter gewidmet. Schon im April 1915 wurden Unterrichtskurse 
und Lazarettschulen zur Ausbildung kriegsbeschädigter Buch- 
drucker eingerichtet. Auch die Erfindung besonderer Hilfs- 
apparate verdient hierbei erwähnt zu werden. Ein sinnreich 
konstruierter Setzrahmen ermöglichte einarmigen Setzern, in 
ihrem Berufe weiter tätig zu sein. Die Leistungen waren anfäng- 
lich allerdings sehr gering. So wurde in 54 Arbeitsstunden nach 
tariflichem Akkordlohn ein Reinverdienst von 14,55 M. erzielt — 
doch haben sorgsame Ausbildung und Geduld später bessere Er- 
gebnisse gezeitigt. Die Zahl der bei den Arbeitsnachweisen vor- 
gemerkten kriegsbeschädigten Buchdrucker betrug Ende 1918 
477. Davon konnten untergebracht werden 288. Der Rest fand 
zum Teil ohne Vermittelung des Arbeitsnachweises Beschäftigung 
oder wurde zum andern Teil während des Krieges wieder zum 
Heeresdienst einberufen. Die Verordnung über die zwangsweise 
Beschäftigung Schwerbeschädigter vom 9, Januar 1919, nach der 
auf je 100 beschäftigte Arbeiter ein Schwerbeschädigter eingestellt 
werden muß, hatte somit bei der verhältnismäßig geringen Zahl 
von Invaliden und der geregelten Fürsorgetätigkeit der Tariforgane 
im Buchdruckgewerbe keine wesentliche Bedeutung mehr. 

Als weiterer Versuch des Tarifamtes zur Besserung des 
Arbeitsmarktes muß die Reklamation von eingezogenen Gehilfen 
genannt werden. Entsprechende Eingaben an die General- 
kommandos und Bezirkskommandos hatten jedoch keinen erheb- 
lichen Erfolg, da die Anerkennung als kriegswichtiges Gewerbe 
der Buchdruckergemeinschaft zwar theoretisch gewährt, praktisch 
jedoch aus militärischen Gründen auf den Personalbedarf des 
Gewerbes die denkbar geringste Rücksicht genommen wurde. 

Daß die vorläufigen Maßnahmen des Tarifamtes zur Beleb- 
ung des Arbeitsmarktes keinen wesentlichen Erfolg hatten, geht 
aus dem Bestreben zahlreicher Betriebe hervor, männliche und 
weibliche Hilfskräfte einzustellen und auszubilden. Diesen Be- 
strebungen gegenüber erhält das Tarifamt in voller Schärfe die 
Bestimmungen des Tarifvertrages aufrecht und droht mit Aus- 
schluß aus der Tarifgemeinschaft. Es spricht für die Festigkeit 
des Tarifgedankens, wenn trotz der durch den Krieg geschaffenen 
Notlage bis zum Dezember 1915 Ausnahmen nicht zugelassen 
wurden. Das Tarifamt bewies mit diesem Festhalten am Tarif- 



48 



ü/* 



1 



gesetz den richtigen Blick für die Tragweite, die eine Gewährung 
von Ausnahmen gehabt hätte. Ist das Tarifgesetz in einem Punkt 
zum Nachteil eines der beiden Kontrahenten durchbrochen, so 
wird dies die Quelle weiterer Unzufriedenheit des geschädigten 
Teiles und die Ursache zur allmählichen Lockerung des Tarif- 
gebäudes sein. 

Im vorliegenden Falle hatten die Gehilfen ein starkes 
berechtigtes Interesse, das Eindringen berufsfremder Elemente 
nach Möglichkeit zu verhindern oder doch einzuschränken, da 
diese den nach Kriegsende zurückkehrenden gelernten Arbeitern 
die Arbeitsstellen fortnehmen konnten. 

Inzwischen nahm die Arbeitslosigkeit weiter zu. Schlagartig 
beleuchtet der häufige Konditionswechsel der Gehilfen die Dring- 
lichkeit der Nachfrage auf dem Arbeitsmarkte. Obwohl die 
Arbeitslosenziffer im Dezember 1915 auf 0,6 gesunken war, ver- 
mittelten die Arbeitsnachweise der Tarifgemeinschaft im Wochen- 
durchschnitt des vierten Vierteljahres 1915 noch 1680 Gehilfen. 
Es kann sich also nur um Gehilfen handeln, die infolge der Aus- 
sicht auf höhere Entlohnung die Stellung wechselten. Daß dies 
häufig auf tarifwidrigem Wege geschah, deutet die relative Zu- 
nahme der Prinzipalklagen bei den Schiedsgerichten wegen 
Kontraktbruches an. 

Von den bei den Schiedsgerichten eingereichten Prinzipals- 
klagen gegen die Gehilfen betrafen Kontraktbruch: 

1912 . 45 V. H. aller Klagen 1915 . 80 v. H. aller Klagen 

1913 . 44 V. H. „ „ 1916 . 80 v. H. „ 

1914 . 35 V. H. „ „ 1917 . 79 v. H 

Also im Duichschnitt der 3 letzten Friedensjahre 41 v. H,, 

im Durchschnitt der 3 vollen Kriegsjahre 80 v. H. 

Daß die gewerbliche Notlage eine Abhilfe dringend erforderte, 
selbst auf die Gefahr hin, Bestimmungen des Tarifvertrages ab- 
zuändern, läßt die immer heftigere Polemik des „Arbeitgeberver- 
bandes im Druckgewerbe" erkennen, der nach anfänglichem ge- 
werblichen Burgfrieden seine Opposition gegen das Tarifamt 
gerade durch diese Frage wieder angeregt fühlte. 

Um der Gefahr der Betriebseinstellung infolge Personal- 
mangels vorzubeugen, beschlossen Ende 1915 der Deutsche Buch- 



4 



49 




drucker-Verein, der Verband Deutscher Buchdrucker, der Guten- 
berg-Bund und das Tarifamt grundsätzlich folgende Ausnahmen 
ven den tariflichen Bestimmungen zugelassen: 

1. Vorübergehender Gehilfenaustausch von einer Druckerei 
zur anderen, 

2. Bedienung von mehr als 2 Druckmaschinen durch einen 
Maschinenmeister, 

3. Zulassung von ungelernten Hilfsarbeitern an Rotations- 
maschinen, 

4. Zulassung weiblicher Personen als Handsetzer, 

5. Zulassung weiblicher Personen als Maschinensetzer 
(wenn zur Familie des Prinzipals gehörig), 

6. Beschäftigung von Kriegsgefangenen, 

7. Berechnung der Lehrlingszahl nach der Durchschnitts- 
ziffer der ersten 7 Monate des Jahres 1914 und Über- 
schreitung der tariflichen Lehrlingsskala, 

8. Ausbildung mehrerer Lehrlingsjahrgänge an Setz- und 
Rotationsmaschinen. 

In jedem Falle blieb jedoch Genehmigung der Ausnahmen 
dem Tarifamte überlassen, das sich grundsätzlich das Recht zur 
Aufhebung der bewilligten Änderungen vorbehielt. Dienstver- 
träge durften mit heranzubildenden Ersatzkräften nur für die 
Dauer des Krieges abgeschlossen werden. 

Über die Bedeutung der Ausnahmen ist folgendes zu sagen: 

Die Bedenken gegen Zulassung von nicht ausgebildeten 
männlichen und weiblichen Hilfsarbeitern zum Gewerbe sind vom 
Standpunkt der Arbeitnehmer durchaus verständlich. War doch 
der Ausgangspunkt der Organisation der Gehilfen und damit die 
Voraussetzung zur Gründung einer Tarifgemeinschaft das Be- 
streben, durch Wiederbelebung der unter dem Einfluß des 
manchesterlichen Individualismus verschwundenen Regelung des 
gewerblichen Lebens die sachgemäße Ausbildung des Nach- 
wuchses und den Ausschluß berufsfremder Elemente zu sichern. 
Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang die Ausführungen 
Brentanos in einer Polemik gegen den ,, Arbeitgeberverband 
im Buchdruckgewerbe“. Den Vorwürfen des Arbeitgeberverbandes 






'■ i ■ ^ 



gegenüber, die ,,zünftlerische Beschränkung des Gewerbes durch 
die Tarifgemeinschaft sei ein Angriff auf die freie Arbeit" weist 
Brentano auf die verderblichen Folgen der über das Ziel weit 
hinausschießenden Politik der Gewerbefreiheit in der ersten 
Hälfte des 19. Jahrhunderts hin. Das Fortfallen der Zunft- 
beschränkung der Lehrlinge habe zu einem Überangebot von 
meist minderwertigen Arbeitskräften im Gewerbe geführt. Erst 
die Organisation der Gehilfenschaft und die Gründung der Tarif- 
gemeinschaft, die die notwendigen Einschränkungen der von den 
Arbeitgebern einseitig ausgenutzten Gewerbefreiheit geschaffen 
habe, sei die Grundlage einer gesunden Entwickelung geworden. 
In der Tat hat die Tarifgemeinschaft eine wesentliche Einschrän- 
kung der Erwerbslosenzahl erreicht. Daß die Gehilfen nun nach 
einer jahrzehntelangen günstigen Fortentwickelung die im ver- 
gangenen Jahrhundert erkämpfte Ruhe und Ordnung im Gewerbe 
aufrechterhalten wollen und mit Mißtrauen jeder Durchbrechung 
der gegebenen Normen gegenüberstehen, wird jeder verstehen 
Wenn so rein theoretisch betrachtet die bewilligten Ausnahmen 
im Hinblick auf die bisherigen Ziele der Tarifgemeinschaft ein- 
schneidend erschienen, so war ihre praktische Bedeutung dank 
der klugen Hemmungspolitik des Tarifamtes verschwindend 
gering geblieben. Allerdings übten zwei andere Faktoren auf die 
freie Durchführung der einmal bewilligten Ausnahmen wesent- 
lichen Einfluß aus: einmal machte die unverständliche Hand- 
habung des Hilfsdienstgesetzes durch einzelne Feststellungs- und 
Einberufungsausschüsse, die nicht selten den Druckereien die 
Kriegswichtigkeit absprachen und dem Gewerbe gelernte Arbeits- 
kräfte entzogen, ein Zurückgreifen auf ungelernten Ersatz in 
größerem Umfange notwendig; zweitens wurde durch das neu 
geschaffene „Kriegs-Ersatz und Arbeitsdepartement" die Ab- 
lösung weiterer kriegsverwendungsfähiger Leute durch ungelernte 
Hilfskräfte vom Tarifamte gefordert. Die gewerblichen Bedenken 
mußten den militärischen Gründen weichen. Das Tarifamt ver- 
pflichtete sich in einer Erklärung, „Anträgen auf Ersatz männ- 
licher Kräfte keinerlei Hindernisse in den Weg zu legen". Daß 
trotzdem der Umfang der nachgesuchten und bewilligten Aus- 
nahmen bis Kriegsende gering geblieben ist, geht aus einer Zu- 
sammenstellung des Tarifamtes hervor, die den Zustand vom 
November 1918 festlegt. Es waren beschäftigt: 



51 



M 



Weibliche Ersatzkräfte zusammen 

im Handsatz 1809 

im Maschinensatz 472 

an den Druckmaschinen 444 

in der Stereotypie 68 . 

im Korrekturenlesen 9 

2^2 

I 

M ännliche Ersatzkräfte zusammen 

im Handsatz 2 

im Maschinensatz 8 

an den Druckmaschinen 53 

in der Stereotypie 38 

im Korrekturenlesen 2 

103 

Da im gleichen Zeitpunkt 30 273 gelernte Gehilfen (ohne 
Hilfsarbeiter) beschäftigt sind, die Zahl der im Felde stehenden 
gelernten Buchdrucker auf 61 751 gestiegen ist, so entfallen auf 
100 gelernte Buchdrucker nur 9,6 Ersatzkräftc, auf 100 zu 
ersetzende dem Beruf entzogene Arbeiter nur 4,7 Ersatzkräfte. 

Weiter waren 141 Lehrlinge vor Beginn des 4, Lehrjahres an 
der Setzmaschine und 8 Lehrlinge im 2, und 3. Lehrjahre an der 
Rotationsmaschine zugelassen. Die Lehrlingsskala wurde mit 
757 Lehrlingen überschritten, das sind 5,5 v. H. der tariflich zu- 
lässigen Lehrlingszahl, 

Nach dem Beschluß des Buchdruckerrates, über den an 
anderer Stelle zu berichten ist, sind Ende November 1918 die 
tariflichen Ausnahmen aufgehoben worden. Die Ablösung der 
Ersatzkräfte durch gelernte Gehilfen ging reibungslos vor sich, 
da die Interessen der Prinzipale und Gehilfen sich hierin begeg- 
neten, Als Ergebnis finden wir hierdurch bestätigt, daß die Zu- 
lassung von tariflichen Ausnahmen auf dem Gebiet der männlichen 
und weiblichen Ersatzarbeit durch den geringen Umfang der 
bewilligten Einstellungen keinen bedeutenden Einfluß auf die 
Tarifgemeinschaft hat gewinnen können. Zugelassen blieben 
allein die über die tarifliche Skala hinaus eingestellten und in der 
Ausbildung begriffenen Lehrlinge, 

52 






.f •• 





Wir stoßen hier wieder auf das Lehrlingsproblem, das in der 
Geschichte der tariflichen Entwicklung des Gewerbes stets eine 
hervorragende Rolle gespielt hat. 

Wir hatten in der Einleitung festgestellt, daß die Verhältnis- 
zahl der Lehrlinge zu den Gehilfen infolge der jahrzehntelangen 
konsequenten Handhabung der Lehrlingsskala vor Kriegsausbruch 
auf etwa 25 herabgedrückt worden war. 

Mit Kriegsausbruch trat in der Entwicklung der Lehrlings 
Ziffer eine völlige Verschiebung ein. Der bedeutende Umfang der 
Einberufungen gelernter Gehilfen, die Notwendigkeit, infolge des 
nach Frühjahr 1915 eintretenden Mangels an gelernten Arbeitern 
durch vermehrte Einstellung von Lehrlingen einen Ausgleich zu 
schaffen, lassen die Verhältnisziffer auf 47,4 im Jahre 1917 hinauf- 
schnellen*). 

Bei der in den ersten Kriegsmonaten herrschenden Arbeits- 
losigkeit verbot das Tarifamt die Einstellung neuer Lehrlinge 
(Oktober 1914); die völlige Veränderung des Arbeitsmarktes 
zwang jedoch 1915 dazu, nicht nur die Einstellung von Lehrlingen 
wieder zuzulassen, sondern der Lehrlingsskala die Gehilfen- 
Durchschnittsziffer der ersten sieben Monate 1914 zugrunde zu 
legen, d, h. das Verhältnis zwischen Lehrlingen und Gehilfen sehr 
zuungunsten der Letztgenannten zu verschieben. Bald mußte 
sich das Tarifamt zu den bereits oben angeführten tariflichen Aus- 
nahmen auf dem Gebiete des Lehrlingswesens entschließen, Lehr- 
linge wurden schon im zweiten und dritten Lehrjahre zu den Setz- 
und Rotationsmaschinen zugelassen. Die Lehrlingsskala konnte 
bei einzelnen Firmen auf Antrag mit Genehmigung des Tarifamtes 
überschritten werden, Ende Mai 1917 sind 499 Lehrlinge mehr 
eingestellt, als tariflich zulässig, Anfang 1918 608 und bei Kriegs- 
ende 757, 

Trotz der relativen Vermehrung der Lehrlingszahl im Ver- 
gleich zu den Gehilfen hat die Zahl der Lehrlinge absolut seit 
Kriegsausbruch abgenommen. Die Gründe hierfür sind einmal 
in der Einberufung einer gewissen Zahl älterer Lehrlinge, vor 
allem in der Schwierigkeit zu suchen, geeignete Lehrlinge während 
des Krieges zu bekommen. Da infolge der hohen Löhne, die unge- 
lernten jugendlichen Arbeitern gezahlt wurden, die Abneigung 

*) Vergl, Seite 16. 



1 

I 

f 

i 



4 



1 



53 





t 



gegen eine mehrjährige Lehrzeit mit geringem Kostgelde — die 
Lehrlinge erhielten durchschnittlich 6, höchstens 10 M. Taschen- 
geld pro Woche — wuchs, hatte sich das Lehrlingsangebot 
wesentlich vermindert. Auch die Neigung zur Abwanderung war 
infolge des anderwärts lockenden höheren Verdienstes stärker 
geworden. 

Die nachteiligen Folgen der relativen Lehrlingszunahme 
haben sich während des Krieges empfindlich bemerkbar gemacht. 
Der Nachwuchs, der im Kriege seine Ausbildung erhalten hat, ist 
im allgemeinen minderwertig; er ist schon zum größten Teil mit 
einem Bildungsmangel aus der Volksschule in die Lehre über- 
gegangen, denn Verkürzung des Unterrichts, Zusammenlegung der 
Klassen und häufiger Lehrerwechsel haben die Unterrichtserfolge 
herabgesetzt; die technische Ausbildung der Lehrlinge hat bei der 
geringen Zahl gelernter Gehilfen unter dem Mangel an Aufsicht 
und Anleitung gelitten. Die Lehrlinge wurden während des 
Krieges zu beruflichen Arbeiten herangezogen, die sie mangels 
einer soliden Grundlage nur oberflächlich ausführen konnten. Die 
Buchdruckerfachschulen, die an den meisten größeren Druckorten 
neben den gewerblichen Fortbildungsschulen bestehen, konnten die 
Lehrlingsausbildung nicht wirksam genug unterstützen. Beschrän- 
kung der Stundenzahl, unregelmäßiger Schulbesuch, vor allem aber 
frühzeitige Einberufung zum Heeresdienst machten einen Aus- 
gleich mangelnder technischer Ausbildung im Geschäft durch 
praktische Anleitung in der Fachschule unmöglich. So war bei 
Kriegsende die Frage nach einer sachgemäßen Ausbildung des 
Nachwuchses brennender denn je. Positive Reformarbeit hatte 
auf diesem Gebiet im Kriege nicht geleistet werden können. 




Um ein abschließendes Gesamtbild über die Kriegswirkungen 
auf den Arbeitsmarkt im Buchdruckgewerbc zu gewinnen, werden 
wir die durch die revolutionäre Umwälzung auf dem Arbeitsmarkt 
geschaffenen Verhältnisse einer Betrachtung unterziehen. Nach 
der plötzlichen und überstürzten Demobilmachung, die alle Pläne 
des Kriegsamtes über allmähliche Entlassung nach Berufszweigen, 
Dringlichkeitsstufen und Familienverhältnissen über den Haufen 
warf, strömte eine ungeheure Menge Arbeitsloser auf den 



54 



r 



I 




t' 



I 



? 



( 

I 

I 



heimischen Arbeitsmarkt. Dennoch blieb die Arbeitslosigkeit be- 
deutend hinter den Ziffern der ersten Kriegsmonate zurück. Als 
Material stehen die vom Statistischen Reichsamt im ,, Reichs- 
arbeitsblatt** veröffentlichten monatlichen Tabellen vom Arbeits- 
markt, die Statistik des Verbandes deutscher Buchdrucker und 
die Erhebungen des Tarifamtes zur Verfügung. Aus der nach- 
stehenden Übersicht ist das Anschwellen der Arbcitslosenziffer 
ersichtlich. Für Monat Januar 1919 sind die Angaben des ,, Reichs- 
arbeitsblattes** falsch, für Februar fehlt die Ziffer ganz. Diese 
wurden nach der Verbands-Statistik vervollständigt. 



Arbeitslose (am Ort und auf der Reise) auf 100 Mitglieder am 

Ende der letzten Woche. 



Berichtender 

Verband 


1917 

Dez. 


1918 

Sept. Okt. Nov. 


Dez. 


Jan. 


1919 

Februar März 


April 


Mai 


VerbandDeutscher 










Zwischen 






Buchdrucker . . . 


0,3 


p 

o 

0 

1 


12,1 


17,6 


9,3 u. 14,8 8,8 


4,6 


4.4 


Gutenbergbund . . 


0,2 


- - 1,7 


7,1 


7,4 


5,4 4.8 


3.1 


3,6 


Durchschnitt aller 
















Verbände 


0,9 


o 

00 

p 

00 


5,4 


6,6 


6,0 3,9 


5,5 


3,8 



Die Arbeitslosigkeit im Buchdruckerverband und Guten- 
bergbund steigt also sprunghaft vom November bis Dezember, 
erreicht im Januar mit 17,6 (7,4) ein Maximum und nimmt dann 
im Februar und März rasch ab, um im April einen Stand zu 
erreichen — für den Verband deutscher Buchdrucker 4,6 — , der 
genau der Jahresdurchschnittsziffer des letzten vollen Friedens- 
jahres entspricht. Die Statistik des Tarifamtes über die Durch- 
schnittswochenzahl der bei den 64 Arbeitsnachweisen der Tarif- 
gemeinschaft vorgemerkten Gehilfen bestätigt das gewaltige An- 
schwellen der Arbeitslosigkeit in den ersten Monaten 1919. 





III. Vierteljahr 
1918 


IV. Vierteljahr 
1918 


I. Vierteljahr 
1919 


Zahl der vorgemerkten Ge- 
hilfen 


12 

1 


2017 


7662 


Zahl der vermittelten Ge- 
hilfen . , . . 


507 


1 

1386 


2143 


Zahl der offen gebliebenen 
Stellen 


230 


117 


0 




55 











I 

I 




Interessant ist ein Vergleich der Buchdruckerziffer mit den 
Zahlen der übrigen Fachverbände und der Durchschnittszahl 
aller berichtenden Gewerkschaften. Nach den Tabellen des 
,;Reichsarbeitsblattes‘* ergibt sich, daß zur Zeit des Maximums 
im Januar die Ziffer des Buchdruckerverbandes weit über dem 
Durchschnitt und von 33 berichtenden Fachverbänden an sechster 
Stelle lag. Im April ist sie unter die Durchschnittsziffer 
gesunken und rangiert von den Zahlen der 33 Verbände an 
sechzehnter Stelle. Hieraus ist zu folgern, daß die Arbeitslosig- 
keit im Buchdruckgewerbe nach der Revolution einen ungewöhn- 
lich hohen Stand erreicht hat, daß es aber trotzdem gelungen ist, 
dieser Schwierigkeit schneller und gründlicher Herr zu werden, 
als in den meisten anderen Gewerkschaftsverbänden. Es liegt 
nahe, diese Wirkung den sicheren ud weitsichtigen Maßnahmen 
zuzuschreiben, die die Deutsche Buchdrucker-Tarifgemeinschaft 
zur Behebung der Arbeitslosigkeit traf. Die Notwendigkeit, den 
zu erwartenden Rückstrom von Arbeitskräften aufzufangen und 
für Arbeitsmöglichkeit zu sorgen, wurde vom Tarifamt rechtzeitig 
erkannt. Mitte November wurden durch einen Aufruf alle Prinzi- 
pale aufgefordert, die früher bei ihnen tätigen Gehilfen in ihren 
Betrieben wieder aufzunehmen und die während des Krieges zu- 
rückgestellten Arbeitsverrichtungen zur Beschäftigung weiterer 
Arbeitskräfte umgehend in Angriff zu nehmen. Gleichzeitig 
wurden die Arbeitsnachweise angewiesen, durch pünktliche Er- 
ledigung aller einlaufenden Anmeldungen den erforderlichen Aus- 
gleich zwischen Angebot und Nachfrage herbeizuführen. Diese 
vorbereitenden Maßnahmen wurden ergänzt durch eine ein- 
schneidende tarifliche Regelung, Ein Beschluß der Tariforgane vom 
18. November legte allen Prinzipalen, die am 10. November 1918 
mindestens 8 bis 12 Gehilfen beschäftigt hatten, die Verpflichtung 
auf, einen weiteren Arbeitslosen einzustellen. Bei 13 bis 16 
Gehilfen sollten 2, auf 8 weitere Gehilfen je ein Arbeitsloser mehr 
beschäftigt werden. Am 30. November wurde tariflich festgelegt, 
daß alle am 29. Juli 1914 in einer Druckerei tätig Gewesenen nach 
ihrer Entlassung aus dem Heeresdienst einen Anspruch auf 
Wiedereinstellung bei ihrer alten Arbeitsstelle haben sollten. Das 
Lohneinkommen bei der Wiederaufnahme durfte nicht geringer 
sein, als der Lohn bei der Einberufung zuzüglich der inzwischen 
gewährten Teuerungszulagen. 

