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Full text of "Die geburtenfrequenz in den vorwiegend katholischen und den vorwiegend protestantischen teilen Preussens und ihre entwicklung: (Teildruck) [microform]"

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Box 52 



Lenanczyk, Albert, 1804- 

Die gebürt enfrequenz in den vorwiegend katholi- 
schen und den vorwiegend protestantischen teilen 
Preussens und ihre entwicklungs (Teildruck) Al- 
tenburg, Geibel, 1915* 
viii, 43 p. 2l|- cm. 

Thesis, Breslau, 1915. 



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JAN 1 0192! « 

Die Geburtenfrequenz 

in den 

vorwiegend katholischen und den 
vorwiegend protestantischen Teilen 
Preußens und ihre Entwicklung. 

(Teildruck.) 

I naugural - Dissertation 

zur 

Erlangung der Doktorwürde 

der 

Hohen Philosophischen Fakultät 

der 

Schlesischen Friedrich -Wilhelms - Universität 

zu Breslau 

eingereicht und mit ihrer Genehmigung veröffentlicht 

von 

Albert Lemanczyk. 

Promotion: 24. August 1915. 




Altenburg, S.-A. 

Pierersche Hofbuchdruckerei Stephan Geibel & Co. 

1915. 



<o 




Gedruckt mit Genehmigung der hohen philosophischen 
Fakultät der Schlesischen Friedrich -Wilhelms -Universität 

zu Breslau. 



Referent: Herr Prof. Dr. von Wenckstern. 
Tag der mündlichen Prüfung: 22. Juli 1914. 



Die vollständige Arbeit erscheint im Verlag von Duncker & Humblot, 

München und Leipzig. 



Meinen lieben Eltern 



in Dankbarkeit zugeeignet. 



'I 




V 



Inhaltsverzeichnis. 

Seite 



Einleitnng 1 

Hinweis auf den Geburtenrückgang als internationale Er- 
scheinung I 

Allgemeiner Hinweis auf den Zusammenhang zwischen 

Religion und ehelicher Fruchtbarkeit 2 

Voraussetzungen, Möglichkeiten und Plan der Untersuchung 4 
Die Tatsachen 7 

Erstes Kapitel: Die allgemeine Geburtenziffer 7 

Im Staate 7 

In den Regierungsbezirken 9 

Zweites Kapitel: Der Geburtenüberschuß 18 

Im Staate 

In den Regierungsbezirken 19 

Drittes Kapitel: Die eheliche Fruchtbarkeit. •, 24 

1. Die eheliche Fruchtbarkeitsziffer 24 

Im Staate 26 

In den Regierungsbezirken 27 

2. Die Geburtenzahl auf je eine reinkonfessionelle Ehe- 

schließung 32 

Im Staate 

In den Provinzen und Regierungsbezirken 35 

3. Die inneren Ursachen für die bei Katholiken und Pro- 

testanten verschiedene eheliche Fruchtbarkeit 38 




— VI — 



Literatur. 



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Staate. Zeitschr. d. Königl. Preuß. Stat. Bureaus 1889, S. 129 ff*. 

— Die Berufs- und Erwerbstätigkeit der eheschließenden Personen in 
ihrem Einflüsse auf deren \ erheiratbarkeit, die Wahl des Gatten 
bzw, der Gattin, das durchschnittliche Heiratsalter, die eheliche und 
uneheliche Fruchtbarkeit sowie das Geschlecht und die Lebens- 
fähigkeit der Kinder. Ebenda. 

— Rückblick auf die Bewegung der Bevölkerung im preußischen Staate 
während des Zeitraumes vom Jahre 1816 bis zum Jahre 1874. Preuß. 
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VII 



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Wappäus, Bevölkerungsstatistik Bd. II. 

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Leipzig 1895 (Bd. 1) und 1896 (Bd. 2). 



VIII 



Wolf, J., Die Volkswirtschaft der G-egenwart und Zukunft. Leipzig 

— Der Geburtenrückgang. Die Rationalisierung des Sexuallebens in 
unserer Zeit. Jena 1912. 

— Die Finanzreform. Leipzig 1909. 



Statistik. 

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im Preußischen Staat. Heft 178, 183, 190, 196, 200, 207, 213, 220, 
224, 229. 

Statistisches Jahrbuch für den Preußischen Staat. Jahrgang 1903 bis 
1912. Herausgegeben v. Kgl. Stat. Landesamt. Berlin. . 

Statistische Korrespondenz 21. Oktober 1911, 

Statistik des deutschen Reichs, Bd. 44. 

Statistik des deutschen Reichs, Bd. 250, 1 (Die Reichstagswahlen von 
1912, 1. Heft. Vergleichende Übersicht der Reichstagswahlen von 
1907 und 1912. Berlin 1912), 

Nachrichten des Statistischen Landesamts für Elsaß-Lothringen, Nr. 4 
April 19*12. ’ 

Zeitschrift des Kgl. Preußischen Statistischen Bureaus. Jahrgang 1887, 
1889, 1898 und 1912, II. Abteilung. ^ ^ 




I 

I 



1 



I 

I 



Einleitung. 



Zu den wichtigsten Aufgaben der statistischen Forschung 
gehört die Feststellung der Bevölkerungsmasse und ihrer Ver- 
änderung. Welche Interessenssphären auch immer von der 
Statistik durchleuchtet werden sollen , seien sie materieller 
oder geistiger Natur (Erziehung, Schulwesen, Bildung usw.), 
stets müssen sich diese Studien auf der sicheren Basis der 
Kenntnis der Bevölkerungsverhältnisse aufbauen, um zu positiven 
Werten zu gelangen. So hat denn auch „das Wachstum oder 
die Abnahme der die verschiedenen Länder der Erde be- 
wohnenden Völker, die Betrachtung der diese Erscheinungen 
zum Ausdruck bringenden Zahlengruppen und das Bestreben 
Mittel ausfindig zu machen , um auf die Gestaltung dieser 
Verhältnisse einzu wirken, wegen seiner Wichtigkeit sicher die 
Gemüter der gebildeten Schichten aller Nationen und Zeiten 
lebhaft bewegt und insbesondere die Aufmerksamkeit der 
öffentlichen Gewalten in Anspruch genommen, sobald sich eine 
regelmäßige Staatsgewalt gebildet hatte. Wohl zu keiner Zeit 
aber hat das Problem der Bevölkerungsfrage so sehr die 
Menschheit beschäftigt , als in der Gegenwart“ h Besonders 
ist es auf dem großen Gebiete der Bevölkerungsstatistik die 
Frage des sich in den letzten Jahrzehnten bei allen Völkern 
europäischer Kultur mit „geräuschloser Konsequenz“ durch- 
setzenden Geburtenrückganges , welche die Aufmerksamkeit 
aller, nicht bloß wissenschaftlicher, Kreise auf sich gelenkt hat. 

Das Forschen nach den Ursachen für die internationale 
Abnahme der Geburten hat eine sehr umfangreiche Literatur 
gezeitigt, es sind zur Erklärung dieser Erscheinung im Laufe 
der Zeit die verschiedensten Theorien aufgestellt worden, unter 
denen hier die hauptsächlichsten kurz genannt sein mögen. 

Als herrschende Theorie ist wohl die sogenannte „Wohl- 
standstheorie“ anzusehen, welche die Abnahme der Geburten- 
ziffer auf den Einfluß des gesteigerten Wohlstandes und der 
gestiegenen Kultur zurückführt ; diese wirken durch das Medium 
psychologischer Erwägungen auf den Willen der Eheleute 
dahin ein, die Kinderzahl auf ein möglichst geringes Maß 

* Staatslexikon der Gön-es-Gesellscliaft, Bd. 1, S. 883. 

Lemanczyk, Geburtenfrequenz. 1 



2 




herabzusetzen (Mombert, Brentano, Marcuse u. a.); ferner wird 
die Ansicht vertreten, daß der Trieb, sozial in die Höhe zu 
kommen, für die Kleinhaltung der Kinderzahl ausschlaggebend 
sei, und zwar in steigendem Maße mit zunehmender Demokrati- 
sierung der Massen (Leroy-Beaulieu). Andere wiederum glauben 
die Geburtenabnahme in Verbindung bringen zu können: mit 
der zunehmenden Verstadtlichung und Industrialisierung der 
Bevölkerung (Oldenberg); mit der Abnahme der Sterblichkeit, 
zumal der Säuglings- und Kindersterblichkeit (Wappäus, Geisler, 
Seutemann, Budge u. a.i; mit der physiologischen Abnahme 
der Zeugungskraft bei zunehmendem Wohlleben und steigen- 
der Kultur (Herbert Spencer, Carey); mit der progressiv sich 
entwickelnden Irreligiosität und der daraus resultierenden 
Änderung der Moral als Symptom zunehmender Rationalisierung 
der Massen (Leroy-Beaulieu u. a.). 

Es ist nun nach unserer Ansicht doch mehr als wahr- 
scheinlich, daß keine von diesen und ähnlichen Ursachen die 
wachsende Unfruchtbarkeit allein bewirkt, sondern daß sie 
alle zusammen an der Vaterschaft teilnehmen. Es spielen 
wirtschaftliche, soziale, rechtliche, hygienische und nicht in 
letzter Linie ethische Momente zusammen, um den Geburten- 
rückgang, die „Tendenz zum Zweikindersystem“ bei den 
europäischen Kulturnationen erklärlich zu machen. Alle diese 
Faktoren wirken unseres Erachtens in sehr verschiedenem 
Maße, „je nach der Eigenart, der Lebensauffassung der Menschen. 
Sie wirken alle nur indirekt auf die (Jeburtenzifter , können 
im einzelnen Falle, müssen aber nicht Änderungen dieser 
Geburtenziffer zur Folge haben. Welche Wirkungen sie aus- 
üben werden, hängt wesentlich davon ab, wie die Menschen 
darauf reagieren“. Dabei ist aber die ausschlaggebende Be- 
deutung letzterdings der Weltanschauung beizumessen, welche 
die Angehörigen der verschiedenen Völker und Nationen, 
Berufs- und Gesellschaftsschichten auf Grund ihrer religiösen 
Überzeugung und ihrer ethischen Anschauungen beseelt, und 
welche in ihren moralischen Geboten verschieden günstig auf 
die Geburtenhäufigkeit einwirkt. 

Im israelitischen Volke umgab die Messiashoffnung den 
Kindersegen mit einer religiösen Weihe, die Kinderlosigkeit 
gewinnt dort so den Schein göttlichen Mißfallens, wenn nicht 
gar göttlichen Fluches. Diese spezifisch alttestamentliche 
Wertung der ehelichen Fruchtbarkeit fiel im Christentum 
hinweg, allein jederzeit wurde das Kind als ein Segen Gottes 
aufgefaßt und hoch gewertet ; die eheliche Fruchtbarkeit wird 
in der Kirche als ein „Geschenk des Sohnes der seeligen 
Jungfrau Maria“ genannt^. Zu allen Zeiten aber wurde jeder 



> Vgl. Fr. Keller a. a. 0. S. 165 und 166, desgleichen S. 166, 
Anm. 8. 




I 



— 3 — 

Versuch einer künstlichen Einschränkung der Nachkommen- 
schaft, die „schlimmste Art der Korruption“, von der christ- 
lichen Kirche, sowohl der katholischen wie der prote.stantischen, 
für schwere Sünde gehalten h Wir sehen also, „im religiösen 
Zeitalter beherrscht das religiöse Gebot die eheliche Frucht- 
barkeit teils durch den Einfluß der Sitte, teils durch direkte 
Lenkung des Individuums. Die Religion ist nicht nur eine 
Macht über den Menschen, sondern für ihn auch eine Quelle 
der Kraft. Sie diszipliniert den Geschlechtstrieb und züchtet 
zugleich die reflexionslose Entschlossenheit zur Übernahme 
der Last einer großen Kinderzahl. Im Zeitalter der vor- 
dringenden Aufklärung wird dieser Motivationsapparat schad- 
haft und schließlich unbrauchbar“ 

Oline Zweifel bestehen nun zwischen den einzelnen 
Religionsbekenntnissen, so auch zwischen dem katholischen 
und protestantischen, auf Grund der dogmatischen Ver- 
schiedenheiten mehr oder weniger erhebliche Unterschiede 
in Hinsicht auf sittliche und religiöse Gebräuche, Lebens- 
anschauung und Lebensführung, und zweifellos leben die An- 
hänger der einzelnen Konfessionen mehr oder weniger unter 
dem Einflüsse ihrer religiösen Grundsätze und nehmen diese 
insbesondere auch für ihre sittlichen Handlungen zur Richt- 
schnur®. Führt man sich die in der religiösen Überzeugung 
tiefwurzelnden Unterschiede, wie sie sich in der katholischen 
und in der protestantischen Religion vorfinden, vor Augen, 
so ist naheliegend, daß diese Unterschiede auch eine ver- 
schiedene Wirkung ausüben werden auf das Verhalten der 
katholischen und protestantischen Konfessionsangehörigen be- 
züglich der Geburtenhäufigkeit, des unstreitig wichtigsten 
Lebensvorganges auf dem großen Gebiete der Bevölkerungs- 
bewegung*. 

Hierbei ist jedoch nicht zu vergessen, daß die Statistik 
die Mitglieder einer religiösen Genossenschaft eben nur äußer- 
lich erfaßt ; bei dem Einfluß der Religion auf die Geburtenzahl 

^ Vgl. Julius Wolf, Geburtenrückgang a. a. 0. S. 93 und 94. 

® Oldenberg, Archiv, Bd. 33, S. 439 und 440. — s. v. Wenck- 
stern a. a. 0. S. 183 und 184. Dort heißt es: „Es liegt ein starker 
Zug im Menschen, die Freuden der Liebe zu genießen, ohne Ver- 
pflichtungen auf sich zu nehmen. Die Tätigkeit der christlichen Kirche, 
welche durch zwei Jahrtausende hindurch einen Hauptteil ihrer Energie 
darauf verwandt hat, hierin Ordnung zu schaffen, muß als für die 
Menschheit günstig anerkannt werden. Sie hat durch ihre Verurteilung 
des außerehelichen Erzeugens der Kinder und durch ihre Verherrlichung 
der ehelichen Geburten als göttlichen Gnadenbeweises doch wohl die 
richtige Scheidung vorgenommen.“ 

® Vgl. Rost, Soziale Kultur a. a. 0. S. 447. 

* Diese allgemeinen Andeutungen über den Zusammenhang 
zwischen Religion (resp. Konfession) und ehelicher Fruchtbarkeit finden 
später — nach den statistischen Untersuchungen — S. 38 ff. eingehendere 
Berücksichtigung. 



1 * 




4 





kommt es indes nicht darauf an, zu welcher Konfession jemand 
äußerlich gezählt wird, sondern lediglich darauf, zu welcher 
Konfession er sich auch praktisch bekennt. Ueberdies weiden 
häufig statistische Untersuchungen der Geburtenfrequenz 
zwischen zwei oder mehreren Konfessionsbevölkerungen an- 
gestellt, ohne daß von einer gewissen Einheitlichkeit in den 
sozialen, ökonomischen, rechtlichen, wirtschaftspolitischen, 
ethischen und sonstigen Verhältnissen die Rede sein kann. 
Derartige Gegenüberstellungen sind aber wenig geeignet, ein 
richtiges Bild von der Fruchtbarkeit einer Konfessions- 
bevölkerung im Gegensatz zur anderen zu geben, weil es sich 
hierbei nicht selten um Volksstämme, Völker usw. handelt, 
die auf gänzlich verschiedener Kulturstufe stehen, die ein 
durch historische, moralische und soziale Faktoren bestimmtes, 
nach Volk und sozialer Schicht verschiedenes Maß von Be- 
dürfnissen haben , alles Umstände , welche die Macht und 
Geltungskraft des religiösen Gebotes über den Menschen in 
sehr verschiedenem Grade abschwächen können, so daß sich 
infolgedessen nur zu oft die äußeren Verhältnisse stärker er- 
weisen können, als das Gebot der Kirche. Es ist daher bei 
Untersuchungen über die Geburtenhäufigkeit zwischen zwei 
oder mehreren Konfessionen zu fordern, daß sie nach Möglich- 
keit in relativ engem Rahmen durchgeführt werden, wo an- 
nähernd die gleichen wirtschaftlichen , sozialen , rechtlichen 
und ethischen Zustände vorherrschen , hiemals aber bei den 
Konfessionsbevölkerungen zweier Länder oder Bezirke, avo 
diese Verhältnisse verschieden sind 

Die Voraussetzungen dieses Hinweises treffen nun im 
allgemeinen für den preußischen Staat und seine einzelnen 
Verwaltungsbezirke zu. Denn obwohl die einzelnen Bezirke 
ungleichartige Wirtschafts- und ethnographische Verhältnisse, 
eine verschiedene geologische Beschaffenheit auf weisen , so 
entbehren sie im großen und ganzen doch nicht einer Einheit- 
lichkeit in der historischen und kulturellen EntAAUcklung , in 
den sozialen, rechtlichen und ethischen Verhältnissen. 

Die nachstehende Untersuchung soll sich nun nicht nur 
darauf beschränken, einen Vergleich zvdschen den Resultaten 
der Geburtenziffeim in den vorwiegend katholischen und in 
den vorwiegend protestantischen Landesteilen Preußens, bzw. 
der katholischen und protestantischen Bevölkerung zu ge- 
winnen, sondern, soweit möglich, der Entwicklung der Geburten- 
frequenz bei beiden eingehender, als es bisher geschehen, zu 
folgen. Dies gilt in gleicher Weise von der natürlichen Ver- 
änderung der Bevölkerungszahl, das heißt dem Geburten- 
überschuß, der sich aus der Differenz zwischen Geburten- und 
Sterbefällen ergibt. Inwieweit es dabei gelingt, dem Ziele 



1 Vgl. Fr. Keller a. a. 0. S. 184 ff. 



5 



mehr oder weniger näher zu kommen , mögen die folgenden 
Ausführungen zeigen. 

Die Geburtenhäufigkeit unter dem Gesichtswinkel der 
Konfession kann leider nicht mit absoluter Sicherheit dar- 
gestellt werden; es fehlt dazu das notwendige statistische 
Material. Die zuverlässigste Methode Aväre jene, welche die 
Zahl der Geburten zu den ehefähigen Personen nach Konfessionen 
ausgeschieden oder noch besser zur Zahl der stehenden Ehen 
in Beziehung bringt L Da aber hier das statistische Mateidal 
versagt, so soll in dieser Arbeit einmal auf die allgemeine 
Geburtsziffer eingegangen werden, welche man durch Beziehung 
der Zahl der Geburten (einschließlich der Totgeborenen) auf 
die Gesamtbevölkerung erhält, sodann auf die eheliche Frucht- 
barkeitsziffer , und zwar erstens auf diejenige, welche man 
durch Reduktion der Zahl der ehelich lebend geborenen Kinder 
auf die Zahl der im Alter von 15 bis 50 Jahren stehenden 
Ehefrauen erhält, und zweitens auf jene Methode, wonach die 
Zahl der ehelich lebend geborenen Kinder eines Zeitraumes 
zur Zahl der stattgefundenen reinkatholischen bzAv. rein- 
protestantischen Eheschließungen in Beziehung gesetzt wird. 
So wird — und das ist in der Hauptsache der ausschlag- 
gebende Gedanke für die AnAvendung dieser drei Methoden — 
einerseits die verschiedene Vermehrungstendenz in den in 
Frage stehenden Teilen Preußens am besten zum Ausdruck 
gebracht, andererseits Avird durch die Bezugnahme der Ge- 
burten auf die an der Fortpflanzung aktiv beteiligten Personen- 
kreise gezeigt, ob die natürliche Vermehrung eine lebhafte 
oder geringe ist; und durch die Bezugnahme der Kinderzahl 
auf die reinkonfessionellen Eheschließungen werden die Unter- 
schiede bezüglich der Geburtenhäufigkeit bei den Konfessions- 
bevölkerungen am schärfsten hervortreten , Avobei aber zu 
beachten ist, daß diese Vergleichung nur ein klares Bild der 
Geburtenverhältnisse ergibt, Avenn die herangezogene Peiäode 
eine große ist^. 

Die Geburtenziffer kann leider nicht für die kleineren 
Vei’Avaltungsbezirke , die Kreise , dargestellt Averden , obAvohl 
es sicher von Wert Aväre, auch hier den Gang der EntAvicklung 
zu verfolgen und festzulegen , da hierfür nur mangelhafte 
Berechnungen A'orhanden sind^. Selbst aber AA'^enn solche 
vorhanden Avären , dürfte sich ein Eingehen auf die Kreise 
kaum empfehlen; einmal sind zur richtigen Beurteilung der 



' Vgl. Rost, Soziale Kultur S. 448. 

2 Vgl..v. Mayr Bd. 2 a. a. 0. S. 104. — Desgleichen J. Conrad, 
Politische Ökonomie Bd. 4, Statistik 1, S. 107 (1900). 

® Für die Kreise bringt die preußische Statistik die Verhältuis- 
zahleu (Allgemeine Geburtenziffern) nur für die Jahre 1896 — 1900 iu 
der Festschrift des Königl. Preuß. Bureaus und für das Jahr 1908 im 
Stat. Jahrb. für den preuß. Staat 1904 (Anhang). 




6 





statistischen Daten bestimmte Lokalkenntnisse über die sozialen, 
wirtschaftlichen, rechtlichen und politischen Verhältnisse er- 
forderlich; sodann ist es für das Endergebnis unwichtig, Avelchen 
Verlauf die Geburtenfrequenz in den einzelnen kleinsten Be- 
zirken genommen hat. Um das Typische der Entwicklung in 
den vorwiegend katholischen und den vorwiegend protestan- 
tischen Teilen Preußens herauszufinden, genügt es, wenn die 
Darstellung sich auf die größeren Gebietseinheiten, die Provinzen, 
insbesondere die Regierungsbezirke beschränkt. 

Für die Betrachtung der Geburtenfrequenz werden die 
letzten drei bis vier Jahrzehnte, etwa die Zeit seit 1870 in 
Betracht gezogen , einmal , weil seit dem Inkrafttreten des 
Personenstandsgesetzes vom 9. März 1874 die statistischen 
Daten die äußerste amtliche Zuverlässigkeit verbürgen, sodann, 
weil von der Beendigung der Napoleonischen Kriege bis zum 
Jahre 1867, also ein halbes Jahrhundert hindurch, die evangelische 
Bevölkerung stärker als die römisch-katholische im preußischen 
Staate zugenommen hat; seit 1867 dagegen die letztere mehr 
als die protestantische angewachsen isth 

1 Vgl. A. Frhr. v. Fircks, Über die Ursachen der ungleich 
starken Zunahme der evangelischen und römisch-katholischen Be- 
völkerung im preußischen Staat a. a. 0. S. 129 — 138. 




7 



Erstes Kapitel. 

Die allgemeine Grebiirtenzifter. 



Die allgemeine Geburtenziffer des preußischen Staates 
geht schon seit einer Reihe von Jahren ständig zurück, ob- 
wohl der Bevölkerungszuwachs bisher im großen und ganzen 
auf seiner Höhe verharrt dank einer in den letzten Jahren 
stark vermindei'ten Sterblichkeit. 

Im preußischen Staate wurden auf 1000 Einwohner gezählt : 











Ehe- 


Sterbefälle 


Geburten- 








Gehurten 


schließende 


überschuß 










Personen 




1816-18741 


. 




40,56 


18,02 


29,01 


11,55 


18672 . 


• 


• 


38,6 


18,6 


27,3 


11,3 


1870 . . 


• 


• 


40,1 


14,9 


28,9 


11,2 


1875 . . 


. 


• 


42,5 


18,1 


28,4 


14,1 


1880 . . 


• 


• 


39,5 


15,4 


27,1 


12,4 


1885 . . 


• 


• 


39,3 


16,3 


27,0 


12,3 


1890 . . 


• 


• 


37,9 


16,4 


25,3 


12,6 


1895 . . 


• 


• 


38,1 


16,0 


23,0 


15,1 


1898 . . 


• 


• 


38,0 


16,9 


21,3 


16,7 


1899 . . 


• 


• 


37,5 


17,0 


22,6 


14,9 


1900 . . 


• 


• 


37,2 


17,1 


22,9 


14,3 


1875-1900^ 


• 


• 


39,16 


16,34 


25,16 


14,00 


1901 . . 


• 


• 


37,4 


16,6 


21,7 


15,7 


1902 . . 


• 




36,7 


15,9 


20,3 


16,4 


1903 . . 


• 


• 


35,5 


15,9 


20,8 


14,7 


1904 . . 


• 


• 


35,8 


16,2 


20,3 


15,5 


1905 . . 


• 


• 


34,5 


16,2 


20,6 


13,9 


1906 . . 


, 


• 


34,8 


16,5 


19,0 


15,8 


1907 . . 


• 


• 


34,0 


16,4 


18,8 


15,2 


1908 . . 




• 


33,7 


16,0 


18,9 


14,8 


1909 . . 


• 


• 


32,7 


15,6 


17,9 


14,8 


1910 . . 


• 


• 


31,5 


15,5 


16,9 


14,6 


1911 . . 


• 


• 


30,2 


15,9 


18,1 


12,1 


^ Preuß. 


Stat. 48 a. S. 


53 und 137. 







Jahrg. 1912, S. 30. 

3 Preuß. Stat. 188, S. 19, 36, 71. 



8 



Die GeburtenzitYer ist also in Preußen besonders in dem 
letzten Jahrzehnt erheblich zurückgegangen , und ohne die 
gleichzeitige Verminderung der Sterblichkeit hätten wir heute 
kaum noch einen Geburtenüberschuß zu verzeichnen. Die 
Abnahme der Sterblichkeit liat diese Entwicklung aufgehalten, 
obwohl sie nicht zu verhindern vermochte , daß doch ein 
gewisser Rückgang der Uberschußquote zu verzeichnen ist, 
der sich einstweilen infolge der inzwischen gestiegenen Be- 
völkei'ungszahl nur nicht allzu merklich auf die absolute Ziffer 
des Bevölkerungszuwachses übertrug h 

Und doch drängte eigentlich die ganze Entwicklung in 
Preußen in dem letzten Menschenalter etwa darauf hin, eine 
Vermehrung der Geburtenzahl herbeizuführen. Alle Ver- 
schiebungen im Altersaufbau, in der Ehedauer in den 
Heiraten wirkten zweifellos nach dieser Richtung hin. Erst 
seit etwa 190(3 (vgl. Tabelle S. 7) ist das Sinken der Geburten- 
frequenz durch eine gleichzeitige, aber geringere Abnahme 
der Heiratsfrequenz, die aber 1911 wieder etwas gestiegen 
ist, gefördert worden, während bis dahin der Rückgang der 
Geburten trotz Steigens der Eheziffer vor sich gegangen ist. 
Danach wäre eigentlich eine Zunahme der Geburtenfrequenz 
zu erwarten gewesen. Trotzdem hat ein ganz bedeutender 
Rückgang stattgefunden, der im Hinblick auf die eben ge- 
nannten Veränderungen doppelt schwer ins Gewicht fällt, 
und zweifellos wird die Geburtenfrequenz noch weiteren 
Rückgang erfahren „in Betätigung eines Gesetzes, das nach 
dem verfrühten Vorgänge Frankreichs allmählich auch für die 
übrigen Kulturnationen Geltung gewinnt“®^. 

Wie im gesamten preußischen Staate ist auch in den 

^ Nach amtlicheu Feststellungen (Zeitschr d. Königl. Preuß. stat. 
Landesamts 1912, II. Abt., und zwar stat. Korresp S. XXXIII) ist im 
preußischen Staate die absolute Geburtenzahl im Jahre 1911 gegen 1910 
um o3 979 zurückgegangen, während die Zahl der Sterbefälle umgekehrt 
um .57 153 gestiegen ist. Dementsprechend ist der Geburtenüberschuß 
in der gleichen Zeit um 91132 gesunken, und zwar von .581 465 auf 
490 333. Hierbei ist vor allem auffallend, daß während der letzten zwei 
Jahre die Geburtenzahl trotz steigender Heiratsziöer abgenommen hat. 

Betrug im Durchschnitt des Jahrzehnts 1901 — 1910 jährlich die 
Geburtenzahl 1 291 732, die Zahl der Todei fälle 727 420, der Geburten- 
überschuß mithin 564 312, so stand bereits .m Jahre 1910 die Geburten- 
zahl um 35 119 unter dem zehnjährigen Durchschnitt, 1911 aber sogar 
um 69 098. Die Zahl der Sterbefälle war 1910 allerdings mit 52 272 
unter dem zehnjährigen Durchschnitt, überschritt diesen aber 1911 um 
4881. Die Zahl der Eheschließungen stellte sich 1910 auf 10 154 über 
den zehnjährigen Durchschnitt 1901 — 1910, im Jahre 1911 sogar auf 20 897. 

Daraus geht ohne weiteres hervor, daß die eheliche Fruchtbarkeit 
in einer nicht unerheblichen Abnahme begritfen ist. 

- Vgl. später Eheliche Fruchtbarkeitsziffer S. 24 — und Mombcrt, 
Studien a. a. 0. S. 125 und 129 ff. und S entern ann a. a. 0. S. 327 ff'. 

® Wolf, Finanzreform S. 4. — Vgl. aucli Mombert, ebenda 
S. 261—263. 



9 



Regierungsbezirken seit etwa einem Menschenalter die Zahl 
der Geburten im Rückgänge begriffen, wennschon die Ver- 
hältnisse hier recht verschieden liegen. Geht man der geo- 
graphischen Verteilung der Geburtenfrequenz nach, so macht 
man die interessante Beobachtung, daß in den Gebieten mit 
überwiegend katholischer Bevölkerung die Geburtenziffer im 
Durchschnitt beträchtlich höher ist als in den überwiegend 
prote.stantischen Landesteilen ; verfolgt man die zeitliche Ent- 
wicklung der Geburtenfrequenz, so tritt die statistisch nach- 
weisliche Tatsache vor Augen, daß der Geburtenrückgang in 
den vorwiegend protestantischen Bezirken, das heißt in den 
Gebieten mit niedriger und sehr niedriger Geburtenziffer früher 
eingesetzt und gröbere Fortschritte in der Entwicklung nach 
unten gemacht hat als in den vorwiegend katholischen Gebiets- 
teilen, wie das des näheren aus Tabelle I (Anhang) zu ent- 
nehmen ist. 

Aus dieser Tabelle geht hervor, dass die Geburtenzahl 
in den einzelnen Regierungsbezirken erhebliche Unterschiede 
aufweist. Be.sonders hohe Geburtenfrequenz findet sich mit 
wenigen Ausnahmen in den katholischen Regierungsbezirken, 
während die protestantischen Gebiete fast durchgängig (mit 
Ausnahme vor allem von Danzig und Arnsberg) bedeutend 
kleinere Ziffern aulweisen. 

Fast alle katholischen Bezirke übertreff'en, zumal im letzten 
Jahrzehnt, den Staatsdurchschnitt, hingegen steht unter dem- 
selben die Mehrzahl der protestantischen Landesteile. Von 
den vorwiegend katholischen Regierungsbezirken übertreffen 
im Zeiträume 1875 — 1900 und in den Jahren 1910 und 1911 
den Staatsdurchschnitt von 39,1(3 bzw. 31,5 und 30,2 vom 
Tausend der Bevölkerung: 

1875 -1900 1910 1911 

Marienwerder. . . . um 6,44 6,8 6.9 



Posen „ 4,08 6,3 6,1 

Bromberg 6.90 7,9 7,8 

Oppeln „ 5,92 8,7 9,1 

Osnabrück — 1,8 2.3 

Münster „ — 9,7 9.8 

Düsseldorf „ 2,24 1,0 0,8 

Köln „ 0,85 — — 

Trier. . 1 0,12 3,8 3,2 

Aachen „ — 0,1 — 

Unter dem Staatsdurchschnitt stehen: 

1875—1900 1910 1911 

Münster um 2,06 — — 

Osnabi’ück „ 4,68 — — 

Koblenz „ 3,54 2,5 2,1 

Köln „ — 0,5 1,0 

Aachen „ 2,20 — 0,2 

Sigmaringen .... „ 4,:36 1,5 2,7 



I 



— 10 - 

Von den vorwiegend protestantischen Regierungsbezirken 
überragen den Staatsdurchschnitt: 







1875—1900 


1910 


1911 


Königsberg. 


.... um 


1,60 


0,1 


0,7 


Gumbinnen . 


- • • • n 


1,70 


0,3 


1.2 


Allenstein . 


. . . yj 


— 


3,2 


3,7 


Danzig, . . 


» • ♦ » 


4,24 


5,8 


6,1 


Köslin . . . 


• • • • ^ 


0,04 


0,9 


1,2 


Breslau . . 


. . . . ,, 


0,66 


0,5 


1,1 


Merseburg . 


. . . . yy 


1,94 


0,1 


— 


Arnsberg. , 


. • • • yy 


5,34 


5,3 


5.1 


Mit einer 


Unterbilanz schneiden ab: 










1875—1900 


1910 


1911 


Berlin . . . 


.... um 


3,30 


9,3 


8,6 


Potsdam . . 


. . . . „ 


1,26 


7,1 


6.8 


Frankfurt . 


. . . . yy 


2,12 


4,0 


4,2 


Stettin . . . 


• • • • » 


0,10 


2,9 


3,0 


Stralsund. . 


, ... yy 


3,30 


0,8 


0,4 


Liegnitz . . 


. . . . yy 


2,06 


1,2 


1,1 


Magdeburg . 


. . . . yy 


0,64 


3,5 


3,4 


Merseburg . 


• • • • n 


— 


— 


0,2 


Erfurt . . . 


. . . . yy 


1,28 


1,8 


2,4 


Schleswig . 


• • • • ?? 


4,84 


2,8 


2,8 


Hannover . 


.... yy 


3,06 


5,6 


5,4 


Hildesheim . 


• • • • JJ 


4,50 


4,2 


4,0 


Lüneburg . 


. . . . yy 


7,52 


3,4 


3,6 


Stade , . . 


. . . . yy 


4,00 


±0 


0,2 


Aurich . . . 


. . . • 


5,32 


0,6 


±0 


Minden . . 


♦ ♦ • • 


1,46 


0,3 


0,3 


Kassel . . . 


. . . . yy 


3,94 


2,7 


2,6 


Wiesbaden . 


. . . . yy 


6,18 


5,5 


5,9 



Im Zeitabschnitt 1875 — 1900 und in dem Jahre 1911 stehen 
also von den 25 protestantischen Regierungsbezirken 17, im 
Jahre 1910 16 unter dem Staatsdurchschnitt, während diesen 
nur 7 bzw. 8 Regierungsbezirke übertreffen. Mit einem 
nennenswerten Betrage überragen den Staatsdurchschnitt jeden- 
falls nur Danzig, Arnsberg und — seit der neuen Landes- 
einteilung in Ostpreußen — Allenstein, In diesen drei 
Regierungsbezirken haben wir aber auch starke katholische 
Minoritäten; in Danzig und Arnsberg ist beinahe die Hälfte 
der Einwohner katholisch, in Allenstein knapp ein Drittel. 