56 



i 




So rennt die Verordnung über die zwangsweise Einstellung 
der Arbeiter während der Demobilmachung vom 4. Januar 1919 
in der Tarifgemeinschaft der Buchdrucker offene Türen ein. Aller- 
dings wurde durch diese Verfügung die Frage der verkürzten 
Arbeitszeit bedeutsam. Der Tarifausschuß beschäftigte sich mit 
den hieraus entstehenden Möglichkeiten in einer Sitzung im 
Februar 1919 und gelangte hierbei zur praktischen Durchsetzung 
eines Prinzips auf dem Gebiete der Bekämpfung der Arbeitslosig- 
keit, auf dessen Anerkennung, wie der „Korrespondent" schreibt, 
das ,, gewerkschaftliche Streben schon seit Jahrzehnten gerichtet 
war." Das ist die Verpflichtung der Unternehmer, die Not der 
Arbeitslosigkeit durch materielle Zuschüsse abzuschwächen und 
für weitgehende Unterbringung der Arbeitslosen zu sorgen. Tritt 
wegen Arbeitsmangels bei einzelnen Firmen eine Verkürzung der 
Arbeitszeit ein, so hat der Prinzipal bei Verkürzung um täglich 
eine Stunde 20 v. H., bei zwei Stunden 25 v. H. und bei drei 
Stunden 33’/s v. H, des ausfallenden Arbeitslohnes den Arbeit- 
nehmern zu vergüten. Die Verkürzung wird nach Anhörung des 
Personals beschlossen und eine Woche vor Inkrafttreten ange- 
kündigt. Als am 20, März 1919 das Demobilmachungsamt die 
Verordnung vom 4. Januar dahingehend erweiterte, daß Ent- 
lassungen erst bei einer Arbeitszeitverkürzung um 24 Stunden in 
der Woche stattfinden durften, setzte das Tarifamt für eine täglich 
vierstündige Arbeitszeitverkürzung eine Entschädigung von 
40 V. H. des ausfallenden Verdienstes fest. Es ist zweifellos, daß 
diese Entschädigungspflicht den Unternehmern erhebliche Opfer 
für die Übergangszeit aufgebürdet hat. Daß jedoch diese Maß- 
regel geeignet war, innerhalb der Tarifgemeinschaft auf dem < 

Gebiet des Arbeitsangebots wieder gesunde Verhältnisse herbei- 
zuführen, und somit eine grundlegende sozialpolitische Bedeu- 
tung gehabt hat, beweisen die Arbeitslosenziffern des Gehilfen- 
verbandes und des Gutenbergbundes im April 1919, 

Beim Vergleich dieser Ziffern mit den Zahlen der Vorkriegs- 
zeit bleibt allerdings stets zu berücksichtigen, daß die Arbeits- 
losigkeit künstlich beschränkt war und fast sämtliche berufs- 
angehörige Gehilfen verkürzt arbeiteten. Ein wesentlich anderes 
Bild würde sich ergeben, wenn man die Prozentzahl der be- 
schränkt Arbeitenden zum Vergleich heranziehen könnte. Leider 
gibt hierüber weder die Statistik des Statistischen Reichsamtes, 



% 




57 



noch die Erhebung des Tarifamtes Aufschluß. Die Arbeitszeitver- 
kürzung ist selbstverständlich nicht als ständige Abhilfe für die 
Arbeitslosigkeit zu betrachten, sie kann und darf nur eine Über- 
gangsmaßnahme sein, die bei einer allmählichen natürlichen Aus- 
gleichung des Arbeitsmarktes in Fortfall kommen muß. 

Eine erfreuliche Erscheinung der Revolutionsepoche ist die 
Tatsache, daß endlich die längst als notwendig erkannte Reform 
der Ausbildung des gewerblichen Nachwuchses der Vollendung 
praktisch näher gebracht wurde. 

Eine Einschränkung der Lehrlingszahl ist die erste Voraus- 
setzung sachgemäßer Ausbildung. Im Februar 1919 wurde daher 
für die Lehrlingsskala für 1919 die Gehilfendurchschnittsziffer des 
ersten Vierteljahres, die infolge der katastrophalen gewerblichen 
Lage sehr gering war, zugrunde gelegt und jede Überschreitung 
der Skala mit Ausschluß aus der Tarifgemeinschaft bedroht. ^ 

Ein vom Deutschen Buchdruckerverein auf Veranlassung 
des Tarifausschusses ausgearbeiteter Entwurf einer Lehrlings- 
ordnung für das deutsche Buchdruckgewerbe versuchte die Frage 
grundsätzlich zu regeln. Hiernach sind Träger der Lehrlingsord- ** 

nung die Prinzipalsmitglieder der Tarifgemeinschaft. Die Durch- 
führung ist Sache des aus drei Prinzipalen bestehenden Haupt- 
lehrlingsausschusses. Den Gehilfen ist bei der praktischen Durch- 
führung, insbesondere bei der Ausbildung, eine Mitwirkung in den 
Bezirkslehrlingsausschüssen zugestanden. Der Entwurf gliedert 
sich nach diesen grundsätzlichen Feststellungen in sechs Ab- 
schnitte, in denen die wichtigsten Probleme der Lehrlingsausbil- 
dung behandelt werden, und zwar; Werbung von Lehrlingen für 
das Gewerbe durch umfassende Propaganda, eingehende geistige 
und körperliche Prüfung der Eignung zum Beruf, Einstellung in 
die Lehre mit genauer Regelung des Lehrvertrages, Gang der 
Ausbildung unter Festlegung der Lehrgänge für die einzelnen 
Jahre, Prüfungen nach dem zweiten Lehrjahre und nach Abschluß 
der Lehrzeit, 

Der Gehilfenverband griff das Problem auf und forderte 
grundsätzlich eine Regelung der ganzen Frage innerhalb der 
Tarifgemeinschaft und demgemäß eine rein paritätische Zu- 
sammensetzung der Lehrlingsausschüsse. Es ist tatsächlich nicht 
einzusehen, warum den Gehilfen die Mitwirkung bei einer sie per- 
sönlich und sachlich so ungemein interessierenden Frage versagt 

58 







% 



bleiben soll. Die Bedenken, die gegen die Einbeziehung der Lehr- 
lingsfrage in die Tarifverträge geltend gemacht werden, beziehen 
sich meist auf übermäßige Beschränkung des Angebotes auf dem 
Arbeitsmarkt infolge von ,, Lehrlingshöchstzahlen“. Daß diese 
Gefahr im BuchdruckgeVerbe nicht besteht, hat die jahrzehnte- 
lange Bewährung einer tariflichen Lehrlingsskala bewiesen. Wenn 
also dieser Widerstand bereits glücklich überwunden ist, so sollte 
man auch nicht zögern, im Rahmen der Tarifgemeinschaft das 
Lehrlingswesen auf paritätischer Grundlage weiter auszubauen. 

Daß über die Einzelheiten bei einer gemeinsamen Regelung 
der Lehrlingsfrage zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeber- 
verbänden Übereinstimmung zu erzielen wäre, zeigen die Forder- 
ungen des Gewerkschaftskongresses in Nürnberg im Sommer 
1919. Die Forderungen, die in der Lehrlingsfrage auf dieser 
Tagung erhoben wurden, sind fast durchweg, wenigstens soweit 
sie die praktische Ausbildung betreffen, durch den Entwurf des 
Deutschen Buchdruckervereins verwirklicht. 

Es ist zu hoffen, daß zwischen Prinzipalverein und Gehilfen- 
verband zum Segen des Buchdruckgewerbes und insbesondere zur 
Gesundung des durch den Krieg verwahrlosten gewerblichen 
Nachwuchses eine Einigung erzielt wird, die die Lehrlingsfrage 
durch Aufnahme in die Bestimmungen des Tarifvertrages grund- 
sätzlich regelt und, ohne die wertvollen praktischen Vorschläge 
des Deutschen Buchdruckervereins außer Acht zu lassen, die 
Gehilfen tätig an der dringend notwendigen Reform teilnehmen 
läßt. 




r 



III. Abschnitt. 




* 



Die wirtschaftliche Lage der Gehilfen. 

Wir wenden uns nun der durch den Krieg geschaffenen wirt- 
schaftlichen Lage der Arbeitnehmer zu. Sie wird bestimmt durch 
die Höhe des Arbeitslohnes im Verhältnis zu den Kosten der 
Unterhaltsmittel. Bei der während des Krieges von Jahr zu Jahr 
immer empfindlicher werdenden Teuerung ist daher die Frage der 
Lohnsteigerung für die Beurteilung der wirtschaftlichen 
Lage der Gehilfen entscheidend. 

Der grundlegende Vorteil der Tarifverträge für die Arbeit- 
geber ist die Sicherheit, während einer gewissen Zeitdauer bei 
der durch das Vertragsverhältnis garantierten gewerblichen Ruhe 
unter den gleichen Bedingungen produzieren zu können. Der 
Unternehmer kann infolge des Vertrages mit festen Löhnen 
rechnen, daher weitausschauend kalkulieren, nach einem festen 
Produktionsprogramm arbeiten und durch geregelte Preise für 
längere Zeitdauer sich einen festen Kundenkreis schaffen. Dabei 
wird das Interesse an der tariflichen Lohnregelung um so größer 
sein, je größer der Anteil der Löhne an den Gesamtgestehungs- 
kosten ist*). Im Buchdruckgewerbe entfallen auf die Löhne nach 
den Berechnungsgrundlagen des Deutschen Buchdruck-Preistarifes 
im Akzidenzdruck 55, im Werkdruck 65, im Zeitungsdruck 75 v. H. 
der Gesamtunkosten. Es liegt auf der Hand, daß die Prinzipale die 
Einhaltung der tariflichen Lohnsätze während der Tarifperiode 
mit allen Mitteln durchzusetzen versuchen. 

Die durch den Krieg geschaffenen wirtschaftlichen Tat- 
sachen waren jedoch stärker als die Tarifgesetze. Die eingetre- 

*) Vergl. Zimraermann; Die gesunkene Kaufkraft der Löhne und 
ihre Wiederherstellung, Heft 65 der Schriften der Ges. f. Soz. Reform, S, 60. 

60 



tenen Lohnsteigerungen wurden im wesentlichen bestimmt durch 
drei Faktoren. Zunächst und vor allem durch die erhöhten Repro- 
duktionskosten der menschlichen Arbeit, d, h. die Verteuerung des 
gesamten Lebensunterhaltes, ferner durch das auf ein Minimum 
beschränkte Arbeitsangebot und endlich durch kriegspolitische 
Rücksichten. Innerhalb der Buchdruckertarifgemeinschaft wurde 
unter dem wachsenden Druck der Teuerung zunächst versucht, 
durch eine freiwillige monatliche Teuerungszulage von 10 M, 
für Verheiratete, 8 M. für Ledige am 1. April 1916 die Lage der 
Gehilfen zu verbessern. Diese vom Deutschen Buchdruckerverein 
beschlossene Lohnerhöhung blieb jedoch bedeutungslos, da die 
meisten Prinzipale sich nicht danach richteten. So entschloß man 
sich, obwohl der bis 31. Dezember 1916 gültige und inzwischen 
um ein Jahr verlängerte Tarifvertrag noch nicht abgelaufen war, 
zur tariflichen Festlegung einer obligatorisch zahlbaren 
monatlichen Teuerungszulage in Höhe von 12,50 M. bis 17,50 M. 
bei einer Entlohnung von 1 M. über dem Minimum und zwar ab- 
gestuft nach den Lokalzuschlägen. Bezeichnend ist hierbei, daß 
von einer zeitgemäßen Revision des Tarifes selbst und einer ent- 
sprechenden Erhöhung des Lohnminimums Abstand genommen 
wurde. Die Erklärung liegt einmal in der Voraussicht, daß bei 
längerer Kriegsdauer weitere Zuschläge unvermeidlich und die 
hierdurch bedingten jedesmaligen Abänderungen des Tarifver- 
trages höchst umständlich sein würden, vor allem aber in der 
damals schon in Unternehmerverbänden entschieden bemerk- 
baren Tendenz, die „unter dem Druck der Kriegsnotwendigkeiten 
abgerungenen Zugeständnisse" nach Friedensschluß wieder aufzu- 
heben und die alten tariflichen Löhne wieder herzustellen*). 

Weitere Erhöhungen der Teuerungszulagen wurden gewährt: 

am 1. Mai 1917 um 14,9 v. H., 

am 26. November 1917 um 26,1 v. H., 

am 1. August 1918 um 30,6 v. H., 

am 1. Dezember 1918 um 12,4 v. H., 

am 1. Januar 1919 um 36,8 v. H., 

am 5. Mai 1919 um 61,8 v. H. und 

am 1. Oktober 1919 um 30,2 v. H.**). 



*) Vergl. Zimmermann wie oben Seite 41. 

Die Teuerungszulage vom 1, Oktober 1919 kommt für die Lohn- 
steigerung Juli 1914 bis 1. Juni 1919 nicht mehr in -Frage; vergl. Note S, 67. 

61 



1 



Die Steigerungen des Lohnes gegenüber dem Stand vom 

1. August 1914 sind aus der graphischen Darstellung auf Seite 63 
ersichtlich. Hierbei sind zugrunde gelegt: 

L Der Lohn eines um 1 M. über Minimum entlohnten ver- 
heirateten Gehilfen an einem Ort mit 15 v. H. Lokal- 
zuschlag als Beispiel eines tariflichen Durchschnitts- 
lohnes, 

2, Der Lohn eines um 1 M, über Minimum entlohnten Ge- 
hilfen in Berlin als Beispiel eines der höheren tariflichen 
Lohnsätze, 

3, Der Lohn eines Gehilfen bei einer Großdruckerei in der 
Großstadt, 

Während die Lohnsätze zu 1 und 2 nach dem Tarif theo- 
retisch errechnet wurden"^), zeigt die Kurve zu 3 die tatsäch- 
liche Lohnsteigerung der am höchsten entlohnten Gehilfen in 
der Großstadt an. Um das durchschnittliche Wocheneinkommen 
dieser gelernten Arbeiter zu ermitteln, wurde aus den Löhnen von 
15 Maschinenmeistern und Setzern der Durchschnittswert für die 
zweite Woche der Monate März und September jedes Kriegs- 
jahres an Hand der Lohnbücher errechnet. Das Ergebnis ist 
folgendes: 



Lohn eines Buchdruckergehilfen in der Großstadt- 



. 


März 


Mai 1 


Juli 


September 


1 Dezember 


Jahr 


Lohn 
in Mark 


Steigerung v. H. 
der Lohnsumme 
im Juli 1914 


Lohn 
in Mark 


Steigerung v. H, 
der Lohnsumme 
im Juli 1914 


Lohn 
in Mark 


Steigerung v. H. 
der Lohnsumme 
im Juli 1914 


Lohn 
in Mark 


Steigerung v. H. 
der Lohnsumme 
im Juli 1914 


Lohn 
in Mark 


Steigerung v. H. 
der Lohnsumme 
im Juli 1914 


1914 . . , 





-- -- 




— 


43,17 


1 






-- - 


1 


1915 , . . 


42,88 


-0,67 


— 


— 


— 


— 


43,87 


1,62 


— 


— 


1916 . . , 


48,19 


11,6 


1 


— 


— 


— 


50,- 


15,8 


— 


— 


1917 , . . 


52,18 


20,8 


— 


— 


— 


— 


61,68 


42,8 


— 


— 


1918 . . . 


72,87 


68,7 


— 


— 


— 


— 


79- 


83,0 


87,42 


102,4 


1919 , . . 


— 1 


— 


131,40 


204 


— 


— 


— 


— 


— 


— 



*) Die der graphischen Darstellung zugrunde gelegten Zahlen siehe in 
Tabelle Seite 64 — 66. 

62 









1. Wochenausgabe für den Bedarf einer 4köpfigen Familie an Lebensmitteln 

nach R. Calwer. 



1913 



1914 



1915 



1916 



1917 



1918 



1919 



Jahr 

Ausgaben in Mk. 

j - ^ 

Steiger, geg. Juli 1914 ia % 

Ausgaben in Mk. 

Steiger, geg. Juli 1914 in ^Iq 

Ausgaben in Mk. 

Steiger, geg. Juli 1914 in % 

Ausgaben in Mk. 

Steiger, geg. Juli 1914 in o 

Ausgaben in Mk, 

Steiger, geg. Juli 1914 in % 

Ausgaben in Mk. 

Steiger, geg. Juli 1914 in % 

Ausgaben in Mk. 



Jan. Febr, ^ März April. Mai Juni Juli ^ Aug. Sept. Okt. Nov. Dez. 

~ ~ i “ “ 25,35 25,88 - — 25,73 25,58 25,46 



_ 25,57 [ 25,29 ; 25,08 I 24,96 . 24,70 24,73 25,12 26,41 ! 26,14 27,i 



— — I 5 



29,65 31,49 32,90 j 34,41 , 36,49 | 37,36 ' 38,16 



27,86 

11 



28,72 

14 



39,13 



39,93 41,90 38,86 39,33 



56 I 59 



41,26 i 43,40 I 48,40 , 51 78 i 52,29 52,61 ! 53,47 ] 53,53 53,55 53,50 

64 I 73 ; 93 106 I 108 i 109 I 113 113 Min 113 

53,67 { 54^1 54,69 54,81 54,58 | 54,34 ' 55,26 | 54,67 I 54,37 54,79 

114 I 116 118 j 118 117 I 117 120 I 118 117 118 



56,50 j 56,47 57,— , 57,13; 57,30 
125 j 125 i 127 128 128 

63,75 I 64,93 67,30 ; 69,65 j 73,70 



57,60 I 58,11 : 59,43 60,84 61,80 
129 ; 135 137 I 142 146 

78,65 I 82,21 I — , — 



52,92 

111 

55.49 
122 

62.49 
149 



53,21 

112 

55,49 

122 

62,96 

151 



Steiger, geg. Juli 1914 in % 154 j 159 ! 168 I 178 T 194 213 i 227 



2 . Preissteigerung von 

errechnet 



13 Lebensmitteln in v.H.des Standes vom 1. 12. 1913 im Städtedurchschnitt, 

nach den amtlichen Preisberichten zur Stat, Korrespondenz, 17. 12. 1918. 



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Vergleichs ^ Sö ^ m 

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1. 12. 1913 — I — — I - 



1. 12. 1914 



1. 12. 1915 



1. 12. 1916 



147*) ! — I — 



96 

32 76 

213 — 

71 84 



166 129 ‘ 



1. 12. 1918 



627 : — 

209 : 244 



— I 80 — 

16 20 8 

— 148 — 

29 37 23 



“ I 198 — 312 I — 

71 i 99 32 78 i 111 



5 29 55 



4 — I — 

2 6 26 



480 24 



11 128 178 31 : 71 101 

— I - , - i 102 I - i _ 

18 23 43 51 345 213 ^^56 67,8 

; [ — — — 

— — — I 208 — — 

31 ; 53 104 258 j 303 

i ' ^ i 

— I — I 278 

53 I 99 104 139 266 370 



) Um durchschnittliche Preismeßziffem aus diesen Zahlen zu erhalten, wurde einzelnen Konsumartikeln, die 
esonders wichtig sind, ein „Gewicht“ verliehen und zwar ist der Multiplikator für Kartoffeln 3, für Roggenmehl 2 
^ur Roggengraubrot 4, für Vollmilch 2, Die Produkte sind bei den betr. Artikeln über die einfache Prozentzahl gesetzt' 



Ul Der Divisor für Errechnung der Durchschnittspreismeßziffer ist 20. 



V •" " 



I 




3. Steigerung der Wochenausgaben einer 4köpfigen Schwerst- 
arb eiterfamilie für rationierte Lebensmittel 

nach der Statistik des Reichsernährungsamts. 

Verglichen mit dem Stande vom April 1914. 



Monat 


1914 


1915 


1916 


1917 


1918 


1919 


April 


1 — 


37,5 


81,4 


87,6 


109,0*) 


149,8 •*) 


Oktober ... * 


11,3 


46,3 


79,5 


100,0 


141,0 


1 

i 

1 



*) Für Februar 1918. **) Für Januar 1919. 



Tariflicher Wochenlohn eines verheirateten Buchdruckergehilfen 

in Kl. C bei 1 Mk, über Minimum. 





Bei 15% Lokalzuschlag 


In Berlin 


lag 

der Lohnerhöhung 


Grundlohn 

Mk. 


Zulage ^ 

Mk. 1 


Steigerung 

"/o 


Grundlohn 1 

Mk. 1 


Zulage 

Mk. 


Steigerung 

^/o 


1.4.1916 . . . 


32,62 


2.50 


7,7 


35,38 


2,50 


7,1 


1. 10. 1916 . . . 


■ 

32.62 


3,75 


11.25 


35,38 


4,38 


12,4 


1. 5. 1917 . . . 


32,62 


8,50 


26.1 


35,38 


9,50 


26,8 


26. 11. 1917 . . . 


32,62 


17,- 


52,2 


35,38 


19,- 


53,7 


00 

00 

• 


32,62 


27,- 


82,8 


35,38 


: 33,50 


94,6 


1, 12. 1918 . . . 


32,62 


31,- 


95,2 


35,38 


; 38,50 


108,8 


1. 1. 1919 . . . 


32,62 


43,- 


132,0 


35,38 


j 58,50 


165,2 


5. 5. 1919 . . . 


32,62 


1 63,— 

} 


193,8 


35,38 


' 78,50 


222,0 


1. 10. 1919 . . - 


32,62 


75,- 


224,0 


35,38 


90,50 

1 


256,5 







Die Gesamtsteigerung des Lohneinkommens bis 1. Juni 1919-' ) 
beträgt nach 1: 193,8 v, H,, 

nach 2: 222 v. H., 

nach 3: 204 v. H. 

des Friedensstandes. Wie aus der Darstellung ersichtlich, verläuft 
die Kurve zu 3, bei der die tatsächlichen Lohnerhöhungen zugrunde 
gelegt wurden, bis auf geringe Abweichungen völlig gleichartig zu 
den beiden Kurven zu 1 und 2 die sich auf die tarifliche Lohn- 
steigerung stützen. Wir schließen hieraus, daß wir bei der Be- 
trachtung der relativen Lohnsteigerung mit ausreichender 
Genauigkeit die tariflich errechneten Erhöhungen verwenden 
können. 

Bedeutet nun diese Nominal-Lohnerhöhung einen Ausgleich 
der vermehrten Unterhaltskosten und hat die durch die Tarif- 
gemeinschaft bewirkte Lohnregelung den Reallohn der Buch- 
druckergehilfen während des Krieges auf angemessener Höhe 
gehalten? Wir vergleichen zur Beantwortung dieser Frage die 
Steigerung des Nominallohnes mit der Preiserhöhung der 
Lebensmittel während des Krieges. Da der durchschnittliche An- 
teil der Ausgaben für Lebensmittel in Arbeiterfamilien nach einer 
Erhebung des Kriegsausschusses für Konsumenten-Interessen 
während des Krieges auf 59,41 v, H. der Gesamtausgaben im 
Durchschnitt angewachsen ist, kann dieser weitaus wichtigste 
Faktor mit Recht einer Betrachtung über die relativen Reallohn- 
Änderungen zugrunde gelegt werden. 

Für die Ermittelung der Lebenskostensteigerung benutzen 
wir folgendes Material: 

1. Die monatlichen Berechnungen der Wochenausgaben für 
den Bedarf einer vierköpfigen Familie an Lebensmitteln 
nach Calwer (dreifache Ration eines Marinesoldaten im 
Frieden). Wir berücksichtigen, daß infolge der qualita- 
tiven und quantitativen V erschiebung des Friedens- 
konsums und bei der alleinigen Zugrundelegung der amt- 
lichen Preisnotierungen die hieraus gezogenen Schlüsse 
für sich allein nicht einwandfrei sein können, 

*) Um einen Vergleich mit der Lohnsteigerung in anderen Gewerben 
und im Ausland zu ermöglichen, wird die Lohnsteigerung innerhalb der Periode 
von Juli 1914 bis 1, Juni 1919 einer Betrachtung unterzogen. 




5 * 



67 




t. 

7 



2. Eine Gegenüberstellung der Preisbewegung im Klein- 
handel nach den amtlichen Preisberichten zur „Sta- 
tistischen Korrespondenz" vom 17. Dezember 1918 in 
Heft 66 der Schriften der Gesellschaft für soziale 
Reform*). 

3. Übersicht aus der „Statistik der Nahrungsmittelversor * 
gung" des Reichsernährungsministcriums über die Aus- 
gaben einer vierköpfigen Schwerarbeiter-Familie für 
rationierte Lebensmittel**). Die letzten Zahlen bezeich- 
nen die unterste Grenze des Betrages, um den die 
Lebensmittel verteuert wurden. 

Aus den vorgenannten drei Unterlagen wurde die Steige- 
rung der Lebensmittelpreise für die ein? einen Zeitabschnitte 
während des Krieges in prozentualen Ziffern, denen der Preis 
vom 1. August 1914 zugrunde liegt, errechnet. Wenn die Kurven 
auch in Einzelheiten voneinander abweichen, so kann folgendes 
doch als erwiesen festgestellt werden: Die Lebensmittel haben 
sich bis Mitte 1915 um mindestens 40 v, H., bis Mitte 1916 um 
mindestens 80 v, H., bis Mitte 1917 um mindestens 100 v. H,, bis 
Kriegsende um mindestens 140 v. H. verteuert^’^”’ ). 

Demnach sind die Lohnerhöhungen im Buchdruckgewerbe 
während des ganzen Krieges hinter der Preissteigerung der wich- 
tigsten Lebensmittel zurückgeblieben. Besonders fallen die be- 
trächtlichen Unterschiede zwischen Nominallohn und Preis- 
erhöhung in den Kriegsjahren bis Ende 1917 ins Auge. Bis zum 
1. Oktober 1916 ist noch keine tarifliche Erhöhung der Löhne, da- 
gegen eine Verteuerung der Lebensmittelpreise um wenigstens 
85 V. H. eingetreten. 

Betrachten wir vergleichsweise die Lohnentwickelung in 
anderen Gewerbezweigen, Eine interessante Gegenüberstellung 
ermöglicht die Statistik der Leipziger Ortskrankenkasse über den 
Anteil der höchsten Lohnklasset): 

^■) Günther: Kriegslöhne und Preise und ihr Einfluß auf Kaufkraft und 

Lebenskosten, Jena 19, Seite 59, , x ... ..rr . 

**) In Nr, 253 der Sammelmappe »,Die wirtschaftliche Lage veroiient- 

iieht vom Reichsministerium für wirtschaftliche Demobilmachung 25. April 1^1^' 
***) Dies stimmt auch überein mit der Schlußfolgerung von Günther. 
Vergl. Seite 81 der oben genannten Untersuchung. 

■5*) Veröffentlicht in den entsprechenden Jahrgtingen des „Reichsarbeits- 

blattcs*'. 

68 



Industrie 






Anteil der höchsten Lohnklassen (über 4,50 Mk.) 



1907 



Industrie der Steine und Erden 


31,3 


Metallverarbeitung 


33,9 


Maschinenindustrie 


43,0 


Baugewerbe 


53,1 


Chemische Industrie 


21,9 


Textilindustrie 


16,9 


Papier-, Leder-, Gummi-Ind. - 


39,6 


Vervielfältigungsgewerbe . . . 


57,2 



1913 


1918 

Sept. 


1918 

Dez. 


1919 

Juni 


51,1 


77,3 


81,8 


91,0 


54,4 


69,9 


75,9 


77,3 


60,5 


75,0 


77,3 


79,6 


73,3 


90,9 


93,9 


95,8 


47,6 


93,4 


95,7 


96,3 


31,5 


92,2 


93,3 


94,8 


59,5 


71,4 


77,7 


80,7 


•i) 66,4 


«) 72,8 


5 ) 79 7 


84,1 



Danach hatte 1907 von den aufgeführten acht Gewerbe- 
zweigen das Vervielfältigungsgewerbe bei weitem den höchsten 
Anteil an den Lohnklassen über 4,50 M. Nach dem Tarifvertrag 
von 1912 war der Anteil für 1913 mit 66,4 v. H. immer noch an 
zweiter Stelle. Dagegen hat 'der höchste Lohnanteil sich im 
Kriege nur auf 72,8 v. H. erhöht, gegenüber Steigerungen auf über 
90 V. H. im Baugewerbe, der Chemischen- und Textil-Industrie 
Damit ist die polygraphische Industrie an sechste Stelle 
gerückt. Ende Dezember 1918 hat sich das Verhältnis nicht 
wesentlich geändert. Der Buch- und Steindruck rangiert an 
5. Stelle. Die Steigerung des höchsten Lohnanteiles von September 
1913 bis Dezember 1918 beträgt: 

September 1913 Dezember 1918 

Industrie der Steine und Erden 
Metallverarbeitung 
Maschinenindustrie 
Baugewerbe 
Chemische Industrie 
Textilindustrie 

Papier-, Leder-, Gummi-Industrie 
V ervielfältigungsgewerbe 

Die Steigerung des höchsten Lohnsatzes ist im Buchdruck- 
gewerbe auffallend klein; beides läßt auf eine im Vergleich zu den 
anderen Gewerben wesentlich geringere Lohnsteigerung während 
des Krieges schließen. 

Nach der vom Statistischen Reichsamt durchgeführten en- 
quetenweisen Lohnermittelung ergibt sich für den durchschnitt- 



26,2 


30,7 


15,5 


21,5 


14,5 


16,8 


17,6 


20,6 


45,8 


48,1 


60,7 


61,8 


10,9 


17,2 


6,4 


13,3 




69 





i 





liehen Tagelohn eines männlichen Arbeiters in allen Gewerbe- 
gruppen; 





1914 


1915 


1916 


1917 


1918 


Lohnhöhe 


Märr 


Sept. 


März 


Sept. 


März 


Sept. 


März ' 


Sept 


März 


Sept, 


5,17 


5,12 


5,88 


6,55 


7,00 


7,56 


9,10 


10,82 


11,68 


12,46 


Steigerung gegen 
März 1914 


— 


0,78 


14,0 


27,0 


35,7 


46,4 


76,1 


109,7 


126,1 


141,1 



Demgegenüber betrug der tarifliche Minimallohn eines ver- 
heirateten gelernten Buchdruckers in Klasse C. bei 15 v. H. Lokal- 
zuschlag; 



I 1914 


1915 


1916 1 1917 


1918 


Buchdruckerlohn Kl, C 


März 


Sept. 


März 


1 Sept. 


März 


Sept, 


März 


Sept. 


März 


Sept. 


Lohnhöhe 


5,27 


5,27 


5,27 


5,27 


5,27 


5,52 


5,90 


6,69 


8,10 


9,77 


Steigerung 


0 


0 


0 


0 


0 


4,8 


12,0 


27,0 


53,8 


85,3 



und der tatsächliche Tagelohn eines Gehilfen in einer groß- 
städtischen Druckerei 





1914 


1915 


1916 


1917 


1918 


Buchdruckerlohn (tatsächl. 


Juli 


März 


1 Sept. 


März Sept. 


März 


Sept. 


März 


Sept. 


Tagelohn) in der Großstadt 
Lohnhöhe 


7,20 


i 

7,15 


I - 

i 7,31 

1 


8,03 8,33 


8,70 


10,28 


12,15 


13,17 


Steigerung gegen 
Juli 1914 


— 


0,7 


1,6 

1 


11,6 15,8 


20,8 


42,8 


68,7 


83,0 



Der Durchschnitts-Tagelohn in ganz Deutschland für ge- 
lernte Drucker, Handsetzer, Korrektoren, Schweizerdegen und 
Maschinenmeister betrug nach der Statistik des Tarifamtes vom 
Jahre 1912 5,36 M., nach der Statistik vom März 1917 7,10 M., 
d. h. von 1912 bis März 1917 eine Lohnsteigerung von 32,5 v. H. 
Berücksichtigt man, daß der Durchschnitlslohn im März 1914 
zweifellos über 5,36 M. lag, so würde die Erhöhung noch geringer 
sein. Es ergibt sich also folgendes: 

1. Während der tarifliche Minimal-Tagelohn der Buch- 
drucker im Frieden um 11 Pfg. höher war, als der Durch- 
schnittslohn in allen Gewerben, liegt nicht nur der Buch- 

70 




drucker-Minimillohn, sondern auch der Durchschnitts- 
lohn wesentlich — für März 1917 um 1,98 M. ^ 21,9 v. H. 
— unter dem Durchschnittslohn aller Gewerbe. Der 
Durchschnittslohn der bestentlohnten Kräfte im Buch- 
druckgewerbe lag im Juli 1914 um 2,04 M, = 39,6 v. H. 
über dem allgemeinen Durchschnittslohn, dagegen im 
März 1917 um 0,38 M. ^ 4,2 v. H. und im September 1917 
um 51 Pfg. — 4,7 V. H. unter dem Gewerbedurchschnitt. 

2. Ferner; die Durchschnittslohn-Steigerung im Buchdruck- 
gewerbe vom März 1914 bis März 1917 betrug höchstens 
32,5 V. H. gegen eine allgemeine Durchschnittslohn- 
steigerung um 76,1 V. H. 

3, Die durchschnittliche Lohnsteigerung in allen Gewerben 
ist seit Kriegsausbruch der Erhöhung der Lebensmittel- 
preise in gleichmäßiger Entwickelung gefolgt und hat die 
Preissteigerung der rationierten Lebensmittel im 
September 1917 eingeholt. Im Buchdruckgewerbe be- 
wirkt die Teuerung bis September 1917 eine sehr unbe- 
deutende Lohnaufbesserung, die die erhöhten Lebens- 
mittelpreise keineswegs ausgleicht. Die Tatsache, daß 
die Preissteigerungskurve von der Durchschnitts-Lohn- 
steigerung im September 1917 erreicht wird, läßt selbst- 
verständlich nicht den Schluß zu, daß der Reallohn für 
den Durchschnitt aller Gewerbe annähernd derselbe ist, 
wie vor dem Kriege; denn einmal wird bei der Preis- 
erhöhung nur der Minimalwert angezeigt — Schleich- 
handelspreise sind nicht berücksichtigt — zweitens aber 
hätten bei der Feststellung der absoluten Höhe des Real- 
lohnes auch die Preise für alle anderen zum Arbeiter- 
Haushalts-Budget gehörigen Unterhaltsmittel in Betracht 
gezogen werden müssen. Was wir folgern sind lediglich 
relative Unterschiede. 

Welche Gründe hat dieses auffällige Zurückbleiben der 
Lohnerhöhungen im Buchdruckgewerbe? Zunächst ist Tatsache, 
daß in den meisten Gewerben mit Ausnahme der ausgesprochenen 
Kriegsindustrien der Nominallohn mit der Steigerung aller 
Unterhaltskosten nicht Schritt halten konnte und daß 
hierdurch für Millionen unserer Arbeiterschaft der Arbeitslohn 
„auf die in einem Volke gewohnheitsmäßig zur Fristung der 

71 



t 




Existenz und zur Fortpflanzung erforderliche Lebensnotdurft" 
beschränkt wurde. Trotzdem bleibt die geringe Lohnsteigerung in 
einem Gewerbe, dessen mustergültige Organisation den Arbeitern 
bisher einen besonders günstigen Lebensstandard gewährleistet 
hatte, bemerkenswert. Wir messen den Grund zu der relativ 
langsameren Lohnsteigerung dem Tarifvertrag bei. Diese An- 
nahme wird bestätigt durch die Tatsache, daß in allen ausge- 
sprochenen Tarifgewerben die Löhne bis weit in das Jahr 1916 
hinein auf dem Friedensstand gehalten wurden. Nach den Fest- 
stellungen von Heinrich S t ü h m e wurden in den Tarif- 
gewerben erstmalig tarifliche Lohnerhöhungen erreicht in folgen- 
der zeitlichen Reihenfolge; 

1. Steinsetzer, am 1. Februar 1916, Erhöhung um 10, 15 und 
20 V. H. 

2. Maler, am 1. März 1916, Stundenzulage 5 bis 6 Pfennig. 

3. Klempner, Metallarbeiter, am 8. Februar 1916, Tarifliche 
Teuerungszulage. 

4. Baugewerbe, Mai 1916 bis September 1916, 7, 10 11 Pftf. 
Stundenzulage. 

5. Buchbinder, 8. Mai 1916, 1 bis 6 Pfg. Stundenzulage. 

6. Hutmacher, 3. August 1916, Zulagen um 3 bis 20 v. H. 

7. Holzgewerbe, 7. November 1916, niederste Klasse, Stun- 
denlohn von 34 Pfg. auf 45 Pfg. plus 20 Pfg. Zulage 

65 Pfg., also Steigerung um 91 v. H., in der höchsten 
Klasse 85 Pfg. (— 85 v. H. Zulage). 

Die Buchdrucker erreichten Anfang Dezember 1916 die 
erste tarifliche Teuerungszulage, die rückwirkend vom 
1. Oktober 1916 gewährt wurde und einschließlich der freiwilligen 
Zulage vom 1. April 1916 11 v. H. des Friedenssatzes betrug. 

Demgegenüber meldet die Statistik der freien Gewerk- 
schaften für das Jahr 1915 eine durch friedliche Lohnbewegungen 
erreichte Lohnerhöhung von insgesamt 1 448 704 M. pro Woche, 
die 647 978 Mitgliedern zugute kam. Bei einem Gesamt-Mitglied- 
bestand von 1 159 497^=^^^) für den Jahresdurchschnitt 1915 ergibt 
sich also eine Lohnsteigerung um 2,23 M. für 56 v. H. aller Ge- 
werkschaftsmitglieder. Diese durchweg nicht tariflich gebundenen 

*) Sozialist. Monatshefte 1917, Seite 298 f. 

Nach Reichsarbeitsblatt, Sonderheft 16, Seite 18. 



72 



f 



56 V. H. aller Gewerkschaftsmitglieder haben also gegenüber ihren 
in Tarifgemeinschaften zusammengeschlossenen Kollegen bereits 
im Jahre 1915 Lohnerhöhungen erreicht, während das erste Tarif- 
gewerbe erst im Februar 1916 mit einer Teuerungszulage folgte. 
Wir können hiernach der Behauptung Stühmers, wonach ohne 
Tarifverträge in den angeführten Gewerben eine Lohnerhöhung 
nicht möglich gewesen wäre, nicht beistimmen, müssen vielmehr 
der Tarifgemeinschaft während der ersten Kriegsjahre einen ver- 
zögernden Einfluß auf die Nominallohnsteigerungen zuschreiben. 

Obwohl, wie wir gesehen haben, Frauenarbeit im Buch- 
druckgewerbe auf eine geringe Zahl beschränkt geblieben ist, muß 
berücksichtigt werden, daß die Möglichkeit eines Nebenver- 
dienstes der Frau in einem andern Gewerbe, z. B. in Munitions- 
fabriken, unter Umständen einen Ausgleich des niederen Real- 
lohns durch vermehrtes Familieneinkommen herbeiführen kann. 
Statistisches Material über das Familieneinkommen in Buch- 
druckerfamilien während des Krieges steht allerdings nicht zur 
Verfügung, 

Zusammenfassend muß gesagt werden, daß bis zum Kriegs- 
ende die Festsetzung der Teuerungszulagen in der Buchdrucker- 
tarifgemeinschaft ein ausreichendes Lohneinkommen den Gehilfen 
nicht gesichert hat. 

So ist es verständlich, daß nach der Revolution die 
organisierten Buchdrucker sehr beträchtliche Lohnforderungen 
stellen und durchzusetzen wissen. Die Löhne sind nach der 
zweiten Revision im Mai 1919 nach tariflicher Berechnung um 
65 V. H. höher als im Oktober 1918, nach der Berechnung der 
Durchschnittssätze in einer großstädtischen Druckerei um 
66,3 V. H. Daß dies gegenüber anderen Gewerben als relativ 
bedeutende Steigerung gelten muß, zeigt wieder das Wachsen des 
Lohnanteiles der höchsten Klassen nach der Statistik der Leipziger 
Ortskrankenkasse. Nach der Tabelle auf Seite 69 beträgt die Zu- 
nahme des höchsten Lohnanteiles vom September 1918 bis 
Juni 1919: 

Industrie der Steine und Erden. . 13,7 v. H. 

Metallverarbeitung 7,4 ,, 



Maschinenindustrie 4,6 

Baugewerbe 4,9 



73 



1 



4 




Chemische Industrie 2,9 v. H. 

Textilindustrie • ” 

Papier-, Leder-, Gummi-Industrie . . 9,3 „ 



Verviel'fältigungsgewerbe 11.3 „ 

Nächst der Industrie der Steine und Erden hat also das \^r- 
vielfältigungsgewerbe die stärkste Zunahme zu verzeichnen. er 
tarifliche Durchschnittsstundenlohn des 

druckers bei 15 v, H. Lokalzuschlag betragt im Juni 1919 2 M., 
der Berliner Tariflohn 2,35 M., der Minimallohii für den unverhei- 
rateten Gehilfen unter 21 Jahren in Orten ohne Lokalzuschlag 
1 56 M. und der tatsächliche Stundenlohn eines Berliner Buch- 
druckers 2,73 M. In anderen Gewerben ist die abso ute Lohnho e 

keineswegs niedriger. Das zeigen folgende, dem „Vorwärts ent- 
nommene Lohnzahlen aus dem ersten Halb|ahr 1919. 

Weißglas-Arbeiter verdienen 2,25 M (Minimum) bis 4 
die Stunde. 

Lederarbeiter der Reiseartikel - Branche 2,65 M. ^ nach 
Reichstarif. 

Steinsetzer 2,80 M. 

Maler 2,50 M. (Berliner Minimallohn), 

Holzarbeiter Durchschnittslohn 2,50 M. cn M 

Metallarbeiter: Dreher 3,20 M., Maschinenschlosser 3,50 M. 

Tariflicher Minimallohn der Metallarbeiter nach dern^on 

den Arbeitern abgelehnten Vergleichsvorschlag des ScW 

gerichts: Fünf Lohnklassen von 2,20 bis 3 M. plus 10 bis 30 Pfg. 

Zuschlag. T-, 11 u • 

Ehe wir ein abschließendes Urteil über den Reallohn im 

Buchdruckgewerbe fällen, soll noch versucht werden die im Mai 
1919 erreichte Lohnsteigerung mit der Erhöhung des Lohnein- 
kommens im Auslande zu vergleichen. 

Genauere Angaben, insbesondere f 
finden sich für England in der „Labor-Gazette 1919. Wir 

stellen zunächst das Material zusammen. 

Die Arbeitgeber-Statistik liefert keine einwandfreien 

Zahlen, da von 55 136 Mitgliedern der „Trade Union of P"«^r 
(Ende Mai 1919) nur 9173 erfaßt werden und in dieser Zahl offen- 
bar auch ungelernte Buchdrucker enthalten sind. Eine Gegen- 




74 



I 



Überstellung der Lohnausgaben und Arbeiterzahl zeigt: für Januar 
1919: 7936 Arbeiter mit 19 982 Pfd. St. Lohneinkommen, d. i. 50,2 
Schilling im Durchschnitt, für Mai 1919: 9173 Arbeiter mit 
25 704 Pfd. St., d. i. 56,2 Schilling im Durchschnitt. Beide Zahlen 
dürften aus dem zweiten der oben erwähnten Gründe wesentlich 
zu niedrig sein. Bessere Unterlagen ergibt die Statistik des Bri- 
tischen Arbeitsministeriums über die monatlichen Lohnerhöhungen 
in allen Gewerben. Daraus geht hervor, daß im Dezember 1918 
im Durchschnitt aller Lohnklassen den Buchdruckern ein Minimal- 
lohn von 50 Schilling gezahlt wurde. Ende Dezember und im 
Laufe des Januar 1919 setzten in England, Schottland und Irland 
Lohnbewegungen der organisierten Buchdrucker ein, die zu einer 
Erhöhung des Minimallohnes um 2 bis 10 Schilling führten. Eine 
neue allgemeine tarifliche Regelung für 282 Druckorte und 
Distrikte wurde im Mai 1919 eingeführt. Das Minimum war 
danach in sechs Lohnklassen abgestuft, von 60 Schilling bis 
83 Schilling. Bei einer mittleren Lohnklasse erhalten wir als tarif- 
lichen Durchschnittslohnsatz 71 sh. 6 d. Nach Angaben des Eng- 
lischen Handelsamtes^U betrug der Durchschnittslohn vor dem 
Kriege 30 sh. 6 d. Das ergibt eine Steigerung bis Dezember 1918 
von 19 sh. 6 d. = 64 v. H., bis Mai 1919 von 41 sh. — 134,2 v. H. — 

Die Durchschnittslohnsteigerung in allen Gewerben wird in einer 
besonderen Übersicht auf 100 bis 120 v. H. geschätzt - ■ )■ Die 
Steigerung der Lebensmittelpreise beläuft sich nach den Index- 
zahlen des Arbeitsministeriums im Dezember auf 129 v. H., im 
Mai auf 107 v. H. des Friedensstandes, 

In Dänemark verdient nach „Statistiske Efterretninger" 
1919, Seite 6 der gelernte Buchdrucker Juli 1918 60,74 Kronen 
gegek 36,16 Kronen im Frieden; die Erhöhung beträgt also 68 v. H. 
Die durchschnittliche Lohnsteigerung in allen Gewerben für 
Dezember ergibt sich nach der gleichen Quelle: Durchschnitts- 
lohn für das ganze Land Anfang Januar 1919 112,3 Öre, Durch- 
schnittslohn für das ganze Land Juli 1914 56 Öre, also eine Lohn- 
steigerung von 101 V. H. — Die Lebensmittelpreise sind nach der 
Übersicht der „Labor-Gazette" im Dezember 1918 um 86 v. H„ im 
Juli 1918 um 87 v. H. höher als im Juli 1914. 



*) Vergl. V. T -y s z k a , Lebenshaltung der arbeitenden Klassen, .\bsch. 1 
***^1 „Labor-Gazette" 1919, Seite 174. 




75 



In den Vereinigten Staaten ist innerhalb des Zeit- 
raumes von Februar 1915 bis Dezember 1918 nach einer Statistik 
im ,,Iron Age nach Mitteilung der „Deutschen Allgemeinen Zei- 
tung vom 17. Juli 1919, Nr. 339 die Lohnhöhe in der Weberei auf 
das l,9fache, in der Spinnerei auf das 2,5fache, in der Eisen- und 
Stahl-Industrie auf das 2,2fache, in der Auto-Industrie auf das 
l,5fache gestiegen. Das ergibt eine Steigerung von 90 bzw. 150, 
bzw. 120, bzw. 50 v. H. oder im Durchschnitt rund 100 v, H. Das 
Juniheft 1919 der ,, Labor-Gazette" enthält Angaben über die 
Lebensmittel-Verteuerung in der Nordamerikanischen Union: im 
Dezember 1918 84 v. H., im April-Mai 1919 78 v. H, gegen 1913. 

In Norwegen beträgt die Lohnerhöhung nach „Medde- 
lelser for- Norsk Arbeidsgiverforening" vom 14. März 1919, S. 174 
auf Grund von statistischen Feststellungen der Norwegischen 
Reichsversicherungsanstalt 1901 bis 1914; 70,7 v. H., 1901 bis 
Januar 1919: 336,5 v. H. im Durchschnitt aller Gewerbe. Das er- 
gibt durch Umrechnung eine Erhöhung um 156 v. H. gegenüber 
dem Stand von 1914. Die gleiche Quelle meldet eine Preissteige- 
rung von 16,9 V. H. von 1901 bis 1913, 217,2 v. H. bis 1919. Wir 
erhalten durch Umrechnung von 1913 bis Januar 1919; 176 v. H. 
Nach der Übersicht der „Labor-Gazette“ stiegen die Preise in 
Norwegen bis Dezember 1918 um 175 v. H gegen den Friedens- 
stand. 

In Schweden wird (nach „Sociala Meddelanden“, S. 181, 
,, Labor-Gazette Mai 1919) die Lohnsteigerung im Durchschnitt 
aller Gewerbe auf 110 v. H. für Dezember 1918, die Preissteige- 
rung nach der Übersicht der „Labor-Gazette" auf 230 v. H. im 
Dezember 1918 berechnet. 

Um einen Vergleich mit dem Ausland und insbesondere mit 
den englischen Buchdruckerlöhnen zu ermöglichen, stellen wir 
diesen Zahlen in der nachstehenden Übersicht die Lohnerhöhung 
im Deutschen Buchdruckgewerbe bis 1. Juni 1919 
nach den tariflichen Durchschnittslöhnen gegenüber. Der Mittel- 
wert des Tariflohnes betrug: 

1914 Juli .... 29,69 M. 

1918 Dezember . . 61,44 M., Steigerung 107 v. H. 

1919 Mai .... 94,25 M., „ 217 v. H. 

Wir bemerken, daß bei Zugrundelegung der tatsächlich ge- 
zahlten Löhne die Steigerung in Deutschland um einige Prozent 

76 




i 



geringer erscheinen würde (vergl. Seite 62). Gesamtsteigerung in 
der Großstaddruckerei 204 v. H. 

Die Lohnsteigerung im Durchschnitt aller Gewerbe betrug 
in Deutschland im September 1918: 141,1 v. FI. des Lohnes vom 
März 1914 (nach R. -Arb. -Bl. 1919, Seite 621). 

Setzt man für jedes Land den Lohn- und Preisstand bei 
Kriegsausbruch gleich 100, so ergeben sich für die Steigerung 
während des Krieges folgende Zahlen: 

Steigerung der Löhne und Lebensmittelpreise während des 
Krieges in v. H, des Friedensstandes: 



Zeitpunkt und 
Benennung 

Dezember 1918 
Durct schnittslohn 
der Buchdrucker 

Dezember 1918 
Durchschnittslohn 
aller Gewerbe . . 

Mai 1919 
Durchschnittsiohn , 
der Buchdrucker 

Mai 1919 
Durchschnittslohn 
aller Gewerbe . . 



Deutsch- 

land 



England Amerika 



Nor- 

wegen 



Däne- 

mark 



Schwe- 

den 



68 

Juli 1918 



141 

Sept. 1918 



100-120 — 



Dezember 1918 

Lebensmittfcipreise 150 129 84 175 Juli^8'87 

Mai 1919 / ' ■ 234 

Lebensmittelpreise 185 i 107 | 78 I — — Febr. 1919 

Hieraus ist zu folgern: 

1. In allen europäischen Ländern, mit Ausnahme Däne- 
marks, ist Ende 1918 der Reallohn gegen 1914 gesunken: 
Der Quotient aus Nominal-Lohnerhöhung und Preis- 
steigerung ist kleiner als 1. Deutschlands Buchdrucker 
stehen günstiger als die englischen Gehilfen. (Das Ver- 
hältnis der Quotienten ist 0,713:0,496). Auffallend ist, 
daß die dänischen Arbeiter wesentlich günstiger gestellt 
sind infolge geringer Verteuerung der Lebensmittel, wie 



77 






auch die Arbeiter in der Nordamerikanischen Union. 
Dagegen ist in Schweden das Verhältnis von Lohn- und 
Preissteigerung besonders ungünstig. 

2. Im Mai 1919 hat sich sowohl in England als auch in 
Deutschland der Buchdruckerlohn gegenüber dem 
Friedensstand mehr erhöht als die Lebensmittelpreise; 
die Entwickelung hat also einen ähnlichen Stand erreicht 
wie in Amerika und Dänemark im Dezember 1918, Dar- 
aus folgt, daß die wirtschaftliche Lage der Buchdrucker 
annähernd dieselbe ist wie die der gewerblichen Arbeiter 
in England und in den übrigen Staaten. Es wäre jedoch 
falsch, aus dem hiernach normalen Verhältnis des Nomi- 
nallohnes zu den Lcbensmittelpreisen zu schließen, daß 
die gegenwärtige Nominallohnhöhe im Deutschen 
Buchdruckgcwcrbe als normal bezeichnet werden kann. 

Es ist trotz gleichgebliebener Rcallohnhöhe eine nicht zu 
leugnende Tatsache, daß das Deutsche Buchdruckgewerbe im 
Sommer 1919 an einem maßlos gesteigerten Nominallohn krankt. 
Ein Vergleich der niedersten tariflichen Lohnklasse in Deutsch- 
land und England zeigt das ohne weiteres. Der englische Buch- 
drucker verdiente als Minimum vor dem Kriege 28 Schilling, der 
deutsche 25 Mark, nach dem Kriege, im Mai 1919, der englische 
60 Schilling, der deutsche 75 Mark in der Woche. 