Dagegen befinden sich von den 12 überwiegend katholischen 
Regierungsbezirken 1875 — 1900 nur 5, im Jahre 1910 sogar 
bloß noch 3 und 1911 4 unter dem Staatsdurchschnitt, letztere 
sogar unbedeutend. Die übrigen Bezirke überragen den Durch- 
schnitt mit einem teilweise recht beträchtlichen Anteil. Und 



— li- 
es hat den Anschein, als wenn die Differenz in der Geburten- 
frequenz zwischen den vorwiegend katholischen und den vor- 
wiegend protestantischen Regierungsbezirken im Jahre 1910 
bzw. 1911 gegen 1875 — 1900 sich eher vergrößert, als ver- 
ringert hätte. 

Recht interessant liegen die Verhältnisse in den kon- 
fessionell gemischten Provinzen des preußischen Staates, Von 
diesen kann man fast durchweg sagen, daß wo die Katholiken 
prozentual überwiegen, die Geburtenfrequenz eine höhere ist, 
als in den Gebieten, in denen die Protestanten stärker ver- 
treten sind (vgl. S. 9 und 10 der Arbeit und Tabelle I Anhang). 

So hat in der Provinz Ostpreußen der knapp ein Drittel 
Katholiken zählende Regierungsbezirk Allenstein (1910 70,3®/o 
Protestanten gegen 28,3 "/o Katholiken) * eine höhere Geburten- 
frequenz als die fast ganz protestantischen Bezirke Königsberg 
(1910 84,6 ®/o Protestanten gegen 13,7 ®/o Katholiken) und 
Gumbinnen (96,5 ®/o Protestanten gegen 2,0 ®/o Katholiken). 
In Westpreußen weist der vorwiegend katholische Regierungs- 
bezirk Marienwerder (44,3 ®/o Protestanten gegen 54,1 ®/o Ka- 
tholiken), soweit die statistischen Nachrichten einen Einblick 
in diese Verhältnisse gestatten, ebenfalls eine größere Geburten- 
ziffer auf als Danzig, wo die Protestanten, wenngleich ganz 
unbedeutend, überwiegen (1910 49,0 “/o Protestanten gegen 
48,8 °/o Katholiken). Ähnliches ergibt sich für Schlesien. Der 
Regierungsbezirk Oppeln zeigt als der „katholischste“ (8,5 ® o Pro- 
testanten gegen 90,6 ®/o Katholiken) dementsprechend auch die 
höchste Gebui-tenfrequenz , während der Regierungsbezirk 
Breslau, wo die Katholiken sich in der Minorität befinden 
(57,3 ®/o Protestanten gegen 40,8 ®/o Katholiken), in bezug auf 
die Geburtenhäufigkeit hinter Oppeln erheblich zurückbleibt, 
und schließlich Liegnitz mit fast ganz protestantischer Be- 
völkerung (81,2 ®/o Protestanten gegen 17,9 ®/o Katholiken) die 
geringste Geburtenziffer in der Provinz aufzeigt. 

Nicht ganz gewahrt, wenigstens nicht im Zeitraum 1875 
bis 1900, ist diese Regel in den Provinzen Hannover und 
Westfalen. Unter den Regierungsbezirken Hannovers folgt 
der überwiegend katholische Bezirk Osnabrück (46,1 “/o Pro- 
testanten gegen 53,4 ®/o Katholiken) im Zeitabschnitt 1875 bis 
1900 erst an vierter Stelle, er rückt aber im letzten Jahrzehnt 
allmählich an die oberste Stelle. Ebenso zeigt in Westfalen 
das katholische Münster (18,4 Protestanten gegen 80,9 ®,'o Ka- 
tholiken) 1875—1900 die kleinste Geburtenziffer unter den 
Regierungsbezirken, im letzten Jahrzehnt aber bietet auch 
Westfalen hinsichtlich der Geburtenhäufigkeit dasselbe Bild 



1 Diese und die folgenden Verhältuiszahlen für die Konfessionen 
sind entnommen dem Stat. Jahrb. des preuß. Staates, Jahrg. 1911, 
S. 586. 



I 



— 12 — 

Avie die übrigen konfessionell gemischten Provinzen. Obenan 
steht mit der Geburtenfrequenz Münster , es folgt das über- 
Aviegend protestantische Arnsberg mit starker katholischer 
Minorität (53,2 *^,0 Protestanten gegen 45,1 ®/o Katholiken) und 
zu unterst das zu zAvei Drittel protestantische Minden 
(()6,5”/o Protestanten gegen 32,6 ®/o Katholiken). 

Allerdings ist noch anzufügen , daß auch in einigen 
katholischen Gebieten verhältnismäßig niedrige Geburtenziffern 
A'orhanden sind, vor allem, Avie Tabelle I (Anhang) ergibt, in 
den Regierungsbezirken Koblenz, Aachen und neuerdings Köln; 
sowie in dem katholischen Ländchen Hohenzollern , Avelches 
in der Statistik mit seinen rund nur 70 000 EinAAmhnern neben 
den Provinzen und Regierungsbezirken figuriert. Diese Er- 
scheinung mag in etAva eine Erklärung in der Nähe der belgisch- 
französischen Grenze finden ^ ; insbesondere dürfte aber in 
diesen Gebieten die niedrige — in Sigmaringen und Aachen 
sehr niedrige — Heiratsziffer viel dazu beitragen , daß hier 
die Geburtenhäufigkeit niedrig und niedriger ist, als in den 
übrigen überAAÜegend katholischen Gebieten. Daß die Zahl 
der Heiraten auf die Geburtenfrequenz einen Einfluß ausübt, 
bedarf kaum eines Beweises. Wenn nicht besondere Umstände 
störend einwirken, so wird man annehmen können, daß auf 
Zu- und Abnahme der Heiratsziffern <iieselbe Erscheinung bei 
den Geburtenziffern folgen AAÜrd^. 

Es betrug nämlich : 



die Heiratsfrequenz die Geburteufreijuenz 



1 


1875-1900 


1910 


1911 


1875—1900 


1910 


1911 


iu- Sigmaringen . . 


12,7 


12,3 


12,4 


34,80 


30,0 


27,5 


^ Aachen 


13,6 


15,5 


13,7 


36,96 


31,6 


30,0 


^ Koblenz 


14,4 


14,0 


14,2 


36,62 


29,0 


28,1 


] Köln 

1 


16,3 


15,4 


15,9 


40,01 


31,0 


29,2 


1 im Köuigr. Iheußen 


16,3 


15,5 


15,9 


39,16 


31,5 


30,2 



ZAvar verläuft nach dieser Zusammenstellung die Geburten- 
ziffer nicht immer parallel der Ehefrequenz, immerhin ist ein 
deutlicher Zusammenhang zwischen beiden nicht zu verkennen, 
so daß also die Heiratsziffern in di(isen Regierungsbezirken 
ausAveisen , daß die Geburtenfrequenz daselbst keine allzu 
niedrige, vielmehr eine ganz normale ist. 

Eine ähnliche Beziehung zwischen Geburten- und Heirats- 
frequenz läßt sich aber keineswegs für sämtliche Regierungs- 
bezirke Preußens aufdecken. Das folgt ohne weiteres aus 
Tabelle II (Anhang). 

^ Vgl. J. Wolf, Die VolksAvirtscliaft der GegeuAvart und Zukunft 
a. a. 0. 8. 293. 

Vgl. Fr. Prinzing, Heiratshäufigkeit und Bevölkerungs- 
A'ermehruug. Zeitschr. f. Sozialwissensch., Hd. 12, 8. 171 ff. 



13 



Danach i.st die Ehefrequenz in den katholischen Bezirken 
durcliAveg niedriger als in den protestantischen und reicht nur 
in seltenen Fällen an den Staatsdurchschnitt heran, AAmgegen 
diesen die Zahl der Heiraten in den protestantischen Teilen 
überall zum Teil bei Aveitem überschreitet. Nach der Heirats- 
ziflfer zu schließen, müßten eigentlich die protestantischen 
Regierungsbezirke eine höhere Geburtenziffer haben, als die 
katholischen. Das Gegenteil ist aber der Fall. Die prote.stan- 
tischen Gebiete mit der größten Ehefrequenz haben AÜelfach 
die klein.ste Geburtenziffer, eine Tatsache, die angesichts der 
günstigen Eheschließungsverhältnisse der protestantischen Be- 
völkerung doppelt schAA’er ins GeAvicht fällt. 

Um das im einzelnen näher zu belegen, sollen in einigen 
prote.stantischen Regierungsbezirken die Heirats- und die 
Geburtenziffern einander gegenüber gestellt AA'erden. 

Es betrug nämlich: 

die Heiratsfrequeuz die Geburteufrequeiiz 

187r,— 1900 1910 1911 1875—1900 1910 1911 



Berlin 21,9 21,1 21,9 3.5,76 22,2 21.6 

Hannover 17,2 16,4 16,3 36,10 ' 25,9 24,8 

Potsdam 17,1 16,6 17,0 37,90 24.4 23,4 

Merseburg 16.7 16,4 17,2 41,10 31,6 30,0 

Magdeburg .... 17,6 17,4 17,4 38,52 28,0 26,8 

Liegnitz 16,4 15,3 15,9 37,10 30.3 29,1 

Lüneburg 16,4 16,3 16,4 31,64 28,1 26,6 

Preußen 16,3 15,5 15,9 39,16 31,5 30,2 



Aus dieser Zusammenstellung ergibt sich, daß die Geburten- 
frequenz in den protestantischen Regierungsbezirken tatsächlich 
noch niedriger i.st, als aus den genannten Ziffern hervorzugehen 
scheint. 

Wenn AAÜr nun des Aveiteren der zeitlichen Entwicklung 
der Geburtenfrequenz in den einzelnen Regierungsbezirken 
nachgehen, so muß überall ein Rückgang der an sich sehr 
verschiedenen Geburtenziffer konstatiert Averden. Jedoch 
nimmt diese Entwicklung nach unten nicht in allen Gebiets- 
teilen den gleichen Verlauf. lu den protestantischen Bezirken 
hat die Geburtenziffer verhältnismäßig stärker abgenommen, 
als in den katholischen. Das ist um so mehr in die Augen 
fallend, als in jenen, wie vorhin festgestellt Avorden ist, die 
Zahl der Geburten schon ursprünglich durclnveg niedrig war ; 
denn die hohen Geburtenziffern in Danzig, Arnsberg sowie im 
letzten Jahrfünft in Allenstein Averden, Avie Avir später nach- 
weisen werden, vorzugsweise von dem katholischen Volksteil 
zum mindesten günstig beeinflußt. 

Auf Tausend der Gesamtbevölkerung entfielen Geburten 



— 14 — 



in den vorwiegend 


katholischen 


Regierungs 


bezirken: 




1875—1880 


1910 


Differenz 


Marienwerder 


47,9 


38,3 


— 9,6 


Posen 


45,9 


37,8 


- 8,1 


Oppeln 


44,1 


40,2 


- 3,9 


Bromberg 


48,8 


39,4 


- 9,4 


Osnabrück 


36,2 


33,3 


- 2.9 


Münster 


35,6 


41,2 


+ 5,6 


Koblenz 


38,6 


29,0 


- 9,6 


Düsseldorf 


44,3 


32,5 


— 11,8 


Köln 


42,4 


31,0 


- 11,4 


Trier 


41,0 


35,3 


- 5,7 


Aachen 


38,6 


31,6 


- 7,0 


Sigmaringen 


41,7 


30,0 


-11,7 


Königr. Preußen .... 


41,1 


31,5 


— 9,6 


in den vorwiegend p 


rotestantischen 


Regierungs 


bezirken: 




1875—1880 


1910 


Differenz 


Königsberg 


42,1 


31,6 


— 10,5 


Gumbinnen 


41,2 


31,8 


- 9,4 


Allenstein ^ 


39,2 


;34,7 


- 4,5 


Danzig 


45,6 


37,3 


— 8,3 


Berlin 


44,9 


22,2 


— 22,7 


Potsdam 


40,6 


24,4 


- 16,2 


Frankfurt 


39,9 


27,5 


— 12,4 


Stettin 


41,5 


28,6 


— 12,9 


Köslin 


41,8 


32,4 


- 9,4 


Stralsund 


37,6 


30,7 


— 6,9 


Breslau 


42,1 


32,0 


— 10,1 


Liegnitz 


38,6 


30,3 


— 8,3 


Magdeburg 


40,7 


28,0 


- 12,7 


Merseburg 


42,5 


31,6 


- 10,9 


Erfurt 


41,4 


29,7 


-11,7 


Schleswig 


35,3 


28,7 


— 6,6 


Hannover 


38,2 


25,9 


- 12,3 


Hildesheim 


36,0 


27,3 


- 8,7 


Lüneburg 


32,3 


28,1 


- 4,2 


Stade 


36,2 


31,5 


- 4,7 


Aurich 


34,8 


30,9 


— 3,9 


Minden 


39,7 


31,2 


— 8,5 


Arnsberg 


47,2 


36,8 


- 10,4 


Kassel . 


39,2 


28,8 


- 10,4 


Wiesbaden 


36,6 


26,0 


— 10,6 


Königr. Preußen .... 


41,1 


31,5 


— 9,6 



' Erst seit 1904 auf 1910. 






15 



In den vorwiegend protestantischen Regierungsbezirken 
also ein Sinken , das zwischen — 3,9 (Aurich) und — 22,7 
(Berlin) schwankt, in den katholischen ein Schwanken zwischen 
einem Plus von 5,6 (Münster) und einem Minus von 11,8 (Düssel- 
dorf), im ganzen also auch in den katholischen Gebieten eine Ab- 
nahme und zwar eine solche, die sich immerhin mit der Hälfte 
bis zwei Drittel jener in den protestantischen Regierungs- 
bezirken beziffert. Freilich wenn man die Entwicklung der 
Geburtenziffer während der neusten Zeit ins Auge faßt, so ist 
ersichtlich , daß die Geburtenverhältnisse der katholischen 
Landesteile denen der protestantischen näher kommen, so daß 
die Spannung in der Geburtenentwicklung beider nicht mehr 
so groß erscheint, als wenn man den Vergleich über einen 
längeren Zeitraum zurückerstreckt. 

Die Geburtenfrequenz hat sich (vgl. Tabelle I Anhang) 
von 1902 auf 1911 geändert in den vorwiegend katho- 
lischen Regierungsbezirken : 



Marienwerder 


— 6,2 


Koblenz 


. . -6,4 


Posen .... 


- 6,7 


Düsseldorf 


. . — 8,8 


Bromberg . . 


- 6,2 


Köln 


. .. -9,6 


Oijpeln .... 


— 6,6 


Trier 


. . -7,1 


Osnabrück . . 


— 3,2 


Aachen 


. . — 5,8 


Münster . . . 


- 2,8 


Sigmariugen . . . . 


— 6,6 




Königr. Preußen 


.... — 6,8 




n den vorwiegend protestantischen Regierungsbezirken 


Königsberg . . 


— 5,6 


Magdeburg. . . . 


. . — 6,8 


Gumbinnen . . 


— 6,6 


Arnsberg 


. . -8,7 


Allenstein . . 


— 5,3 


Erfurt 


. . — 6,9 


Danzig. . . . 


— 6.4 


Schleswig .... 


. . — 5,6 


Berlin .... 


- 4,9 


Hannover .... 


. . -7,4 


Potsdam . . . 


- 7,9 


Hildesheim .... 


. . - 6,4 


Frankfurt . . 


- 7,0 


Lüneburg .... 


. . -4,4 


Stettin .... 


- 8,9 


Stade 


. . -4,9 


Köslin .... 


— 5,3 


Aurich 


. . — 3,5 


Stralsund. . . 


-4,9 


Minden 


. . — 6,8 


Breslau . . . 


- 7.0 


Kassel 


. . - 6,4 


Liegnitz . . . 


- 6,1 


Wiesbaden .... 


. . - 7,5 


Merseburg . . 


- 7,5 








Königr. Preußen 


. . . . -6,8 





Aus dieser Zusammenstellung läßt sich entnehmen, daß 
im letzten Jahrzehnt die katholischen Regierungsbezirke ziem- 
lich gleiche Rückgänge zeigen, wie die protestantischen. Das 
Sinken der Geburtenzahl schwankt in den protestantischen 
Bezirken zwischen — 3,5 (Aurich) und — 8,9 (Stettin), in den 
katholischen zwischen — 2,8 (Münster) und — 9,6 (Köln). 




Immerhin ist aber die ursprüngliche Differenz durch die 
neueste Entwicklung bei beiden nicht kleiner geworden. Denn 
Wcährend von den 25 protestantischen Gebieten im letzten 
Jahrzehnt mehr als ein Drittel eine stärkere Abnahme als der 
preußische Staat verzeichnet, so weist von den katholischen 
Regierungsbezirken nur genau ein Viertel ein höheres Sinken 
der Geburtenzahlen auf als der Staat. Insgesamt sind also 
auch diese Ziffern geeignet, die Behauptung zu belegen, daß 
die katholische Bevölkerung an dem allgemeinen Rückgang 
der Geburten w’^eniger stark beteiligt ist, als die protestantische. 

Wie schon vorhin erwähnt, zeichnen sich unter den vor- 
" iegend protestantischen Regierungsbezirken Danzig und Arns- 
berg durch sehr hohe Geburtenziffern aus, sowie durch hohe 
Allenstein, welches infolge der neuen Landeseinteilung in Ost- 
preußen erst seit 1904 den Regierungsbezirken Königsberg 
und Gumbinnen gegenüber gestellt werden kann. Da wdr es 
in diesen Gebieten mit bedeutenden katholischen Minoritäten 
zu tun haben, so dürfte es für die Beurteilung der dortigen 
Geburtenziffern von Belang sein, im einzelnen die Kontingente 
festzustellen, welche jede von den beiden Konfessionen in 
diesen Bezirken für das Zustandekommen der Geburtenzahlen 



liefert. 








In Danzig 


wurden Ehen g 


eschlossen : 






protestantische 


katholische 


mehr oder weniger 








Protestant. Ehen 


1901 


2456 


2359 


-f 97 


1906 


2400 


2399 


+ 1 


1910 


2340 


2208 


-f 132 


In Danzig 


wurden Kinder 


geboren : 






aus rein 


aus rein 


mehr oder weniger 




Protest. Ehen 


kathol. Ehen 


aus Protest. Ehen 


1901 


11017 . 