Allerdings wäre es unvorsichtig, hieraus Schlüsse zu ziehen 
auf die Lebenshaltung der deutschen Buchdrucker gegenüber den 
englischen Kollegen einerseits und auf die Exportfähigkeit der 
deutschen Buchdruckerei andererseits. Denn für die erste Frage 
bleibt zu vermerken, daß die Arbeitswerte, also das Lohnein- 
kommen zu den Kapitalwerten (Mietsreiite plus Lebensmittcl- 
preise) sich in England vor dem Kriege günstiger stellten als in 
Deutschland und durch die letzte Entwicklung in Deutschland ein 
Ausgleich dieses Mißverhältnisses angebahnt wurde"*"). Ob durch 
die letzte Lohnentwicklung die Exportfähigkeit der deutschen 
Buchdruckerei in Frage gestellt wird, kann nur entschieden 
werden unter Berücksichtigung des ungünstigen Standes unserer 
Valuta. Nach der augenblicklichen Lage (Mai 1919) sind die 
deutschen Buchdruckerzeugnisse auf dem Weltmarkt wesentlich 

*) von Tyszka; Lebenshaltung der arbeitenden Klassen, Jena 1912. 

78 



it 





billiger als die englischen. Erst bei allmählicher Besserung der 
deutschen Valuta tritt die Gefahr nahe, daß infolge der hohen 
Drucklohn-Unkosten der deutsche Buchhandel im Ausland seine 
Absatzfähigkeit verliert. Ob dann die Löhne der Verbesserung 
des Markkurses angepaßt, d. h. herabgesetzt werden können, 
bleibt abzuwarten. 

Welche Wege können nun im deutschen Buchdruckgewerbe 
beschritten werden, um einen allmählichen Abbau der Nominal- 
löhne herbeizuführen? An der Höhe der Reallöhne, die dem 
Arbeiter ein Existenzminimum oder nur wenig darüber hinaus 
gewähren, darf nicht gerüttelt werden. Deshalb kann an ein ein- 
seitiges Herabsetzen der Nominallöhne nicht gedacht werden. 
Das Problem kann nur von der Preisseite gelöst werden. 

Die Preisabbau-Aktion der Regierung, die im Juni 1919 
wegen des Eisenbahnerstreiks einsetzte, beginnt sich auf dem 
Lebensmittelmarkt bemerkbar zu machen, wenn auch die von 
zahlreichen Nationalökonomen angeratene Aufwendung eines 
Kredits von 1 bis 2 Milliarden zu einem früheren Zeitpunkt, also 
schon im Winter 1918 19, als die ausländische Lebensmitteleinfuhr 
begann, wesentlich günstigere Ergebnisse hätte zeitigen können. 

Aber auch bei Senkung der Lebensmittelprsise wird es 
schwer sein, tarifliche Lohnreduktionen nach dem bisherigen 
Verfahren vorzunehmen. Wir möchten dabei auf einen Vorschlag 
hinweisen, der von wissenschaftlicher Seite schon mehrfach 
gemacht und auch während des Krieges angeregt wurde"^), d. i. 
Anpassung der Löhne an die Preisbewegung der wichtigsten 
Waren zur Deckung der Lebensbedürfnisse. Was der Arbeiter 
als Verkäufer der Ware Arbeitskraft fordern kann, ist eine 
bestimmte Summe von Kaufkraft in einer allgemein anerkannten 
Geldeinheit; d. h. gesucht wird ein Ausdruck der Entlohnung, die 
in Geldform doch die Vorteile des Naturallohnes enthält (sogen, 
gesicherter Reallohn)=*=), „In diesem Tarifabkommen müßte den 
Arbeitern unabhängig von der während der Tarifdauer wechseln- 
den Kaufkraft des Geldes auf Grund des Lohneinkommens der 
Bezug bestimmter Mengen von Fleisch und Brot, von Milch und 
Kohlen für die Dauer des Vertrages gesichert sein." Der Berech- 
nung wären zugrunde zu legen: 

*) Adolf Braun im „Archiv für Sozialwissenschaft", 45. Band, Seite 295. 

79 




1. Der Verbrauch einer Durchschnittsfamilie an 3 bis 5 der 
wichtigsten Nahrungsmittel, 

2. Der Anteil der Nahrungsmittelkosten an den Gesamt- 
ausgaben, 

3. Die Durchschnitts-Detailhandelspreise für ein ver- 
flossenes Vierteljahr. 

Diese statistischen Erhebungen müßten vom Reichsarbeits- 
amt angestellt und von Vierteljahr zu Vierteljahr veröffentlicht 
werden. Nach den im verflossenen Vierteljahr festgestellten 
Lebensmittelpreisen setzt das Tarifamt von drei zu drei Monaten 
das Lohnminimum fest, das wiederum durch entsprechende Lokal- 
zuschläge den verschiedenen Lebensmittelpreisen der einzelnen 
Provinzen und Druckorte angepaßt werden kann. Durch das dar- 
gestellte Prinzip einer gleitenden Lohnskala würde den Gehilfen 
ein ausreichender Reallohn gesichert. Interessant ist, daß prak- 
tische Versuche auf diesem Gebiet bereits \ orliegen. In England 
haben die Yorkshire-Färberei und Finishing-Industrie die glei- 
tende Lohnskala eingeführt*). Zugrunde gelegt wird die Index- 
zahl für Arbeiter-Haushaltsbudgets nach der „Labor-Gazette". 
Die Skala ist so angesetzt, daß der erzielte Lohn stets mit 
25. V. H, über dem Vorkriegslohn liegt. Da sich das System gut 
bewährt hat, ist es auch von den Lancashire Bleichereien über- 
nommen worden. 



*) Nachrichten für Handel und Industrie, Heft 20, herausöeöeben vom 
.Auswärtigen Amt. 



4 



IV. Abschnitt. 

Die wirtschaftliche Lage der Prinzipale. 

Die wirtschaftliche Lage der Gehilfen ist aufs engste mit der 
Rentabilität der Unternehmungen und dem Unternehmerein- 
kommen der Prinzipale verknüpft. Lohnsteigerungen müssen, wie 
alle Erhöhungen der Produktionskosten, entweder vom Unter- 
nehmer getragen oder auf den Konsumenten überwälzt werden. 
Ist die zweite Methode infolge geringer Absatzfähigkeit der 
Ware in Zeiten der Niederkonjunktur nicht anwendbar, so wird 
der Unternehmerprofit bei jeder Lohnerhöhung geschmälert, bis 
zu der Grenze, wo dem Arbeitgeber das Verbleiben in seiner 
Stellung wegen Minderung seines Einkommens undurchführbar 
erscheint. 

Ehe wir untersuchen, ob beide Möglichkeiten im Buchdruck- 
gewerbe während des Krieges tatsächlich bis zu einem Ausgleich 
der Lohnsteigerungen ausgenutzt werden konnten, wollen wir 
feststellen, mit welchen Produktionskosten-Erhöhungen das Buch- 
druckgewerbe zu rechnen hatte. 

Nach den Ausführungen in Abschnitt II sind die Löhne bis 
zur Revolution um rund 110 v. H. gestiegen. Die übrigen Her- 
stellungskosten haben sich durchweg noch wesentlich mehr ver- 
teuert. Die bei der Betrachtung der allgemeinen Kriegskonjunk- 
tur erkannte Knappheit der Rohstoffe und Herstellungsmittel 
hatte naturgemäß eine entsprechende Preissteigerung aller dieser 
Materialien zur Folge. Nach Berichten des Deutschen Buch- 
drucker-Vereins haben sich die Produktionskosten, abgesehen 
von den Löhnen, bis zum Kriegsende nach folgenden Sätzen 
verteuert: 

1. Papier 300 v. H. 

2. Metall für Maschinensatz, Schrift- 

gießerei, Stereotypie und Galvano- 
plastik 400 V. H. 











3. Druckwalzen 400 v. H. 

4. Druckfarbe 500 v. H. 

5. Druckfirnis-Ersatzstoff , . , 600 v. H. 

6. Schmieröl . 600 v. H, 

7. Putzlappen, Waschmittel. , . 600 v. H. 

8. Heftzwirn, Heftdraht und Pack- 
material 800 V. H, 

9. Kraft und Licht 300 v. H. 

10. Kohlen 500 v, H. 



Die materiellen Herstellungskosten’''), die im Zeitungsdruck 
25 V, H,, im Werkdruck 35 v. H., im Akzidenzdruck 45 v. H. der 
Gesamtunkosten ausmachen, sind hiernach weit mehr als die 
Löhne gestiegen. Als weitere Belastung der Unternehmungen 
während des Krieges nennen wir die Erhöhung der Steuern, ins- 
besondere der Umsatzsteuer und die erheblichen Ausgaben für 
Kriegs- und Familienunterstützungen eingezogener Arbeiter. 

Da ein Teil der Produktionskosten, wie Mieten, Kapitalver- 
zinsung, Abschreibungen, allgemeine Verwaltungskosten in der 
gleichen Höhe fortbestand, ein anderer größerer Teil, wie oben 
gezeigt, wesentlich verteuert wurde, so mußte eine erhebliche Ab- 
nahme der Rentabilität der Unternehmungen eintreten, wenn die 
Entwicklung der Gestehungskosten nicht durch entsprechende 
Druckpreiserhöhungen ausgeglichen werden konnte. 

Dieser Ausgleich wurde angestrebt durch mehrfache Kriegs- 
aufschläge auf die Sätze des Deutschen Buchdruck-Preistarifes. 
Damit wurde die eine der oben angedeuteten Möglichkeiten zum 
Ausgleich der Produktionskostensteigerungen, nämlich die Über- 
wälzung auf den Konsumenten, versucht. Man ging aus von der 
jedesmaligen Steigerung der Löhne durch Teuerungszulagen unter 
Berücksichtigung der Tatsache, daß die Löhne den Hauptanteil an 
den Produktionskosten im Gewerbe haben. 

Es wurden innerhalb der Tarifgemeinschaft insgesamt zehn 
Druckpreis-Steigerungen gegenüber dem Friedensstand durch- 
geführt. Entsprechend den vor dem Kriege vorherrschenden 
Tendenzen setzten die Organe des Deutschen Buchdrucker- 




> 




82 



Hierbei sind die „allgemeinen Verwaltungskosten“ inbegriffen. 




Vereins die ersten beiden Aufschläge am 15. September 1915 und 
20. April 1916 selbständig fest, ohne den Tarifausschuß zu betei- 
ligen. Auch die beiden nächsten Änderungen des Preistarifes vom 
1. November 1916 und 1. Juni 1917 wurden vom Hauptausschuß 
des Prinzipalvereins beschlossen und erst nachträglich vom Tarif- 
amt genehmigt und veröffentlicht. 

Die energischen Einsprüche der Gehilfen gegen diese ein- 
seitige, außerhalb der Tarifgemeinschaft vorgenommene Regelung 
führten dazu, daß die späteren Änderungen im Tarifausschuß auf 
paritätischer Grundlage durchgeführt wurden. Die in der nach- 
stehenden Übersicht enthaltenen Zuschläge auf die Friedenssätze 
des Deutschen Buchdrucker-Preistarifs sind auf Seite 63 
graphisch dargestellt. Es wurde der durchschnittliche mittlere 
Wert der Erhöhung zugrunde gelegt. 




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\ 



1 



I 











Erhöhung der Druckpreise während des Krieges, 

Aufschläge v. H. der Sätze des Deutschen Buchdruck Preistarifs. 



Art der Druckarbeit 


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7i 


Werke und schon bestehende 




15 


25 


33 ',3 












Zeitungen 


10 


b.20 


b. 30 


b. 40 


80 


105 


140 


180 


230 260 


Neue Zeitschriften u. Zeitungen 


10 


20 


30 ; 


40 


80 


115 


150 


190 


240 270 


Kataloge, Preislisten ....... 


' 10 


20 


30 


50 


100 


125 


160 


200 


250 ' 280 


Akzidenzen 

• 


10 


20 


30 


50 


120 


145 


180 


220 


270 300 


Qualitätsarbeiten 


10 


20 


30 


50 


140 


165 


200 


240 


290 320 


Im Durchschnitt aller Arbeiten . 


10 


20 


30 


45 


110 


130 


160 


200 


250 280 



Konnte nun die theoretisch festgestellte Erhöhung der Ver- 
kaufspreise auch nur die Lohnsteigerung vom Unternehmer auf 
den Abnehmer der Druckarbeiten überwälzen? Aus dem Verlauf 
der Kurve auf Seite 63 scheint hervorzugehen, daß diese Frage 
für die Kriegszeit bejaht werden kann, da bis November 1918 
die theoretischen Preisaufschläge durchweg über den Lohn- 
erhöhungen liegen. 

Dennoch können aus den Zahlen keine Schlüsse gezogen 
werden, da das Entscheidende fehlt, nämlich die Höhe der 



*) Berlin 20% mehr. 











3 



» 




tatsächlich erzielten Preise! Daß diese mindestens 
bei der Hälfte aller Aufträge hinter den theoretischen Sätzen des 
Preistarif es einschließlich der Aufschläge wesentlich Zurück- 
bleiben, ist eine wirtschaftliche Tatsache, an der kein Zweifel 
möglich ist. Die ganze Entwicklung der Tarifgemeinschaft 
während des Krieges wird auf Prinzipalsscite beeinflußt durch 
den Kampf um die Durchführung des Preistarifes gegen innere 
und äußere Widerstände. 

Im Gewerbe selbst wurde zwar die Mehrzahl der Prinzipale 
durch die erhöhten Gestehungskosten für die Durchführung des 
Preistarifes gewonnen. Auch der verhältnismäßig günstige Be- 
schäftigungsgrad, besonders an großen Druckorten, in den Jahren 
1916 und 1917 — gemessen an der geringen Zahl der verfügbaren 
Gehilfen - - ermöglichte die Innehaltung der Preise und bewirkte, * 

daß die Geschäftsleitungcn nicht mehr durch Unterbietungen um 
jeden Preis Aufträge an sich zu ziehen suchten. Andererseits 
fehlte es nicht an der vielgenannten ,, Schleuderkonkurrenz“. Die 
,,Schleuderer“ waren im allgemeinen zu suchen in den Reihen der • 

Kleinunternehmer, die, wie oben festgestelit wurde, Akzidenz- 
arbeiten mit kleiner Auflage, dank der geringeren General- 
unkosten, tatsächlich zu billigeren Preisen liefern können. 

Andererseits war es schwierig, häufig unmöglich, die Aner- 
kennung der preistariflichen Aufschläge von seiten der Abnehmer 
zu erreichen. Häufig hinderten langfristige, schon vor dem Kriege 
zu billigen Bedingungen abgeschlossene Lieferungsverträge, jede 
Änderung der Preise, in anderen Fällen weigerten sich die 
Besteller rundweg, die erhöhten Sätze zu zahlen. Besonders hart- 
näckig waren die Behörden, Als Beispiel miigen die vom Reichs- 
schatzamt für Druckarbeiten bewilligten Erhöhungen dienen. * 

Bei preistariflichen Zuschlägen von 80 — 120 v, H. wurden 
bewilligt 50 v, H,, 

bei Zuschlägen von 105 — 145 v. H, . . . 85 v. H. 

„ „ „ 140-180 V. H. ... 95 v. H. 

„ „ „ 180- 220 V. H. ... 95 v. H. 

„ ,, ,, 200 -240 V. H, ... 95 v. H. 

Beides, die unausrottbare Schmutzkonkurrenz und die Nicht- 
anerkennung der Preise durch die Konsumenten, erklärt sich aus 
der Natur des Preistarifes. Gerade bei der Durchführung der 



84 




Druckpreisteuerungsaufschläge während des Krieges hat sich die 
Unmöglichkeit, Monopolpreise zu schaffen, eindeutig heraus- 
gestellt und gezeigt, daß der Preistarif nichts weiter sein kann als 
„ein Mittel zur Bekämpfung des unrichtigen Kalkulierens“, das 
die Konkurrenz nicht ausschaltet, sondern nur beschränkt und 
dem Unternehmer den einmal erworbenen Kundenkreis im alltfe- 

ö 

meinen sichert. 

Es ist hierbei von Interesse, daß gerade während des Krieges 
unter dem Zwange ungeheuerer Kostensteigerungen gewisse 
Kartellierungsbestrebungen als Symptom der Solidarität auf preis- 
tariflichem Gebiete entstanden sind. Nach eingehender theore- 
tischer Erörterung wurden in München zwei Organisationen ge- 
gründet, der „Lieferungsverband Oberbayerischer Buch- und Ver- 
lagsdruckereien“ und die „Produktiv-Genossenschaft Münchener 
Buchdrucker“. Beide sind jedoch nicht über ein Vorstadium hin- 
ausgekommen und haben keine über ihren Kreis hinausgehende 
Bedeutung zu erlangen vermocht. Wir konnten in der Einleitung 
die Undurchführbarkeit solcher Kartellbildung wegen der tech- 
nischen Unmöglichkeit einer Druckquoten-Verteilung nachweisen. 

Das praktische Ergebnis ist also folgendes: Die tatsächlich 
erzielten Druekpreise konnten nicht nur nicht die durch den Krieg 
geschaffenen Gesamtmehrkosten der Unternehmer ausgleichen, 
sondern auch nicht einmal annähernd die Lohnsteigerungen auf 
den Abnehmer überwälzen. 

Tatsächlich müssen die Lohnerhöhungen und sonstigen 
Produktionskostensteigerungen zum großen Teil vom Unter- 
nehmer getragen werden. Dies bedeutet nicht notw’endig eine 
Gefährdung der Rentabilität der Unternehmungen. Es besteht die 
Möglichkeit, durch gesteigerte Produktivität und vervielfachten 
Umsatz die größeren Unkosten wieder hereinzubringen. Im Buch- 
druckgewerbe wurde dieser Ausgleich vereitelt durch die im Zu- 
sammenhang mit der Kriegskonjunktur festgestellten zahlreichen 
Betriebsbehinderungen. Kontingentierung der wichtigsten Erzeu- 
gungsmittel, Mangel an gelernten Arbeitskräften, Schwierigkeiten 
in der Kraftversorgung machten nicht nur eine Steigerung des 
Umsatzes unmöglich, sondern drückten ihn weit unter den nor- 
malen Friedensumfang herab. 

Als Tatsache ist festzustellen, daß die Betriebsergebnisse 
im Buchdruckgewerbe wesentlich hinter dem Friedensstand 



85 



zurückblieben und in zahlreichen Fällen mit Verlust gearbeitet 
wurde. 



r 




Verhängnisvoll wird diese Entwickelung durch die wirt- 
schaftlichen Folgen der Revolution in der Buchdruckerei. Schlag- 
artig einsetzende Beschäftigungslosigkeit auf der einen, Lohn- 
steigerung auf das Dreifache der Friedenslöhne innerhalb weniger 
Wochen auf der andern Seite! Durch Einführung des Acht- 
stundentages und der tariflichen Ferien wird die Arbeit für den 
Unternehmer weiterhin um etwa 12 v. H. verteuert. Dabei die 
gesetzliche Notwendigkeit, Tausende von Gehilfen, die aus dem 
Felde zurückströmen, als unproduktive Kräfte wieder ein- 
zustellen. 

Demgegenüber wird der Umsatz nicht nur auf ein Minimum 
vermindert, sondern häufig durch gewaltsame Betriebsunter- 
brechungen, wie politische Unruhen, Streike, Stocken der Kohlen- 
zufuhr, Einstellung der Licht- und Kraftversorgung, völlig unter- 
bunden. 

In dieser Periode sind die Unternehmungen der Buch- 
druckerei einer Belastungsprobe ausgesetzt, die die Grenze ihrer 
Tragfähigkeit zu überschreiten droht. Die Entwicklung muß not- 
wendig zu einer Katastrophe führen, wenn es nicht gelingt, eine 
Herabsetzung der Produktionskosten zu erreichen. Da infolge des 
großen Anteiles der Löhne an den Gesamtunkosten auch bei einer 
Senkung der übrigen Herstellungskosten keine wesentliche Ent- 
lastung für das Gewerbe eintreten würde, ist der Abbau der 
Nominallöhne für die Leistungsfähigkeit der deutschen Buch- 
druckerei eine Lebensnotwendigkeit, Tritt keine Senkung der 
Nominallöhne ein, sondern geht die Steigerung weiter auf Kosten 
des Unternehmereinkommens, so wird bald die Grenze erreicht, 
bei deren Überschreitung nach wirtschaftlichen Gesetzen Produk- 
tionseinschränkungen und Arbeiterentlassungen stattfinden 
müssen. Eine allgemeine Erhöhung der Löhne auf Kosten des 
Unternehmergewinnes entzieht der deutschen V olkswirtschaft 
das Leihkapital, schränkt dadurch die Unternehmertätigkeit 
weiter ein und übt in Wechselwirkung einen Druck auf die Löhne 
aus. 

86 




V. Abschnitt. 



Wandlungen in der Tarifgemeinschaft, 

Nachdem die Einzelprobleme der beiden Kontrahenten der 
Tarifgemeinschaft behandelt worden sind, soll im folgenden der 
Einfluß des Krieges auf das Vertragsverhältnis, also auf den Auf- 
bau und die Fortentwickelung der Arbeitsgemeinschaft im Buch- 
druckgewerbe festgestellt werden. 

Die Entwickelung während des Krieges brachte tatsächlich 
keine wesentlichen Veränderungen; formell wurde der alte Ver- 
tragsinhalt aufrecht erhalten. Die vom Tarifamt nach § 87, 4 fest- 
gelegten Ausnahmebestimmungen, die den veränderten Verhält- 
nissen auf dem Arbeitsmarkt Rechnung trugen-^), haben an dieser 
Tatsache nichts geändert; ebensowenig die Beschlüsse des Tarif- 
ausschusses über Teuerungszulagen^^"^-] und Ersatzkräfte; denn 
alle diese Abänderungen haben nur vorübergehenden Charakter, 

Die im Jahre 1911 geschlossene Vereinbarung lief nach § 97 
des Tarifes am 31. Dezember 1916 ab, falls mindestens sechs 
Monate vorher vier Prinzipale und vier Gehilfenvertreter im 
Aufträge ihrer Kreise die Kündigung einreichten. Auf Anordnung 
des Tarifamtes einigte sich schon im März 1915 der Tarifausschuß 
dahin, daß von einer Kündigung abzusehen sei. So behielt der 
Vertrag automatisch Gültigkeit bis zum 31. Dezember 1917, Da 
seitdem keiner der Vertragskontrahenten von dem ihm zustehen- 
den Kündigungsrecht Gebrauch gemacht hat, so ist die Tarif- 
gemeinschaft rechtsgültig abgeschlossen, bis 31. Dezember 1920. 
Der Vertrag von 1911 besteht also weiter. 

Dennoch lassen die Bestrebungen der Tarifparteien während 
des Krieges häufig die wohldurchdachte, bewußte organisatorische 

"'■) Vergl. Abschnitt II. 

Vergl. Abschnitt III. 



» $ 

Zusammenarbeit im Sinne des alten Vertragsverhältnisses ver- 
missen. Überall zeigen sich Ansätze, die den Keim zu den 
späteren nach der Revolution entstehenden Auflösungstendenzen 
in sich tragen. 

Bei der Erörterung der Teuerungszulagen sahen wir, daß 
das Interesse zur Vermeidung einer Tarifrevision während des 
Krieges in erster Linie auf seiten der Arbeitgeber lag; dennoch 
kann nicht verkannt werden, daß die Politik der Übergangs- 
bestimmungen die einzig mögliche war, solange noch bei der 
infolge der Kriegsverhältnisse unübersehbaren wirtschaftlichen 
Entwickelung von Monat zu Monat neue Faktoren eintretcn 
konnten, die alle Vertragsbestimmungen trotz ehrlichen Willens 
der Kontrahenten über den Haufen werfen mußten. 

Natürlich bestand bei den Arbeitnehmern das Bestreben, die 
für sie günstige Konjunktur auf dem Arbeitsmarkt auszunutzen, ^ 

um durch tarifliche Bindung für sie günstige Ausnahmebestimm- 
ungen zum dauernden Vertragsinhalt zu machen. Dies verdeut- 
licht der Antrag der Gehilfen bei der ersten Sitzung des Tarif- 
ausschusses während des Krieges (Oktober 1917) ,,auf Beschluß- v* 

fassung über Berücksichtigung der wirtschaftlichen Lage bei Fest- 
setzung der Lohnsätze bei einer späteren Revision des jetzt 
geltenden Tarifes.“ 

Die Vertreter des Verbandes der Deutschen Buchdrucker 
I machten hierbei geltend, daß durch die Verlängerung der Gültig- 

keitsdauer des Tarifes ihnen die Möglichkeit genommen sei, be- 
rechtigte Wünsche auf Festsetzung eines anderen Lohnminimums 
und Verkürzung der Arbeitszeit bei Ablauf der Tarifperiode zur 
Verwirklichung zu bringen. In der Befürchtung, die Prinzipale 
könnten bei einer späteren Tarifrevision ohne Rücksicht auf die 
veränderte wirtschaftliche Lage den tariflichen Lohn nach dem 
Minimum von 1911 festsetzen, verlangten die Gehilfen bestimmte 
Garantien ,, Benennung einer Lohnsumme, die bei einer späteren 
Tarifrevision als Lohnminimum zu gelten haben würde.“ 

Der Antrag scheiterte an seiner Undurchführbarkeit. Da- - . 

gegen wurde von den Prinzipalen eine Anpassung der Lohnsätze 
an die wirtschaftliche Lage bei der nächsten Tarifrevision 
zugesagt. 

Schärfer trat die Tendenz auf Umgestaltung des Tarifs in 
der Tarif-Ausschußsitzung vom 2. bis 4. Juli 1918 zutage. Von 

88 




Gehilfenseite wurde Revision des Tarifs gefordert und zwar 

wurden als Hauptverhandlungspunkte für die Tagesordnung vor- : 

geschlagen: 1 

1. Erhöhung der Wochenlöhne aus § 4 und § 51 des Tarifs, 

2. Erhöhung der Grundpositionen für Berechner, 

3. Verkürzung der Arbeitszeit, 

Durch Bewilligung weiterer Teuerungszulagen einigte man 
sich auch hierbei schließlich dahin, den Tarif ohne Revision fort- 

bestehen zu lassen, ! 

Im einzelnen lassen sich bei allen Problemen, die sich erst : 

in der Revolutionsperiode innerhalb der Tarifgemeinschaft prak- 
tisch auswirken, Wurzeln und Triebkräfte bis in die Kriegsepoche * 

verfolgen. Um diese Zusammenhänge in organischer Entwickelung i 

aufzuzeigen, sollen Ursprung und Ausgangspunkt jeder Erschei- 
nung erst bei ihrer Entstehung nach der Revolution gewürdigt 

werden. i 



Mit der revolutionären Umwälzung wurden aus 
der sozialistischen Zeitströmung Kräfte geboren, die auf eine 
Reform des Arbeitsrechtes im Sinne der Verwirklichung der For- 
derungen des Erfurter Programms abzielten. Innerhalb der Ver- 
tragsgemeinschaft der Buchdrucker fanden diese Strebungen 
zunächst ihren Niederschlag in einer wesentlichen Umgestaltung 
des Tarifrechtes. 

Als Ergebnis dieser Tendenzen sind folgende Neuerungen 
entstanden, die eine grundlegende Änderung des Vertragsinhalts 
darstellen und daher einer Tarifrevision praktisch gleichzuachten 
sind: 

1. Einführung der wöchentlich 48stündigen Arbeitszeit, 

2. Neuregelung der Lokalzuschläge, 

3. Feriengewährung. 

Durch den Aufruf des Rates der Volksbeauftragten vom 
12. November 1918 wurde die obligatorische Einführung des Acht- 
stunden-Maximalarbeitstages ab 1. Januar 1919 angekündigt. 
Wenige Tage später (15. November) schloß sich die ,,V e r e i n i - 
gung der Deutschen Arbeitgeberverbände“ mit 



89 





den zentralen Organisationen der Arbeiter und Angestellten zu 
einer ,,A rbeitsgemeinschaft der industriellen und ge- 
werblichen Arbeitgeber und Arbeitnehmer Deutschlands" zu- 
sammen. Ziffer 9 des Gemeinschaftsvertrages setzt das Höchst- 
maß der täglichen, regelmäßigen Arbeitszeit für alle Betriebe auf 
acht Stunden fest und verbietet Verdienstschmälerungen aus 
Anlaß dieser Verkürzung. 

Obwohl der Deutsche Buchdrucker- Verein sich der Arbeits- 
gemeinschaft nicht angeschlossen hatte, forderte auf Grund dieser 
Abmachung der Verband der Deutschen Buchdrucker sofortige 
Einführung des Achtstundentages. Durch die Tariforgane 
wurde der Antrag aufgenommen und auch von Prinzipalseite 
genehmigt. So war der Achtstunden-Arbeitstag innerhalb der 
Tarifgemeinschaft der Buchdrucker schon am 18. November 1918 
eingeführt, während der gesetzliche Zwang erst durch die Anord- 
nung des Demobilmachungsamtes über die „Regelung der Arbeits- 
zeit gewerblicher Arbeiter" vom 23. November 1918 eintrat. 

Die bisher gewährte Entlohnung der Gehilfen blieb bestehen. 

Damit wurde eine der grundlegenden Eorderungen der 
sozialdemokratischen Partei*) und der Gewerkschaften völlig 
reibungslos verwirklicht, was allerdings nicht ohne weiteres die 
wirtschaftliche Zweckmäßigkeit der Bestrebungen zahlreicher 
Sozialpolitiker bestätigt, die schon seit langem unter Hinweis auf 
die gesetzliche Einführung des Achtstunden-Normalarbeitstages 
in Australien für gesetzliche Arbeitszeitverkürzung eingetreten 
waren. 

Wird auch die Notwendigkeit anerkannt, die unter dem 
Zwange intensivster Maschinenarbeit psychologisch und körper- 
lich besonders beanspruchten Arbeitskräfte zu schonen, so darf 
doch die bedenkliche Möglichkeit einer Produktionsverminderung 
unter dem Einfluß verkürzter Arbeitszeit nicht übersehen werden. 
Für das Buchdruckgewerbe war diese Folge allerdings nur in 
geringem Umfange fühlbar. Einmal war das Gewerbe schon vor 
dem Kriege mit neun Stunden Arbeitszeit dem Normalarbeitstag 
wesentlich mehr angenähert, als die meisten anderen, so daß der 
Sprung von wöchentlich 53 auf 48 Stunden elastischer ausge- 
glichen werden konnte; vor allem aber war diese Produktions- 

*) Erfurter Programm von 1891, Abs. II, Ziffer 1 a. 




■ 



-V 



90 



I 

I 



Verminderung in der Revolutionsperiode aus anderen wirtschaft- 
lichen Gründen ohnehin nicht zu vermeiden*). Um die Akkord- 
löhne der neuen Arbeitszeit anzupassen, bzw. um eine Ver- 
ringerung des Wocheneinkommens für Berechner auszuschließen, 
wurde der 1000-Buchstabenpreis für Handsetzer um 10 v, H., der 
10 000-Buchstabenpreis für Maschinensetzer ebenfalls um 10 v. H. 
erhöht. In der weiteren Entwicklung beschränkte man dem Unter- 
nehmer die Möglichkeit, die achtstündige Arbeitszeit nach Bedarf 
innerhalb der Stunden von 7 Uhr morgens bis 8 Uhr abends (im 
Zeitungsbetrieb bis 9 Uhr abends) stattfinden zu lassen; 

Bei einfacher Schicht liegt die Zeitgrenze zwischen 7 Uhr 
morgens und 6 Uhr abends (Zeitungen 7 Uhr abends); beim Zwei- 
schichtensystem werden dagegen erst die Stunden nach 8 Uhr 
(bzw. 9 Uhr abends) als Nachtarbeit entschädigt. 

Die letzten Verhandlungen des Tarifausschusses im Mai und 
August 1919 lassen das Bestreben der Arbeitnehmer erkennen, 
weitere Beschränkungen der Arbeitszeit im Tarif durchzusetzen. 

Beantragt wurde: weitere Verkürzung bei durchgehender 
(englischer) Arbeitszeit, verkürzte Arbeitszeit für Maschinen- 
setzer und Fortfall von 1 bis 2 Arbeitsstunden am Sonnabend an 
Orten von 10 000 Einwohnern an. Sämtliche Anträge wurden von 
den Arbeitgebern abgelehnt und bis zu einer späteren Tarif- 
revision vertagt. 

Wenn auch keine tarifliche Erhöhung des Lohnminimums 
während des Krieges zustande kam, sondern ein Ausgleich durch 
Teuerungszulagen angestrebt wurde, so hat doch in der Auf- 
besserung der Lokalzuschläge eine Änderung grundsätzlicher 
Natur stattgefunden, die in das Gebiet einer Tarifrevision gehört. 
Die Anregungen zu einer grundsätzlichen Regelung des Problems 
reichen bis in die Kriegsperiode zurück; wir müssen daher auf 
diese Grundlagen hier näher eingehen. In der Sitzung im Oktober 
1917 beschloß der Tarifausschuß eine Heraufsetzung der Lokal- 
zuschläge um 21.; V. H. für alle Arbeiter, die 1914 erstmalig einen 
Zuschlag erhalten hatten. Der Tarifausschuß hielt sich in dieser 
Sache für zuständig, da, wie es im Beschluß-Protokoll heißt, „es 
sich dabei um die Durchführung der vom Tarifausschuß 1911 auf- 
gestellten Grundsätze handelt und weil von diesem Beschluß nur 




Vergl, II. Abschnitt, Seite 41. 



91 



» 



solche Orte betroffen werden, die gemäß der Absicht des Tarif- 
ausschusses vom Jahre 1911 diesen Zuschlag nach Ablauf der 
Tarifperiode zu erhalten gehabt hätten". Tatsächlich bedeutet die 
Maßnahme mehr, als hierdurch zugegeben wird; wurden doch von 
523 im § 4 des Tarifes aufgeführten Lokalzuschlagsorten 347 um. 
2 ^!., V. H. erhöht, das bedeutet also, daß die Löhne in zweidrittel 
aller Druckorte um 2' v. H. gesteigert wurden. Trotz dieser 
Regelung stellten sich unter dem Einfluß der wachsenden Diffe- 
renz der Lebenshaltungskosten in der Groß- und Kleinstadt 
während des Krieges Härten heraus, die dringende Abhilfe 
erheischten. In den während der Revolutionsperiode statt- 
findenden Besprechungen der Tariforgane mußte diese Frage 
allerdings hinter anderen unaufschiebbaren Gegenwartsproblemen 
zurücktreten, doch wurde im Mai 1919 die Anregung verfolgt 
und eine Kommission gebildet, die eine grundsätzliche Änderung 
des Lokalzuschlagsystems beraten sollte. So kam im August 1919 
ein Beschluß des Tarifausschusses zustande, der dem Sinne nach 
folgendes bestimmt: 

1. sämtliche Orte, die bei der Tarifregelung 1911 keinen oder 
nur 2V^ V, H. Lokalzuschlag erhalten haben, dagegen in die Servis- 
klassen A bis D nach dem Reichs-Beamten-Besoldungsgesetz ge- 
hören, werden nachträglich in den Tarif aufgenommen, 

2. Orte, die seit 1911 Lokalzuschläge erhalten, aber geringer 
entschädigt werden, als die Servisklasse vorschreibt, sollen um 
2’ bis 5 V. H, erhöht werden, 

3. Druckorte, die Industriezentren bilden, können unter Aus- 
schaltung der 10-km-Zone zu einem Wirtschaftsgebiet zusammen- 
gefaßt und nach einheitlichen Sätzen entschädigt werden. 

Die Beschlüsse zu 1 und 2 bedeuten eine abermalige Erhöhung 
der Lokalzuschläge. Bei Ziffer 1 handelt es sich nur um wenige 
Orte, die von Klasse E in Klasse D aufrücken, oder in Klasse D 
neu aufgenommen werden. Die Erhöhung um 2'o v, H. bis 5 v. H, 
der Ziffer 2 betrifft dagegen weit über 300 Druckorte, 

Wirtschaftlich einschneidend ist die Schaffung einheitlicher 
Zuschlagsgebiete. Nach dem Tarif von 1911 § 12 Ziffer 2 gelten 
die Lokalzuschläge für die innerhalb 10 km Entfernung von der 
Weichbildgrenze des betreffenden Druckortes liegenden Ort- 
• schäften. Hierdurch waren in der Konkurrenz unhaltbare Zustände 
entstanden. Ein Großstadt- Vorort, der außerhalb der 10-km-Zone 




92 



I 






I 







lag und infolgedessen einen Lokalzuschlag von z. B, nur 10 v, H. 
gegenüber der Großstadt mit 25 v. H. hatte, bot einen starken An- 
reiz zur Gründung von Druckereien, Wirtschaftlich gehörte dieser 
Vorort unbestritten zum Großstadtmarkt; die ausgiebige Be- 
nutzungsmöglichkeit gut organisierter Verkehrsadern, wie Kanäle, 
Eisenbahnen, Straßen verbilligte den Transport derart, daß die 
Transportkosten bequem durch die gegenüber der Großstadt 
niedrigeren Löhne ausgeglichen werden konnten. Darüber hinaus 
gestatteten diese den Vorortproduzenten, Druckerzeugnisse 
billiger nach der Großstadt zu liefern, als die Großstadt- 
druckereien. Diese Möglichkeit wurde während des Krieges bei 
dem herrschenden Auftragsmangel natürlich erheblich ausgenutzt. 

Auf Seiten der Arbeitnehmer war ebenfalls ein berechtigtes 
Interesse für den Ausgleich verschiedener Lokalzuschläge inner- 
halb der Großstadtzentren mit ihrer weiteren Umgebung vor- 
handen; waren doch die Lebensbedingungen in kleineren Orten 
innerhalb eines zusammenhängenden Industriegebietes annähernd 
ebenso ungünstig wie in den mit den höchsten Zuschlägen belegten 
Millionenstädten. Die Neuregelung faßt Orte in der Nähe von 
Großstädten, in denen annähernd die gleiche gewerbliche 
Leistungsfähigkeit und die gleichen Lcbensmittelpreise herrschen, 
mit diesen geographisch zu geschlossenen Gebieten mit einheit- 
lichen Lokalzuschlägen zusammen; sie unterbindet dadurch 
ungesunde Konkurrenz und ermöglicht den Gehilfen, die hohen 
Unterhaltskosten zu tragen. Zum Ausgleich geringer Verschieden- 
heiten in den Lebensbedingungen und der bei Lieferung in die 
Großstädte entstehenden Transportkosten sind Differenzierungen 
der Zuschläge bis zu 5 v. H. zugelassen. 

Durch die tarifliche Einführung von Ferien hat die Tarif- 
gemeinschaft der deutschen Buchdrucker eine sozialpolitische Ein- 
richtung geschaffen, die bisher weder gesetzlich gefordert, noch in 
anderen Tarifverträgen gewerblichen Arbeitern gewährt wurde. 
Im Mai 1919 wurde der tarifliche Anspruch der Gehilfen auf einen 
Erholungsurlaub begründet: 

Bei einer Beschäftigung von 9 Monaten im Betriebe betragen 
die Ferien 5 Tage, für jedes weitere Beschäftigungsjahr steigt der 
Urlaub um je einen Tag bis zur Höchstgrenze von 15 Tagen; Sonn- 
und Festtage werden nicht mitgerechnet. 




93 



$ 



4 



I 



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I 









Die durch den Krieg verursachten Ernährungsschwierig- 
keiten brachten die Frage ins Rollen. Die Krankheits- und Sterbe- 
ziffer der Buchdruckergehilfen stieg in den Jahren 1914 bis 1918 
bedeutend. 

Nach der Statistik des Verbandes deutscher Buchdrucker'-) 
waren von der Gesamtmitgliederzahl im Jahre durchschnittlich 
krank: 

1913 1914 1915 1916 1917 1918 

2,80 3,20 2,57 3,20 3,75 4,27 

Die Zahl der Sterbefälle nimmt, trotz wesentlich geringerer 
Mitgliederzahl zu: 



Jahr 

1 


1913 


1914 


1915 


1916 


1917 


1918 


Zahl absolut .... 


333 


426 


351 


367 


424 


654 


in V, H- der Gesamt- 
Mitgliederzahl . . 


0,46 


0.69 , 


0,93 


1,20 ; 


1,48 


1,94 



Auf Grund dieses Materials konnten die Arbeitnehmer die 
gesundheitliche Notwendigkeit eines angemessenen Erholungs- 
urlaubes nachweisen. Der äußere Anlaß war selbstverständlich 
die revolutionäre Umwälzung. 

Für die Arbeitgeber war die Feriengewährung eine finan- 
zielle Belastung, deren Bedeutung jedoch durch die Tatsache 
gemildert wurde, daß die meisten Druckereien bereits seit langem 
nach freiem Ermessen der Prinzipale Erholungstage bewilligten, 
und es sich danach für viele Betriebe nur um eine tarifliche 
Sanktionierung handelte. Zudem legte man die Ferien vom Mai 
bis Oktober, also in die sogenannte „tote Saison“, wo nach alten 
Erfahrungen im Buchdruckgewerbe flauer Geschäftsgang herrscht. 

Es ist abschließend festzustellen, daß die tarifliche Regelung 
eines Problems von so weittragender sozialer Bedeutung die Buch- 
druckergemeinschaft wiederum als Pionier auf dem Wege sozial- 
politischer Entwickelung in vorderster Reihe zeigt. 

Außer diesen unmittelbar in den engen Kreis der Tarif- 
gemeinschaft eingedrungenen Auswirkungen der revolutionären 
Reformarbeit auf tarifrechtlichem Gebiet bleibt die in der 
Revolution entstandene allgemeine gesetzliche Regelung des Tarif- 

VergL Korrespondent Nr. 97 vom 26. August 1919. 

94 










vertrags-Rechts mit ihrem Einfluß auf die Buchdruckergemein- 
schaft zu betrachten. 

Die Kodifizierung des neuen Tarifrechts ist in der Verord- 
nung des Rates der Volksbeauftragten über Tarifverträge 
vom 23. Dezember 1918 gegeben. Die genannte Verfügung regelt 
im wesentlichen zwei Materien; 

1. die Unabdingbarkeit, 

2, die Ausdehnungsmöglichkeit. 

Nach § 1 des Gesetzes sind „Arbeitsverträge zwischen den 
beteiligten Personen insoweit unwirksam, als sie von der tarif- 
lichen Regelung abweichen", wenn „die Bedingungen für den 
Abschluß von Arbeitsverträgen zwischen Vereinigungen von 
Arbeitnehmern und einzelnen Arbeitgebern oder Vereinigungen 
von Arbeitgebern durch schriftlichen Vertrag geregelt" sind. Nach 
dem Wortlaut ist demnach der Deutsche Buchdrucktarif nicht 
unabdingbar, da er nicht von einer ,, Vereinigung von Arbeit- 
nehmern", sondern von der Gesamtheit aller berufsangehörigen 
Gehilfen abgeschlossen worden ist. Doch wenn auch diese durch 
den mangelhaften Text der Verordnung mögliche Konstruktion 
vom Gesetzgeber nicht gewollt ist, und demnach keine erhebliche 
Bedeutung hat, so bringt doch auch bei Annahme der Unabding- 
barkeit die Verordnung für das Buchdruckgewerbe wenigstens 
praktisch nichts Neues. 

Nach Seite 85 des Tarifs kann der Arbeitgeber mit einzelnen 
Gehilfen seines Betriebes Sondervereinbarungen tariflicher Art, 
sogenannte ,,Haus- oder tarifliche Nebenverträge" abschließen. 
,, Selbstverständlich dürfen die Hausverträge in keinem Punkt 
dem Tarif widersprechen," Die Einhaltung dieser Verpflichtung 
fordert der § 82 a, 1 a'-'), sie kann bei Nichtbefolgung von den Mit- 
gliedern erzwungen werden, einmal rechtlich durch Vollstreckungs- 
klage auf Unterlassung nach § 890 C. P. zweitens wirtschaft- 

lich durch Androhung des Ausschlusses aus der Tarifgemeinschaft 
oder durch Ausschluß nach § 82 d, 4 c des Tarifs. Dadurch dürfte 
die Unabdingbarkeit genügend gesichert sein, 

*) „Gewissenhafte Befolgung des deutschen Buchdruckertarifs in allen 
Teilen!** 

**) Anspruch der Tarifgemeinschaft auf Unterlassung tarifwidriger Ver- 
träge, vergl. Edler, Rechtsnatur der Tarifverträge, Seite 32. 




95 







Den zweiten Punkt, die erweiterte Ausdehnungsmöglichkeit 
des Tarifvertrages, regelt § 2 der Verordnung: das Reichsarbeits- 
ministerium kann Tarifverträge für allgemein verbindlich erklären, 
die für die Gestaltung der Arbeitsbedingungen des Berufskreises in 
dem Tarifgebiet überwiegende Bedeutung erlangt haben. Eine Ver- 
bindlichmachung des Tarifvertrages für das Reichsgebiet kann nur 
der gewerblichen Entwickelung förderlich sein, wenn sie Preis- 
schleuderei und unlautere Konkurrenz ausschaltet. Deshalb wird 
es wirtschaftlich notwendig sein, daß die im Vertrage garantierte 
Einhaltung bestimmter Preis- und Lieferungsbedingungen ebenfalls 
gesetzlich für allgemein verbindlich erklärt wird. Die Verwirk- 
lichung dieser Forderung erscheint nach der Fassung des Gesetzes 
zweifelhaft. Aus § 1 und 2 der Verordnung scheint vielmehr her- 
vorzugehen, daß durch die Verbindlicherklärung der Tarifvertrag 
nur soweit Allgemeingeltung erlangt, als er den Arbeitsvertrag, 
also das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, 
regelt. Diese Auffassung wird bestätigt durch die Stellungnahme 
des Reichsarbeitsamts zum Deutschen Buchdrucktarif. Anfang des 
Jahres 1919 beantragte das Tarifamt beim Reichs-Arbeits- 
ministerium die Verbindlicherklärung des Deutschen Buchdruck- 
tanfs gemäß § 3 der Verordnung. Da aus Verhandlungen mit der 
Behörde hervorging, daß nur die Arbeitsbedingungen verbindliche 
Kraft erhalten konnten, alle anderen Bestimmungen des Tarifs, 
wie Verkaufspreise für Drucksachen, Mitgliedschaft bei der Tarif- 
gemeinschaft, Lehrlingsskala, Schiedsinstanzen und Arbeitsnach- 
weise dagegen von der gesetzlichen Regelung ausgeschlossen 
bleiben sollten, zog das Tarifamt am 23. Mai 1919 den Antrag 

Im Buchdruckgewerbe hat man seit langem eingehende 
Erfahrungen über die Form und Wirksamkeit der Tarifverträge 
sammeln können. Es hat sich erwiesen, daß die Einhaltung be- 
stimmter Verkaufsnormen Voraussetzung für die Lebensfähigkeit 
tariflicher Vereinbarungen ist. Darüber hinaus hat das gewerbliche 
Einigungswesen weitgehende Ausgestaltung zum Segen der Tarif- 
kontrahenten erfahren. Ein Gesetz, das lediglich die Arbeits- 
bedingungen für allgemein verbindlich erklärt, kann daher dem 
Buchdruckgewerbe keinen Nutzen stiften, um so weniger, als von 
den von der Buchdrucker - Berufsgenossenschaft gezählten 



I 



N 



96 



Betrieben bereits 97 v. H.*) der Tarifgemeinschaft angehören. Der 
Rahmen des Gesetzes, das offenbar als Provisorium zu gelten 
haP-”-'), ist für den Buchdruck, der als das älteste und am festesten 
gefügte Tarifgewerbe bereits ein rechtlich und wirtschaftlich weit 
vorausgeeiltes Entwicklungsstadium in der Tarif-Vertragstechnik 
erreicht hat, viel zu eng gezogen, um eine wesentliche praktische 
Bedeutung erlangen zu können. 

Die Verordnung unterläßt es diejenigen Punkte gesetzlich zu 
regeln, die bisher auf der unsichersten Grundlage beruhen. 
Zunächst: Beseitigung des § 152, II der Gewerbeordnung. Was 
sich daraus ergibt, schildert treffend der damalige preußische 
Justizminister Dr. Hugo Heinemann in einem Referat in der Haupt- 
versammlung der Gesellschaft für soziale Reform am 29. Januar 
1919t): „Jeder Arbeitgeber oder Arbeiter, der zurzeit des Ab- 
schlusses des Tarifvertrages noch nicht Mitglied seines tarif- 
gebundenen Vereins war, sondern es erst später geworden ist, 
kann sich der Verpflichtung, den Tarifvertrag innezuhalten, jeder- 
zeit dadurch entziehen, daß er aus seinem Verein austritt. Denn 
tarifgebunden sind nach der Verordnung nur 

a) diejenigen, die Mitglieder der vertragsschließenden Ver- 
einigungen sind, welche Voraussetzung nicht vorliegt, da ja der 
Arbeitgeber oder Arbeiter aus dem Verein austreten, und 

b) diejenigen, die Mitglieder' bei Abschluß des Arbeitsver- 
trages — wohlgemerkt, nicht bei Abschluß des Tarifvertrages — 
gewesen sind. Auch diese Voraussetzung ist nicht gegeben, denn 
der betreffende Arbeitgeber oder Arbeiter ist ja gerade aus seiner 
Vereinigung zu dem Zweck ausgeschieden, um den tarifwidrigen 
Arbeitsvertrag abschließen zu können.“ 

Neben der Klagbarkeit der Koalitionen hätte die Haftungs- 
frage einer Regelung bedurft. Die unbeschränkte Haftpflicht der 
Gewerkvereine einerseits und die mangelnde Sicherung gegen 
Tarifbrüche von Arbeitern, deren Organisationen tariftreu bleiben 



*) nach Angabe de.s Tarif amtes. 

**1 Vergl. Bericht über die Verhandlungen der Gesellschaft für soziale 
Reform in Berlin am 29. und 30. Januar 1919, Heft 64 der Schriften der Gesell- 
schaft für soziale Reform Seite 91, Ausführungen des Geh. Reg.-Rat Dr. Feig 
vom Reichsarbeitsamt. 

f) Vergl. Bericht über die Verhandlungen der Gesellschaft für soziale 
Reform in Berlin am 29. und 30. Januar 1919, Heft 64 der Schriften der Gesell- 
schaft für soziale Reform, Seite 72. 

■ 97 




it 



r 



und daher nicht haftbar gemacht werden können, andererseits, 
wird bei Arbeitgebern und Arbeitnehmern das Mißtrauen gegen 
die Tarifverträge verstärken. 

Beide Fragen sind für die Tarifgemeinschaft der Deutschen 
Buchdrucker unmittelbar nicht fühlbar, da kein Vertragsabschluß 
von Organisation zu Organisation vorliegt, sondern der Tarif ,,alle 
tarif treuen berufsangehörigen Gehilfen und Prinzipale“ umfaßt. 
Dagegen spielen beide eine sehr wichtige Rolle in dem zwischen 
dem Prinzipalverein und dem Gehilfenverband abgeschlossenen 
Organisationsvertrag. 



Wir kommen damit zu dem organisatorisch düstersten Kapitel 
der Revolutionsepoche. Der Organisationsvertrag, der 
der Organisation zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern im 
deutschen Buchdruckgewerbe durch Regelung der Haftungsfrage 
die unentbehrliche rechtliche Sicherung gab, der den Prinzipal- 
verein und Gehilfenverband zu tatsächlichen Trägern des Ver- 
tragsgebäudes machte, fiel der Revolution zum Opfer. Anstelle 
einer in jahrelanger Arbeit durchgebildeten Organisation Chaos 
und Trümmer! Es ist von verhängnisvollster Wichtigkeit, daß der 
Organisationsvertrag gekündigt wurde, ohne daß durch Um- 
gestaltung der Tarifgemeinschaft eine Haftpflicht der Berufsver- 
bände — die dann eine gesetzliche Verankerung hätte erfahren 
müssen — begründet worden wäre. Daß durch die ausgebliebene 
gesetzliche Regelung die Geneigtheit zum Abschluß eines 
Haftungsvertrages auf Seiten beider Kontrahenten recht gering 
geworden ist, ist im Interesse der Tarifgemeinschaft tief zu 
beklagen. 