13 649 


— 2632 


1906 


10 664 


14192 


-:3528 


1910 


9 804 


13 791 


— 3987 


In Arnsberg wurden Ehen geschlossen: 






protestantische 


katholische 


mehr oder weniger 








Protestant. Ehen 


1901 


8636 


6554 


+ 2082 


1906 


9296 


7054 


+ 2242 


1910 


9046 


7082 


+ 2014 


In Arnsberg wurden Kinder geboren: 






aus rein 


aus rein 


mehr oder weniger 




Protest. Ehen 


kathol. Ehen 


aus Protest. Ehen 


1901 


40 578 


34 924 


-h 5654 


1906 


40 752 


39 500 


-h 1252 


1910 


36 519 


39 722 


— 3203 . 




( 

II 



17 



In Allenstein wurden Ehen geschlossen: 



protestantische katholische 



1905 2341 848 

1910 2586 963 

In Allenstein wurden Kinder geboren ; 



1905 

1910 



aus rein 
protest. Ehen 

12130 
12 071 



aus rein 
kathol. Ehen 

4842 

4915 



mehr oder weniger 
Protestant. Ehen 

+ 1496 
1623 



mehr oder weniger 
aus Protest. Ehen 

+ 72t!8 
. + 71.56 



Die oben geäußerte Vermutung, daß in den drei heraus- 
gehobenen Gebieten die hohe Geburtenfrequenz durch die dort 
ansässigen Katholiken mindestens günstig beeinflußt wird, 
findet ihre volle Bestätigung. Schon der erste Blick zeigt, 
daß zwar in der Entwicklung der absoluten Heiratszahlen die 
Spannung zugunsten der Protestanten zunimmt, daß aber die 
Entwicklung der Geburtenzahlen der der Eheschließungen 
(vgl. auch S. 13) nicht folgt, vielmehr das Gegenstück von 
der Entwicklung der Eheschließungen zeigt. 

In Danzig sollte man entsprechend dem stärkeren Prozent- 
anteil der Protestanten und entsprechend der höheren Heirats- 
zahlen bei den Protestanten erwarten , daß wenigstens die 
absoluten Geburtenzahlen diejenigen bei den Katholiken über- 
träfen. Demgegenüber wurden dort schon im Jahre 1901 
2632 Kinder mehr aus rein katholischen Ehen geboren , als 
aus rein protestantischen, und im Jahre 1910 betrug die 
Differenz sogar schon 3987- 

In Arnsberg, wo die Katholiken etwas schwächer vertreten 
sind als in Danzig, haben die Protestanten 1901 bezüglich der 
Geburtenhäufigkeit vor den Katholiken noch einen Vorsprung 
von 5654, dieser Unterschied ist 1906 bereits auf 1252 herab- 
gesunken , dagegen zeigt das Jahr 1910 bei den Katholiken 
schon ein Plus von 3203. 

Auch in Allenstein findet sicli eine Entwicklungstendenz 
ähnlich der bei Danzig und Arnsberg beobachteten; freilich 
treten die Unterschiede nicht so scharf hervor, weil hier die 
katholische Minorität entfernt nicht so stark vorherrscht. 
Trotz beträchtlicher Zunahme der Eheschließungen hat die 
Kinderzahl bei den Protestanten 1905 auf 1910 um 59 ab — , 
bei den Katholiken aber um 73 zugenommen, so daß also sich 
der Unterschied zwischen beiden, der im Jahre 1905 7288, 
1910 7156 ausmachte, von 1905 auf 1910 um 132 zu ungunsten 
der protestantischen Kinderzahl vergrößert hat. 




Lemanczyk, Geburtenfrequenz. 



2 



18 



Zweites Kapitel. 

Der Geburtenüberschuß. 



Eine wichtige Fragestellung bei der Erörterung der 
Geburtenfrequenz ist die nach dem Geburtenüberschuß, der 
aus dem Verhältnis von Geburten- und Sterbeziffer resultiert, 
und dessen Zustandekommen, weil darin die Entwicklungs- 
tendenzen in den katholischen und den protestantischen Ge- 
bieten Preußens am besten zum Ausdruck gebracht werden. 

Den Geburtenüberschuß für den preußischen Staat und 
die Regierungsbezirke veranschaulicht Tabelle III (Anhang). 
Danach ist der Geburtenüberschuß im Königreich Preußen 
bis 1906 in steter Zunahme gewesen; er betrug 1875 — 1900 

14.0 ®/oo j 1906 16,0 ®/üo ; erst mit dem Jahre 1907 macht sich 
von Jahr zu Jahr eine Abnahme geltend (i907 15,2 ®/oo, 1908 

15.0 «, 00» 1909 14,9 «/oo, 1910 14,6 «/oo. 1911 12,1 «/oo). Das 
Sinken der Nativität ist also bis 1906 von einem noch stärkeren 
Sinken der Mortalität begleitet gewesen, erst in den letzten 
Jahren tritt die gegenteilige Entwicklung in die Erscheinung. 

In den einzelnen Regierungsbezirken Preußens ist der 
Geburtenüberschuß, das heißt das Plus der Geburten über 
die Todesfälle, nicht viel weniger verschieden wie die Geburten- 
ziffer. Die höhere Nativität wird in den katholischen Landes- 
teilen nicht etwa durch eine relativ höhere Mortalität ver- 
schlungen , sie führt vielmehr zu einem stärkeren Geburten- 
überschuß, während die überwiegend protestantischen Gegenden 
mit mittlerer und niedriger Geburtlichkeit infolge relativ hoher 
SterbUchkeit in ihrer Entfaltungskraft hinter den katholischen 
Zurückbleiben. 

Auch der zeitliche Entwicklungsverlauf der Uberschuß- 
quote ist in den katholischen und protestantischen Regierungs- 
bezirken nicht derselbe, das beweist nebenstehende Zusammen- 
stellung. 

Diese Ziffern sind äußerst lehrreich. Zunächst geht aus 
dieser Tabelle hervor, daß der Geburtenüberschuß in den 
vorwiegend protestantischen Regierungsbezirken an den in 
den katholischen Gebieten im Durchschnitt bei weitem nicht 
heranreicht. Man vergleiche nur den geringen Geburten- 
überschuß der protestantischen Provinz Brandenburg mit dem- 



19 



In den überwiegend katholischen Regierungsbezirken 
betrug der Geburtenüberschuß: 





1875-1900 


1910 


Differenz 


1902 


1911 


Differenz 


Marienwerder 


18,0 


18,8 


-f- 0,8 


19,9 


17,8 


-2,1 


Posen .... 


17,7 


19,2 


-f- 1,5 


21,9 


17,7 


-4,2 


Bromberg . . 


18,8 


19,8 


-f- 1,0 


22,3 


18,4 


— 3,9 


Oppeln . . . 


16,9 


19,9 


-f :3,0 


22,4 


17,5 


-4,9 


Osnabrück. . 


13,1 


17,8 


-f 4,7 


18,9 


16,5 


-2,4 


Münster. . . 


13,2 


24,0 


3- 10,8 


22,4 


20,7 


-1,7 


Koblenz . . . 


12,0 


12,5 


-f- 0,5 


14,5 


10,9 


— 3,6 


Düsseldorf . 


17,7 


18,1 


+ 0,4 


20,4 


14,5 


— 5,9 


Köln .... 


13,9 


14,1 


-t- 0,2 


17,1 


10,3 


— 6,8 


Trier .... 


15,9 


19,6 


-f 3,7 


19,4 


15,2 


-4,2 


Aachen . . . 


12,8 


14,8 


4- 2,0 


14,7 


9,7 


— 5,0 


Sigmaringen, 


8,0 


10,6 


-f- 2,6 


11,1 


9,1 


— 2,0 


Preußen , . . 


14,0 


14,6 


-*- 0,6 


16,5 


12,1 


— 4,4 


In den 


überwiegend 


protestanti 


sehen Regierungs- 


bezirken betrug der Geburtenüberschuß: 










1875-1900 


1910 


Differenz 


1902 


1911 


Differenz 


Königsberg . 


1:3,1 


12,0 


-1,1 


13,6 


11,3 


— 2,3 


Gumbinnen . 


12,2 


12,0 


— 0,2 


13,1 


10,9 


— 2,2 


Allensteiu ^ . 


. 


— 


— 


17,8 


15,4 


-2,4 


Danzig . . . 


15,5 


17,3 


-f 1,8 


19,4 


15,7 


-3,7 


Berlin. . . . 


11,2 


6,8 


-4,4 


9,7 


5,2 


-4,5 


Potsdam . . 


12,3 


9,5 


— 2,8 


12,9 


7,3 


— 5,6 


Frankfurt . . 


12,1 


9,2 


— 2,9 


12,7 


7,1 


— 5,6 


Stettin . . . 


13,7 


10,2 


— 3,5 


14,4 


7,8 


— 6,6 


Köslin . . . 


16,3 


15,4 


— 0,9 


17,6 


14,2 


-3,4 


Stralsund . . 


11,1 


10,2 


— 0,9 


12,1 


8,2 


— 3,9 


Breslau . . . 


10,0 


12,0 


— 2,0 


12,5 


9,3 


— 3,2 


Liegnitz . . . 


7,8 


9,9 


4- 1,1 


10,0 


7,8 


— 2,2 


Magdeburg . 


12,8 


10,4 


-2,4 


13,5 


7,2 


— 6,3 


Merseburg. . 


lc,5 


14,1 


-1,4 


16,9 


9,8 


-7,1 


Erfurt. . . . 


14,1 


13,7 


-0,4 


15,9 


9,9 


— 6,0 


Schleswig . . 


13,5 


14,2 


4-0,7 


15,4 


11,6 


— 3,8 


Hannover . . 


1:3,5 


11,6 


-1,9 


15,4 


9,4 


— 6,0 


Hildesheim . 


11,5 


11,5 


4-0,0 


14,2 


9,3 


-4,9 


Lüneburg . . 


10,2 


1:3,3 


-3,1 


13,3 


10,3 


— :3,0 


Stade .... 


13,4 


16,3 


4- 2,9 


17,0 


14,3 


-2,7 


Aurich . . . 


14,7 


16,4 


4- 1,7 


16,8 


15,3 


-1,5 


Minden . , . 


15,2 


16,7 


-H 1,5 


19,4 


14,4 


— 5,0 


Arnsberg . , 


20,7 


21,8 


4- 1,1 


24,3 


18,6 


-5,7 


Kassel . , , 


11,9 


13,3 


4-1,4 


15,1 


11,8 


— 3,3 


Wiesbaden . 


11,6 


11,4 


— 0,2 


14,4 


9,9 


— 4,5 


Preußen . . . 


14,0 


14,6 


4 -0,6 


16,5 


12,1 


-4,4 



1 Seit 1904. 



2 * 



20 




jenigen des katholischen Posen, Bromberg und Marienwerder ; 
das protestantische Breslau und Liegnitz mit dem katholischen 
Oppeln, das katholische Münster mit den protestantischen 
Provinzen : Brandenburg, Hannover, Hessen-Nassau ! 

Die überwiegend katholischen Regierungsbezirke ergeben 
im Durchschnitt einen fast um die Hälfte höheren Geburten- 
überschuß, als die protestantischen. Um einige Extreme 
herauszuholen, so übertrifft im Jahre 1911 das katholische 
Münster den Geburtenüberschuß Berlins viermal; Potsdams, 
Frankfurts, Stettins, Magdeburgs um mehr als dreimal. Der 
Geburtenüberschuß von dem katholischen Oppeln ist 1911 
zweimal so hoch, wie der Geburtenüberschuß des protestan- 
tischen Breslau und Liegnitz ; der Geburtenüberschuß Marien- 
werders, höher als der Danzigs, ist um mehr als ein Drittel 
größer als der der protestantischen Regierungsbezirke Königs- 
berg und Gumbinnen, welch letztere wiederum hinter dem zu 
ein Drittel katholischen Allenstein weit Zurückbleiben, ln 
der Provinz Hannover zeichnet .sich, zumal im letzten Jahr- 
zehnt, das vorwiegend katholische Osnabrück durch den größten 
Geburtenüberschuß aus. Desgleichen exzellieren die katho- 
lischen Regierungsbezirke Posen und Bromberg mit einer sehr 
hohen Überschußquote, welche zum Beispiel die von den 
Provinzen Sachsen, Hannover, Hessen-Nassau um die Hälfte 
überragen. 

Freilich darf nicht verschwiegen werden, daß die katholische 
Rheinprovinz, und zwar die Regierungsbezirke Koblenz, Köln, 
Aachen, sowie imsbesondere das kleine Sigmaringen ebenfalls 
nur mittleren und geringen Geburtenüberschuß liefern. Das 
wird aber auf die infolge der dort geringen Heiratsziffer 
ungünstigen Geburtenverhältnisse zurückzuführen sein ; ander- 
seits zeichnen .sich die protestantischen Landesteile Danzig 
und Armsberg durch einen hohen Geburtenüberschuß aus. 
Aber zu diesem dürften , wie bereits für die allgemeine 
Geburtenziffer nachgewiesen , die dortigen Katholiken die 
größere Hälfte beisteuern. 

Man kann wohl, ohne zu übertreiben, sagen, daß es ledig- 
lich den überwiegend katholischen Regierungsbezirken zu ver- 
danken ist, wenn der Geburtenüberschuß im Jahre 1910 gegen 
1875 — 1900 noch eine Steigerung um 0,6®/oo aufweist und 1902 
auf 1911 nicht noch einen größeren Rückgang erfahren hat. 
Denn während 1910 gegen 1875—1900 15 von den 25 protestan- 
tischen Bezirken ein Sinken der Überschußquote zeigen, muß 
in allen katholischen Regierungsbezirken eine deutliche Zu- 
nahme des Geburtenüberschusses konstatiert werden. Die 
Differenz schwankt in den katholischen Gebieten zwischen 
einem Plus von 0,2 und einem Plus von 10,8; dagegen 
zwischen einem Minus von 4,4 und einem Plus von 3,7 auf 
Tausend in den protestantischen Gebieten. Am günstigsten 



21 



in der Entwicklung des Geburtenüberschusses steht Münster, 
am ungünstigsten Berlin da, das trotz seiner geringen Sterb- 
lichkeit und sehr hohen Eheziffer im Jahre 1910 nur einen 
Geburtenüberschuß von 0,8, 1911 gar 5,2, 1875 — 1900 noch 
von 1 1 ,2 ®/oo hatte ! 

Neben Berlin zeigen den kleinsten Überschuß der Geburten 
über die Todesfälle die angrenzenden Regierungsbezirke Pots- 
dam 1911 7,3®/oo und Frankfurt (7,1), sowie Stralsund (8,2), 
Liegnitz (7,2) und Magdeburg (7,2”/oo) auf. 

Obgleich nun allerdings die neueste Entwicklung des 
Geburtenüberschusses in den katholischen Regierungsbezirken 
im großen und ganzen eine gleiche Abwärtsbewegung wie in 
den ])rotestantischen Teilen zeigt, so ist dadurch die ursprüng- 
liche Differenz zwischen beiden keineswegs kleiner geworden ; 
es ergibt sich vielmehr bei genauerem Zusehen noch eine 
Vergrößerung der ursprünglichen Unterschiede. So findet 
man 1902 auf 1911 nur in 3, also in einem Viertel von den 
katholischen Regierungsbezirken, hingegen in 12, also bei der 
Hälfte von den protestantischen Gebieten ein stärkeres Sinken 
der Überschußquote, als im Königreich Preußen. Die Differenz 
schwankt bei jenen zwischen — 1,7 (Münster) und — 0,8 (Köln), 
bei diesen zwischen — 1,5 (Aurich) und — 7,1 (Merseburg). 

Aus der Gestaltung des Geburtenüberschusses , dem 
Resultat der einander entgegenwirkenden Faktoren Geburt 
und Tod , läßt sich ohne weiteres erkennen , daß durchaus 
nicht im allgemeinen überall relativ niedrige (bzw. hohe) 
Geburtenziffer mit relativ niedriger (bzw. hoher) Sterbeziffer 
Hand in Hand geht ^ ; sonst könnte in den katholischen 



* Vgl. Born träger a. a. 0. S. 9 und 10, wo er schreibt: „Im 
iUu’igeu ist bemerkenswert, wie Geburten- und Sterbeziffer keineswegs 
immer parallel laufen . . . 

So hat Westfalen hohe Geburtenziffern bei nur mäßiger Sterblich- 
keit, desgleichen auch die Rlieinprovinz , dagegen Hohenzollern und 
(-)stpreußen höhere Sterblichkeit bei mittlerer Geburtenziffer; höhere 
Sterblichkeit und höhere Geburtenziffer liaben Westpreußen, Posen und 
Schlesien, dabei ist der Geburtenüberschuß der ersten beiden schließlich 
wesentlich höher als in Berlin und Brandenburg, auch als in Schleswig- 
Holstein, Hannover und Hessen-Nassau mit ihrer zwar geringen Sterblich- 
keit aber noch geringeren Geburtenziffer . . . Im übrigen gehen auch 
hier (d. h. in den preußischen Regierungsbezirken) Geburten- und Sterbe- 
ziffern nicht überein. So haben zum Beispiel die Regierungsbezirke 
Arnsberg, Trier, Düsseldorf, Osnabrück verhältnismäßig niedrige Sterbe- 
ziffern bei über dem Staatsdurchschuitt stehender Geburtenzahl, um- 
gekehrt Frankfurt, Stettin, Liegnitz unter dem Staatsdurchschnitt liegende 
Geburtenziffer bei sehr hoher Sterbezahl.“ 

Vgl. auch Budge, Archiv a. a. 0. S. 598 ff. Er erblickt im all- 
gemeinen den für die Höhe der Geburtenziffer und den Rückgang der- 
selben ausschlaggebenden Faktor in der Abnahme der Sterblichkeit. 
,,-A.llerdings zeigen,“ so muß auch er zugeben, „die katholischen Pro- 
\inzen Westpreußen, Schlesien, Posen eine verhältnismäßig höhere 
Geburtenziffer im Vergleich zu den Sterbefällen als die protestantischen 



22 




«• 

Gegenden der T'berschuß der Geburten über die Todesfälle 
nicht ein so großer sein, und umgekehrt in den protestan- 
tischen Landesteilen ein so niedriger. 

Ebensowenig läßt sich ein Zusammenhang zwischen 
Geburtenhäufigkeit und Säuglings- bzw. Kindersterblichkeit 
nach den bisherigen Untersuchungen , die diese Frage zum 
Gegenstand haben , aufdecken. Vielfach wird allerdings die 
Ansicht vertreten , daß die eheliche Fruchtbarkeit in hohem 
Maße von der Säuglings- bzw. Kindersterblichkeit beeinflußt 
werde bzAV. umgekehrt die Säuglings- und Kindersterblichkeit 
in hohem Maße von der Zahl der Geburten abhänge , mit 
einer Zunahme derselben steige, mit einer Abnahme falle“. 
Und infolgedessen wird die neuzeitliche Abnahme der Geburten- 
zilfer im wesentlichen auf die Abnahme der Sterblichkeit in 
unseren Tagen zurückzuführen gesucht. 

Wenn nun auch nicht in Abrede gestellt werden soll, 
daß in einzelnen Fällen Geburten und Sterbeziffern einander 
beeinflussen werden, so läßt sich aber durchgängig eine der- 
artige Beziehung zwischen beiden nicht feststellen. Dem- 
entsprechend hat sich die preußische Statistik auf einen völlig 
ablehnenden Standpunkt gestellt. „Die Säuglingssterblichkeit“, 
heißt es, im Bd. 188 S. 57, „richtet sich nicht nach der 
Geburtszilfer ; die Jahre 1880, 1883, 1884, 1886, 1892, 1895 
und 1900 mit den hohen Ziffern für erstere hatten keineswegs 
auch die größte Geburtenhäufigkeit ; und umgekehrt, die Jahre 
1879, 1881, 1887, 1888, 1894, 1896 und 1898 mit der niedrigsten 
Ki’^dersterblichkeit hatten nicht die kleinsten Geburtsziffern“. 
Zu demselben Resultat gelangt Hillenberg®, der die Beziehungen 



Provinzen Ostpreußen, Pommern und Sachsen . . . Wir sehen ferner 
zwei vorwiegend katholische Provinzen mit hoher Geburtenziffer und 
niederer SteÄlichkeit: Westfalen und die Rheinprovinz.“ 

^ Vgl. Wappäus, Bevölkerungsstatistik, Bd. 2, S. 322. — Seute- 
mann a. a. 0. S. 307. — Mombert, Studien a. a. 0. S. 238 und 
Archiv a. a. 0. S. 827. — Budge, Das Malthus’sche Bevölkerungs- 
Gesetz usw. a. a. O. S. 187 ff. — Hesse, Wörterb. d. Volksw., 3. Auff.. 
Bd. 1, S. 979. 

Vgl. Sc hm oller, Handb. d. Staatswissensch. Bd. 2, S. 758 ff. und 
Mombert, Studien S. 239. 

® A. a. 0. S- 445 ff. und 453 — 454. — Auch andere Forscher haben 
den Nachweis erbracht, daß der Rückgang der Geburten bei weitem 
nicht in der Abnahme der Säuglings- bzw. Kindersterblichkeit eine 
ausreichende Erklärung findet. So faßt insbesondere Olden he rg 
(Arch. a. a. 0. Bd. 33, S. 405) seine Untersuchungen über diesen Gegen- 
stand in folgendem Resultat zusammen : „Selbst bei der ganz unwahr- 
scheinlichen Annahme, daß jedes weniger gestorbene Kind auch die 
Geburtenzahl um ein Kind vermindert haben sollte, und bei der ebenso 
unglaubwürdigen Annahme, daß der Geburtenrückgang nur Folge, nicht 
auch Ursache der verminderten Kindersterblichkeit gewesen sei, würde 
der Rückgang der Kindersterblichkeit nur einen mäßigen Teil des 
Geburtenrückganges erklären. Dazu kommt, daß der Rückgang der 
Geburten und Säuglingssterblichkeit nicht einmal immer in gleicher 



I 



23 



zwischen Säuglingssterblichkeit und Geburtenhäufigkeit in den 
preußischen Regierungsbezirken unter dem Gesichtspunkte 
untei'suchte , „ob in einer mögHch großen Anzahl kleinerer 
Verwaltungsbezirke eines Staates in dem gleichen Bezirk 
während einer längeren Zeitperiode mit dem jeweiligen Steigen 
oder Sinken der Nativität auch in verhältnismäßig stärkerem 
Grade die Säuglingssterblichkeit steige oder falle“. Er schließt 
seine Untersuchungen mit dem Ergebnis: „Auf Grund vor- 
stehender Ausführungen läßt sich demnach wohl mit einigem 
Recht behaupten, daß die zwei Hauptfaktoren der Bevölkerungs- 
bewegung: Geburtenhäufigkeit und Säuglingssterblichkeit in 
gegenseitiger Unabhängigkeit nebeneinander hergehen und für 
die Höhe bzw. Veränderungen der letzteren, die Höhe bzw. 
Schwankungen der ersteren und umgekehrt verantwortlich 
nicht zu machen sind.“ 



Richtung laufen “ — Vgl. auch Oldenberg, ebenda S. 40511. — Ferner 
Jul. Wolf, Geburtenrückgang a. a. 0. S. 10 IF. 





V 



— 24 — 



Drittes Kapitel. 

Die eheliche Friichtharkeit. 



1. Die eheliche Fruchtbarkeits Ziffer. 

Die allgemeine Geburtenziffer, welche man durch Reduktion 
der Zahl der Geburten auf l(/0() der Gesamtbevölkerung erhält, 
und welche bisher Gegenstand der Untersuchung war, be- 
zeichnet nun allerdings das Maß, in dem ein Volk durch die 
Fruchtbarkeit seiner Frauen zunimmt; sie ist aber kein 
untrüglicher Maßstab für die Fruchtbarkeit dieser Frauen 
selbst. 

Da die Zahl der gebärfähigen Ehefrauen in Stadt und 
Land , in Ackerbau- und Industriedistrikten , in den ver- 
schiedenen Gesellschaftsschichten verschieden ist, so müssen 
dadurch allein ganz bedeutende Verschiedenheiten der Geburts- 
ziffer entstehen. 

Diese Unregelmäßigkeiten werden in etwa durch die ehe- 
liche Fruchtbarkeitsziffer beseitigt. Man versteht darunter 
die Zahl der ehelichen Geburten auf 1000 verheiratete 
Frauen in gebärfähigem Alter, als das letztere gilt in der 
amtlichen Statistik — und dies ist auch hier gewählt — 
gewöhnlich das Alter von 15 bis 50 Jahren, da Geburten 
bei Frauen in jüngerem und höherem Alter zu den Selten- 
heiten gehören. 

„Die eheliche Fruchtbarkeit ist auch noch dadurch meßbar, 
daß man die Zahl der ehelichen Geburten eines Jahres mit 
den in derselben Zeit geschlossenen Ehen vergleicht. Die 
Vergleichung ergibt aber nur ein klares Bild der Verhältnisse, 
wenn die herangezogene Periode eine große ist. Auch dann 
noch wird die Periode mit Kindern aus früher geschlossenen 
Ehen belastet sein, während später geborene Kinder der 
innerhalb der Periode geschlossenen Ehen unberücksichtigt 
bleiben; aber je länger die Periode, um so kleiner wird der 
Fehler. Allerdings muß man dann, und das ist der Nachteil 
dieser Methode, dafür den Umstand in Kauf nehmen, daß 
man über die konkret zeitliche Gestaltung der Fruchtbar- 
keit nichts erfährt, sondern nur ein nivellierendes Bild der 



25 



Fruchtbarkeitsgestaltung im Durchschnitt einer längeren Zeit- 
periode gewinnt h“ 

Erstere Methode ist also die genauere. Da aber eine 
Auszählung der Konfessionsangehörigen nach Altersklassen 
bei der Ermittlung der Volkszählungsergebnisse bisher nicht 
stattgefunden hat, werden wir neben der ersten auch die 
zweite Methode wählen. 

Die Zahl der Kinder in der einzelnen Ehe wird durch 
verschiedene Faktoren bestimmt. Es sind zunächst äußere 
Umstände, die darauf einwirken, so vor allem das Heiratsalter 
und die Ehedauer. In einer Ehe, die früher geschlossen wird, 
muß schon wegen der längeren Dauer derselben unter sonst 
gleichen Umständen die Möglichkeit der Erzeugung einer 
größeren Kinderzahl gegeben sein, als bei den in einem höheren 
Alter geschlossenen Ehen. Die Fruchtbarkeit der Frau nimmt 
nach allen darüber angestellten Untersuchungen vom 20. Jahre 
an ab, und zwar nicht nur die faktische, sondern auch die 
physiologische 

Nach den Berechnungen von Boeckh (die statistische 
Messung der ehelichen Fruchtbarkeit Bd. VI) war die durch- 
schnittliche Kinderzahl einer Ehe in Berlin nach den Auf- 
nahmen von 1885 bei einem Heiratsalter der Frau: 



bis 20 Jahren 



20—25 
25-80 
80-85 
über 85 



n 



0)53 

4)88 

4,11 

2,93 

1,:84 



„Selbstverständlich sind diese Ziffern kein Maßstab der 
physiologischen Fruchtbarkeit, da die geringe Zahl der Ge- 
burten bei älteren Frauen nicht nur durch die Abnahme der 
Empfänglichkeit, sondern auch durch den Wunsch, keine 
weiteren Kinder zu bekommen, bedingt wird,“ wie ja über- 
haupt die eheliche Fruchtbarkeit abhängig ist von der örtlich 
und zeitlich wechselnden Tendenz, nur eine gewisse Anzahl von 
Kindern zu erzeugen. „Die volle Fruchtbarkeit der Frau 
wird in der Ehe meist nicht ausgenutzt. Selbst in den Ge- 
bieten mit großer ehelicher Fruchtbarkeit ist dies selten der 
Fall. Immerhin wird in diesen die Altersbesetzung der gebär- 
fähigen Ehefrauen von Einfluß sein. Viel weniger oder gar 
nicht dagegen ist dies der Fall, wo eine künstliche Beschränkung 
der Kinder üblich ist“.“ 



1 Vgl. V. Mayr, Statistik und Gesellschaftslehre, ßd. 2, a. a. U. 
S. 184. Desgleichen J. Conrad, Politische Ökonomie, IV. Statistik, 
1, 1900. 

- Vgl. Pr. Prinz ing, Zeitschr. f. Soziahvissensch. a. a. 0. S. 88 ff. 
® Pr. Prinz ing, Handb. d. med. Stat. a. a. 0. S. 21. — Vgl. auch 
P r i u z i n g , Zeitschr. f. Soziahvissensch, Bd. 4, S. 38 ff und Jahrb. f. 
Xat. u. Stat., Bd. 15 a. a. 0. S. 286 ff 






26 




Das Durchschnittsalter 


der 


Eh eschließen den 


betru 


g in 


Preußen ^ : 


1867 


1872 


1876 


1.887 


1895 


1901 








bis 


bis 


bis 


bis 


bis 


bis 


1905 


19102 




1871 


1875 


1886 


1894 


1900 


1905 






bei den Männern . . 


29,9 


29,5 


29,5 


29,7 


29,3 


28,9 


28,9 


28,9 


„ „ Frauen . . . 


27,8 


26,6 


26,7 


26,5 


26,3 


25,7 


25,7 


25,6 



Da also infolge des frühzeitigen Eingehens der Ehen in 
Preußen sich das Gefüge der verheirateten Frauen von 15 bis 
50 Jahren hinsichtlich der Altersgliederung dahin verändert 
hat, daß die jugendlichen Altersklassen mehr vertreten sind, 
und fernerhin die Ehedauer sich verlängert hat, so wäre eigent- 
lich eine Steigerung der ehelichen Fruchtbarkeit zu erwarten. 
Trotzdem hat die Entwicklung der ehelichen Geburten einen 
entgegengesetzten Verlauf genommen. 

Die eheliche Fruchtbarkeit betrug in Preußen auf 1000 
verheiratete Frauen im Alter von 15 — 50 Jahren : 



1867—1871 


. . . . 273 


1890—1891. . . . , 


. . . . 266 


1872—1875. . . . 


. . . . 300 


1895-1896. . . . 


. . . . 262 


1880—1881 


... 267 


1900-1901 


. . . . 253 


1885—1886 


, . . . 269 


1905—1906 


, . . . 2:30 



Danach ist in Preußen ein gleichmäßiger Rückgang da. 
Derselbe setzt, wenn man von 1872 — 1875 absieht, wo nach 
dem deutsch-französischen Kriege eine bedeutende Steigerung 
der ehelichen Fruchtbarkeit eintrat, in den neunziger Jahren 
ein, aber in einem viel langsameren Tempo als in der aller- 
neuesten Zeit. Betrug die Abnahme der ehelichen Fruchtbar- 
keit 1885 — 1886 auf 1890 — 1891 nur 3, so muß für die Zeit 
1900 — 1901 auf 1905 — 1906 ein Rückgang von 23 konstatiert 
w^erden, so daß sich die eheliche Fruchtbarkeit gegenwärtig 
w’eit unter dem Niveau der zweiten Hälfte der sechziger Jahre 
befindet. 

Die eheliche Fruchtbarkeit zeigt, wie aus Tabelle IV 
(Anhang) ersichtlich ist, in den einzelnen Teilen Preußens 
große Verschiedenheiten. Wie bei der allgemeinen Geburten- 
ziffer besteht auch bezüglich der ehelichen Fruchtbarkeit 
zwischen den vorwiegend katholischen und den vorwiegend 
protestantischen Regierungsbezirken ein enormer Unterschied. 
Wenn man wiederum von Danzig und Arnsberg absieht, so 



^ Martin Nadobnik a. a. 0. S. 71. 

2) Stat. Jahrb. f. d. preuß. Staat, 9. Jahrg., S. 19. — (Diese Zahlen 
gewinnen ihren rechten Wert erst, wenn festgestellt wird, in welcher 
sozialen Klasse die Zunahme stattfindet. In Mecklenburg zum Beispiel 
waren die Eheschließungen der Bauern vielfach durch die Willkür der 
Gutsherren bedingt.) 

Siehe Anhang Tabelle IV. 



I 




— 27 — 

kann man ohne weiteres die Scheidung dahin treffen, daß die 
Gebiete mit sehr hoher und hoher Fruchtbarkeit sich mit den 
vorwiegend katholischen Regierungsbezirken decken, während 
die vorwiegend protestantischen Teile nur mittlere , niediige 
und sehr niedrige Geburtenziffern verzeichnen. Soweit die 
statistischen Daten reichen, übertreffen sämtliche katholischen 
Regierungsbezirke erheblich den Staatsdurchschnitt , unter 
demselben steht, allerdings nur bis 1890/91, Osnabrück. Das 
Gegenteil findet sich in den protestantischen Gebieten; mit 
verschwindend wenigen Ausnahmen stehen hier alle Regierungs- 
bezirke zum Teil erheblich unter dem Durchschnitt. 

Um das im einzelnen zu beweisen, so übertreffen (+) 
bzw. stehen unter ( — ) dem Staatsdurchschnitt von den vor- 
wiegend katholischen Regierungsbezirken: 





1880'81 


1905/06 




1880'81 


1905 '06 


Marienwerder 


. + 43 


-f 70 


Koblenz . . . 


. -f 11 


-i- 18 


Posen .... 


. + 21 


-f 57 


Düsseldorf . 


. + 45 


-f 32 


Bromberg . . 


. + 39 


+ 75 


Cölu .... 


. + 40 


-f 16 


Oppeln . . . 


. + 22 


+ 77 


Trier .... 


. -f 37 


+ 68 


Osnabrück . . 


. — 9 


+ 29 


Aachen . . . 


. + 52 


-f 61 


Münster . . . 


. -f 28 


-f 97 


Sigmaringen. 


- -f 17 


+ 37 



von den vorwiegend protestantischen Regierungsbezirken: 





1880/81 


1905 06 




1880 '81 


1905'06 


Königsberg . 


. +14 


+ 9 


Merseburg. . . 


— 1 


— 19 


Gumbinnen . 


. -f 5 


+ 19 


Erfurt 


— 14 


— 23 


Allenstein . , 


. + — 


-f 36 


Schleswig . . . 


— 32 


— 28 


Danzig . . . 


. + 24 


+ 51 


Hannover . . . 


— 30 


— 51 


Berlin. . . . 


. —39 


— 98 


Hildesheim . . 


- 34 


— 33 


Potsdam . . 


. —25 


— 71 


Lüneburg . . . 


-70 


— 47 


Frankfurt . . 


. —23 


— 42 


Stade 


— 28 


— 7 


Stettin . . . 


. - 3 


— 24 


Aurioh .... 


— 8 


+ 30 


Köslin . . . 


. + 11 


-f 24 


Minden .... 


+ 19 


+ 23 


Stralsund . . 


. —38 


— 24 


Arnsberg . . . 


+ 43 


+ 57 


Breslau . . . 


. — 15 


— 8 


Kassel .... 


— 17 


— 14 


Liegnitz . . 


. —39 


— 38 


Wiesbaden . . 


— 33 


— 39 


Magdeburg . 