Die Verhältnisse, die zur Kündigung des Organisations- 
vertrages geführt haben, erklären sich aus den wachsenden 
politischen und wirtschaftlichen Gegensätzen zwischen Arbeiter- 
schaft und Unternehmertum. Diese Gegensätze haben im Laufe 
des Krieges eine immer schärfere Zuspitzung erfahren. Sie bilden 
den Ausgangspunkt für die Lockerung der Arbeitgeber und Arbeit- 
nehmer zusammenfassenden Organisationen. Wir müssen daher, 
um den Zerfall des Organisationsvertrages infolge der Revolution 
verstehen zu können, zurückblicken auf die Periode, in der die 

98 




Spaltung zwischen den beiden Vertragskontrahenten beginnt. Ende 
Januar 1918 schlossen sich die Gehilfen der meisten Berliner 
Druckereibetriebe einem allgemeinen parteipolitischen Streik an. 
Dies gab den betroffenen Firmen Anlaß zur Einreichung einer 
Klage bei den tariflichen Schiedsinstanzen auf „begangenen Tarif- 
bruch in idealer Konkurrenz mit Kontraktbruch.“ 

Nach § 7 des Organisationsvertrages entscheidet derartige 
Streitigkeiten aus dem Arbeitsverhältnis das Tarifamt, und zwar 
für die Mitglieder der Vereine rechtsverbindlich. Das gefällte 
Urteil lautete: „Die beklagten Gehilfen haben mit der gemein- 
samen Arbeitsniederlegung sich des Kontraktbruchs schuldig 
gemacht.“ In der Begründung folgert das Tarifamt mit Recht, daß 
ßin Verlassen der Stellung ohne Kinhaltung der Kündigungspflicht 
einen Kontraktbruch bedeutet, auch wenn diese Entfernung nur 
eine vorübergehende Arbeitseinstellung zum Ziele hat, oder auf 
parteipolitische Gründe zurückzuführen ist. Gestützt auf § 5 
Abs. 4 des Organisationsvertrages forderten nun die Berliner 
Firmen durch den Prinzipalverein Zahlung einer Schadenersatz- 
summe vom Gehilfenverband. Dieser bestritt jede Haftpflicht unter 
Hinweis darauf, daß es sich um Vorgänge handelte, die ebenso- 
wenig mit gewerkschaftlichen Bestrebungen wie mit beruflichen 
Fragen in Verbindung zu bringen wären und die sich in Wirklich- 
keit teils ohne Kenntnis, unbedingt aber ohne jede Zustimmung der 
Organisationsleitung abspielten. Gleichzeitig wurde, da die Vor- 
aussetzungen unter denen der Organisationsvertrag zustande kam, 
als nicht vorliegend anerkannt wurden, die Zahlung einer Ent- 
schädigungssumme abgelehnt. Der Prinzipalverein drohte darauf 
mit einer Feststellungsklage über die Anwendbarkeit des Organi- 
sationsvertrages auf politische Streikbewegungen. 

Der Ausgang eines derartigen Rechtsstreits konnte nicht 
zweifelhaft sein; nach dem Wortlaut des § 5: „stehen beide Ver- 
eine für die Erfüllung der nach diesem Vertrag und nach dem 
Tarif ihren Mitgliedern obliegenden Verbindlichkeiten selbst- 
schuldnerisch ein, soweit dies im Einzelfall von dem Verein 
gefordert wird, dem der Geschädigte angehört. Der Verein, dem 
der Schädiger angehört, haftet dem Geschädigten für Ersatz des 
ihm entstandenen Schadens insoweit, als sein beteiligtes Mitglied 
gesetzlich dazu verpflichtet ist.“ Die Frage, ob bei Abschluß des 
Organisationsvertrages der Parteiwille dahin ging, die Haftpflicht 



99 



auf derartige Fälle auszudehnen, ist zu bejahen; denn gerade der 
Tatbestand ist für den Unternehmer allein von Interesse, wo bei 
Tarifbruch der Mitglieder der Verein, dem die Schädiger an- 
gehören, tariftreu bleibt. Gerade für diesen Fall sollte der 
Organisationsvertrag eine Sicherung durch Haftpflicht der 
gegnerischen Organisation schaffen. Welchen Motiven der Streik 
entspringt, ist hierbei völlig belanglos. 

Weitere langwierige Verhandlungen zwischen Prinzipal- 
verein und Gehilfenverband führten zu keinem Ergebnis; dennoch 
war man in voller Würdigung der Bedeutung des Organisations- 
vertrages auf beiden Seiten bemüht, den Konflikt aus dem Wege 
zu schaffen, um die rechtliche Bindung zwischen beiden Organi- 
sationen zu erhalten. 

So lagen die Dinge bei Ausbruch der Revolution. Lohn- 
kämpfe vertieften innerhalb weniger Wochen den Riß zwischen 
beiden Vertragskontrahenten derart, daß die Einsicht für organi- 
satorische Notwendigkeiten durch rücksichtslos-einseitige Inter- 
cssenpolitik verdrängt wurde. 

Der äußere Anstoß zur Kündigung des Organisationsvertrages 
wurde von der Gauvorsteher-Konferenz des Gehilfenverbandes 
Anfang Dezember 1918 gegeben. Das Ergebnis dieser Tagung war 
die nachstehende Entschließung, die dem Priazipalverein sogleich 
übersandt wurde, 

,,Der zwischen dem Verbände der Deutschen Buchdrucker 
und dem Deutschen Buchdruckerverein abgeschlossene Organi- 
sationsvertrag erlischt am 31. Dezember 1918, Eine Verlängerung 
über den genannten Termin hinaus oder eine Erneuerung in der 
bisherigen oder abgeänderten Form wird zurzeit nicht beabsichtigt. 

Auch ohne Vorhandensein besonderer Abmachungen ist die 
Gehilfenschaft an der Aufrechterhaltung angemessener Druck- 
preise interessiert. Die Konferenz erklärt darum die Bereitwillig- 
keit des Verbandes, zur Erhaltung gesunder gewerblicher Verhält- 
nisse gegen Preisschleuderer in Gemeinschaft mit den Prinzipalen 
von Fall zu Fall bis auf weiteres vorzugehen.** 

Der Prinzipalverein erklärte sich nach Lage der Sache mit 
der Kündigung einverstanden und so fand der Organisationsvertrag, 
der bisher von Jahr zu Jahr verlängert worden war, mit dem 
31. Dezember 1918 sein Ende. Die erzieherischen Wirkungen des 
Vertrages gegenüber Kontraktbrüchen hören damit auf, vor allem 




100 



aber ist dem gemeinsamen wirtschaftlichen Vorgehen beider 
Kontrahenten gegen Schleuderer im Gewerbe die zwingende recht- 
liche Grundlage entzogen. Die Tarifgemeinschaft entbehrt also 
zurzeit des Rückhalts, den der Vertragsabschluß zwischen großen, 
kapitalkräftigen Organisationen gewährt. Auf welchem Wege eine 
Umgestaltung der Tarifgemeinschaft zu Erlangung dieses Zieles 
angestrebt werden kann, soll später gezeigt werden. 



Nachdem einmal durch die Lösung des Organisationsvertrages 
die Möglichkeit, die gemeinschaftlichen Arbeitsbeziehungen zu 
lockern, in die Bewußtseinssphäre radikalgesinnter Arbeitermassen 
getreten war, konnte die Krisis für den Fortbestand der Tarif- 
gemeinschaft nicht ausbleiben. 

Symptomatisch für den Beginn der Organisations- 
krisis und für das drohende Chaos auf gewerblichem Gebiet ist 
die Tatsache, daß die Organe der Gemeinschaft zunächst ihre 
Funktionen noch automatisch fortführten, dann aber nicht mehr 
die Kraft fanden, die Ziele des Ganzen zur Durchführung zu 
bringen. Für den Sozialpolitiker, der die Gründung und Festigung 
des gewerblichen Friedens im Deutschen Buchdruckgewerbe 
während einer 45jährigen Entwickelung verfolgt, ist es eine bittere 
Aufgabe feststellen zu müssen: die aus freier Wahl der Tarif- 
parteien hervorgegangenen gemeinsamen Verfassungsorgane des 
Buchdruckgewerbes haben in der revolutionären Übergangszeit 
versagt. Es ist ihnen nicht gelungen, den höchsten Sinn jeder be- 
wußten Organisation, die Einheit, aufrecht zu erhalten. Nur ein 
entschlossener Wille konnte diese Einheit behaupten. 

Es wäre falsch, aus dem Scheitern der Einigungsverhand- 
lungen zu schließen, daß durch die Revolution eine qualitative 
Änderung der Gegensätze zwischen Arbeitgebern und Arbeit- 
nehmern eingetreten sei. Tatsächlich beweist die Unmöglichkeit 
des gegenseitigen Interessenausgleichs nur den Höhepunkt einer 
während und infolge des Krieges eingetretenen Entwickelung. 
Schon in der Tarifausschußsitzung vom 2, bis 4. Juli 1918 war die 
Atmosphäre derart elektrisch gespannt, daß eine Entladung unver- 
meidlich schien. In langdauernden Kommissionsberatungen wurde 
eine Annäherung beider Parteien versucht. Mehr als einmal 



101 



auchte hierbei, teils versteckt, teils offen die Drohung auf, die 
Regelung und Entscheidung der Differenzen einem außenstehenden 
Schiedsgericht zu übertragen. Daß diese Gefahr tatsächlich ernst- 
ich bestand und ihre Bedeutung auch die Arbeitnehmerseite 
gewürdigt hatte, erhellt aus den Worten eines Gehilfenvertreters 
)ei der schließlichen Annahme eines V ermittelungsvorschlages, 
OC^orten, die die ganze gewerbliche Lage schlagartig beleuchten, 
indererseits aber zeigen, wie tief der Gedanke der Tarifgemein- 
;chaft eingewurzelt ist: ,,Ich bekunde hiermit, daß die Liebe zur 
Farifgemeinschaft, die Liebe zum Gewerbe, wie es in seiner 
Eigenart sich in Deutschland zum zweitenmal nicht mehr findet, 
iu dem ausgereiften Gebilde der Tarifgemeinschaft, wie wir es 
Jeschaffen haben, und wie wir es weiter entwickeln wollen zu 
mmer größerer Höhe, daß diese Zuneigung, diese Treue zur Tarif- 
Gemeinschaft es gewesen ist, die uns bewogen hat, auf die 
[nanspruchnahme von Kreisen zu verzichten, die mit unserem 
Gewerbe letzten Endes nichts zu tun haben.“ 

Leider konnte in der Übergangszeit das hier so trefflich 
Gekennzeichnete Solidaritätsgefühl die verschärften sozialen 
Gegensätze nicht mehr überwinden. — In den Sitzungen des Tarif- 
ausschusses vom 19. Dezember 1918 und 14. bis 19, Mai 1919 
kamen keine tarifgültigen Beschlüsse innerhalb der gemeinsamen 
Berufsvertretung des Gewerbes zustande; eine außenstehende 
Reichsbehörde mußte eingreifen. 

Die Vorgänge, die zu der Tagung vom 19. Dezember 1918 
Geführt haben, sind in einer Denkschrift des Tarifamts niedergelegt. 
Allerdings finden darin die tieferen Ursachen entsprechend dem 
neutralen Charakter der obersten Tarifinstanz keine Würdigung. 
Der Bericht beschränkt sich auf eine Schilderung des Herganges 
der Ereignisse. Ein Funke von dem Geist, der in den Vollversamm- 
lungen der Arbeiterräte Groß-Berlins herrschte''') und sich über 
alle gewerblichen und gewerkschaftlichen Traditionen hinweg- 
setzte, hatte auch in den Reihen der sonst mustergültig diszi- 
plinierten Buchdruckergehilfen Feuer gefangen; trotz der am 
1. Dezember wirksam gewordenen Teuerungszulagen von rund 
15 V. H. des Friedenslohnes und der erreichten Arbeitszeitver- 
kürzung machte sich in Berliner Gehilfenkreisen das Bestreben 

Vergl. , .Vorwärts“ vom 18. Januar 1919. Bericht über die Vollver- 
sammlung der Arbeiterräte Groß-Berlins. 



102 



geltend, eine weitere wesentliche Lohnerhöhung durchzusetzen. 
Den äußeren Anlaß bot der Hilfsarbeiterstreik in den Zeitungs- 
großbetrieben Ende November. Die Gauvorsteherkonferenz des 
V. d. D. B, beschloß Anfang Dezember sofort Tarifverhandlungen 
zwecks Steigerung der Teuerungszulagen einzuleiten. — In einer 
Sitzung des Buchdruckerrats vom 16. Dezember wurden ent- 
sprechende Anträge von den Gehilfenvertretern gestellt, jedoch 
von Arbeitgeberseite Verhandlungen hierüber abgelehnt, da die 
Zuständigkeit des Buchdruckerrats in dieser Frage bestritten 
wurde. So berief das Tarifamt den Tarifausschuß für den 
19. Dezember nach Berlin zusammen. Infolge der unzulässig 
kurzen Einberufungsfrist und anderer formaler Einwände fehlten 
bei dieser Sitzung die Abgeordneten des D, B. V. und 7 Prinzipal- 
kreisvertreter, so daß der Tarifausschuß gemäß § 2 der Geschäfts- 
ordnung, nach der mindestens 8 Mitglieder von jeder Partei an- 
wesend sein müssen, beschlußunfähig war. Nach erfolgter Einigung, 
die allerdings außerhalb des Tarifausschusses erzielt wurde, 
wandte man sich daher an das Demobilmachungsamt, um den 
Abmachungen dieselbe ,, Kraft zu geben, als wenn es sich bei 
diesen Vereinbarungen um einen ordnungsgemäß zustande ge- 
kommenen Beschluß des Tarifausschusses der Deutschen Buch- 
ürucker handelte '■). So kam am 21. Dezember 1918 die ,, An- 
ordnung betr. Löhne im Buchdruckgewerbe" des Reichsamts für 
die wirtschaftliche Demobilmachung zustande. Nach Anhörung 
der Parteien legte die Behörde diejenigen Sätze gesetzlich fest, die 
das Rumpfparlament der Buchdrucker vorgeschlagen hatte. 

Daß durch eine spätere Einberufung des Tarifausschusses die 
Entscheidung des Demobilmachungsamtes hätte vermieden werden 
können, ist zweifellos; dennoch muß angesichts der drohenden Ein- 
mischung örtlicher Arbeiter- und Soldatenräte der Entschluß der 
anwesenden 5 Arbeitgeber, der Vereinbarung zuzustimmen, aus 
taktischen Gründen verständlich erscheinen. 

Die erzwungene Lohnsteigerung im Dezember bedeutet den 
Auftakt zu einer Periode tariflicher Vertragspolitik, die immer 
mehr die Formen einseitiger Diktatur auf Arbeitnehmerseite an- 
nimmt. Das Bestreben des Tarifausschusses, durch nachträgliche 

*) Text der „Anordnung betr. Löhne im Buchdruckgewerbe" vom 
21. Dezember 1918, veröffentlicht im Reichsanzeiger vom 23. Dezember 1918, 
Nr. 302. 



103 



t 




Anerkennung der Beschlüsse des Rumpfparlamentes die An- 
ordnung des Demobilmachungsamtes vom 21, Dezember 1918 auf 
tariflichen Boden zurückzuführen, konnte die angedeutete Ent- 
wickelung nicht aufhalten. Der vom Terror der Straße beein- 
flußten radikalen Arbeiterschaft, die in \\ eniger disziplinierten 
Gewerkschaften eine gewerbliche Erpresserpolitik beim Abschluß 
von Tarifverträgen durchzusetzen wußte, gelang es, durch 
Agitation auch Unzufriedenheit und Kampfeslust in die Reihen 
der Buchdruckergehilfen hineinzutragen. 

Den Auftakt bildete eine zwar temperamentvolle, aber wenig 
objektive Kritik der Tarifgemeinschaft. Kennzeichnend für die 
Auffassung und Stimmung in vielen Arbeitnehmerkreisen sind Auf- 
sätze freiwilliger Mitarbeiter des „Korrespondent" im Mai 1919. 
Es heißt da. „Unser Selbsterhaltungstrieb zwingt uns dazu, aus 
der dumpfen Sackgasse der Tarifgemeinschaft herauszugehen und 
eine Straße zu beschreiten, die uns mehr Luit und Sonne gewährt. 
Wie dem auch sei, in diesem Tempo des Landsturms aus Kräh- 
winkel kann unsere Lohnpolitik nicht weiter gehen. Not bricht 
Eisen! Kommen wir nicht durch die Tarifgemeinschaft zu dem was 
uns not tut, dann,iWenn es sein muß, über sie hinweg!" 

Und an anderer Stelle: „Ist es nicht möglich, die Tarif- 
gemeinschaft so zu gestalten, daß die Gehilfenschaft auskömmliche 
Löhne hat, dann ist es hohe Zeit, neue Wege einzuschlagen, die 
uns aus dem Sumpf herausbringen. Will die Prinzipalität auch 
weiterhin die Tarifgemeinschaft einseitig ftir ihre Zwecke aus- 
nutzen, dann ist es gerechtfertigt, was in der vollzählig besuchten 
letzten Versammlung unseres Ortsvereins unter starkem Beifall 
gefordert wurde: Hinweg mit solcher Tarifgemeinschaft!" 

Und endlich: „Nicht mehr wie bisher wollen wir Sklaven 
sein, die für ihren Herrn frohnen; nicht mehr wollen wir unfrei 
durchs Leben gehen, nur darauf bedacht, unsere Gedanken zu 
hüten, damit nicht unser ,,Herr uns auf die Straße setze und uns, 
wie unsere Lieben, dem Mangel preisgebe; nicht mehr wollen wir 
die Faust in der Tasche ballen, wenn man von uns Opfer unserer 
Gesundheit, unserer Menschenwürde fordert; nicht mehr wollen 
wir den Launen unserer Vorgesetzten ausgesetzt sein." (Vergleiche 
Korrespondent Nr. 50, Artikel: „Die nächsten Ziele.") 

Diese Proben mögen genügen. Nur zu willig folgten Tausende 
von Gehilfen derartigen Verhetzungen. Über die zentralen Organe 

104 



• • 




« • 




der Tarifgemeinschaft hinweg wurden durch örtliche Arbeitsunter- 
brechungen und Streike die wirtschaftlichen „Errungenschaften 
der Revolution“ ausgewertet und die Lohnschraube trotz aller 
tariflichen Vereinbarungen in ständiger Bew'egung gehalten. 

In Leipzig wählten die Gehilfen Kommissionen zu Verhand- 
lungen mit den Prinzipalen unter Ausschaltung der Tariforgane; in 
Hannover wurden Versammlungen zwecks örtlichen Vorgehens 
einberufen ohne Hinzuziehung oder Einverständnis des Vorstandes. 
In Mannheim drohte man bei nicht befriedigendem Ausgang der 
Tarifverhandlungen mit örtlichen Gegenmaßnahmen (Mai 1919). 
In Berlin, dann in Elberfeld, Danzig, Magdeburg, in Kiel, Augsburg, 
Kattowitz, Liegnitz, Chemnitz, Rostock, Königsberg, Essen und 
Frankfurt a, M. — um nur die wichtigsten Druckorte zu nennen - — , 
kam es zu örtlichen Lohnsteigerungen, die teils durch Verhand- 
lungen nichttariflicher Arbeitervertretungen, teils durch Arbeits- 
einstellungen erzwungen wurden. Angesichts dieser offenkundigen 
Tarifbrüche von Arbeitnehmerseite zeigte sich die Buchdrucker- 
gewerkschaft machtlos. Schärfste Verurteilung der Streike durch 
die Verbandsleitung und das Verbandsorgan, verbunden mit Ent- 
ziehung der Streikunterstützung, konnten die immer wieder 
geschürten lokalen Bewegungen nicht wirksam unterdrücken. 

Die gewerbliche Situation war ungeheuer ernst; ohne Über- 
treibung kann gesagt werden; Die Tarifgemeinschaft drohte unter 
den Einflüssen radikaler Streikhetzer von der Höhe ihrer Be- 
deutung als Instrument praktischer, gewerblicher Organisations- 
politik zu rein theoretischer Bedeutungslosigkeit herabzusinken, 
um eines Tages auch formal zusammenzubrechen. 

.Dieser Schwierigkeiten konnte der Tarifausschuß auf seiner 
Tagung im Mai 1919 nicht Herr werden; die Gegensätze waren 
unüberbrückbar. Als Symptom für den Stand der Dinge sei 
erwähnt, daß der Präsident der Tarifgemeinschaft, Geh. 
Kommerzienrat G. W. Büxenstein, sein Amt und die ihm in 
40jähriger Tätigkeit ans Herz gewachsene führende Stellung in der 
Tarifgemeinschaft, als deren Schöpfer er vielfach bezeichnet wird, 
der Erkenntnis eines unvermeidlichen Zusammenbruchs zum Opfer 
brachte. 

Nach dreitägigen ergebnislosen Verhandlungen, deren 
wesentlicher Gegenstand die Lohnfrage war, mußte das Reichs- 
arbeitsamt als Vermittlungsstelle angerufen werden, um eine Ver- 



105 



standigung herbeizuführen. Auch dieser Versuch scheiterte und so 
wurde die Schlichtung des Streitfalles einem außerhalb des 
Gewerbes gebildeten Schiedsgericht überwiesen. 

Das Schiedsgericht wurde vom Reichsarbeitsministerium für 
diesen Fall besonders errichtet, in Anlehnung an die Verordnung 
\om 23. Dezember 1918 über Schlichtung von Arbeitsstreitig- 
keiten. Entgegen § 15 Abs, 5 des Gesetzes wurden jedoch weder 
auf Arbeitgeber- noch auf Arbeitnehmerseite Berufsangehörige 
zugezogen; vielmehr bestand der Ausschuß aus je drei berufs- 
fremden Unternehmern und Gewerkschaftssekretären, unter Vor- 
sitz eines juristischen Beamten des Reichsarbeitsministcriums als 
unparteiischen Obmann. Dem Spruch des Schiedsgerichts unter- 
warfen sich beide Parteien innerhalb der gesetzten Frist. 

So sind zum erstenmal seit Bestehen der Tarifgemeinschaft, 
also seit 23 Jahren, die Arbeitsbedingungen im Buchdruckgewerbe 
nicht nur durch eine außerhalb des Berules stehende Behörde, 
sondern durch Personen festgesetzt worden, die mangels der not- 
wendigen beruflichen Voraussetzungen zu einer wissenschaftlich 
und praktisch einwandfreien Beurteilung der gewerblichen Ver- 
hältnisse gar nicht in der Lage sein konnten Damit ist der Grund- 
satz der Selbstverwaltung durchbrochen und der wirtschaftliche 
Zweck der Organisation hinfällig. 



Es wäre falsch zu glauben, daß die Revolution in der Ge- 
meinschaft der Buchdrucker nur als auflösende Macht in die Er- 
scheinung getreten ist. Tatsächlich haben sich in der Revolutions- 
periode neueOrgane gebildet, teils innerhalb der Tarifgemein- 
schaft, teils innerhalb der Allgemeinheit auf gesetzlicher 
Grundlage. 

Es spricht für das praktische Organisationsverständnis der 
Tarifparteien, daß sie in den ersten Novemberwochen, als sich die 
gewerbliche Situation von Tag zu Tag mehr zuspitzte, ein Zentral- 
organ mit weitgehenden, nahezu diktatorischen Befugnissen 
geschaffen haben, den Buchdruckerrat. Damit wurde die 
,, grundlegende Organisationsforderung, daß die Einheit ent- 
sprechend der Not der Zeit gesteigert werden muß“*'*), erfüllt. 

*) Vergl. Plenge, 3 Vorlesungen über allgeni. Organisationslehre, S. 60. 



■; 



106 



« 



Der Buchdruckerrat war seiner Entstehung und Mitgliedzahl 
nach ein verkleinerter Tarifausschuß, gewissermaßen ein kontinu- 
ierlich tagendes Vollzugskomitee der gesetzgebenden Körperschaft. 
Er bestand aus fünf Prinzipalen, fünf Gehilfen und einem Hilfs- 
arbeiter, die vom Tarifausschuß gewählt wurden, und aus den An- 
gehörigen des Tarifamtes. Seine Beschlüsse waren für sämtliche 
Berufsangehörige bindend. Durch die geringere Mitgliederzahl 
war ihm eine größere Beweglichkeit gegeben, als dem schwerfällig 
funktionierenden Tarifausschuß. Nach der konstituierenden Ver- 
fügung des Tarifamtes hatte der Buchdruckerrat die Aufgabe, alle 
Fragen, die sich für die Tarifgemeinschaft aus der Übergangswirt- 
schaft ergaben, entscheidend zu regeln. Damit war von vorn- 
herein der vorübergehende Charakter dieses aus der Not der Zeit 
geborenen neuen Organs festgcstellt. Der Buchdruckerrat hat 
viermal getagt und hierbei Beschlüsse von entscheidender Wichtig- 
keit gefaßt, die in erster Linie eine Balanzierung des Arbeits- 
marktes (durch zwangsweise Einstellung von Heeresentlassenen, 
vergl. Abschnitt III) und die Wiederinkraftsetzung der tariflichen 
Bestimmungen (durch Aufhebung der während des Krieges ein- 
geführten Ausnahmen) herbeiführten. Zweifellos hat seine Tätig- 
keit dem Gewerbe über die schwierigste Zeit der Übergangswirt- 
schaft erfolgreich hinweggeholfen. 