. —30 


— 55 









Aus dieser Zusamenstellung läßt sich auf den ersten Blick 
entnehmen, daß zwischen den katholischen und protestantischen 
Teilen Preußens eine erhebliche Spannung in Hinsicht der 
Höhe der ehelichen Fruchtbarkeit besteht, und daß diese 
Spannung in der neuesten Zeit noch größer geworden ist. 
Denn die katholischen Regierungsbezirke überragen 1905/06 
den Staatsdurchschnitt in viel höherem Maße als 1880 81 ; 
dasselbe gilt auch für Danzig und Arnsberg; für diese ist 
aber bereits früher die hohe Fruchtbarkeit aus anderen 



28 



Gründen erklärt worden. Die protestantischen Bezirke hin- 
gegen stehen 1905/Ud im groben und ganzen mit denselben 
Zittern wie 1880/81 unter dem Staatsdurchschnitt. 

Die allgemeine sinkende Tendenz der ehelichen Frucht- 
barkeit ist wie in den überwiegend protestantischen, so auch 
in den überwiegend katholischen Regierungsbezirken unver- 
kennbar. Doch verläuft die rückläufige Bewegung der Frucht- 
barkeitszitfern bei beiden durchaus nicht in der gleichen 
Weise. 

Es betrug nämlich die Abnahme ( — ) bzw. Zunahme (4-) 
der ehelichen Fruchtbarkeit (s. Tabelle IV, Anhang) in den 
vorwiegend katholischen Regierungsbezirken : 





1880/81 


1900/01 




1880/81 


1900/01 




auf 


auf 




auf 


auf 




1900/01 


1905/06 




1900/01 


1905/06 


Marieinverder. 


+ 9 


— 19 


Düsseldorf . . 


— 19 


— 31 


Posen .... 


+ 21 


— 20 


Köln 


— 28 


— 33 


Bromberg . . 


-f" lü 


— 16 


Trier 


+ 16 


— 22 


Oppeln .... 


+ 37 


- 19 


Aachen . . . . 


— 2 


— 26 


Osnabrück . . 


+ 12 


- 11 


Sigmaringen. . 


— 8 


— 9 


Münster . . . 


-f 46 


— 14 


Preußen .... 


— 14 


— 23 


Koblenz . . . 


— 10 


— 20 








In den vorwiegend p r 


otest an tisch 


e n Regierungs 


bezirken : 














1880/81 


1900/01 




1880/81 


1900/01 




auf 


auf 




auf 


auf 




190001 


1905/06 




1900/01 


1905/06 


Königsberg. . 


— 17 


— 25 


Merseburg . . . 


— 29 


— 26 


Gumbinnen. . 


— 1 


— 22 


Erfurt 


— 24 


— 22 


Allenstein . . 


— 


— 


Schleswig . . . 


— 14 


— 19 


Danzig. . . . 


+ 11 


— 21 


Hannover . . . 


-26 


— 32 


Berlin .... 


— 79 


— 17 


Hildesheim . . 


— 13 


— 23 


Potsdam . . . 


— 55 


— 28 


Lüneburg . . . 


+ 1 


- 15 


Frankfurt . . 


— 33 


-23 


Stade 


— 1 


— 15 


Stettin .... 


— 28 


— :30 


Aurich .... 


+ 11 


— 10 


Köslin .... 


— 7 


— 17 


Minden .... 


— 9 


— 24 


Stralsund. . , 


— 5 


— 18 


Arnsberg , . . 


+ 8 


— 31 


Breslau . . . 


— 7 


— 23 


Kassel .... 


— 16 


— 18 


Liegnitz . . . 


— 13 


— 23 


Wiesbaden . . 


— 16 


— 27 


Magdeburg . . 


— 38 


— 24 


Preußen. . . . 


— 14 


— 23 



In den katholischen Regierungsbezirken, mithin in den 
Gebieten mit sehr hoher und hoher Fruchtbarkeit, setzt ein 
allgemeines Abnehmen der ehelichen Geburten erst nach 
1900 01 ein, hingegen weist bis dahin die Mehrzahl von den 
katholischen Bezirken eine Zunahme auf, nur 5 zeigen ein 
Sinken der Fruchtbarkeitszitfern : in Aachen ( — 2), Sigmaringen 
( — 8), Koblenz ( — 10) ist das Sinken von bescheidenen Dimen- 




29 



sionen, beträchtlicher ist es in Düsseldorf ( — 19) und Köln 
( — 28), also insgesamt ein Sinken nur in der Rheinprovinz 
mit Ausnahme von Trier. 

In gleicher Zeit findet sich von den protestantischen 
Regierungsbezirken, wenn man von Danzig und Arnsberg aus 
schon bekannten Gründen absieht, eine ganz bescheidene 
Zunahme der ehelichen Geburten nur in Lüneburg (+ 1) und 
Aurich (+ 11), in allen anderen Bezirken haben wnr allgemein 
eine sehr beträchtliche Abnahme der Fruchtbarkeit zu kon- 
statieren. Die größte Abnahme weist Berlin ( — 79) auf, es 
schließen sich diesem an: Potsdam ( — 55), Magdeburg ( — 38), 
Frankfurt ( — 33), Merseburg ( — 29), Stettin (— 28), Hannover 
( — 2(j), Erfurt ( — 24), usw. Das ist in der Tat ein enormer 
Rückgang der Fruchtbarkeit, und das schon zu einer Zeit, 
w"o in den vorwiegend katholischen Regierungsbezirken die 
ehelichen Geburten größtenteils noch beträchtlich zunehmen. 
Bemerkenswert ist überdies, daß schon zu dieser Zeit das 
protestantische Ostpreußen trotz seiner überwiegend ländlichen 
Bevölkerung an dem allgemeinen Geburtenrückgang teil- 
nimmt. 

Demnach kann nicht geleugnet werden, daß die katholische 
Bevölkerung nicht nur fruchtbarer ist als die protestan- 
tische, sie steht auch viel gesicherter gegen den Geburten- 
rückgang da, als die protestantische. Jedoch darf keineswegs 
behauptet werden, daß die Katholiken von den modernen 
Tendenzen der Geburten einschränkung gänzlich unberührt 
geblieben seien. Diese haben vielmehr auch hier Eingang 
gefunden, wie die Entwickelung der ehelichen Fruchtbarkeits- 
zitfern in dem letzten Jahrfünft zeigt. Nach unseren Berech- 
nungen S. 28 können die katholischen Regierungsbezirke 
eine Abnahme der ehelichen Frachtbarkeit fast in demselben 
Maßstabe wie die protestantischen verzeichnen ; sie schwankt 
bei diesen zwischen — 10 (Aurich) und — 32 (Hannover), bei 
jenen zwischen — 9 (Sigmaringen) und — 33 (Köln). Durch 
dieses Sinken der Fruchtbarkeitszitfern der letzten Jahre 
auch in den katholischen Regierungsbezirken ist aber der 
ursprüngliche Unterschied zwischen den katholischen und 
protestantischen Bezirken durchaus nicht kleiner, geschweige 
denn beseitigt worden. Denn das Sinken der Ziffern in den 
katholischen Regierungsbezirken erfolgte 1900/01 auf 19054)0 
im allgemeinen von einem verhältnismäßig sehr hohen Stande, 
damals aber war die Geburtenfrequenz in den protestantischen 
Bezirken bereits stark im Abnehmen begriffen, so daß der 
neueste Rückgang von bedeutend tieferem Niveau erfolgte, 
als der der katholischen Gebietsteile. Darüber hinaus ist im 
Durchschnitt der Rückgang in den katholischen Regierungs- 
bezirken etwas kleiner als in den protestantischen. So zeigen 
von den katholischen Regierungsbezirken 1900/01 auf 1905/06 



30 




nur 3, das sind genau V 4 , ein höheres Sinken als der preußische 
Staat, während von den protestantischen Gebieten 9 Regierungs- 
bezirke, also ®/s, unter dem Staatsdurchschnitt stehen und in 
4 protestantischen Regierungsbezirken sich zudem das Sinken 
der Fruchtbarkeitszilfer mit der des preußischen Staates 
deckt. 

Somit ist der Vorsprung der katholischen Regierungs- 
bezirke durch die neueste Entwickelung der Fruchtbarkeits- 
ziffer noch größer geworden. 

Wie man aus der letzten Reihe der Tabelle IV (Anhang) 
ersehen kann, ist die Zahl der ehelichen Geburten auf eine 
Eheschließung — berechnet auf sämtliche Eheschließungen 
für den Zeitraum 1875 1900 — in den einzelnen Regierungs- 
bezirken sehr verschieden ; sie schwankt zwischen 5,4 und 2,8 
Geburten pro Eheschließung. Audi diese Berechnung zeigt 
ohne weiteres die größere Fruchtbarkeit der katholischen Teile 
Preußens gegenüber den protestantischen. In den katholischen 
Regierungsbezirken betrug die Zahl der Geburten auf eine 
Eheschließung: in 7 mehr als 5 und nur in einem einzigen 
weniger als 4,0 Geburten. 

Dagegen wird in den vorzugsweise mit Protestanten 
bewohnten Landesteilen die Geburtenzahl 5 nur in Arnsberg 
erreicht, es folgt — ebenfalls mit starkem katholischem 
Bevölkerungseinschlag — Danzig mit 4,9 Geburten pro Ehe- 
schließung. Weniger als 4,4 Geburten pro Eheschließung 
zeigen sogar 14, weniger als 4,0 Geburten 8 Regierungsbezirke; 
Berlin schließt die Reihe nach unten mit 2,8 Geburten auf 
eine Eheschließung. 

Vorhin bei der Betrachtung der allgemeinen Geburten- 
frequenz ergab sich, daß im Gegensatz zu den andern katho- 
lischen Regierungsbezirken vor allem die Bezirke Sigmaringen, . 
Aachen, Köln und Koblenz verhältnismäßig niedrige Geburten- 
ziffern aufwiesen. Diese Unregelmäßigkeit wurde auf die 
ungünstigen Eheverhältnisse in jenen Gegenden im weseutlichen 
zurückgeführt. Daß diese Erklärung eine ausreichende ist, 
dafür liefert die eheliche Fruchtbarkeitsziffer in diesen Gebieten 
den besten Beleg. Wir finden nändich in den in Frage 
stehenden Regierungsbezirken durchweg hohe — in Aachen 
sogar sehr hohe — Fruchtbarkeitsziffern, die den Staats- 
durchschnitt bei weitem übertreffen. 

Ähnliche Unterschiede, wie in sämtlichen Gemeinde- 
einheiten Preußens, finden sich auch in den überwiegend 
katholischen und den überwiegend protestantischen Land- 
gemeinden und Gutsbezirken. In diesen betrug die eheliche 
Fruchtbarkeit auf 100 verheiratete Frauen im Alter von 15 
bis 50 Jahren, und zwar in den vorwiegend katholischen 
Regierungsbezirken : 




4 



31 





1879 '82 


1894/97 


1904/07 


Rückgang 
seit 189497 


Marien Werder. . . 


. . 83,5 


34,3 


32,7 


in ®'o 
4,7 


Posen 


. . 31,3 


33,1 


32,3 


2,4 


Bromberg .... 


. . 33,5 


35,0 


;34,5 


1,4 


Oppeln 


. . 3U 


34,6 


33,4 


3,5 


Osnabrück .... 


. . 27,3 


28,6 


28,4 


0,7 


Münster 


. . 30,8 


34.0 


36,1 


— 


Koblenz 


. . 29,5 


00 


26,7 


6,0 


Düsseldorf .... 


. . :33,9 


:14,4 


32,1 


6,7 


Köln 


. . 33,1 


:13,0 


29,9 


9,4 


Trier 


. . 32,1 


33,0 


31,9 


3,3 


Aachen 


. . 33,5 


34,4 


32,8 


1,8 


Staat ....... 


. . 28,8 


29,0 


26,9 


— 



In d en vorwiegend protestantischen Regierungsbezirken: 





1879/82 


1894 '97 


1904 07 


Rückgang 
seit 189497 


Provinz Ostpreußen. 


. 30,3 


30,3 


27,7 


in ®/o 
8,6 


Danzig 


. 32,3 


33,9 


33.1 


2,4 


Potsdam 


. 25,3 


22,6 


17,8 


21,2 


Frankfurt 


. 25,7 


24,5 


21,4 


12,7 


Stettin 


. 28,5 


26,9 


23,0 


14,5 


Köslin 


. 29,8 


29,9 


27,5 


8,0 


Stralsund 


. 25,2 


25,2 


22,4 


11,1 


Breslau 


. 27,6 


28,2 


26,1 


7,4 


Liegnitz 


. 24,5 


24,4 


22,3 


8,6 


Magdeburg 


. 24,4 


22,3 


19,0 


14,8 


Merseburg 


. 28,1 


26,7 


23,6 


11,6 


Erfurt 


. 26,6 


25,4 


24,1 


5,1 


Schleswig-Holstein . 


. 24,8 


25,3 


22,8 


9,9 


Hannover 


. 25,7 


24,6 


21,5 


12,6 


Hildesheim 


. 24,6 


24,4 


21,4 


12,3 


Lüneberg 


. 20,4 


20,4 


19,1 


6.3 


Stade 


. 25,1 


25,7 


24,2 


5,8 


Aurich 


. 28,2 


29,8 


29,3 


ij 


Minden 


. 29,8 


30,3 


28,1 


7,3 


Arnsberg 


. 32,6 


33 ,5 


31,3 


6.6 


Kassel 


. 26,7 


2.5,5 


23,5 


7,8 


Wiesbaden 


. 25,3 


24,7 


22,4 


9,3 


Staat 


00 

00 

• 


29,0 


26,9 


— 



1 Zusammengestellt nach Fr. Prinz in g, Die Abnahme der ehe- 
lichen Fruchtbarkeit auf dem Lande in Deutschland. Zeitschr. i. nozial- 
wisseuschaften 1911. S. 819 ff. 





32 



Wir sehen also zwischen der katholischen und protestan- 
tischen Bevölkerung der Landgemeinden in Preußen dieselben 
prinzipiellen Unterschiede in der ehelichen Fruchtbarkeit wie 
in den sämtlichen Gemeindeeinheiten. Die katholischen Landes- 
teile weisen erheblich höhere Geburtenziffern auf als die 
protestantischen; mit Ausnahme von Köln, das nur »anz 
unbedeutend unter dem Staatsdurchschnitt steht, überragen 
denselben bei weitem sämtliche katholischen Regierum-s- 
bezirke. ^ \ on den protestantischen Gebieten kann man nicht 
das gleiche sagen, hier befinden sich wiederum fast alle 
Bezirke zum Teil tief unter dem Durchschnitt. Auch die 
Entwickelung zwischen beiden weist die schon festgele<>ten 
verschiedenen Tendenzen auf. Während wir in den proteston- 
tischen Regierungsbezirken Rückgänge zwischen 1,7 «/o (Aurich) 
und 21,2% (Potsdam) haben, schwankt in den katholischen 
Gebieten, wenn man von Münster absieht, das sogar eine 
erhebliche Steigerung der Geburten verzeichnet, das Sinken 

n f F^^i^itbarkeit nur zwischen 0,7 % (Osnabrück) und 
5:>,4 ^/o (Köln)\ 

2. Die Geburtenzahl auf je eine reinkonfessionelle 

Eheschließung. 

Die Frage, ob die eheliche Kinderzahl bei allen Kon- 
fessionen die gleiche oder eine verschiedene ist, hat für den 
dauernden Bestand der Konfessionsbevölkerungen wie in 
konfessioneller, so auch in politischer und kultureller Hinsicht 
eine ganz besonders große Bedeutung. Die Geburten ins- 
besondere aus den rein-konfessionellen Ehen bilden den haupt- 
sächlichsten Nachwuchs der Konfessionen und die wesentlichste 
Ergänzung der durch die Sterbefälle erfolgenden Verluste. 
Ist die Fruchtbarkeit bei dem einen Bekenntnis höher als bei 
dem anderen, so wird sich der Anteil der einzelnen Konfessionen 
an der Gesamtbevölkerung stark verschieben. 

^ , Schon vorhin war bei der Betrachtung der allgemeinen 
Geburtenziffer und der ehelichen Fruchtbarkeitsziffer ersichtlicli, 
daß bezüglich der Geburtenhäufigkeit für das katholische und 
protestantische Bekenntnis keine einheitliche Bewegung be- 
steht, sondern daß sich erhebliche Verschiedenheiten vorfinden 
und daß sich diese, soweit es bis jetzt zu beobachten möglich 
war, noch im Laufe der Zeit verschärft haben. Diese Unter- 
schiede in der natürlichen Bevölkerungsbewegung bei den 



I ^ Rückgang der Geburten- und 

Irn^r} 807 (Tabellen!); 

lern er J. \\ olf, Der Geburtenrückgang a. a. 0. S. 102 ^ 



33 



Angehörigen der katholischen und protestantischen Konfession 
springen aber besonders in die Augen, wenn man, wie das 
nachstehend geschieht, die Zahl der Geburten auf je eine 
rein konfessionelle Eheschließung in Beziehung bringt. Es 
ergeben sich dann für den preußischen Staat folgende Frucht- 
barkeitsziffern. 

Auf eine Eheschließung entfielen in Preußen ehelich lebend 
geborene Kinder ; 





bei rein evang. 


bei rein kathoL 


bei ev.-kathol. 


in den Jahren 


Paaren 


Paaren 


Mischpaaren 


1875—18861 . . . 


4,403 


5,276 


— 


1876—18962 . . . 


4,147 


5,048 


— 


1875—1900» . . . 


4,0 


5,0 


3,1 


1901—1905* . . . 


3,8 


5,3 


2,95 


1906—1910. . . . 


3,4 


5,2 


2,54 


1901-1910. . . . 


3,6 


5,2 


2,735 



Die Untersuchungen der amtlichen Statistik, sowie die 
Berechnungen für das letzte Jahrzehnt ergeben das überein- 
stimmende Resultat, daß seit 1875 — 1910 in allen hier aus- 
gehobenen Zeitabschnitten die rein katholischen Paare ganz 
erheblich kinderreicher sind, als die rein protestantischen, 
während die evangelisch-katholischen Mischpaare in besonderem 
Maße einer größeren Kinderschar abhold sind. Innerhalb des 
35jährigen Zeitraumes gestaltete sich die Bewegung auf dem 
Gebiete der ehelichen Fruchtbarkeitsverhältnisse recht ver- 
schieden. Die rein katholischen Ehen haben im letzten Jahr- 
zehnt gegen 1 875/86 so gut wie gar keine Abnahme der 
Kinderzahl aufzuweisen, hingegen findet sich bei den protestan- 
tischen, sowie bei den Mischpaaren eine stete Abwärts- 
bewegung, so daß als Folge davon die ursprüngliche Spannung 
bezüglich der Kinderzahl zwischen den katholischen und 
protestantischen Ehepaaren zum Nachteil der protestantischen 
Bevölkerung immer größer geworden ist. Ging die Frucht- 
barkeit der katholischen Ehen über diejenige der protestan- 
tischen im Zeitraum 1875 bis 1900 um 20®/o hinaus, so beträgt 
dieser Unterschied 1901 bis 1910 schon annähernd 30%. 

Es kamen nämlich durchschnittÜch auf je eine protestan- 
tische Ehe weniger Kinder als auf eine rein-katholische: 



1 Zeitschrift des Kgl. Preuss. Statist. Bureaus. Jahrg. 1887. 

2 Ebenda Jahrg. 1898. 

® Preuß. Statist., Bd. 188. 

^ Siehe nachfolgende Tabelle, S. 35 u. 36. 

Lemanczyk, Geburtenfrequenz. 




1 




3 



— 34 — 



Jahre 


Kinder 


1875—1886 . . . 


0,873 


1876—1895 . . . 


0,901 


1875—1900 . . . 


1,0 


1901—1910 . . . 


.... 1,6 


1901—1905. 


1,5 


1906—1910. 


1,8 



Das sind in der Tat gewaltige Unterschiede im Geburten- 
reichtum der Katholiken und Protestanten und ganz ver- 
schiedene Entwicklungstendenzen die für die künftige 
Gestaltung der Konfessionsbevölkerungen in Preußen nicht 
ohne Einfluß bleiben können. Denn die obigen Zahlen zeigen 
nichts Geringeres an, als daß z. B. im Zeitraum 1875/86 auf 
1000 rein katholische Eheschließungen rund 870 Kinder mehr 
entfallen, als auf 1000 rein protestantische. Dieser Vorsprung 
der katholischen Ehepaare beträgt im Jahrfünft 1901/05 schon 
1500 Kinder und 1906/10 gar 1800 Kinder auf 1000 Ehe- 
schließungen. Der zahlenmäßige Unterschied zwischen den 
protestantischen und katholischen Ehepaaren kommt in seinen 
Konsequenzen am besten zum Ausdruck, vrenn man berechnet, 
welchen Geburtengewinn die katholische Bevölkerung (bezw. 
Avelchen Geburtenverlust die evangelische Bevölkerung) an 
sich aufzuweisen hat. Hätte die Geburtenhäufigkeit der 
rein katholischen Ehepaare auch auf die protestantischen 
Anwendung gefunden, so müßten die Geburten bei letzteren 
in dem Jahrzehnt 1901/1910, wo sie 6428069 betrugen, um 
2870 859 höher sein, als dies der Fall ist. Umgekehrt beträgt 
aber in der selben Zeit der Gewinn der katholischen Bevölkerung 
infolge höherer Fruchtbarkeit 1 433 056 h 

Nach Georg Neuhaus ^ lauten die entsprechenden Zahlen 
in dem Zeiträume von 1875—1889 für die Protestanten 
2548 949 und in dem Zeiträume von 1890 — 1904 3395 318, 
für die Katholiken hingegen beziffert sich der Gewinn in 
diesen beiden Zeitabschnitten auf 779 879 (1875 — 89) und 
1572 543 (1890 — 1900) Geburten. 

Wie im Königreich Preußen, bestehen auch in den Provinzen 
und in den Regierungsbezirken in der Fruchtbarkeit zwischen 
der katholischen und protestantischen Bevölkerung, mehr oder 
weniger scharf hervortretend, erhebliche Unterschiede. Das 
beweisen nachstehende Tabellen, in denen die Zahl der Kinder 
auf je eine rein katholische bezw. rein protestantische Ehe- 
schließung berechnet ist. Auf eine Eheschließung entfielen 

^ Die Zahlen sind berechnet nach: Preuß. Statistik (die Geburten, 
Eheschließungen, Sterbefälle im preuß. Staat) Heft 178, 183, 190, 196, 
200, 207, 213, 220, 224, 229. 

^ Konfession und natürliche Bevölkerungsbewegung. Hochland 
1. Februar 1907, S. 616. 



— 35 — 

ehehch lebendgeborene Kinder im Zeitraum 1875 — 1900 in 
den Provinzen U 



bei 


rein evang, 
Ehen 


bei rein kathol. 
Ehen 


bei ev.-kathol. 
Mischpaaren 


Ostpreußen 2. . . . 


4,2 


5,4 


2,1 


Westpreußen®. . . 


4,8 


5,4 


3,2 


Berlin 


2,7 


3,3 


2,1 


Brandenburg . . , 


4,0 


5,3 


2,8 


Pommern 


4,3 


6,0 


2,4 


Posen 


5,0 


5,4 


3,0 


Schlesien 

Davon : 


4,1 


5,0 


3,4 


Reg.-Bez. Oppeln . . 


5,1 


5,3 


3,8 


Sachsen 


4,1 


5,0 


3,1 


Schleswig-Holstein . 


3,7 


4,7 


2,2 


Hannover 


3,8 


4,4 


3,0 


Westfalen 


4,6 


5,0 


3,7 


Hessen-Nassau. . . 


3,9 


4,4 


2,8 


Rheinland 


4,4 


5,0 


3,4 


Hohenzollern . . . 


9,6 


5,0 


3,6 


Staat 


4,0 


5,0 


3,1 



Auf eine Eheschließung entfielen ehelich lebend geborene 
Kinder in den Regierungsbezirken: 





1901- 


-1905 


1906- 


-1910 


1901- 


-1910 


Mehr (-(-) weni- 




aus 


aus 


aus 


ger { — ) Kinder 




ev. 


kath 


ev. 


kath. 


ev. 


kath. 


aus ev. Ehen 




Ehen 


Ehen 


Ehen 


1901-1910 


Königsberg^ . 


4,6 


5,7 


4,0 


5,2 


— 


— 


- 1,2 


Gumbinnen^ . 


4,8 


8,3 


4,3 


8,6 


— 


— 


- 4,3 


Allenstein ^ . 


— 


— 


5,0 


5,5 


— 


— 


— 0,5 


Danzig . . , 


4,6 


6,1 


4,4 


6,2 


4,5 


6,1 


- 1,6 


Marienwerder 


5,1 


6,3 


4,6 


6,1 


4,8 


6,2 


- 1,4 


Berlin .... 


2,1 


3,0 


1,8 


2,8 


2,0 


2,9 


— 0,9 


Potsdam . . . 


3,3 


4,7 


2,9 


3,9 


3,1 


4,2 


- 1,1 


Frankfurt . . 


3,5 


6,8 


3,2 


6,9 


3,4 


6,9 


— 3,5 


Stettin .... 


4,0 


6,9 


3,5 


6,9 


3,7 


6,9 


— 3,2 


Köslin .... 


4,7 


6,5 


4,3 


8,1 


4,5 


7,3 


— 2,8 


Stralsund . . 


3,8 


7,0 


3,5 


6,8 


3.6 


6,9 


— 3,3 


Posen . . , . 


4,6 


5,9 


4,4 


5,9 


4,5 


5,9 


— 1.4 


Bromberg . . 


5,0 


6,4 


4,6 


6,3 


4,8 


6,4 


- 1,6 


Breslau . . . 


4,2 


4,4 


4,0 


4,3 


4,1 


4,3 


— 0,2 


Liegnitz . . . 


3,7 


4,5 


3,5 


4,4 


3,6 


4,5 


— 0,9 


1 Preuß. 


Stat. 


Bd. 188, 


S. 74, 


Tabelle 25. 







^ Für 1875 und 1876. einschließlich Westpreußen. 

» Nur für 1877—1900. 

* Für Königsberg und Gumbinnen die Jahre 1901 — 1904 und 1905 
bis 1910. 5 Nur 1905—1910. 




3 * 



36 



37 



(Fortsetzung der Tabelle von S. 35.) 





1901- 


-1905 


1906- 


-1910 


1901- 


-1910 


Mehr (+) weni- 




aus 


aus 


aus 


eer (— 


-) Kinder 




ev. 


kath. 


ev. 


kath. 


ev. 


kath. 


aus ev. Ehen 




Ehen 


Ehen 


Ehen 


1901 


-1910 


Oppeln . . . 


5,4 


6,1 


5,3 


5,9 


5,4 


6,0 


— 


0,6 


Magdeburg. . 


3,4 


4,5 


2,9 


5,2 


3,2 


4,8 


— 


1,6 


Merseburg . . 


3,8 


7,2 


3,5 


6,8 


3,6 


7,0 


— 


3,4 


Erfurt .... 


3,6 


.5,1 


3,3 


5,0 


3,5 


5,1 


— 


1,6 


Schleswig . . 


3,5 


5,2 


3,3 


5,1 


3,4 


5,2 


— 


1,8 


Haunover . . 


3,5 


4,9 


3,0 


4,4 


3,2 


4,6 


— 


1,4 


Hildesheim. , 


3,7 


4,7 


3,4 


4,4 


3,5 


4,5 


— 


1,0 


Lüneburg . . 


3,5 


4,7 


3,2 


4,7 


3,3 


4,7 


— 


1,4 


Stade .... 


3,9 


4,1 


3,7 


4,7 


3,8 


4,4 


— 


0,6 


Osnabrück . . 


3,9 


4,9 


3,7 


4,9 


3,8 


4,9 


— 


1,1 


Aurich. . . . 


4,3 


4,6 


4,1 


5,0 


4,2 


4,8 


— 


0,6 


Münster . . . 


5,6 


5,4 


5,8 


5,6 


5,7 


5,5 


-f 


0,2 


Minden . . . 


4,2 


5,0 


3.8 


5,0 


4,0 


5,0 


— 


1,0 


Arnsberg . . 


4,7 


5,6 


4,2 


5,6 


4,4 


5,6 


— 


1,2 


Kassel .... 


3,8 


4,8 


3,6 


5,0 


3.7 


4,9 




1,2 


Wiesbaden. . 


3,1 


3,8 


3,0 


3,6 


3,1 


3,7 


— 


0,6 


Koblenz . . . 


3,7 


4,9 


3,4 


4,7 


3,5 


4,8 




1,3 


Düsseldorf . . 


4,1 


5,0 


3,7 


4,7 


3,9 


4,8 


— 


0,9 


Köln .... 


3,8 


4,4 


3,5 


4,1 


3,7 


4,2 


— 


0,5 


Trier .... 


4,4 


5,4 


4,2 


5,3 


4,3 


5,3 


— 


1,0 


Aachen . . . 


4,7 


5,0 


4,1 


4,7 


4,4 


4,8 


— 


0,4 


Sigmaringen . 


7,9 


4,4 


5,7 


4,4 


6,7 


4,4 


+ 


2,3 


Staat .... 


3,8 


5,3 


3.4 


5,2 


3,6 


5,2 


— 


1,6 



Auf eine Mischehe entfielen ehelich lebend geborene 
Kinder im Königreich Preußen: 

1875/1900 1901/1905 1906'1910 1901/1910 

3,1 2,95 2,54 2,735’ 

Nach den Berechnungen der obenstehenden Tabellen ist 
die Fruchtbarkeit der katholischen Ehen in allen Provinzen 
und Regierungsbezirken (Hohenzollern und Münster aus- 
genommen), also nicht nur in den östlichen, mit slavischen 
Elementen stark durchsetzten Landesteilen, größer als die 
der evangelischen Ehen; desgleichen nimmt, wie die letzte 
Tabelle veranschaulicht, 1901 — 1905 auf 1906 — 1910 der Ab- 
stand zwischen der katholischen und protestantischen Kinder- 
zahl in fast sämtlichen Regierungsbezirken zugunsten der 
katholischen Ehepaare zu. 

Die vorhin ausgesprochene — und später S. 16 u. 30 nach- 
gewiesene — Vermutung, daß die hohe Geburtenfrequenz der 
überwiegend protestantischen Regierungsbezirke Danzig und 

’ Die Ziffern sind errechnet: Preuß. Statistik, die Geburten, Ehe- 
schließungen, Sterbefälle im preuß. Staat, Heft 178, 183, 190, 196, 200, 
207, 213, 220, 224, 229. 




Arnsberg zum größten Teil auf das Konto der katholischen 
Ehepaare zu setzen ist, bekommt auch aus unserer letzten 
Tabelle eine kräftige Stütze. Nach derselben werden nämlich 
im Durchschnitt des letzten Jahrzehnts in Danzig 1,6, in 
Arrtsberg 1,2 Kinder mehr aus je einer rein katholischen Ehe 
geboren als aus je einer rein protestantischen. 

Allerdings ist anzufügen, daß auch nach den vorstehenden 
Tabellen die Regel nicht ohne Ausnahme ist. Das Ländchen 
Hohenzollern mit seinen rund 70000 Einwohnern zeigt 
1875 — 1900 bezw. 1901 — 1910 auf eine rein protestantische 
Eheschließung 9,6 bzw. 6,7, auf eine katholische dagegen 
nur 5,0 bezw. 4,8 Kinder. Diese außerordentlich hohe Frucht- 
barkeit der protestantischen Paare in Hohenzollern muß auf 
abnormen Einzelverhältnissen irgend welcher Art beruhen*, 
zumal die Protestanten daselbst nur gering vertreten sind 
und im letzten Jahrzehnt jährlich nur rund etwa acht rein 
protestantische Eheschließungen stattfanden. Bei so kleinen 
absoluten Zahlen sind Verhältniszahlen häufig nichts anderes 
als bloße Zufallsprodukte. Das mag auch mehr oder weniger 
für die überaus hohe Geburtenzahl der Katholiken in Gumbinnen 
Geltung haben, wo jährlich im Durchschnitt des letzten Jahr- 
zehnts etwa 36 rein katholische Ehen geschlossen wurden, 
und wo auf ein katholisches Paar 1901 — 04 bezw. 1905 — 10 
8,3 bezw. 8,6 Kinder kommen, und für die protestantischen 
Ehepaare in Münster. Zudem mag auch zutreffen, daß die 
mit starkem Einheitsgefühl versehenen „Minderheiten“, seien 
es nationale oder konfessionelle, sich in der Regel zu stärkerer 
Vermehrung angeregt fühlen als die „Mehrheiten“ ; der 
Wunsch nach nationaler und konfessioneller Behauptung mag 
hier besonders wirksam sein^. 

Bemerkenswert ist die vorhin festgestellte Tatsache, daß 
in den evangelisch-katholischen Mischehen relativ sehr wenig 
Kinder erzeugt werden. Der Kausalnexus hierfür liegt auf 
der Hand, wenn man in Erwägung zieht, daß bei diesen 
Ehepaaren im großen und ganzen religiöser Indifferentismus 
am häufigsten zu finden sein möchte, .so daß also der künst- 
lichen Kleinhaltung der Familie keinerlei oder doch nur wenige 
religiöse Bedenken entgegenstehen. 

Insgesamt schließen auch die Daten der beiden letzten 
Tabellen, wie vorhin die der ehelichen Fruchtbarkeitsziffern, 



’ A. H. Krose (a. a. 0. S. 111) ist der Ansicht, daß es sich in 
Hohenzollern bei den Protestanten um Kinder aus Ehen handelt, welche 
nicht in Hohenzollern abgeschlossen wurden, „da selbstverständlich 
nicht auf die protestantischen Ehen daselbst im Durchschnitt 9 bis 
10 Kinder kommen“. — Ob Krose damit indes das richtige getroffen 
hat, sei dahingestellt; jedenfalls hat auch er hier exzeptionelle Ver- 
hältnisse im Auge. — Vgl. auch Neuhaus a. a. 0. S. 615 und J. Wolf. 
Geburtenrückgang a. a. 0. S. 103. 

®) Vgl. J. Wolf, Geburtenrückgang a. a. 0. S. 162 ff’. 




— 38 — 



jeden Zweifel an der höheren Fruchtbarkeit der vorwiegend 
katholischen Landesteile resp. der katholischen Bevölkerung 
gegenüber der protestantischen aus. Sie zeigen vielmehr, 
daß auf je eine katholische Eheschließung — es handelt sich 
hierbei um das Resultat eines 35jährigen Zeitraumes, tind 
keineswegs um das Zufallsergebnis eines Jahres — in dem 
Zeitabschnitte 1875-1900 bzw. 1901—1910 im Durchschnitt 
jährlich 1 bezw. 1,6 Kinder mein- entfallen als auf ein 
protestantisches Ehepaar; sie beweisen fernerhin, daß sich 
diese Unserschiede wie im Staate, so auch in den Provinzen 
und den Regierungsbezirken fast olme Ausnahme vorfinden 
und keineswegs etwa auf eine Provinz oder auf einige an- 
grenzende Gebietsteile lokalisiert sind, und damit zugleich, 
daß diese Unterschiede unmöglich das Produkt von ver- 
schiedenen Sitten, Volksgebräuchen und Rasseneigentümlich- 
keiten sein können. Auch der wirtschaftliche Charakter der 
einzelnen Bezirke Preußens kann nicht einen so prinzipiellen 
Unterschied zwischen der ehelichen Fruchtbarkeit bei der 
katholischen und der protestantischen Bevölkerung hervor- 
rufen ; denn wirtschaftlich verhalten sich die einzelnen Landes- 
teile sehr verschieden ; in Lüneburg, Ostpreußen. Westpreußen, 
Münster überwiegt die Landwirtschaft ; in Potsdam, Magdeburg, 
Arnsberg, Trier, Aachen die Industrie. Trotzdem haben die 
katholischen Ehepaare überall eine größere Kinderzahl als die 
protestantischen Paare. Gewiß mögen Sitte und Gewohnheit, 
die Art der Beschäftigung, die verschiedene geographische 
\ erbreitung der Konfessionsbevölkerungen, nach der die 
Katholiken in geringerem Maße Städtebewohner sind als die 
Protestanten und in den agrarischen Berufen durchschnittlich 
relativ überwiegen \ der verschiedene Grad von Bildung und 
Wohlstand und andere Ursachen mehr mit von Einfluß auf 
die Höhe der Zahl der Geburten sein, der letzte und aus- 
schlaggebende Grund für so tief greifende Unterschiede der 
Fruchtbarkeitszitfer aber, wie wir sie zwischen den katholischen 
und protestantischen Paaren unter den verschiedensten äußeren 
Verhältnissen gefunden haben, wird letzten Endes in einer 
anderen über diesen erwähnten Momenten liegenden Ursache 
zu suchen sein. 