Andererseits hat es nicht an Anfeindungen gefehlt, die ein- 
mal grundsätzlich der Institution als einer tariffremden Einrichtung, 
zweitens aber der Zusammensetzung derselben galten. Es wurde 
behauptet, daß durch die besonders starke Vertretung Berlins die 
Interessen der großen Zeitungsbetriebe in einseitiger Weise bei 
der Beschlußfassung berücksichtigt worden wären. 

Diese Mißstimmungen wurden der äußere Anlaß zu der Auf- 
hebung des Buchdruckerrats am 1. April 1919. Tatsächlich war 
die schwerste Krisis zu diesem Zeitpunkt für das Gewerbe über- 
wunden. Damit entfiel die Notwendigkeit, die gesetzgebende 
Gewalt in die Hände eines aus wenigen Mitgliedern bestehenden 
Zentralorgans zu legen. Der Tarifausschuß trat wieder in seine 
Rechte. 

Neben dieser tariflichen Neubildung hat die Revolution auf 
der Grundlage allgemeiner Betriebspraxis ein Organ geschaffen, 
das bei der Regelung gewerblicher Fragen, insbesondere bei Ab- 
schlüssen von Tarifverträgen entscheidend mitwirken soll und 



I 



107 



daher die Organisation der Buchdruckergemeinschaft wesentlich 
beeinflussen muß: den Betriebsrat, 

Die wirtschaftliche Betriebsvertretung der Arbeitnehmer und 
die „gesetzliche Verankerung des wirtschaftlichen Rätesystems 
ist zu einem der in Theorie und Praxis am heftigsten umstrittenen 
Gegenwartsprobleme geworden. Ehe wir die Folgerungen unter- 
suchen, die das Buchdruckgewerbe aus diesem Gedankenkreis 
gezogen hat, gehen wir den wissenschaftlichen und geschichtlichen 

Voraussetzungen auf den Grund. 

Die Bestrebungen, dem Arbeitnehmer ein wirtschaftliches 
Mitbestimmungsrecht zu sichern, gehen nach zwei Seiten: einmal 
wird eine politische Einflußnahme der Arbeiterschaft durch eine 
gesetzliche Vertretung in Arbeitskammern oder Arbeiterkammern 
erstrebt, zweitens wird eine gesetzlich begründete Anerkennung 
der Arbeiterausschüsse zwecks Beteiligung an der Regelung der 
Arbeits- und Produktionsverhältnisse in den Betrieben gefordert. 
Daß der Staat, der für alle übrigen Interessen Vertretungen ge- 
schaffen hat — wie Handelskammern, Handwerkskammern, Land- 
wirtschaftskammern — , auch den Arbeitern eine berufsständige 
Vertretung geben muß, erscheint naheliegend. Auch die Bildung 
von Arbeiterverwaltungsorganen innerhalb der einzelnen Unter- 
nehmungen wird grundsätzlich als notwendig erkannt. Ausschlag- 
gebend für die Beurteilung wird dagegen in jedem Falle der 
Umfang der gewährten, bezw. durch Gesetz festgelegten Kompe- 
tenzen sein. 

Vor dem Kriege vertrat die wissenschaftliche Kritik im allge- 
meinen den Standpunkt, daß die Errichtung von Arbeitskammern 
auf paritätischer Grundlage mit der Aufgabe, Übelstände in der 
Arbeiterfrage aufzudecken und den sozialen Frieden zwischen 
Arbeitnehmern und Arbeitgebern zu fördern, eine gebieterische 
Notwendigkeit sei, und daß ebenso denBetriebsarbeiterausschüssen 
das Recht zustehen müsse, in allen das Arbeitsverhältnis be- 
treffenden Fragen die Betriebsleitung beratend zu unterstützen. 
Die Geschichte gesetzlicher Arbeitervertretungen beginnt in 
Deutschland mit Entwürfen der sozialdemokratischen Partei in 
den Jahren 1885, 1890, in denen paritätische Arbeitskammern 
gefordert wurden. Trotz der späteren Anregungen von sozialist- 
ischer Seite, reine Arbeiterkammern zu schaffen, entschied sich 
die Reichsregierung in einem 1908 dem Reichstag vorgelegten 



108 



Entwurf für Arbeitskammern. Die Tätigkeit der Vertretungs- 
organe sollte rein beratender Natur sein und sich auf alle Gebiete 
der Arbeiterfürsorge erstrecken. Beide Gesetzentwürfe, wie auch 
ein dritter im Jahre 1910 scheiterten. Die Materie wurde seitdem 
von der Regierung nicht mehr aufgenommen. 

Arbeiterausschüsse in den Betrieben wurden bis zum Kriege 
zwar nicht gesetzlich obligatorisch gefordert, dagegen durch die 
Bestimmungen der Gewerbeordnung § 34 d II über Mitwirkung 
der Arbeitnehmer bei der Festsetzung der Arbeitsordnung be- 
günstigt, Der Krieg brachte zunächst mit dem Gesetz über den 
vaterländischen Hilfsdienst vom 5. Dezember 1916 die rechtliche 
Verpflichtung, Arbeiterausschüsse in allen Hilfsdienstbetrieben 
von mindestens 50 Arbeitern zu errichten. Die Verordnung vom 
23. Dezember 1918 zwingt weitergehend zur Bildung von Arbeiter- 
und Angestellten-Ausschüssen in allen Betrieben von mindestens 
20 Arbeitern bezw. Angestellten. Aufgaben dieser Vertretungen 
sind: Wahrung der wirtschaftlichen Interessen der Arbeitnehmer, 
Kontrolle über die sachgemäße Durchführung der Tarifverträge, 
Mitwirkung bei Regelung der Lohn- und sonstigen Arbeits- 
Bedingungen in tariflosen Gewerben, Förderung des Einver- 
nehmens mit dem Arbeitgeber, Bekämpfung der Unfall- und 
Gesundheitsgefahren, 

Bis zu diesem Entwickelungsstadium ist eine gewisse 
organische Ausgestaltung der schon vor dem Kriege berschenden 
Tendenzen unverkennbar. In ein völlig neues Fahrwasser geraten 
Theorie und Gesetzgebung durch die revolutionären Einflüsse aus 
dem russischen politischen Rätesystem, Das Prinzip des Zentral- 
Vollzugs-Komites der Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte: „die 
zentrale Gewalt gehört den Räten", gipfelt wirtschaftlich in dem 
von der konstituierenden Versammlung der russischen Republik 
bestätigten Gesetz „von der Einsetzung einer Arbeiterkontrolle 
über die Unternehmungen und von der Errichtung eines obersten 
Rates für Volkswirtschaft zwecks Sicherung der Gewalt der 
Arbeitenden über die Ausbeuter"*). Dieses in deutschen radi- 
kalen Arbeiterkreisen lebhaft aufgenommene Programm wirkte 
auf die gemäßigten sozialistischen Reformbestrebungen der 
Deutschen Reichsregierung, die von den geschichtlichen Voraus- 

*) Vergl. „Deklaration der Rechte des arbeitenden und ausgebeuteten 
Volkes." Abgedruckt in den Süddeutschen Monatsheften, Januar 1919, S, 270, 

109 



Setzungen der Arbeiterkammern ausgingen, ein, und brachte den 
Artikel 165 der Reichsverfassung vom 11 August 1919 und den 
hierauf bezogenen zweiten Betriebsrätegesetzent- 
wurf hervor. Beide stellen das Problem auf eine völlig neue 
rechtliche Grundlage, deren Unterscheidung von dem bisherigen 
in zwei wesentlichen Merkmalen zu suchen ist: Erstens in der 
Verbindung der Betriebsausschüsse mit dem politischen Aufbau 
der Arbeiterräte; zweitens in dem Mitbestimmungsrecht der 
Arbeitnehmer ,,bei der gesamten wirtschaftlichen Entwickelung 
der produktiven Kräfte.“ 

Wie fügt sich nun die Buchdruckertarifgemeinschaft dieser 
Gesamtentwickelung ein? Der Tarif von 1911 begründete die An- 
erkennung und den Schutz tariflicher Vertrauensmänner (vergl, 
Einleitung). Diese waren Vertreter ihrer Kollegen in tariflichen 
Dingen dem Prinzipal gegenüber, konnten jedoch auch die Er- 
füllung nicht tariflicher Wünsche der Arbeiter beim Unternehmer 
anregen. Sie übten also im wesentlichen diejenigen Funktionen 
aus, die die Verordnung vom 23. Dezember 1918 für die Arbeiter- 
ausschüsse vorschreibt. Tatsächlich wurde die tarifliche Ein- 
richtung der Vertrauensmänner sowohl bei der Handhabung des 
Hilfsdienstgesetzes als auch bei der Einfühlung der letztgenannten 
Verordnung beibehalten. 

Praktisch gestaltete sich der Übergang so, daß die tariflichen 
Vertrauensmänner fast ausnahmslos in die neuen Ausschüsse 
gewählt wurden und hier ihre tariflichen und gesetzlichen Rechte 
nur unter anderm Titel ausübten. Ein Zwang zur Errichtung der 
Arbeiterausschüsse bestand nach § 12 der Verordnung vom 
23. Dezember: Hiernach kann die Wahl einer neuen Vertretung 
nur dann unterbleiben, wenn ein allgemeinverbindlich erklärter 
Tarifvertrag bereits ein anderes Organ geschaffen hat. Diese 
Voraussetzung ist hier nicht erfüllt. 

Andererseits ist das zähe Festhalten an der Institution der 
Vertrauensmänner bemerkenswert. Sachlich erfüllen die Arbeiter- 
ausschüsse denselben Zweck, 

Im Zusammenhang mit der Erörterung der Gesetzentwürfe 
über Betriebsräte machte sich in der Buchdruckergewerkschaft 
die Ansicht geltend, daß eine wesentliche Erweiterung der 
Kompetenzen der Arbeiterausschüsse auf tariflicher Grundlage 
zu fordern sei, und zwar noch vor Verabschiedung des Gesetzes. 

110 




Die Vorschläge eines Korrespondent-Mitarbeiters in Nr. 65 
vom 12. Juni 1919 stellen wohl das Extremste in dieser Richtung 
dar: 

,, Aufgaben der Betriebsräte: 

1. Die Betriebsräte haben innerhalb der Betriebe ent- 
scheidenden Einfluß auf Produktions-, Lohn- und Arbeitsverhält- 
nisse auszuüben. Außerdem haben sie ihre Aufmerksamkeit auf 
die schleunigste Sozialisierung zu richten. 

2. Auf Einspruch der Geschäftsleitung entscheidet der 
Arbeiterrat." 

Dieses ,, Höchstmaß der Arbeiterforderungen" hat sich die 
Verbandsleitung keineswegs zu eigen gemacht. Dagegen ver- 
dichteten sich die in Kommissionsberatungen des Tarifausschusses 
seit Mai 1919 von den Gehilfen gegebenen Anregungen zu einem 
Antrag, der dem Tarifausschuß im August 1919 vorgelegt wurde. 

Hierbei wird die Einrichtung der Vertrauensmänner grund- 
sätzlich beibehalten. Für Druckereien von 5 bis 30 Gehilfen ist 
ein Vertrauensmann, für 30 bis 100 Gehilfen sind zwei, auf jedes 
überschrittene Hundert je drei Vertrauensleute vorgesehen. Wir 
stellen dem die Zahlen des Gesetzentwurfes gegenüber. In 
Betrieben von 5 bis 20 Arbeitnehmern ein Betriebsobmann, bis 
50 Arbeitnehmer drei Betriebsräte, 50 bis 100 fünf, und für jedes 
angefangene Hundert je ein Betriebsrat mehr. Über das Wahl- 
alter enthält der Buchdruckerantrag keine Bestimmungen; als 
Wahlsystem wird die Mehrheitswahl gefordert. Nach § 13 des 
Gesetzentwurfs beginnt das aktive Wahlrecht mit 18, das passive 
mit 20 Jahren. Als Verfahren wird die Verhältniswahl vorge- 
schrieben. Die Mandatsdauer der tariflichen Vertrauensmänner 
sowohl wie die der gesetzlichen Betriebsräte beträgt ein Jahr. 
Die Wirkung der Kündigung des Vertrauensmannes soll bis nach 
dem Spruch des Schiedsgerichts, bezw. des Tarifamts, verschoben 
werden; § 48, 2 des Entwurfs geht weiter, indem er die Kündigung 
einzelner Betriebsräte von der Zustimmung des Gesamtbetriebs- 
rats abhängig macht. 

Die Rechte der Vertrauensmänner umfassen: 

1, Mitbestimmungsrecht bei Einstellungen und Entlassungen, 

2, Mitbestimmungsrecht bei Anordnungen aus dem Arbeits- 
verhältnis; 



111 



V 



3. Förderung des Einvernehmens zwischen Arbeitgeber und 
Arbeitnehmern; 

4. Kontrolle über Durchführung tariflicher Bestimmungen; 

5. Überwachung der sanitären und Unfall-Vorschriften; 

6. Einsichtnahme in die Geschäftsbücher; 

7. Anrufung des Tarifschiedsgerichts bei strittigen Fragen. 

Ziffer 2 bis 7 dieser Aufgaben werden auch in dem Gesetz- 
entwurf als Wirkungskreis der Betriebsräte genannt. (§ 34,2 
34,4 34,1 34,7 § 35, § 34,15). In Ziffer 7 tritt an die Stelle des 
Tarifschiedsgerichts allgemein der Schlichtangsausschuß oder eine 
vereinbarte Schiedsstelle (§ 34,5), 

Dagegen fehlen in dem Antrag der Buchdruckergehilfen 
zum Teil die Bestimmungen, die nach dem Gesetzentwurf den 
Arbeitern ein Mitbestimmungsrecht bei iler Produktion sichern 
sollen: § 34,10 begründet das Recht der Betriebsräte, an der 
Einführung neuer Arbeitsmethoden mitzuarbeiten; § 34,1 1 läßt 
eine beratende Mitwirkung der Arbeitnehmer bei der wirtschaft- 
lichen Gestaltung der Betriebsführung zu; § 34,12 schreibt die 
Entsendung zweier Mitglieder des Betriebsrats in den Aufsichts- 
rat von Unternehmungen vor. 

Das in Ziffer 1 genannte Mitbestiinmungsrecht der Ver- 
trauensmänner bei der Einstellung und Entlassung geht über die 
gesetzliche Absicht erheblich hinaus, indem es ohne Beschrän- 
kung eine Mitwirkung sichern will, während § 39 bis 45 dieses 
Mitbestimmungsrecht nur unter gewissen Kautelen zulassen, für 
Entlassungen, die durch Stillegung des Betriebes oder erhebliche 
Betriebseinschränkungen erfolgen, jedoch ganz aufheben. Dies 
dürfte auch der wesentlichste Grund sein für das Bestreben der 
Buchdruckergehilfen, die tarifliche Festlegung der Aufgaben der 
Vertrauensmänner unabhängig von dem Gesetz zu regeln. 

Der Antrag wurde in der Tarifsitzung im August 1919 von 
den Prinzipalen einstimmig abgelehnt, unter Flinweis auf die zu 
erwartende gesetzliche Regelung, Tatsächlich ist die Aufrecjit- 
erhaltung des V ertrauensmännersystems sachlich und formell 
nach Inkrafttreten des Gesetzes nicht zu rechtfertigen, da für eine 
tarifliche Regelung im einzelnen keine Möglichkeit mehr bleibt. 
Allerdings wurde den Vertrauensmännern neuerdings tariflich das 
Recht eingeräumt, mitzuentscheiden, ob Anordnungen der Ge- 
schäftsleitung den tariflichen Bestimmungen zuwidcrlaufen und 





danach eine Nichtbefolgung dieser Anordnungen als Arbeitsver- 
weigerung anzusehen ist. Jedoch auch diese Funktion der Ver- 
trauensmänner wird durch das Recht des Betriebsrats, die 
Arbeitsordnung oder sonstige Dienstvorschriften für die Arbeit- 
nehmer zu vereinbaren, praktisch wertlos. 

Zur Kritik des Antrages der Buchdruckergehilfen und des 
Gesetzentwurfs muß auf die eingangs erwähnten Momente, die 
das Neuartige der vorgeschlagenen Regelung kennzeichnen, ver- 
wiesen werden: 

1, Die Verbindung der Betriebsräte mit dem politischen 
Aufbau der gesetzlichen Arbeitervertretung, 

2. das Mitbestimmungsrecht bei der Produktion. 

In dem Reichsarbeiterrat werden entsprechend dem Unter- 
bau Leute sein, die aus den Betrieben stammen, selbst Arbeiter 
sind und demgemäß ihrem ganzen Bildungsgang nach garnicht in 
der Lage sind, bei Verhandlungen mit den Unternehmern sach- 
liche Bedenken gegenüber ihren Forderungen zu würdigen. Als 
berufene Vertretung für die Interessen der Arbeitnehmer er- 
scheinen vielmehr die Gewerkschaften, deren Beamte 
durchaus wissenschaftlich auf derartige Fragen eingestellt sind, 
das Vertrauen einer mächtigen Organisation besitzen und die 
Stimmung der Massen beherrschen. Die Möglichkeit, daß eine 
staatliche Arbeiterorganisation dieselbe Bedeutung für praktische 
Gewerbepolitik, d. h. für die tarifliche Regelung der Lohn- und 
Arbeitsbedingungen erlangen kann, wie die nach Umfang und 
Kapital mächtigen Gewerkschaften, muß bezweifelt werden. Ein 
wenig segenstiftendes Nebeneinander ist vielmehr zu befürchten. 
Unter dem Einfluß der erweiterten Machtbefugnisse der Betriebs- 
räte wird die Tendenz nicht zu unterdrücken sein, anstelle von 
allgemeinen, durch die Gewerkschaft abgeschlossenen Reichstarif- 
verträgen örtliche Tarifverträge zu tätigen. Daß dies gerade im 
Buchdruckgewerbe besonders verhängnisvoll werden kann und 
einen Zerfall der Tariforganisation bedeuten würde, liegt auf 
der Hand, 

Gleich schweren Bedenken begegnet das Mitbestimmungs- 
recht bei der Produktion. Das Recht der Vertrauensmänner zur 
Einsichtnahme in die Geschäftsbücher bedeutet die Preisgabe 
wichtiger Betriebsgeheimnisse, Bei dem unter Umständen 
häufigen Wechsel der Betriebsräte können Indiskretionen vor- 





8 



113 




kommen, die mangels einer richtigen Wertung der Bedeutung 
einer Bilanz den Kredit ganzer Unternehmungen zu untergraben 
geeignet sind. Die Betriebsräte sind ihrer Natur nach einseitige 
Interessenvertretungen; daher sollte auch ein Übergriff in die 
Interessensphäre der Gegenpartei vermieden werden. 

Die Arbeitervertreter werden ohne weiteres in der Lage 
sein, alle das Arbeitsverhältnis betreffenden Angelegen- 
heiten richtig zu beurteilen, ja sie werden auf diesem Gebiet dem 
Arbeitgeber wertvolle Anregungen aus der Fülle ihrer Sach- 
kenntnis geben und dadurch zur Ausgleichung sozialer Gegen- 
sätze beitragen können. Dagegen werden sie gerade den kauf- 
männischen und technischen Fragen bei der Betriebsleitung zum 
überwiegenden Teil verständnislos gegenüberstehen, da sie auf 
diesem Gebiet weder Vorkenntnisse noch Erfahrungen besitzen. 

Die Fähigkeit des Unternehmers, die Bedürfnisse des 
Marktes, die Konjunktur, die wirtschaftlichen Aussichten und 
Notwendigkeiten richtig und rechtzeitig zu erfassen, und danach 
Produktion und Absatz zu rationalisieren, kann nicht von noch so 
tüchtigen Arbeitervertretern nachgeahmt werden, denn es fehlt 
ihnen an den nötigen wissenschaftlichen und praktischen Voraus- 
setzungen. 

Die Mitwirkung der Arbeitnehmer im Produktionsprozeß 
sollte aus wirtschaftlichen Gründen daher auf die Frage be- 
schränkt bleiben, unter welchen Bedingungen produziert 
werden soll. Die geplante Erweiterung ihrer Kompetenzen in- 
bezug auf die Produktions m e t h o d e wird der Buchdrucker- 
gemeinschaft keinen Nutzen stiften, sie kann dagegen die 
schwersten Schädigungen für das Gewerbe zur Folge haben. 

Zusammenfassend muß festgestellt werden: Die Betriebs- 

räte können sich als neue Organe dem Gesamtaufbau der Tarif- 
gemeinschaft nutzbringend eingliedern, wenn sich ihre Tätigkeit 
auf die innerhalb der Betriebe auftauchenden Fragen, die sich 
aus deni Arbeitsverhältnis ergeben, beschränkt, ohne daß dabei 
die durch den Tarifvertrag im großen gegebenen Normen verletzt 
werden. Eine Erweiterung ihrer Befugnisse sowohl gegenüber 
den tariflichen Organen als auch gegenüber der Betriebsleitung 
müßte notwendig den Abschluß von örtlich oder nur auf den 
Betrieb begrenzten Tarifverträgen begünstigen und damit die 
Organisation der Buchdrucker der Auflösung entgegenführen. 



114 



V 



I 

J 



Neben diesen, in der Praxis wirksam gewordenen organi- 
satorischen Neuerungen für das Einzelgebiet der Einkommens- 
verteilung — Tariforgane und Betriebsräte dienen in ihrem End- 
zweck der Distribution — hat die Revolution theoretisch das 
Organisationsproblem für den gesamten Wirt- 
schaftsprozeß innerhalb eines Gewerbes aufgerollt. Man 
hat dafür das wenig bezeichnende Schlagwort; ,,Soziali- 
s i e r u n g“ gewählt, 

Sozialisierung bedeutet zunächst, dem Einzelnen, dem 
,, Unternehmer“, die Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel 
entziehen und diese in die Hände der Gesamtheit legen. Für das 
Gewerbe heißt das zweierlei: 

L Aufhebung der auf dem verkehrswirtschaftlichen Prinzip 
des freien Vertrages beruhenden Arbeitsgliederung der 
Einzelunternehmung, d. h. Beseitigung des Unterschiedes 
zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. 

2, Zusammenschluß aller Einzelwirtschaften innerhalb des 
Gewerbes zu einem gemeinwirtschaftlich-produzierenden 
Trust, 

Mithin als Ganzes ein Organisationsproblem ersten Ranges! 

Die Verwirklichung der erstgenannten Forderung kann 
erreicht werden durch die Gründung von Produktivassoziationen. 
Gegen diese Unternehmungsform sind folgende Einwände zu er- 
heben: Gegenüber der zunehmenden Differenzierung der Unter- 
nehmerformen bedeutet die Vereinigung aller Tätigkeiten durch 
Gleichstellung *von Arbeitgeber und Arbeitnehmer eine Rück- 
bildung, Der wirtschaftliche Einfluß von Leuten, denen tieferes 
Verständnis ihrer Vorbildung nach abgeht, wirkt bei Großunter- 
nehmungen dieser Form ruinös. In der Praxis hat sich erwiesen, 
daß die Produktivassoziation wohl bei kleinem Kapital und gleich- 
mäßigem Geschäftsgang in einem mittleren Betrieb durchführbar 
ist, daß aber die Versuche im großen durchweg fehlschlagen. 

Bei der zweiten Forderung zur Sozialisierung, nämlich der 
Notwendigkeit der Vereinigung aller Einzelwirtschaften, könnte 
man an die von Rathenau vorgeschlagenen Selbstverwaltungs- 
körper der Berufsverbände denken, deren Einführung zweifellos 
einen Schritt auf dem gewollten Wege bedeuten würde. Diese 
„Berufs- und Gewerbeverbände“ sind Korporationen, die alle 
Berufsangehörigen eines Gewerbezweiges zusammenfassen und 






115 




denen der Staat bedeutende monopolistische Rechte verleiht; 
nämlich ausschließliche Berufsausübung, Anschluß berufs- 
störender Elemente, Stillsetzung unwirtschaftlicher Betriebe u. a. 
Die Gewerbeverbände bilden also zunächst noch nicht Monopol- 
gesellschaften, die auf gemeinsamem Besitzstand aller Unter- 
nehmungen beruhen, sondern Kartelle mit Zunftrechten. Die Be- 
schränkung der Gewerbefreiheit durch das ausschließliche 
Absatzrecht führt zur Durchbrechung der staatlich gesetzten 
Normen durch Außenseiter, die nach Ausschluß oder verweigerter 
Aufnahme die freie Konkurrenz mit allen Mitteln betreiben. Mit 
dem Anwachsen dieser Kreise verfällt der Berufsverband, ähnlich 
wie das zünftige Handwerk unter dem Einlluß fremder Waren- 
erzeugung. 

Diese Folgen würden sich im Buchdruckgewerbe bei der 
künstlichen Bildung eines Berufsverbandes sofort einstellen. Dem 
wirtschaftlichen Zusammenschluß widerstrebt die ausgesprochene 
Tendenz der polygraphischen Industrie zum Kleinbetrieb. Daß es 
sich hier um Erzeugung von Einzelware in Ausführung von Auf- 
trägen handelt, und daher an eine Kartellierung wegen der tech- 
nischen Unmöglichkeit der Druckquoten^erteilung nicht zu 
denken ist, wurde in der Einleitung gezeigt. Das ist zugleich einer 
der wichtigsten Gründe, die eine Sozialisierung des Buchdruck- 
gewerbes ausschließen. Denn wenn schon eine auf bloßer Ver- 
tragsgemeinschaft beruhende Kartellbildung in der Buchdruckerei 
ausgeschlossen erscheint, so wird erst recht die gemeinwirtschaft- 
schaftliche Verschmelzung eines Gewerbes, in dem Tausende von 
kleinsten Betrieben sich in ihrer selbständigen Lebensform 
erhalten haben, als organisatorisch und technisch undurchführbar 
gelten müssen. 