3. Die inneren Ursachen für die bei Katholiken und 
Protestanten verschiedene eheliche Fruchtbarkeit. 

Die vorstehenden Ausfüllungen haben gezeigt, daß 
zwischen den vorwiegend katholischen und den vorwiegend 
protestantischen Teilen Preußens, m. a. W. zwischen der 

' Vgl. Rost, Die wirtschaftliche vmd kulturelle Lage der deutschen 
Katholiken a. a. 0. S. 13 und „Soziale Kultur“ a. a. 0. S. 45311'., wo 
Rost den Nachweis erbringt, daß die katholischen Städte eine größere 
Geburtenfrequenz aufweisen als die protestantischen. 



— 39 — 

katholischen und protestantischen Bevölkerung Preußens schon 
seit den Gründerjahren erhebliche Verscliiedenheiten in der 
Geburtenfrequenz und ihrer Entwickelung bestehen. Die 
vorwiegend katholi.schen Gebiete .sind es, die sich durch hohe 
und höcKste Fruchtbarkeitsziffern auszeichnen, während die 
überwiegend protestantischen Regierungsbezirke nur mittlere, 
niedrige und sehr niedrige Geburtenziffern und den größten 
Geburtenrückgang aufweisen. 

Daß sich solche Unterschiede bei den Katholiken und 
Protestanten des Ostens sowohl wie des Westens, daß sie 
.sich bei der katholischen und protestantischen Bevölkerung 
unter gleichen wie unter gänzlich verschiedenen äußeren 
Verhältnissen vorfinden, weist darauf hin, daß hier eine ein- 
heitliche Ursache vorhanden sein muß, die über den sozialen, 
wirtschaftlichen, rechtlichen Verhältnissen und über den Rassen- 
eigentümlichkeiten liegt. Gewiß werden diese Momente mit- 
Avirkende Faktoren sein, jedoch das Ausschlaggebende kann 
darüber hinaus als einheitliche Ursaclie nur in dem ver- 
. schiedenen Religionsbekenntnisse, also in dem Wesen der 
beiden Konfessionen begründet sein, indem die katholische 
Religion einer größeren Kinderzahl in der Ehe günstiger ist, 
als die evangelische. 

Auf den ersten Blick sollte man freilich nicht gleich ver- 
muten, daß ein Zusammenhang zwischen Religionsbekenntnis 
und ehelicher Fruchtbarkeit besteht. Und doch hat die Statistik 
auf dem einschlägigen Gebiete der Bevölkerungsbewegung Avie 
auf vielen andern gezeigt, daß das Glaubensbekenntnis auch 
auf diese für das menschliche Dasein wichtigsten Tatsachen 
einen Einfluß auszuüben vermag. 

Wie ist nun dieser verschiedene Einfluß des kathohschen 
und protestantischen Glaubensbekenntnisses auf die Kinderzahl 
in der Ehe denkbar? 

Wie schon einleitend herAmrgehoben, leben die Angehörigen 
der einzelnen Konfessionen mehr oder weniger im Banne ihrer 
religiösen Grundsätze, und indem sie von diesen ihre sittlichen 
Handlungen beeinflussen lassen, bestehen zAvischen den Kon- 
fessionen auch Unterschiede in dem Verhalten bezüglich der 
Geburtenzahl. Es herrscht in der Menschheit ein starker Zug, 
aus den verschiedensten Gründen, seien sie wirtschaftlicher, 
gesellschaftlicher, egoistischer usw. Art, die Zahl der Nach- 
kommenschaft mit nicht immer einwandfreien Mitteln auf ein 
möglichst geringes Maß zu beschränken ; durch Präventivmittel 
und absichtlich herbeigeführte Abortivgeburten. Die AnAven- 
dung dieser neomalthusianischen Praktiken erklärt aber die 
Moral des Christentums für sündhaft. Und es gibt auf dem 
sexuellen Gebiete nichts, was die katholische Kirche so scharf 
verurteilt, wie die „schlimmste Art der Korruption“, den 
Versuch, die Kinderzahl künstlich niedrig zu halten. Freilich 




40 



1 4 ■ - 




'I 



galt auch der strengeren protestantischen Auffassung die 
Anwendung der Präventivtechnik stets als „Sünde“ ; „im 20. 
Jahrhundert hat aber der Protestantismus diese Qualifikation 
des Präventivverkehrs aufgegeben, er duldet ihn oder bekämpft 
ihn doch nicht generell. Und wie er sich überhaupt als der 
schwächere Schutzwall der Tradition erweist — ist er doch 
aus der Kritik, dem , Bruche* mit der Tradition hervor- 
gegangen! — so vermochte er auch die Verbreitung der Prä- 
ventivmittel nicht mit dem gleichen Erfolge Avie der Katholi- 
zismus aufzuhalten“ 

Für diejenige Konfession nun, die in höherem Maße als 
die andere im Stande ist, die auf die künstliche Kleinhaltung 
der Familie hinwirkenden Neigungen zu unterbinden oder 
wenigstens einigermaßen zurückzuhalten, werden sich daher 
bei der ehelichen Fruchtbarkeit günstigere Ziffern ergeben. 
Zweifellos strebt ein jedes Religionsbekenntnis danach, die 
schlechten Triebe im Menschen zu unterdrücken, und diesen 
vielmehr zur Befolgung der natürlichen und göttlichen Grund- 
gesetze des Daseins anzuhalten. Inwieweit das aber gelingt, 
hängt davon ab, ob die betreffende Religion es vermag, ihre 
Gläubigen zur Befolgung und Verwirklichung des Sittengebotes 
in der entsprechenden Weise anzuhalten. 

In dieser Hinsicht steht aber die katholische Kirche 
infolge ihrer Einrichtungen und Gnadenmittel, infolge der 
stärkeren Bindung ihrer Bekenner an Dogmen und Sakramente, 
infolge ihrer strengen geordneten Weltanschauung viel ge- 
sicherter da, als die protestantische; sie verfügt vor allem 
im Bußsakrament über ein für eine noch gläubige Bevölkerung 
recht wirksames Kontrollmittel darüber, ob die Eheleute nach 
dem kirchlichen Sittengebot leben, eine Einrichtung, mittels 
deren die immer weiter um sich greifenden Tendenzen des 
Neomalthusianismus wirksam bekämpft werden können, und 
der die protestantische -Kirche keine gleich wirksame gegen- 
über zu stellen vermag. So schreibt ein protestantischer 
Pfarrer vom Mittelrhein an Pastor C. Wagner-Pritzerbe in 
dem zum Kolmarer Vortrag eingesandten Bericht: „In römisch- 
katholischen Gegenden wirkt, nach Aussage eines im Volks- 
leben sehr erfahrenen Bürgermeisters, der Beichtstuhl in 
vorzüglicher Weise gegen das ZAveikindersystem, MAhrend 
wir evangelische Geistliche trotz gelegentlicher schärfster 
Verurteilung in Predigt und Seelsorge verhältnismäßig doch 
sehr machtlos sind “ 



^ J. Wolf, Geburtenrückgang a. a. 0. IS. 94. 

® C. Wagner und Wittenberg, Bd. II a. a. 0. S. 803. — Der 
günstige Einfluß der katholischen Kirclie auf die eheliche Fruchtbarkeit 
wird auch iu einem Aufsatze von dem Kreisarzt Dr. J. Berger (a. a. 0. 
8. 77") n. 777) bezeugt, in Avelchem er namentlich auf die erfolgreiche 
Tätigkeit der katholischen -Missionen hiuweist. Wir entnehmen ihm 



I 



— 41 — 

Alsdann gelingt es der katholischen Kirche durch die 
.stärkere Betonung der Tugend der Enthaltsamkeit, entweder 
absolut durch das Ideal der Virginität, oder relativ in der 
chri.stlichen unauflö.slichen Einehe, die sie zum Sakrament 
erhoben hat\ — „dieser Pflanzstätte des menschlichen Ge- 
•schlechts, über deren Eingang das Segenswort steht „Wachset 
und mehret euch und erfüllet die Erde,“ — durchgeführt, in 
viel höherem Grade, den mit dem Geschlechtsleben zusammen- 
hängenden Ursachen der Entvölkerungsgefahr, dem Neomal- 
thusianismus, auszuweichen, als der mehr rationalistischen 
Erwägungen zugänglichen Kirchengläubigkeit der Protestanten^. 
Durch ilie stärkere Hervorhebung des Jenseitsgedankens, die 
stärkere Gebundenheit der Gläubigen an religiöse Gebote und 

folgeiitles: „Bei meinen Studieu über den Bückgaug der Geburten ist 
es mir aufgefallen, daß das gleichmäßige Dunkel des Geburtenrückganges 
ab und zu in dieser oder jener Gemeinde, ja sogar in diesem oder jenem 
Stadtteil durch eine plötzliche Geburtenzunahme unterbrochen wird. 
Ermittlungen ergaben, daß im .lahre vorher in dem betreffenden Ort 
die katholischen Jlissionen iliren segensreichen Einfluß ausgeübt hatten. 
Es kann gar keinem Zweifel unterliegen, daß das die alleinige Ursache 
Avar; meine Beobachtung wurde mir von erfahrenen Männeni bestätigt. 
Die Hebammen erzählten mir auf Befragen, daß sie die gleiche Beob- 
achtung schon seit langer Zeit gemacht hätten. 

Diesen segensreichen Einfluß der katholischen Keligion kann mu 
der in /AveifeF ziehen, der die Tätigkeit der Missionen nicht kennt, und 
wenn ein Bonner Professor sagt, daß in ganz katholischen Gegenden 
Frankreichs der Gelmrtenrückgang ebensogut sei Avie in den atheistischen 
Großstädten, so A crkennt er das, A\mrauf es ankommt. Es kommt nicht 
auf die katholische Beligion an, denn sonst Avürde ja das katholische 
l)cutschland anders in der Geburtenzahl dastehen als das evangelische, 
sondern auf eine spezielle Tätigkeit innerhalb der katholischen Kirche, 
Avic sich das deutlich schon an der Verschiedenheit der Gemeinden im 
Landkreise Krt'ßdd zeigt. Alle sonstigen Mittel, um das soziologische 
Minimum aou drei Kindern zu überschreiten in den Ehen, A'on denen 
in Fr ankreicli z. B. zAvoi Drittel nicht an dieses soziologische 
her;mkoimneii, treten zurück gegen den Gesichtspunkt der Moral. In 
diesem Sinne ist die Frage des Geburtenrückganges überhaupt keine 
medizinische, wie dns vielfach angenommen wird. . 

„Die ansschlnggcbende AVichtigkeit der Religion habe ich oben 
hervorgehoben; die segensreiche Tätigkeit der katholischen Kirche in 
dieser Richtung wäre noch mehr auszubauen und niüüte systematisch 
geschehen, in der evangelischen Kirche Aväre etwas Entsprechendes zu 
schaffen. Das Mutterglück, der Kindersegen inub zum christlichen 
Dogma werden.“ 

\ q \. ebenfalls Bornträger (a. a. O. S. 15): er untersucht da- 
selbst die Entwicklung der Gebui-tenfrequenz von 1908 auf 1909 iu den 
Bürgermeistereien des Landkreises Krefeld. Das Ergebnis lautet: 
„Überall ein Sinken mit Ausnahme von Anruth, wo im Jahre vorher 
die Missionare gepredigt hatten.“ 

> Vgl Dr, Johs. Wernicke (Berlin): Die Statistik der Ehe- 
scheidungen. Jahrbuch f. Nat. u. Stat. 1898 S. 259—269 und zwar 
S. 261 ff. — Desgl. Zeitschi’, f. Sozialwissenschafteu X, S. 315 (1907). Ar- 
tikel: Wo werdmi die ni(*isten, wo die wenigsten Ehen geschieden? — 




42 



Grundsätze aber, wie sie die katholische Kirche von ihren 
Anhängern gegenüber der protestantischen verlangt, wie vor 
allem „durch die systematische Fliege der Opfergesinnung 
werden die Eheleute befähigt, die schweren Aufgaben der 
Erzeugung, Ernährung und Erziehung der Kinder auf sich 
zu nehmen. Eben das aber sichert die Fruchtbarkeit der 
christlichen Ehe, die der platte Rationalismus untergräbt, da 
er nichts von der Kraft des Opfers' kennt 

Nach alledem wird man nicht in Abrede stellen können, 
daß die auschlaggebenden Ursachen für die verschiedene 
Gestaltung der Fruchtbarkeitszilfer zwischen der katholischen 
und protestantischen Bevölkerung letzterdings in dem ver- 
schiedenen Einfluß begründet sind, den die katholische und die 
protestantische Kirche auch auf dem sexuellen Gebiete über 
ihre Gläubigen hat; und man wird sich dem Urteil Bornträgers ^ 
nicht verschließen können, der ausführt: 



1 Keller a. a. 0, S. 176. — Vgl. auch Mombert, Studien usw. 
a. a. 0. S, 232 Anm. 2. — Ferner W olf, Die Volkswirtschaft der Gegen- 
wart lind, Zukunft a. a. 0. S. 198 ff. — Ferner Bornträger a. a. 0. 
S. 96. — Über die Motive, die zur Einschränkung der Kinderzahl aus 
„Opferscheu*^ führen, spricht sich Keller (a. a. 0. S. 173/74) folgender- 
maßen aus: „Eümelin nannte es einen intelligenten Masseninstinkt, der 
die Franzosen zu unbewußten Malthusianern mache. Es gehört aber 
wahrhaftig nicht viel Intelligenz dazu, wenn die Eheleute der Sorgen 
für die Kinder und der mannigfachen Opfer sich entheben und lediglich 
dem Geschlechtsgenusse frönen. Dazu fciucht es nur eine ungezügelte 
Leidenschaft verbunden mit der Feigheit, deren Folgen nicht tragen 
zu wollen, und gepaart mit der Gewissenlosigkeit, ein göttliches Gesetz 
leichter Hand zu übertreten. Es ist doch wahrlich keine sittliche Tat, 
das Opfer zurückzuweisen und den Genuß allein zu wählen. Gerad<i 
hierin zeigt sich die degenerierende Wirkung der ehelichen Prävention, 
Das Geschlecht, das so sich gewöhnt, allein dem Genüsse zu leben, das 
verweichlicht und wird untüchtig zu großen Anstren^ngen und Opfern. 
Das ist eine Erfahrung, die uns die Geschichte lehrt. Ein unverdächtiger 
Zeuge beschreibt diese Opferscheu vieler moderner Kreise mit den 
Worten: Jeder Arzt kennt die Gründe, weshalb eine Mutter, die ein 
paar Kinder hat, keine weiteren mehr haben will. Er muß diese Gründe 
oft genug in seiner Sprechstunde hören: die Angst vor Schmerzen, Ge- 
fahren, Unbequemlichkeiten der Geburt, die fortwährende Hemmung 
der freien Verfügung durch ein kleines Kind, die Unruhe im Haushalt, 
die Furcht, durä jede neue Geburt noch mehr von der jugendlichen 
Elastizität einzubüßen, hauptsächlich aber die Kosten der Erziehung und 
der Wunsch, die bereits vorhandenen Kinder Aveder in ihrem Unterhalt 
noch in ihrem Erbe durch einen neuen Konkurrenten zu beeinträchtigen. 
Alle diese Motive wirken zusammen, um den präventiven Geschlechts- 
verkehr dort, wo er einmal bekannt ist, sich so festsetzen zu lassen, 
Avie den Gebrauch der allernotwendigsten Güter des Feuers, des Wassers, 
der vier Pfähle und des Dachs.“ 

2 a. a, 0. S. 26/27. — Desgl. gibt v. Mayr (Sozialstatistik I. Liefe- 
rung, Tübingen 1909 S. 124) der Ansicht Raum, „daß anscheinend in 
konfessionell gemischten christlichen Bevölkerungen die Katholiken 
ein stärkeres Maß solchen Widerstandes“ (d. h, gegen die moderne Praxis 
des Präventivverkehrs) „entwickeln als die Protestanten.“ 



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— 43 — 

„Einmal wird zu sagen sein, daß wirklich religiöser Glaube 
vor dem Laster der Geburtenverhütung trotz Geschlechts- 
betätigung in gewissem Grade schützt, und daß, da zweifels- 
freier Glaube im ganzen bei Katholiken häufiger als bei 
Evangelischen sein möchte, auch der Einfluß des katholischen 
Klerus in Deutschland wenigstens erheblicher auf die Be- 
völkerung ist, als des evangelischen, der gläubige Katholik 
gegen die Lockungen der Geburtenbeschränkung etwas gefeiter 
sein wird, als ein Evangelischer.“ 







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Lebenslauf