Die Meinungen darüber, welche Gewerbezweige zur Soziali- 
sierung geeignet sind, stimmen darin überein: diejenigen In- 
dustrien, in denen sich durch Konzentration von Kapital und 
Betrieben unter der rechtlichen Form der Aktiengesellschaft 
private Monopole von Großunternehmungen, die den Markt ein- 
seitig beherrschen, gebildet haben, Voraussetzung ist, daß das 
Prinzip der Wirtschaftlichkeit nicht durch schnelle Anpassung an 
veränderte Konjunkturverhältnisse in stetem Kampf verwirklicht 
werden muß, sondern sich in ruhiger Entwickelung planmäßig auf 
verwaltungstechnischer Grundlage durchsetzen kann. Keine 



116 



dieser Bedingungen erfüllt das Buchdruckgewerbe. Wir erkannten 
die Unmöglichkeit wirtschaftlicher Fusionierung, demgegenüber 
die überragende Bedeutung des Kleinbetriebes, die sich aus der 
Notwendigkeit erklärt, vielseitigen individuellen Bedürfnissen des 
Bestellers in bezug auf Ausstattung, Größe, Qualität und künst- 
lerische Form der Ware Rechnung zu tragen. Im Buchdruck- 
gewerbe muß, um ein Schlagwort zu gebrauchen, mehr gewirt- 
schaftet als verwaltet werden. 

Wenn daher von berufenen Fachleuten die Frage der 
Sozialisierung im Buchdruckgewerbe nicht nur in Einzelheiten, 
sondern grundsätzlich verneint worden ist, so muß auch bei 
theoretischer Erfassung des Problems dieser Auffassung bei- 
getreten werden, da die entscheidende Voraussetzung der Soziali- 
sierung, nämlich die Lösung des Organisationsproblems einer Ver- 
schmelzung aller Betriebe zu gemeinwirtschaftlicher Produktion 
in der Buchdruckerei nicht zu erfüllen ist=^). 



Zum Problem der Sozialisierung: vergl. den Anhang. 



117 



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Ausblick. 

Neue Organisationsziele, 

Wenn auch das zuletzt entworfene, Irübe Bild der revo- 
lutionären Wandlungen in der Tarifgemeinschaft noch zu lebhaft 
in der Erinnerung haftet, um eine übermäßig optimistische Beur- 
teilung der Gesamtentwickelung zuzulassen, so verdient doch die 
Tatsache als positives Ergebnis festgehalten zu werden, daß die 
Tarifgemeinschaft allen Anstürmen der Konjunktur während 
Krieg und Revolution standgehalten hat und der Gedanke der 
Organisation stärker gewesen ist als alle atomisierenden Kräfte. 

Diese Einsicht läßt einen einigermaßen hoffnungsfreudigen 
Blick in die Zukunft wagen. Es möge auf einige Momente hin- 
gewiesen werden, die für die Weiterentwickelung einer tarifver- 
traglichen Regelung des Arbeitsverhältnisses innerhalb des ge- 
samten Gewerbes bedeutsam sind, und die dem aufmerksamen 
Beobachter zeigen, daß wiederum und trotz allem die seit Jahr- 
zehnten in der Buchdruckergemeinschaft schlummernden organi- 
satorischen Kräfte am Werke sind. 

Die vor Kriegsausbruch hervorgetretene Verschärfung der 
Beziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer infolge der 
Gutenbergbund-, Faktoren- und Hilfsarbeiter-Frage geht offenbar 
der Lösung entgegen. Ohne daß der Verband der Deutschen 
Buchdrucker wesentlichen Einspruch erhob, beschloß der Tarif- 
ausschuß im Oktober 1917, dem Gutenbergbund die bisher vor- 
cnthaltene stimmberechtigte Vertretung in den Tariforganen zu 
gewähren. Damit hat der Gutenbergbund volle Gleichberech- 
tigung als Kontrahent in der Tarifgemeinschaft erworben. 

Äußerlich noch nicht überwunden ist der Gegensatz 
zwischen Prinzipalverein und Gehilfenverband in der Faktoren- 
angelegenheit. Doch sind die Faktoren seit 1. September 1918 



' » 



118 



1 



auch durch Tarifvertrag dem Gewerbe organisch eingegliedert. 
Der Prinzipalverein schloß mit dem Deutschen Faktorenbund, der 
mit seinen 2444 Mitgliedern (Ende 1918] den weitaus größten Teil 
der Faktoren umfaßt, eine V ertragsgemeinschaft. Diese 
regelt die Aufstellung von Grundsätzen für die Anstellungs-, 
Arbeits- und Gehaltsverhältnisse der Faktoren und verpflichtet 
sie zur Mitwirkung bei der Ausbildung des Nachwuchses und bei 
der Durchführung des Buchdruckpreistarifs. Für die Verwaltung 
und Beilegung von Streitigkeiten wurden paritätische Kreisaus- 
schüsse gebildet. Der Vertrag läuft bis zum 30. September 1920. 
Trotz lebhaften Einspruchs des Verbandes wurde die Vertrags- 
gemeinschaft zunächst nicht in die Tarifgemeinschaft auf- 
genommen, da die Arbeitgeber eine möglichste Loslösung der 
wirtschaftlich zwischen Prinzipalen und Gehilfen stehenden 
Faktoren anstrebten. Dennoch wird im Laufe der Entwickelung 
die Eingliederung der Faktoren in die Tarifgemeinschaft unauf- 
haltsam kommen, da im Hinblick auf die Erhaltung des Tarifver- 
trages gemeinsame Interessen und Ziele verfolgt werden und eine 
solche weitgehende Übereinstimmung stets zur Vereinheitlichung 

drängt. 

Den Schlußstein am Gebäude der Tarifgemeinschaft wird 
die vertragliche Regelung des Arbeitsverhältnisses der Hilfs- 
arbeiter bilden. Die Grundlage für einen Tarifvertrag wurde 
durch die „allgemeinen Bestimmungen über Obliegenheiten, 
Arbeitszeit und Entlohnung des Buchdruckerei-Hilfspersonals 
geschaffen. Diese sind erstmalig 1907 zwischen dem Prinzipal- 
verein und dem ,, Verband der Buch- und Steindruckerei-Hilfs- 
arbeiter" abgeschlossen, von dem letzteren jedoch im Jahre 1911 
gekündigt worden. Da eine Einigung zwischen beiden Kontra- 
henten nicht mehr zustande kam, vermittelte das Tarifamt mit 
dem Ergebnis, daß die „allgemeinen Bestimmungen“ mit einigen 
Abänderungen nicht mehr zwischen den Vereinen, sondern von 
der Allgemeinheit erneuert wurden. Diese Bestimmungen sind 
kein eigentlicher Tarifvertrag, denn sie legen keine allgemein 
gültigen Normen für die Lohnsätze fest. Außer diesem, für das 
Reichsgebiet gültigen Vertragsverhältnis bestanden zwischen 
Prinzipalverein und Hilfsarbeiterverband örtliche Lohntarifver- 
träge mit gegenseitiger Haftung in sechs bis acht Großdruckorten. 
Das Bestreben der Hilfsarbeiter, den Kreis der geltenden tarif- 



119 



liehen Bestimmungen zu erweitern, scheiterte zunächst an dem 
Widerstand der Arbeitgeber, die mit Rücksicht auf örtliche Ver- 
schiedenheiten im Arbeitsmarkt und auf Grund des häufigen 
Konditionswechsels eine allgemein gültige Vereinbarung ab- 
lehnten. Durch Kündigung der allgemeinen Bestimmungen und 
der örtlichen Tarifverträge im Sommer l‘)18 wußte der Hilfs- 
arbeiterverband seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen. 

Die Prinzipale erklärten sich grundsätzlich zu Verhandlungen 
bereit. 

Den ersten praktischen Einfluß in der Tarifgemeinschaft er- 
hielten die Hilfsarbeiter durch die Entsendung eines stimmberech- 
tigten Vertreters in den Buchdruckerrat. Dies führte dazu, daß in 
den Verhandlungen des Tarifausschusses im Dezember 1918 ein 
Bevollmächtigter des Hilfsarbeiterverbandes mitwirkte und das 
Demobilmachungsamt allgemein im Reichsgebiet gültige Teue- 
rungszulagen für Hilfsarbeiter festsetzte. Da diese Lohnsteige- 
rung tatsächlich überall, auch an Orten, wo keine Tarife be- 
standen, gewährt wurde, so hatte die Praxis einen Zustand 
geschaffen, der einer tarifvertraglichen Abmachung entsprach. 
Der Prinzipalverein zog hieraus die Konsequenzen und trat in 
Verhandlungen mit der Organisation der Hilfsarbeiter über den 
Abschluß eines Reichstarifvertrages ein. Auf der Tarif ausschuß- 
sitzung im August 1919 gab die Prinzipalvertretung die Erklärung 
ab, daß eine allgemeine Regelung der Hilfsarbeiterfrage durch 
Tarifvertrag unmittelbar bevorstände. Der neue Vertrag, der sich 
zweifellos zwecks Durchführung einer gemeinschaftlichen Orga- 
nisation der Tarifgemeinschaft eingliedern wird, schafft über 
30 000 Berufsangehörigen, die bisher außerhalb gestanden haben, 
ein geregeltes Arbeitsverhältnis. 

Damit ist die Ursache zahlreicher wirtschaftlicher Kämpfe 
zwischen Arbeitgebern und Gehilfen beseitigt; Hilfsarbeiter- 
streike, die häufig Arbeitseinstellungen sämtlicher Buchdrucker- 
gehilfen nach sich zogen, werden in Zukunft zu den Ausnahmen 
gehören; Damit ist dem Gewerbe auf der Grundlage sozialen 
Friedens eine hoffnungsreiche Entwickelung gesichert. 

Daß hiermit die endgültigen Ziele der Vorkämpfer einer 
vertraglichen Regelung des Arbeitsverhältmsses im Buchdruck- 
gewerbe noch nicht erreicht sind, geht aus den Erklärungen eines 
maßgebenden Arbeitgebers in der Augustsitzung des Tarifaus- 



120 








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Schusses 1919 hervor. Als erstrebenswerter Gipfelpunkt wurde 
die Zusammenfassung aller in den graphischen Gewerben 
berufstätigen Personen in einer Tarifgemeinschaft bezeichnet. 
Es würden danach auch die Litographen und Steindrucker, die 
seit Sommer 1919 bereits einen eigenen Reichstarif haben, ferner 
auch die Buchbinder, Chemigraphen und Schriftsetzer der Tarif- 
gemeinschaft angegliedert. 

Ob ein Ausbau in diesem Umfange, insbesondere unter Zu- 
sammenfassung von Konkurrenzzweigen, wie Buchdruck und 
Steindruck, der polygraphischen Industrie im ganzen nutz- 
bringend und organisatorisch überhaupt durchführbar wäre, er- 
scheint zweifelhaft. Was dem deutschen Buchdruckgewerbe not 
tut, ist vielmehr eine neuzeitliche Tarifrevision, die alle 
während des Krieges geschaffenen Zusätze zu einem organischen 
Ganzen verarbeitet, und vor allem durch Abschluß des Tarif- 
vertrages von Organisation zu Organisation den wirt- 
schaftlichen Vereinbarungen zwischen Arbeitgebern und Arbeit- 
nehmern die unentbehrliche, durch Auflösung des Organisations- 
vertrages zurzeit aufgegebene rechtliche Sicherung wieder 
verleiht. 







V 



ff 




Anhang. 

Das Problem einer neuen Berufsverfassung 
für das Buchdruckgewerbe. 

In welcher Weise die Überführung der polygraphischen In- 
dustrie in die Gemeinwirtschaft von sozialistischer Seite gedacht 
ist, zeigt die kritische Studie von S c h ä f f e r , dem Redakteur 
des Korrespondenten: „Das Problem einer neuen Berufs- 

verfassung für das deutsche Buchdruckgewerbe.“ 

Über diese V^orschläge ist von beiden Seiten eine heftige 
Polemik in der Fachpresse entbrannt. Allerdings spricht es für 
den gesunden Sinn der Tarifgemeinschaft in bezug auf praktische 
Gegenwartspolitik, daß sich der Tarifausschuß mit dem Entwurf 
nicht beschäftigt hat. Daß dennoch die Schrift psychologisch 
einen bedeutenden Einfluß ausübt, zeigt die äußere Tatsache, daß 
innerhalb von vier Wochen, im Juni 1919, 11 000 Exemplare des 
Buches verkauft worden sind. Dies zwingt dazu, sich mit den 
Anregungen ernsthaft auseinanderzusetzen. Wir geben zunächst 
den Gedankengang des Verfassers wieder, um dann den Vorschlag 
einer kritischen Betrachtung zu unterziehen. 

Nach Schäffer sollen sämtliche Verbände des Buch- 
druckgewerbes unter Reichsaufsicht auf demokratischer Grund- 
lage eine Berufsgemeinschaft bilden. Außer dem Verband der 
Deutschen Buchdrucker, dem Gutenbergbund, dem Faktorenbund, 
dem Hilfsarbeiterverband und dem Deutschen Buchdruckervercin 
sollen ihr möglicherweise auch die Organisationen des Buch- 
binder-, Chemigraphen- und Schriftgießergewerbes angehören. 

Die Berufsgemeinschaft wird Eigentümerin sämtlicher sach- 
lichen Produktionsmittel im Wege der Enteignung. Die bisherigen 
Berechtigten werden durch einmalige Abfindung oder Amorti- 
sation innerhalb von 20 bis 30 Jahren unter gesetzlich garantierter 
Haftbarkeit der Berufsgemeinschaft entschädigt. Aufgabe der 
gemeinsamen Organisation ist wirtschaftliche Regelung der 

122 




gesamten Produktion und des Absatzes aller Buchdruckerzeugnisse, 
soziale Sicherung der Existenz und Leistungsfähigkeit aller zu ihr 
gehörigen persönlichen Arbeitskräfte durch entsprechende V er- 
teilung der Ertragsergebnisse. Die praktische Durchführung dieser 
allgemeinen Grundsätze soll ein besonderer Aufbau und eine 
Verwaltung nach folgenden Gesichtspunkten ermöglichen. 

Träger der Organisation sind die Berufsräte und zwar Orts-, 
Bezirks-, Kreisberufsräte und ein Zentralberufsrat. Die Räte 
setzen sich zusammen aus je einem Vertreter der ujitergeordneten 
Körperschaft und der im Bereich der Berufsgemeinschaft vor- 
handenen Berufsvereine. Die Ortsberufsräte werden gebildet von 
je einem Vertreter der verschiedenen Berufsgruppen und je 
einem Vertreter der Berufsorganisationen. Die Kreiseinteilung 
der Tarifgemeinschaft wird beibehalten. Diesen engeren Berufs- 
räten stehen erweiterte Ausschüsse und wissenschaftlich gebildete 
Spezialkräfte zur Seite. 

Die Tätigkeit der Berufsräte besteht in der „Durchführung 
und Überwachung der in den allgemeinen Grundsätzen und den 
besonderen Ausführungsbestimmungen festgelegten Aufgaben der 
Berufsgemeinschaft.“ 

Neben den Räten wird beim Zentralberufsrat ein Zentral- 
wirtschaftsamt mit Nebenstellen in den Kreisen errichtet. Dieses 
Amt wird geleitet von besonders tüchtigen Fachleuten aus allen 
Zweigen des Buchdruckgewerbes. Ihm unterstehen außer den 
Nebenstellen Bestellämter und ein Zentralverrechnungsamt, 

Das Zentral wirtschaftsamt hat einen weitgezogenen Auf- 
gabenkreis. Es soll alle wirtschaftlichen, technischen und finan- 
ziellen Fragen unter einem ,, weitgehenden und demokratischen 
Mitbestimmungsrecht“ aller Berufsräte als ,, wirtschaftstechnische 
Verwaltungsinstanz“ leitend regeln. 

Diese Grundzüge des Verwaltungsaufbaues werden ergänzt 
durch Personal-, Arbeits-, Lohn- und Preisordnungen, sowie Richt- 
linien über die behördliche Aufsicht. 



Wir betrachten Möglichkeit und wirtschaftliche Folgen der 
Einzelheiten der vorgeschlagenen Berufs Verfassung, um danach 
die Durchführbarkeit des Gesamtplanes beurteilen zu können, 

123 




i 



Die finanztechnische Seite des Enteignungsverfahrens wird 
in dem Entwurf nur gestreift. Da die Übernahme einer Millionen- 
anleihe durch den Staat zwecks Entschädigung der Besitzer der 
materiellen Produktionsmittel bei der jetzigen Finanzlage aus- 
geschlossen erscheint, bliebe nur die Alöglichkeit, das in den 
Produktionsmitteln investierte Kapital von deren Eigentümern zu 
entleihen. Dabei würde die ,, gesetzliche Haftung der Berufs- 
gemeinschaft den Gläubigern tatsächlich keine andere Sicherheit 
gewähren, als das von ihnen selbst geliehene Kapital, das natur- 
gemäß sehr bald heruntergewirtschaftet sein kann. Für Tilgungs- 
zwecke müßte die Berufsgemeinschaft jährlich einen außerordent- 
lich hohen Prozentsatz des Gesamtkapitals aufbringen, der leicht 
nach den Gesetzen der Rentenrechnung ermittelt werden kann*). 
Wie das bei Unternehmungen, die sich erfahrungsgemäß höchstens 
mit 5 V. H. verzinsen, möglich sein soll, bleibt eine offene Frage. 
Wir folgern also: Finanztechnisch muß die Berufsverfassung 

scheitern, da Leihkapital mit genügender Sicherheit nicht beschafft 
werden kann. 

Ausschlaggebend für die Beurteilung ist die Organisations- 
möglichkeit. Es sind zwei Organe vorhanden, Berufsräte und 
Wirtschaftsamt, deren Tätigkeitsfeld gegeneinander nicht scharf 
abgegrenzt ist. Durch die Zusammensetzung der Berufsräte wird 
das demokratische Prinzip der Parität durchbrochen. Der Unter- 
nehmerstand soll zwar aufhören zu existieren, dennoch lassen sich 
wirtschaftliche und individuelle Gegensätze nicht beseitigen. In 
der Berufsgemeinschaft werden zweifellos in den Berufsräten 
führende Köpfe gebraucht werden, die dank ihrer Vorbildung, 
praktischen Erfahrungen und natürlichen Intelligenz dem Durch- 
schnitt der Mitglieder überlegen sind. Dieser neue ,, Unternehmer- 
stand" wird sich insbesondere bei der Begründung der Berufs- 
gemeinschaft aus eben den Elementen bilden müssen, die bisher 
als Arbeitgeber Besitzer der Produktionsmittel waren. 

Ob auf der Basis einer nicht paritätischen Zusammensetzung 
das Problem, geeignete Betriebsleiter zu gewinnen, gelöst werden 
kann, muß dahingestellt bleiben. Die gleichen Bedenken müssen 
bezüglich des Wirtschaftsamts geltend gemacht werden. Persön- 

*) Bei 4prozentiger Verzinsung ergibt sich für eine zwanzigjährige 
Tilgung ein Amortisationszinssatz von 7,4 Prozent. 

124 







* 1 0 



lichkeiten, die mit der gleichen Umsicht und Gewissenhaftigkeit 
die Produktion zu führen verständen, wie während des Unter- 
nehmersystems, dürften kaum gefunden werden. 

Die finanzielle, technische und wirtschaftliche Leitung der 
Berufsgemeinschaft soll in den Händen des Wirtschaftsamts liegen. 
Welchen Zweck hierbei dann die Berufsräte mit einem „weit- 
gehenden Mitbestimmungsrecht" erfüllen sollen, ist nicht recht 
erfindlich. Man könnte an die Tätigkeit des Aufsichtsrats einer 
Aktiengeselschaft und an seine Stellung zum Vorstand denken; 
zweifellos ist aber die Organisation der Berufsräte viel zu schw-^er- 
fällig und umfangreich, um eine ähnliche Rolle spielen zu können. 
Zudem ist der Vorstand einer Aktiengesellschaft in der Geschäfts- 
führung durchaus selbständig, und zv/ar aus guten wirtschaftlichen 
Gründen. Ein autoritatives Verhältnis des Zentralberufsrats 
gegenüber dem Wirtschaftsamt ist daher von vornherein verfehlt. 

Vergleichen wir den geplanten Aufbau mit dem auf Seite 00 
wiedergegebenen Organisationsschema der Tarifgemein- 
schaft, so erhellt, daß der Vorschlag die einfachsten Grundbegriffe 
der Organisationstechnik vernachlässigt hat. Dem obersten 
Organisationsgesetz der G 1 i e d e r u n g*): „Für jede Aufgabe 

das richtige Amt, für jedes Amt der richtige Mann", wird in wider- 
sinnigster Weise entgegengehandelt. Das Vielerlei der Berufsräte 
ohne positive Zwecksetzung erscheint wie ein künstliches Durch- 
einander funktionsloser Ersatzkreisämter. Offenbar ist die ge- 
dachte Institution der Berufsräte weiter nichts als eine Konzession 
an die sozialistischen Forderungen auf Einführung eines Mit- 
bestimmungsrechts bei der Produktion. 

. Andererseits verursachen die Berufsräte, die in den engeren 
Ausschüssen des Zentralrats und der Kreisräte hauptamtlich tätig 
sein sollen, sehr erhebliche Kosten. Damit kommen wir zu der 
grundlegenden Frage der Rentabilität. 

Die Verwaltungskosten werden sich gegenüber der Privat- 
wirtschaft wesentlich höher stellen. Zunächst wird das Personal 
keineswegs vermindert, sondern voraussichtlich erheblich ver- 
mehrt. Die bei einer unter privatwirtschaftlichen Gesichtspunkten 
vorgenommenen Betriebszusammenlegung zu erwartende Per- 




'^) Vergl. PI enge, Drei Vorlesungen über allgemeine Organisations- 
lehre, Seite 61. 

125 











sonalbeschrankung wird hier durch das völlig überflüssige System 
der Berufsräte zunichte gemacht. Ferner wird jedem, gleichgültig 
ob eine entsprechende Stelle frei ist, ein seinen Prüfungsergeb- 
mssen entsprechendes Gehalt zugesichert und bei Arbeits- 
beschrankung durch Mangel an Aufträgen eine Entschädigungs- 
p licht der Berufsgemeinschaft gegenüber dem einzelnen für ent- 
gangenen Verdienst begründet. Die Ausgaben für Gehälter 
werden also sowohl im allgemeinen als im einzelnen steigen. 

Eine weitere wesentliche Erhöhung der Aufwendungen tritt 
urch die erhebliche Belastung der Berufsgemeinschaft mit Ver- 
sicherungsbeiträgen ein. Vom 60. Lebensjahre an soll jedes Mit- 
glied pensionsberechtigt sein mit 50 v. H. des zuletzt bezogenen 
Wochenverdienstes. Im Krankheits- oder Invaliditätsfall will die 
Berufsgemeinschaft die Differenz zwischen Arbeitslohn und 
öffentlicher Unterstützung vergüten. Die finanzielle Tragweite 

derartiger Bestimmungen ist offenbar dem Urheber des Gedankens 
entgangen. 

Alle diese Mehrausgaben gegenüber den bisherigen Produk- 
tionskosten müssen die Rentabilität des Gewerbes vernichten. 

Wir verzichten darauf, hier auf die weiteren Folgen, die sich 
z B. aus der willkürlichen Preisberechnungsgrundlage und aus der 
Umwandlung des bisherigen Arbeitsverhältnisses in ein reines 
Beamtenverhältnis wirtschaftlich ergeben würden, näher einzu- 
gehen. Entscheidend ist dies: Der Schäffersche Sozialisierungs- 
vorschlag ist zunächst weder finanztechnisch noch im Hinblick auf 
die Wirtschaftlichkeit durchführbar. Ganz vor allem aber kann 
der Aufbau des ganzen Verwaltungsapparates einer ernsthaften 
wissenschaftlichen Kritik nicht standhalten: er bedeutet eine 
organisatorische Unmöglichkeit. 



126 



L 



Lebenslauf. 



Als Sohn des Fabrikdirektors Dr. jur. Hermann G o e t j e s 
und seiner Frau Johanna geb. Schulze w'urde ich am 16. März 1895 
zu Berlin-Schöneberg geboren und evangelisch getauft. Ich bin 
preußischer und sächsischer Staatsangehöriger und habe zurzeit 
meinen Wohnsitz in Berlin-Tempelhof. Frühjahr 1913 bestand ich 
die Maturitätsprüfung am Real-Gymnasium zu Berlin-Lichterfelde 
und bezog dann für ein Semester die Universität München. Ich 
unterbrach mein Studium Oktober 1913, genügte meiner Dienst- 
pflicht und zog bei der Mobilmachung 1914 ins Feld. Bis Frühjahr 
1917 nahm ich als Reserveoffizier am Feldzuge teil und wurde 
dann als Referent zu einer militärischen Zentralstelle in Berlin 
versetzt. Hier war es mir möglich, mein Studium wieder aufzu- 
nehmen und die vorliegende Dissertation vorzubereiten. Durch die 
Tätigkeit meines Vaters als Prinzipalsvorsitzender des Tarifamtes 
der Deutschen Buchdrucker stand mir ein umfangreiches 
statistisches Material über die Kriegsentwickelung der Buch- 
druckerei zur Verfügung. Im Oktober 1919 ging ich an die West- 
fälische Wilhelms-Universität zu Münster, um mein volkswirt- 
schaftliches Studium abzuschließen und arbeitete dort im staats- 
wissenschaftlichen Seminar unter Leitung von Professor 
Dr. P 1 e n g e bis zur Doktor-Prüfung, die ich am 12. Dezember 
mit der Gesamtzensur „magna cum laude" bestand. Nach dem 
Examen trat ich als Assistent meines Vaters in die Buch- und 
Zellstoffgewerbe Hugo Stinnes G. m. b. H. ein, bei der ich jetzt 

noch tätig bin.